Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 75 (22.2.1929)
- Date
- 1929-02-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 30 Groschen DIE NEUE WELT BEZUGSBEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—: Polen monatlich Zloty 2.—. vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc. 15 —; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.— R E V U E BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark L—. vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweix und die übrigen Länder monatlich Schwei?er Francs 1£0. vierteljahrig Schweizer Francs 4.50. Rumänien monatlich Lei 40.-1 vierteljährig Lei ttd.-! HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: A25-2-82 — Erscheint jeden Freitag Jahrgang 3 Freitag, den 22* Februar 792$ Nr. 75 Dem großen Judischen Freund und Im der Menschen. Zum 9h Geburtstag Josef Popper^Lynkeus. Am 21. Februar 1838 kam in der kleinen böhmischen Juclengemeinde Koliii Josef Popper zur Welt. Er studierte und schrieb an die siebzig Jahre. Er durchforschte alle Gebiete menschlichen Wissens, war Techniker, Jurist, Philosoph, alles in höchster Vollendung. Sein Kranken- und Sterbelager umgab ein kleiner Kreis von Menschen. Frauen, Künstler, Schriftsteller, welche der Zufall in den Bannkreis dieses genialen Mannes gebracht hatte, welche ihn innig liebten, seine Größe begriffen, vielleicht nur ahnten,' aber mit dieser Größe nichts anzufangen wußten. Es waren gute Menschen, keine Apostel Blumen, liebe Worte, kleine Geschenke brachten sie ihm Sie schüfen um den Riesen eine Atmosphäre — wie um eine liebe, schwache Wöchnerin. Draußen die Menge, die Menscher die nicht einmal den Namen dessen, kennten, der das Rätsel ihrer Befreiung gelöst. Fernab die feindselige Schar derer, die ihn ganz verstanden und darum ganz haßten. Die Zünftler, die Professoren, die Politiker, die Parteigrößeu, welche das Menschenelend zum Katheder machen, um-rieh darauf gelehnt zu spreizen, zur Tiihüue, auf welcher man Macht und Ruhm und Geld zusammenrafft. So gibt es jetzt nur zwei Einrichtungen, welche zu Popper- Lynkeus in Beziehung stehen. Einen Verein, cler sich nach seinem Hauptwerke „Allgemeine Nährpflicht" nennt und alle Jahre einen Ausschuß wählt, und einen kleinen Steinsockel mit einem Kopf darauf, er steht im Wiener Rathauspark. Den persönlichen Freunden . des Toten ist es geglückt, den sozialdemokratischen Beherrschern des Parkes zwei Quadratmeter für das Denksäulchen abzubetteln . . . .„Er ist doch tot. Was kann da noch geschehen!4'... Aber als die Freunde eine Inschrift auf den Stein setzen wollten, eine Andeutung dessen, was Popper-Lynkeus der Menscheit ist, sagten die Hausherren: Nein! Stumm muß der Stein sein. Sie fürchten diese Stimme, auch wenn sie aus dem Grabe kommt. Jetzt sitzen Kindermädchen vor dem schweigsamen Steine und streichen Butterbröte und putzen Kindernasen. Wenn ein. Fremder um Auskunft bittet, sagt ihm der Wiener freundlich: „Irgendein Jud." A Popper schrieb das Buch „Die allgemeine Nährpflicht". Der Mensch, der aus dem Mutterleibe kommt, bringt ein Recht mit sich, das: ihm niemand nehmen kann. Das Recht auf ungehinderte Fortexistenz, das Recht auf Essen, Kleidung, Obdach und alle sonstigen Dinge, welche das zürn Leben notwendige Minimum darstellen. Die menschliche Gesellschaft ♦ ist verpflichtet, dieses 'Recht jedes menschlichen, Wesens zu befriedigen. Es ist ihre erste und höchste Pflicjit. Eine Gesell- •schaft, in welcher auch nur ein Mensch verhungert oder sein Leben fortwerfen muß, um 'Hunger und physischem Elend zu entrinnen, ist eine barbarische Gesellschaft. Und wäre es auch nur Einerl Das Heiligste und das Höchste ist das Leben des Menschen. Es muß gesickert sei». Jeta muß die*« Sicherung mitwirken. Zur Sicherstellung der für alle notwendigen Mittel stellt der Staat, stellt die Gesellschaft die Nährarmee auf. Jeder Mapn, jede Frau muß eine bestimmte Zahl von Jahren in der Nährarmee dienen, in ihr arbeiten, so viel und so lange, als es notwendig ist, um allen Menschen des zum Leben notwendige Minimum frei, ohne jede Bedingung zur Verfügung zu stellen. Hat der" Mensch dieser Dienstpflicht genügt, dann ist er frei, kann sein Leben gestalten, wie es ihm gutdünkt. Kann arbeiten, kann erwerben und verbrauchen, wie und was er will. Er kann! gut sein,; weil er frei ist. Die Peitsche des Hungers ist zerbrochen. Keiner kann sie Uber seinem Haupte schwingen, keiner kann ihm diese oder 'jene Lebensweise aufzwingen, kein Monarch, kein General, kein Priester, kein Geldfürst, kein Parteiführer» kein kapitalistischer Bürokrat und kein; Bürokrat des Klassenkampfes. Popper hat ein geniales Programm der Organisierung der Nährarraee entworfen. Auf die Frage, ob dieses Heer der Arbeit das Lebensininimum für alle schaffen kann, antwortet er: Ja. Doch er fügt hinzu: Und wäre einmal nicht genug da, um alle in gleicher Weise vor dem Hunger zu schützen, dann müßten alle in gleicher Wei*e Entbehrungen tragen, &eia Mej»ch hat ein . Recht auf Sattwerden,, wenn der ,andere hungern muß. Gleichheit vor dem Hunger! Was Popper lehrte, ist so einfach, entsetzlich einfach. Alle Hüter der gottgewollten heutigen "Ordnung (Gott will, daß Menschen hungern!), alle Nationalökonomen, Sozialwissenschaftler, Statistiker, Spzialpsychiater und wie die gelehrten Zergliederer des menschlichen Elends sich nennen mögen, sie waren fassungslos. Mit einer Handbewegung schob dieser Marin , beiseite, was akademisch7: und''p>ileipx»ti-- tisch höchstr angige Menschen in jahrzehntelanger, von den Massen scheu und ehrfurchtsvoll bewunderter Gehirn- und Schreibarbeit zusammengetragen und über das menschliche Elend gehäuft hatten. Erklärte schlicht, daß des Menschen Existenz hoch über jeder Wissenschaft und über jeder Klassenpolitik steht, über jedem religiösen und über jedem parteipolitischen Dogma. Die von der gottgewollten Ordnung sprechen und dem Menschen ein himmlisches Paradies versprechen, und die anderen, die ihm ein Klassenparadies vorhalten, beide geben dem Menschen statt Brot, Frieden und Freiheit — Hunger, Haß und Knechtschaft. So sprach Popper. Die einen riefen nach der Polizei und ließen seine Bücher konfiszieren, die anderen gelobten, ihn der wissenschaftlichen und poli tischen Vernichtung preiszugeben, durch Verhöhnung, als er lebte — durch Verschweigen, da er tot ist. Solange die Menschen hungern und dienen wollen, werden die rechten und die linken Dunkelmänner triumphieren. Wenn Menschen aufstehen werden, um Hunger und Knechtschaft. abzuschütteln, dann werden sie den Weg gehen, den Popper-Lynkeus gewiesen hat, den Weg, der über das geistliche und profane Machwerk der zünftlerischen Menschherfebeglücker hinwegführt, den geraden Weg vom Menschen zum Menschen! Aus Poppers Buch; «Die allgemeine Nähi'pflicht". Die Anerkennung des Rechtes zum Leben (oder der „Existenz") ist das Ziel, dem die Menschheit zuzustreben hat. * ■• Solange es vorkommt, daß audi nur ein einziger Mensch hungert oder in seiner Lebenshaltung nicht gesichert ist, solange taugt die ganze Gesellschaftsordnung nichts. * i' E i n e i 11 z i g e r Fall, in dem ein Mensch vor Hunger zugrunde gebt, genügt, um die Nichtswürdigkeit eines ganzen Gesellschaftszustandes zu beweise«. « So wie ein einiger Justizmord alle aufregt und prinzipielle Erörterungen über die Strafgesetzgebung ierxorruft, sollte ein einziger. Selbstmord aus Kot;