Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 73 (8.2.1929)
- Date
- 1929-02-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 73 ttt. 132310 Praktisch, bequem und billig OHRfAUTEÜlLS SOllAFFAUTEUllS ÄLS BETT VfRWENOBAR OiRtHT «Ein rAPEZItfftRMElSTCft VB SIEßtffSTERKÖ 12 KÖCHIN ALies wird für streng rituelles Haus *.Ca%£fcT IX., FUCHSTH!M.«BIKI. 4 HUfclllllW Hermann Bahr und Adolf Hitler. Die Wandlung des deutschen Schriftstellers. Der bekannte Wiener Schriftsteller und Dramatiker Hermann Bahr hat ein Bekenntnis zu Hitler abgelegt, das heißt zu jener politischen Gruppe im deutschen Volke, welche Trägerin des blutrünstigsten Judenhasses ist, welche in der Vernichtung der Juden das Heil der deutschen Nation erblickt. In einem Wiener Blatte schreibt Bahr, daß er sich geistig zur Hitler-Partei bekennen müsse, weil der edelste reinste Teil der deutschen Jugend dort zu firtden sei. Nur der Umstand, daß die Hitler-Gruppe der katholischen Kirche feindlich gegenüberstehe, verhindere ihn, den gläubigen Katholiken, sein neues politisches Bekenntnis praktisch zu betätigen. Bahr tritt in einer Periode an die Seite der Hakenkreuzjugend, da dieser edelste Teil Jungdeutschlands die Schändung jüdischer Friedhöfe systematisch betreibt, also gedanklich und in der Tat weit Über die Ideen der Judenmörder vergangener Zeiten hinausgeht. Bahr stand in einem bestimmten Verhältnisse zur Judenfrage. Er ist den Juden kein Fremder. An der Wende des neunzehnten Jahrhunderts war er der Führer einer literarischen Schule, welche sich aus jüdischen Stürmern und Drängern — damals gab es hoch so etwas — zusammensetzte. Es war zur Zeit, als unter Führung des Deutschnationalen Schönerer und des Christlichsozialen Lueger die antisemitische Agitation in Mittel- und Osteuropa ihren Höchststand erreichte. Bahr trat gegen die herrschende Zeitströmung, welche den Großteil der deutschen geistigen Arbeiter erfaßt hatte, für die Juden ein, in Wort und 'Schrift, im einzelnen. Er genoß die Freundschaft The o d,o r H q r £ I,s jmd .lernte in diesem Manne die höchsten jüdischen Werte erkennen, welche unter dem Schutt und Schmutz des AssimÜationsjudentums verborgen liegen. Er kam der von starkem Wollen und hohem Idealismus erfüllten jüdischen Umgebung, Herzls nahe und wurde ein Verfechter des Zionismus, zu einer Zeit, da es in seinen Kreisen Brauch war, Herzl zu-bekämpfen und zu verhöhnen. Wenn es sich um eine Demonstration des erwachten Judentums gegen Antisemitismus und gegen den Abfall, wenn es sich um Herausgabe eines jüdischen oder zionistischen Sammelwerkes handelte, trat man vorerst' an den Nicht juden Hermann Bahr heran und Viele, .viele Schriften aus dieser Zeit enthalten seine Be-iträge, sind von ihm einbegleitet und empfohlen. ■ - ♦ . . Nun ist dieser Hermann Bahr ins Lager des radikalsten Antisemitismus übergegangen. Wie kommt man an dieser Wandlung vorbei? Mit den üblichen Deutungen und Redewendungen gewiß nicht. Polltische Streberei? Er ist kein aktiver Politiker ufid strebt kein Mandat an. Geschäftemacher? Er macht keine Geschäfte. Unbildung? Unkultur? Man mag seinen .Dichtungen Geschmack abgewinnen oder nicht, mag seine Ideen gutheißen oder nicht; aber er hat sich ein langes Leben, hjhdurch mit geistigen Problemen beschäftigt. Da versagt die Formel von der geistigen und kulturellen Armut als der notwendigen Voraussetzung, des Judenhasses; Mit den Hausmittelcben der fortschrittlichen Presse ist also in diesem Falle nichts anzufangen. Da bleibt, nichts übrig, 3fs den Fall zu -ignorieren, -zu schweigen. Und das tut die sonst so redselige, sonst so wenig zurücksende Tages- und Wochenpresse gründlich. An tfer Tiefe ihres Schweigens ist die Größe ihrer Verlegenheit zu ermessen. Nur in einer Berliner Zeitung des Dutzendfortschrittes fand sich ein Versuch, Hermann Bahrs Wandlung gebührender Verachtung preiszugeben. An die Mitteilung, daß Bahr zu den Hakenkreuzierri tibergegangen ist, war die bedeutsame Feststellung angefügt, daß er jetzt einen langen Bart trägt. Das sagt doch dem Leser alles, Dann dürfte er auch kein .Einglas, keine seidene Unterwäsche tragen und kein Duftwasser benützen. Ueber einen solchen Menschen schreitet der Zeitgeist mit ausgeschnittenen Lackschuhen hinweg, jazzt über ihn hinweg. Abgetan, erledigt. * Für die Juden ist der Fall Bahr bedeutsam. Er zeigt, wie tief der Judenhaß einzudringen vermag, wie kein Winkelchen in der Menscherrseele vor ihm geschützt ist. Er schreitet über Kultur und Bildung hinweg. Jn seinen abschreckendsten, greulichsten Formen — als Grabschänderei — gewinnt er Herzen, Der Fall Bahr zeigt, daß das jüdische Problem eine fürchterliche Aktualität ist und so lange bleiben wird, als keine gründliche Lösung, die Lösung von Volk zu Volk, erfolgt. Er zeigt, wie dünn die Schichte ist, welche das jüdische Volk vom Feuerherde trennt, wie dte geringste Erschütterung der Umgebung, In welcher die Juden jetzt leben, genügt, urn Vernichtung über sie auszugießen. Der Werdegang Bahrs ist der Betrachtung wert. Bahr hat in einer Zeit der Hochkonjunktur des Antisemitismus gelebt und ist Judenfreund, Freund der jüdischen Renaissanceidee, des Zionismus, gewesen. Er wurde es unter dem Einflüsse einer jüdischen Umgebung mit besonderem Charakter. Er lernte das Judentum von seiner schönsten Seite her kennen. Er sah den großen Menschen und wahrhaften Führer Herzl, das edelste Produkt des Judentums, er sah den ringenden Zionismus, seine jungen Träger und Verfechter, reine Menschen mit reinem Wollen, der Wahrheit rückhaltslos ergeben im Kampfe gegen eine Welt. Er sah den Gegensatz zum Ghettojudenttim. Das hat ihn in seinem Verhältnisse zum Judentum bestimmt. Wo ist heute das Judentum, das den Nichtjuden zur Achtung und Liebe zu zwingen vermag? Herzl ist tot und sein Gedächtnis verblaßt. Der Zionismus von heute? Er will sich mit jedem vertragen und will Geld. Er sammelt Wohlverhaltenszeugnisse und tut gescheit und diplomatisch. Will nirgends anstoßen. Auf seine Hauptaufgabe. Ordnung und Reinheit im eigenen, im jüdi- NEü ERÖFFNETE REICHHALflQE MODERNE DPR BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN, IL, TABORST RASSE Nr. 20a TEL.: R-13-1-58. ALLE NEUERSCHEINUNGEN! REICHE AUSWAHL IN H«ÖRA1*A UNO JUDAIKA in englischer und französischer Literatur NUR S3- KEINE BANDGEBÜHR . , TAGLICHER UMTAUSCH! sehen Hause zu schaffen, hat er verzichtet. Er geht jeder entscheidenden Auseinandersetzung aus dem Wege, verhüllt, glättet und biegt um. Wem soll das Achtung abzwingen? Noch gibt es zionistische Idealisten. Drüben in den Bergen und Sümpfen Palästinas sind sie zu rinden, wo sie ihr Letztes und Bestes geben. Dort gibt es hart ringenden Zionismus, Aber wer sieht ihn? Was weiß Europa, was wissen die Nichtjuden davon? Ihnen tritt kein Zionismus mehr entgegen, der sie zwingen könnte, ihr Verhalten zum Judentum einer großen Revision zu unterziehen, der sie überhaupt zum Nachdenken über jüdische Dinge bringen könnte. Zion-isten? Das sind die nämlichen Juden wie die von gestern, nur daß sie Geld und ein gewisses Wohlwollen für eine Kolonisation am Ostrande des Mittelmeeres verlangen. Wo ist der Zionismus, welcher der Welt versprach, ein Judentum der Kraft und Wahrheit wieder erstehen zu lassen? Wo ist der Zionismus, wo die jüdische Revolution, die einen Hermann Bahr bezwang, den Hermann Bahr, der heute Hakenkreuzler ist. r. st Erste Palästinareise 5689. 13. März bis 9. April 1929. Nur noch einige Wochen trennen uns von der Abfahrt der Teilnehmer dieser Reise nach Erez Israel. Die Reiseleiturig hat ihre Vorbereituagen beendet und den Teilnehmern die Kabinen auf dem Dampfer „Ausonia" in der' Reihenfolge der Anmeldunsren bereits zugewiesen. Außer diesen Kabinen hat die Reiseleitung noch eine Anzahl guter Kabinen reserviert. Es Ist deshalb empfehlenswert, daß die weiteren Anmeldungen ehestens erfolgen, damit die reservierten Kabinen an die Reiseteilnehmer vergeben werden können. Die Anzahlung (10 Prozent des Pauschalpreises) ist möglxhst gleichzeitig mit der Anmeldung-zu entrichten, der Rest bis zum 25. Februar zu bezahlen Der Preis, welcher auch in Teilbeträgen entrichtet nmiiiiiiiiiiiiiitiiiimniiiiiiiniiiniiiiiiitKiiiiii |"""|"|"""'""»""""""'""""""in»ffr"f'fM"llfllfll" Jüdische Kiinttlerspiele II., Praterstraße 34 .....MiHimm.........WMnwiwm»..................... Künstlerische Leitung: IStfk DoulBCf» Gastspiel Esther Perelmann Haut« und tlglicfes Dwojre ¥on Odessa Operette in drei Akten fSiiiuiiiiutiiwiniiiüuiM giiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiii iiiiiiiniiriiii iiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiinffliiiiiiiiiiiiiiiii»| H Verband demokratischer Zionisten j§ jä Mittwocn. den 13. Feber 1929 um */99 Uhr Ü abends Im || 1 Caf<6 Produktenbörse (ftlubsaal) j§ =5 II. lanorstraße lu 3 | 3)r. Öskir Slosenfeld: i „Gibt es eine jüdische Kunst? tt s a =3 Eintritt frei Gäste willkommen ^llltllltllirillllltlllilllllllllHIIIIilillliHtllltllllllllllllllllilllH weiden kann, beträgt für die ganz«? Reise von Wien bis Wien: bei Benützung der II. Schiffsklasse engl. Pf. 58 (S 2000), bei Benützung der III. Schtffsklasse spe2ial engl. Pf. 41 ( 1400), bei Benützung der III. Schiffsklasse einfach engl. Pf. 35 ( 1200). Prospekte werden vom Sekretariat der Reiseleitung (Frau Berta Taubes. Wien, II., BöckllnstraÖe 92) gratis zugesendet. — Die Einzahlungen erfolgen auf das Postsparkassenkonto der „Neuen Welt", und erhalten die Reflektanten dne nötige Anzahl Posterlagscheine. — Auskünfte werden auch auf telephonischem Weg durch Frau Paula Stricker, Tel. Nr R-45-6-89, und Frau Berta Taubes, Tel. Nr. R-43-9-19. erteilt._ Die aktuellen zionistischen Fragen, Pressekonferenz im Hauptbüro der Zionistischen Weltorganisation. Aus London, 29. Jänner, meldet die J. T. A.: Das Hauptbüro der^ Zionistischen Weltorganisation empfing die Vertreter der Presse, utn ihnen wichtige Mitteilungen über aktuelle zionistische Tatsachen zu geben. Herr Dr. Felix Rosenblüth, MitgtLied der Exekutive, gab Mitteilungen ü'ber Organisation der Jewish Agency. Die Exekutive beauftragte das Komitee, das dem Aktionskomitee in seiner letzten Tagung Vorschläge unterbreitet hatte, mit der Fortfü'hrung der Organisationsarbeit für die Agency. Das Komitee besteht aus Dr. Halpern, Harry S ach er, Leonard Stein und Felix Rosenblüth. Nach der Tagung des Aktionskomitees hat Doktor Weizmann in einem Schreiben an Louis M a r s h a 11 von den Beschlüssen des Aktionskomitees Mitteilung gemacht und die Bereitschaft der Zionistischen Organisation kundgetan, in Uebereinstimmung m 11 den' im M.a r sh a>l I-Memora nd u m vom 20. November 1926 gemachten Vorschlägen zu handeln. Dr. Weizmann übermittelte eine längere Mitteilung dem Präsidenten des Organisationskomitees der amerikanischen Nichtzlonisten Herrn Felix M. Wartburg, in welcher die Ansichten des Aktionskomitees über gewisse wichtige Fragen der Organisation Im Zusammenhang mit der Verfassung der Jewish Agency dargetan wurden. Auf der Basis dieser und anderer dem Organnsationsikomitee der amerikanischen Nichtzionisten übermittelten Mitteilungen werden In Amerika Verhandlungen geführt. Dabei werden die zionistischen Interessen durch das von Dr. Weizmann vor seiner Abreise aus Amerika ernannte Komitee und durch ColoneJ Kisfo vertreten. Prof. Dr. Brodetsky, Mitglied der Exekutive, machte Mitteilungen über die politischen Fragen im Zionismus. Das wichtigste potibische Ereignis der letzten Periode, sagte er, ist die Ueberna'hime des Oberkommis« sanats über Palästina durch Sir Jolin Robert Chan« ceüor. Seine Erklärungen an Deputationen, die ihn besuchten, und an Vertreter von Institutionen, die er besucht hat, sind mehr oder weniger bekannt. Der neue Oberkommissär ist offenbar entschlossen, seine Amtsperiode zu einer Periode positiver Entwicklung des Landes zu gestalten. Er hat ausdrücklich auf die Notwendigkeit einer Vermehrung der Landesbevölkerung hingewiesen; damit kann er nur eine Zunahme der Jüdischen Einwanderung gemeint -haben. Colone! K i s h hat ihm in einer wichtigen Unterredung, in der alle Angelegenheiten von Bedeutung in Palästina berührt worden sind, die Ansichten der Exekutive mitgeteilt, die entschieden für fortschrittliche Politik sind. Ein besonderer Punkt in Ohancellors Erklärungen ist seine arabische Politik. Er hat das ihm von der arabischen Exekutive überreichte Memorandum hinsichtlich der Einführung eines Legislative Council oder Parlaments dahin beantwortet, er sei nicht in der Lage, schon heute irgend welche Ansichten über das Thema vorzubringen, er hoffe, die Angelegenheit im kommenden Sommer während seines Urlaubes mit dem Kclorcialamt erörtert* zu können. Die Exekutive der Zionistischen Organisation wird darauf sehen, daß eine vorgezeichnete einheitliche Politik betreffs des gesamten Fragenkomplexes der zukünftigen politischen Entwicklung Palästinas in Geltung tritt. Colonel Kish hat während seiner Anwesenheit in London mit dem Unterstaatssekretär im Kolonialamt Ormsby-Gore über verschiedene wichtige Punkte verhandelt, besonders über die Fragen der Klagemauer und der Einwanderung. In den letzten zwei Monaten war die Lage in Palästina, soweit es sich um die erhitzten Gemüter unter Juden und Arabern handelt,