Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 73 (8.2.1929)
- Date
- 1929-02-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 30 Groschen V. b. b. BEZUGSBEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—. vieiieljährig Zloty 6.— , Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, v'ertcljahrlg Kc. 15 —. Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vlertel'ährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. R E V U E BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark 1.— vierteljährig Mark 3.—'; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.— , Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder mo atlich Schwei/er Francs 1.50. vierieljahrig Schweizer Francs 4.50. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: A25-2-82 — Erscheint fetten Freitag Jahrgang 3 Freitag, den 8. Februar 1929 Nr. 73 Hermann Bahr und Adolf Hitler. Seite 6. Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes £ bezeichnet. Aus dem Inhalt: —y: Ein Vorschlag. Dr. Fritz Löwenstein, Jerusalem: Brief aus Palästina. Die Judenmission in Polen. David Florentin, Saloniki: Aus der Geschichte der Juden in Saloniki. Aus der Wiener Judengemeinde. Deutsche Rechtsprechung. England im Nahen Osten. Aus Palästina. Das Bittgesuch an Gott. Aus der jüdischen Turn- und Sportbewegung. Austritte ausdem Judentum. Schalom A sC h: Die Mutter. ""' *• Schatom A1 e c h e m: Komödianten. Die Palästina-Aktion in Amerika . 490.000 Dollar an einem Abend aufgebracht. Aus;Ne\v York, 2. d.s meldet die J. T. A.: Auf dem Erapfangsabend der Palästina-Aktion zu Ehren des Colonel Kisch ou.s Jerusalem wurde eine Sammlung für das Palästina-Werk veranstaltet, die 450.000 Dollar ergab, darunter einen Seitrag von Marsh all in Höhe von 5000 Dollar. Herr Warburg hatte bekanntlich schon bei Gelegenheit der Konstituierung des Komitees für den Appeal 50.000 Dollar gespendet, so daß bisher insgesamt ein Betrag von 500.000 Dollar aufgebracht ist. Eine Rede Grünbaums im Sejm. Die Ausbeutung der jüdischen Steuerkraft in Polen. . ' : Aus Warschau, 3. d., wird uns gemeldet: Im Verlauf.der Generaldebatte über das Budget im polnischen Sejm erklärte Abg. J. Grünbaura als Generalredner des jüdischen Klubs, das Budget basiere auf der Exploitierung der jüdischen Bevölkerung. Die Juden sind in Polen die Hauptsteuerzahler. Da die Regierung bei der Steuerbemessung das flache Land schont und die Städte über Gebühr belastet, leisten allein die Juden 40 Prozent der gesamten Steuerlast. Dabei weigert sich die Regierung, die sozialen, religiösen und erzieherischen Bedürfnisse der Juden auch nur teilweise zu befriedigen, die jüdischen .Gemeinden müssen für ihre Anstalten der sozialen Fürsorge ganz, allein aufkommen, . obwohl der Regierung verfassungsgemäß die Deckung der Kosten der sozialen Fürsorge obliegt. Unter den Staatsbeamten findet man fast keinen Juden mehr. In den Staatsgymnasien bilden die jüdischen Schüler nur 6 Prozent der allgemeinen Schülerzahl. An den Hochschulen wird die Praxis des Numerus clausus gegen die jüdischen , Hörer weiter geübt. Das gesamte Etatsystem der polnischen Regierung laufe auf den ökonomischen Ruin des jüdischen Bcvölkcrungsteils hinaus. Der jüdische Abgeordnete Zewi Heller wandte sich scharf gegen das Ministerium für Arbeit ünd soziale Fürsorge, das den Bemühungen der jüdischen Gesellschaft in der Richtung der Produktivierung der jüdischen Massen keinerlei Verständnis entgegenbringt und die jüdische Arbeit auf dem Gebiete der Emigrationsfürsorge, insbesondere der Emigration nach Palästina in keiner Weise fördert. Nicht einmal der jüdische Waisenschutz erhält - irgend welche staatliche Unterstützung. Zu Staatsämtern werden Juden nicht zugelassen, staatliche und kommunale I^^tutioncn geben Juden keine Arbeit. Alle jüdischen Forderungen für religiöse und kulturelle Zwecke abgelehnt. D?e Btt^g^tlcormnls^kM'-^'^p^^-sohon Sejm 'hat a„u c h i n •d'£r' 'd^'tti^' Lesung •sämtliche vont ' jüdiscih'en Pa>rla.ments'k,lub vorgesobla-genen Posten bzw. Posterierihöhuniffen für jüdische Kultur- und Unter rieh tszwectoe absei ehrat. Abg. Grünbaum, der Präsident des jüdischen Klubs, schlug vor, die Position .»Befrledigumg der jüdischen religiösen Bedürfnisse" von. 120.000 Zlo'ty auf 1 Million zu erhöhen und wies darauf hin, daß die Ausgabem der jüdischen Gemeinden für ReWgionsz wecke mehr als 15 Millionen Zloty betragen. Während nun die Regierung die Bedürfnisse der anderen religiösen Gemeinschaften zai eirtorn großen Teile deckt, bestimmt sie für die jüdische. Religion die lädherliche Summe von 120.000 Zloty. Demnach helfen die Juden mit ihren exorbitant hohen Steuerleistun gen die anderen Religionen erhalten und müssen dabei für ihre eigenen religiösen Bedürfnisse ganz allein sorgen. Abg. Grüflbauin stellte den weiteren Antrag, eine Million Zloty für die j ü d i s c ih -e n S c h u 1 c n. u n d K i <n d e nh e i m e in das Budget einzusteHen. Er wies darauf hin, daß die Regierung die Volksschulem der anderen Minderheiten erhält, die jüdischen Mänderfoeiterrsohulen aber Mi-rein Schicksal überläßt, um die jüdischen Kinder zu zwingen, die Staatsschulen mit polnischer Unterrichtssprache zu besuchen. Die Volksschulen mit ihebräisoh-er und jiddischer Unterrichtssprache erhalten keinerlei staatliche Unterstützung. Auch dieser sowie alle anderen Voirsafoläge Grünbäums, die sich auf die Subventionierune von jüdischem .Lehrerseminaren und anderen KuUurinstitutionen.bezogen haben, wurden a bge lehn t. Der Minderheitenkongreß nach Genf einberufen» Vom 3. bis 5. d. tagte in Wien der Rat des europäischen Nationalitäten'koiigresses unter Vorsitz des ehemaligen slowenisch-kroatischen Abgeordneten im italienischen Parlament, Dr. Wilfan. An der Konferenz nahm für die jüdische Gruppe Leo Motzkin, der Vorsitzende des jüdischen Minderheiten-Rates, teil. Der diesjährige Nationalitätenkongreß wurde für den 26. bis 28. August in Genf anberaumt. Der Kongreß wird sich neuerlich mit dem Vorgehen des Völkerbundes in der. Minderheitenfrage befassen und an der Forderung VERBAND DEMOKRATISCHER ZIONISTEN IIIIINIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII1IIIIIIIIW Montag, den 11. Februar 1929, um halb 9 Uhr abends, im „Fnedenscaf<§\ XVI., OttakringerstraOe Nr. 37 Frei zugängliche GEGENS (ÄND: Kampf gegen Antisemitismus und Abfall vom Judentum — Die jüdische Volksgemeinde - Was wellen die demokratischen Zionisten? REFEREN11 Oberbaurat Robert Stricker Eintritt frei I Eintritt frei I einer Ständisen MinderheitenkommLssion beim Generalsekretariat des Völkerbundes festhalten. Daneben wird der Kongreß auch nachdrücklich die Bildung einer Studienkommission für das Minderheltenproblem beim Völkerbund verlangen. Venizelos an eine Deputation der Salonlker Juden. Aus Athen meldet die J. T. A.: Der griechische Ministerpräsident Venizelos empfing eine Deputatton der jüdischen Gemeinde in Saloniki. In seiner Ansprache wies er darauf hin, daß er selbstverständlich den Juden das volle Recht der Haltung Ihrer Traditionen und der Anhänglichkeit an die jüdische Gesamtheit zubillige, er fügte aber den Wunsch hinzu, daß die Juden das Griechische als ihre Umgangssprache wählen möchten. Wemn die Juden von Saloniki, so sagte er, ihre nationale Sprache, das Hebräische, sprechen würden, so wäre dagegen natürlich nichts zu sagen, aber da sie eine Sprache sprechen, die an sich nicht die ihrige ist, nämlich das Jüdisch-Spanische (das Spaniolische), so wäre es doch ernstester Erwägung^ reif, ob sie nicht auf das Spaniolische zugunsten des Griechischen verzichten sollten. Die Zionisten in Rumänien. Eine Erklärung der rumänischen Regierung: Aus Bukarest, 'l. Februar, iiieldet die J. T. Ä.: Der rumänische JUstizminister Juni an hat in der Kammer erklärt, die Regierung .»haj?ay,darum ein Wahlbündnis mit den - Zionisten geschlossen, ' well der Zionismus' jüdische Massen in Rumänien 'h i n t e r ' s i c Ji hat, eine idealistische Bewegung darstellt und von allen zivilisierten Staaten unterstützt wird. Dr. Papo-Noteles verhaftet. Ein angeblicher Rabbiner unter dem Verdacht des Bücherdiebstahls. In Breslau ist am 5. d. der angebliche Rabbiner Dr. Oskar Papo unter dem Verdacht, aus der Staatsbibliothek Bücher gestohlen zu haben, verhaftet worden. Dieser Papo entpuppte sich dann als der im Jahre 1900 in Nikolsburg geborene Friedrich N o t e I e s, der steckbrieflich verfolgt wird. Man fand bei ihm gefälschte Diplome der Amsterdamer Jeschiwah. Papo ist jener Herr, der kürzlich in Gablonz sich um den Rabbinerposten bewarb und als er abgelehnt wurde, einen frechen Brief an die Gemeinde schrieb, in welchem er als nationaJdeutscher Jude die Maßregelung der Ostjuden forderte. Er war; angeblich Rabbiner in Gemünden, dann in Rosenberg in Oberschlesien. Herr N o t e 1 e s hat eine ungemein bewegte Vergangenheit, die einer gewissen Heiterkeit nicht entbehrt. Er staniont aus einer angesehenen Rabbinerfamilie, hat selbst eine Rabbinatsschule besucht, hat es aber nicht bis zum Rabbiner gebracht. Trotzdem ist er an mehreren Orten als Rabbiner aufgetreten und hat als solcher auoh amtiert. Viel interessanter ist aber seine politische Tätigkeit. Zur Umsturzzeit weilte er in Deutschland, schloß sich mit Begeisterung der kommunistischen Bewegung an und war auch einer der eifrigsten Teilnehmer an, der Spartakusbewegung. Dann schien ihm seine Religion hinderlich zu sein. Diesem Hindernis half er durch die Taufe ab und wurde Protestant. Nun tauchte Noteies als deutscher Nationalist auf, der am kapp-Putsch teilnahm. Ein Schritt werter führte ihn sogar zu den äußerst rassenreinen germanischen N a t i o n a 1 s o z i a 11 s t e n. Er ist auch In hervorragendem Maße an der Spionageaffäre des Brünner Abgeordneten Baeran beteiligt gewesen. Herr Noteies soll sogar eine führende Rolle in dieser Angelegenheit gespielt haben. Zum Unglück kam es nun heraus, daß sein Stammbaum den Anforderungen der christlich-germanischen Weltanschauung nicht entsprach und er wurde mit Schimpf und Schande von den Hakenkreuzlern davongejagt. Eine pikante Einzelheit ist, daß Noteles In Ungarn mehrere Thora rollen gestohlen hat, eigens zu dem Zwecke, um die Mittel zur Reise nach Deutschland zu seinen deutschnationalen Gesinnungsfreunden zu erlangen. Er wurde deswegen damals In Wien verhaftet und zu zehn Monaten Kerker verurteilt.