Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 73 (8.2.1929)
- Date
- 1929-02-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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r Seite 12 DH5 NEUE WELT Nr. 73 „Ich glaube, er ist unglücklich. Mit all seiner Kraft ist er unglücklich." „Seien Sie nicht traurig, ich bitte Sie." Dwojre trat auf Buchholz zu und sah ihm in <He Augen. „Was schauen Sie?" „Warum ist es mir, als kenne ich Sie schon sehr lange?" „Mir ist es auch so. Von der ersten Minute an, da ich. Sie sah, waren Sie mir vertraut." Beide schwiegen. „Warum sind Sie so traurig? Gott hat Sie mit solcher Kraft beschenkt und solcher Stärke." „Ich bin nicht traurig" —1 stieß Buchholz hervor und verzog den Mund zum Lachen. „Warum sind Sie so unglücklich? Ist in Ihrem Leben etwas vorgefallen?" „Ich habe nichts, wofür ich lebe!" — Buchholz wandte sich jäh ab und das verzerrte Lachen verwandelte sich in eine Grimasse von Qual und Weinen. „Sie haben nichts, wofür Sie leben? Wer hat denn etwas, wofür er lebt? Sie schaffen so große Werke, Sie sind so stark. Gott hat Sie doch beschenkt!" „Mich hat Gott beschenkt?" — Buchholz lachte hysterisch auf. »Ja" — Dwojre nickte mit dem Kopfe. „Woher wissen Sie das, woher?" „Oh, ich weiß es. Das sieht man sofort. Sie werden noch sehr Großes in der Welt schaffen." „Ich werde Großes in der Welt schaffen? Ich werde Großes in der Welt schaffen?" —• Buchholz wiederholte hysterisch ihre Worte und lehnte plötzlich sein Gesicht an ihren zarten Hals. Dwojre zog ihren Nacken nicht zurück. In ihre Augen schoß ein Tränenstrom, und als er sein Gesicht von ihrem Nacken aufhob, bot sie ihm mit flehenden Augen ihre Lippen. II. Im gelben Nebel. Dwojre blieb, sehr zum Verdruß und Kummer ihrer Mutter, ganze Abende. auSi Niemand wußte, wo sie war. Da half kein Schreien, kein Schelten, und auch Salonion, der Aelteste, den die Mutter holen Keß und darüber um Rat fragte, konnte nicht helfen. „Miutter, das ist Amerika.. In, Amerika ist es eben so — wejin ein Mädchen mit einem jungen Menschen ausgeht, so kümmern sich die Eltern nicht darum. Es ist besser so" — fügte der Aelteste hinzu. -Die Mutter wußte wom\nichtv was „besser so" sei, doch da dies so Brauch war, mußte sie schweigen. Anschel wunderte sich schon über gar nichts mehr; er hatte auf alles ein Wort: „Ist's denn mein Amerika? Es ist doch ihr Amerika, meinetwegen. können; sie tun, was sie wollen." '.: Ueber eines wunderte sich die Mutter doch: „Ein. Mädel geht mit einem jungen Mann, das kommt ja vor; aber warum macht sie sich keine Kleider? Warum kauft sie sich nicht Schuhe oder einen Hut wie aridere Mädchen? Sie* geht doch in Fetzen und Flicken herum ■ —- was tut sie mit dem Geld, das sie'verdient? Nach Hause bringt sie doch nur ein paar Dollar in der^Woche, was tut sie mit dem übrigen Geld? Und wenn man schon mit einem jungen Menschen geht, wie bringt man ihn nicht her, stellt ihn den Eltern vor?" . " Darüber machte auch schon der älteste Bruder Dwojre Vorstellungen, offenbar nach einer langen Beratung mit der Mutter; (Fortsetzung folgt.) Copyright 1928 by „Die Neue Welt", Wien. Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von Schafott! Mechern. Ins Deutsche übertragen von P. Rosen hall (16. Fortsetzung) Und in den allerbesten wie in den a11cr*chlimmsten Zeiten seiner späteren Jahre und bis auf den heutigen Tag ist es ihm, mit sich aüain, angenehm, mit geschlosse" nen Augen dazuliegen und noch' einmal und wieder einmal jene gliicklche schöne unvergeßlich-zauberhafte Nacht zu erleben, da er halbverschlafen hinauslief zu sehen» wie es auf Gotisgass brennt. Der ganze Himmel, soweit das Auge ihn umspännen konnte, war gefärbt mit Röte wie mit Blut. Wo sind die Sterne, hingeraten? Siehaben sich irgendwo hinter der Rö'e versleckt, sind verschwunden. Vom andern Ende der Gasse trä^t sich dumpfes Geräusch her. Man hört Schreie von Menschengewimmel, Hundegel ell, Kracherl brennender Dächer. In der roten Helligkeit bewegen sich. Silhuettcn von Figuren. In eine rote Wolke gehüllt, steht vor Lebl des Lehrers Tochter, die aussieht wie eine schöne verzauberte Prinzessin der Nacht.' Noch nie'haben ihre schwarzen Haare so geglänzt. Noch nie haben ihre dunkelroten Wangen so gefdumt. Noch nie haben ihre großen Zigeuneraugen so geglüht wie in dieser Nacht. Und es scheint ihm, als wäre sie selbst aus Feuer, als müßte sie zusammen mit den Sterrien irgendwohin in die rote Helligkeit dieser zauberhaften Nacht verschwinden. Und er fühlt, wie es ihn zu ihr imhier näher und näher zieht. Resl hat ihn schön von fern erkannt. Sie blickt sich überallhin um, ob kein fremder Mensch da sei, der sie sehen könnte. Nein. Kein fremder Mensch ist da, der sie sehen konnte. Keiner da. Alle beim Brand. Die ganze Stadt beim Brand. Sie geht ihm einige Schritte. entgegen. In kürzen Worten gibt sie ihm wieder, wie ,sie erwacht ist..* sie selbst allein im ganzen Haus... alle sind beim Brand. „Wer brennt denn?" „Wer brennt? Weiß es nicht, wer es brennt. . Man hat mich aufgeweckt und gesagt, daß ein Brand ist auf Got'sgass, da bin1 ich stföft hierhergelaufen." Res! sieht ihm in die. Augen. „Sofort hierher? Warum denn sofprt hierher?" „Ich weiß selbst nicht, warum sdfört hierher* Denn Wäre der Brand auch nicht auf Gottsgass, ich wäre sofort hierhergelaüfen.*';i Er bleibt stehen, er fühlt, daß er zuviel gesprochen habe Resl läßt dal Auge nicht von ihm sinken. Ach,, wie schön sieht er,aus in dieser Minute während des Feuers! Wie. anmulig ihm die Waigen brennen! . Und die großen milden Augen, wie sie auf sie so anheimelnd-lieblich blickenj als wäre er ein Nächster von ihr, ein eigener Brüder!; ' . Lebl besinnt sich und gibt,ihr zu verstehen, warum er auf jeden Fall hierhergekommen wäre, ,In einer solchen Nacht...? Und überhaupt, '.was hat er dort beim Brand verloren? Was gibt es denn dort Besonderes? Wenn Hauser auf Gottsgass brennen? Sollen sie brennen! Soll die ganze Gasse brennen, selbst die'ganze Stadt! Was gehts ihn an? Er hat'nichts gemein mehr mit Holeneschti, nichts. Ist kein Hoierieschtier mehr. Noch ein Tag. Noch zwei Tage...' Er faßt sie bei der Hand. „Wirst mir die Hand zum Gelöbnis geben, daß es zwischen uns bleibt, dann werd ich dir etwas sagen." Und Lebl drückt ihr Händchen mit seiner großen warmen Hand wie damals imv Theater und sagt ihr still undernst und Wehmut ist in seiner Stimme zu hören:. „Ich fahr weg von-hier." ' Sie heftet ihre glühenden Zigeuneraugen auf ihn« „Wohin?" ' ' Wohin? Er weiß es selber noch nicht. Aber daß er wegfährt, ist so sicher wie es jetzt Nacht ist auf der ganzen Weih. So wie hier vor uns der Himmel von Gott ist. Beide erheben die Augen hinauf zum Himmel und Resl fühlt, wie es ihr ob dieser Nachricht kalt wird. Sie rückt näher an ihr heran, sieht ihn fest an und hört gespannt zu, weil er so ernst spricht. Solange sie ihn kennt, hat sie ihn noch nie so ernst sprechen gehört. Es kommt ihr. vor, als wäre er auf einmal erwachsen, ein Großer geworden. Sie fragt ihn und man hört, wie ihre Stimme bebt. „Für lange?" „Für lange? Was heißt das für lange? Für immer, für ewig." „für ewig? So werden wir uns, heißt das, nie mehr sehn? Nie mehr wieder?" „Nie" mehr." Lebl sieht im hellen Widerschein, wie Resk schönes braunes Gesicht blaß wird und er faßt sie noch einmal an der Hand und es scheint ihm, daß ihre Finger plötzlich kalt geworden sind. Da tut es ihm leid, daß er wegfährt. Er kann aber nichts dagegen tun. Die Sache ist abgemacht, erledigt, vorüber. Er entschließt sich, ihr sein Geheimnis anzuvertrauen, das geheiligte Geheimnis, wohin er fahre, warum er fahre und durch wen er fahre. Und Resl sieht ihm in die Augen, hört ihn an und stößt einen leisen Seufzer hervor, Lebl blickt auf sie, als wollte er ihr sagen: »Willst du es nicht? Wirst Sehnsucht haben? Sa^, wirst du Sehn* sucht haben?' Resl' wird rot. Nein, nicht das. Das ist's nicht« Sie beneidet ihn nur darum, daß er, will er von Haus wegfahren, von Haus wegfährt. Bei ihr aber, sollte sie dergleichen probieren, ginge das? Von hier weg, das! würde vielleicht auch sie, sehr gerne, wollen! Glaubt er etwa, daß nur er zühatise von den Eltern zu leiden habe? Oho! Wenn man sich das ausrechnen wollte, käme heraus, daß sie ebensoviel leide, ja vielleicht noch mehr. Und sie gibt ihm alles wieder, was sie am heutigen Tage und in dieser Nacht erlebt habe und das Gespräch, das sie soeben mit jenem heisrigen Menschen ha te, den man in Holeneschti die verschleppte Kränk nennt... auch die Worte des Direktors gibt sie wieder, erzählt ihm alles, alles. Und Lebl wußte selber nicht, wie das gekommen war. Er erinnerte sich bloß, daß sie beide auf der Schwelle der Wohnung von Israel dem Chasen gesessen waren« Ihr kleines kindliches Händchen war in seiner Hand gewesen und er hatte ihr kleines kindliches Händchen mit seiner Hand gestreichelt und er hatte es einmal an sejne heißen Lippen geführt und ihre Fingerspitzen geküßt, geküßt,;.; sie hatte ihr Händchen nicht weggezogen, sondern nur erschrocken mit großen großen Augen auf ihn geblickt. Und ihre großen schwarzen Zigeuneiaugen hatten geglüht und gefunkelt im roten Schein jener selten schönen .zauberhaften Nacht. Welche Kraft ha'te sie so nahe aneinander gesetzt, diese zwei unschuldig kindlichen Seelen? Weihe Kraft hatte beide gezwungen, einander alles auszuschütten, was sie am Herzen hatten? Welche Kraft hatte sie einander so nahe gebracht, als wären sie gottweiß seit wie lange] befreundet?. iKejne andere Kraft als die wundersam geheime jener: göttlichrwunderbaren Nacht. : Es war eine zauberhafte Nacht r (Fortsetzung folgt.) ~ GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien. J. Bes., SjeUensiettengasse 2, Telephon U'28-1-28 XL, Zenitaiftiedhot, neb. <* f. 7pr, leleohon U-180 85 siiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiu | Gegründet 1882 " ■ | I tebensuerslcherunsspufl MIVI |Gesellschaft jinUmA | | Zentraldirektion: WIEN I., Rie/nergasse Nr. 2 § s Kusi^etongilieiUnd t Miilisrfe 6118 Miltiimen Säiiting i 5 «olleinseuhltes Sktokapital 4.000.000.— SdiBling E i Prionen- und Zinseneinnahmen in Jahre 1927 71 Millioaw Sdulliiig s 5 taiantieniHei Ende 1927 192 MilÜouin SÜIUng § s Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich, 5 s Belgien. Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische s s Republik. Polen, Unoarn, Jugoslawien, Bulgarien, arischen* 5 lena, Türkei, Aegypten und Palistina. | nilHIIlIlltlflMlllltHllltltllllllllllllllflllllfllflfftfflflffffltffVttrS k Pension »Austria Kinderheim Vöslau {OLQA KAD1SCH) . jfigermayerstraßo 15 « Telephon 99 Stall« 8 Für Dauer- und Erholungsaufenthalt Jeder Unterricht Im Hause, auch Nachhilfe für öffentliche Schulen besuchende Kinder. Pädagogisch einwandfreie Leitung durch staatlich geprüfte Lehrerin Erstklassige Verköstigung. Mütterliche Pflege. - Mäßige Preise •'iliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiüiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii'' ■ ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■es ■■■■■■■)■■•■■■■■■ pntp Schadehen, der in besseren jüdischen Kreisen verkehrt, empfiehlt sich * Gefl. Zuschriften unter »Diskretf an die Expedition des Blattes ••«■•■■• ■■•■■•■■'«••■■•■■■■■•■« «■■■««■■ Bei Einkäufen berufen Siesich auf ii « Einlösung von GOLD SILBER PLATIN bei G. A. Scheid Wien, VI., Gumpendor erstraB« 85 I., Frans Josets Kai 39 Niederlage NÄHMASCHINEN FAHRRÄDER 1929 S20.T monatlich ohne Angabe^ IX. LlechtenstelnslroBe nr. 27 Tel. A 16-5*64 und A 16-3-6S I». Wiedner Hauptstraße tlr.8 Tel. A 30.0-36 UND TOURISTEN ARTIKEL Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Qberbaüraj Robert Stricker, m Druckerei- und Veriaüs-A^-G. Janaz Sieinmano, beide Wien, IX„ Univgrsitätsstraße 6—«,