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Die neue Welt · 1929-02-01 · Heft 72 (1.2.1929) · page 12

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 72 (1.2.1929)
Date
1929-02-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seife 12 DIE NEUE WELT Nr. 72 Streifen dunkler Haut, die zwischen ihren Locken aus dem Nacken lugen; er fühlt das Rund ihrer Schultern, die Keuschheit, den Jugendtäu, dte Heiligkeit, die sie umgibt. In der Tasche ist Silbergeld, in der Westentasche eine Banknote. „Boze moj! Sic soll nur nicht verloren gehen!" — Buchholz greift immer wieder in die Westentasche. Erst hat er daran gedacht, sich aufs Oberdeck eines Omnibusses zu setzen und von dort auf die dahinströmende Menge niederzuschauen.; Doch nein, er will lieber gehen und die Schaufentser ansehen. Das Schaufenster des Seidengeschäftes sieht aus wie ein orientalischer Basar. Unter bunten Seidenzelten sitzen auf kostbaren Teppiclien Araber und entfalten verschiedenfarbige Seide, orientalische Ware, rot wie Blut oder tiefblau wie die Nacht; silberfarben und blitzesstrahlend wie elektrisierte Fische. „Wenn Sie wollen, breche ich bei Nacht ein, stehle die ganze Seide und hülle Sie von Kopf bis Fuß in Perlseide. Lachen Sie nicht! Ich bin es imstande." Im zweiten Schaufenster ist eine Jagd zu sehen. Dort liegen Pelze, die das Geheimnis des Waldes, unbetretener Inseln im weiten Nörden enthüllen, weiße Bären, blitzende stichelhaarige Skunksfelle, samtleuchtende, kindlich anschmiegsame Alaskafüchse und goldigweicher prächtiger russischer Zobel, fraulich glattes weiches Fell der Blau* und Silberfüchse. „Wollen Sie, so . breche ich auch hier ein, stehle die Felle und kleide Sie darin von Kopf bis Fuß." Im Automobilgescliäft stiehlt Buchholz für Dwojre das beste Automobil und führt sie damit von Stadt zu Stadt, im Reisebureau eine Buropareise, im Japanwarenladen Juwelen, um ihren Hals zu schmücken . . . Die Pläne werden geändert, der Spaziergang im Zentralpark wird gestrichen und für ein anderes Mal zurückgestellt. Vielleicht zu „Child" Kuchen essen gehen? Ja, das ist eine Idee. Wie die Kuchen verzehrt waren, wurde Kaffee getrunken, dann kostete man einen gebratenen Apfel mit Schlagobers, rauchte eine Zigarette und — das Geld war fort! Es blieb knapp so viel, um Galeriebilletts fürs Theater zu kaufen, für das man sich statt des Kinos entschieden hatte. „Mittagessen brauchen wir keines," — entschied Buchholz — „wir haben doch erst gegessen, Uebrigens, wenn Sie wollen, können Sie mit mir, ins „Atelier" hinaufgehen, ich habe einen kleinen Gasofen zu Hause, darauf können wir Tee kochen, für Nüsse mit Brot wird's noch reichen; nun, was meinen Sie?" Dwojre ist einverstanden; sie will mit ihm ins •„Atelier" gehen, doch nicht erst später, knapp vor dem Abendessen, sondern schon, jetzt, wenn es noch hell ist. „Ich möchte, daß Sie mir Ihren „Simson" und andere Arbeiten zeigen." „Sie wollen meine Arbeiten sehen, wirklich?" „Gewiß, ich habe es schon lange wollen." „Gut, kommen Sie." Auf der Treppe im .finsteren Korridor, die in. ein Labyrinth zu führen schien, mußte Dwojre Buchholz die.Hand geben und er zog sie. hinter sich nach. Gegen den fünften Stock waren die treppen wieder taghell; ihre Windungen waren ganz sonderbar. Nach langem Wandern durch Korridore und über Leitern brachte sie Buchholz in eine Dachstube, die von der nächsten durch eine dünne Wand abgegrenzt war; dort oben wohnten alte Junggesellen und eine von diesen Wohnungen war Buchholz' „Atelier". Es verdiente seinen Namen damit, daß das große, mit Watte verstopfte schiefe Fenster, über, das Dach gen- Himmel ging. (Fortsetzung folgt.) .• Copyright 1928 by „Die Neue Welt", Wien. Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN Roman von Schafom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosenhall. (15. Fortsetzung) Dem Vater eine Lehre erteilen, abrechnen für die Hiebe, für die Schande und für alles, für alles. Lebl brauchte nicht vIatige nachzudenken, was gibt es da zu überlegen? Es schien Lebl so einfach, so natürlich, so selbstverständlich, daß es selbstverständlicher allem Anschein nach nicht sein konnte. Hier habt ihr den ganzen Plan geradeheraus in die Hand gegeben: ' > ' ' ., Nachts, wenn alle eingeschlafen, sein.werden, wird er leise aufstehen und auf Zehenspitzen zu des Kassiers Bett hintreten. Lebl' schläft ~ im gleichen Zimmer mit dem Kassier. Und Schischen-we Simche, der Kassier, ist ein Mensch, der gern schläft. Schischen-we Simche rühmt sich zwar, einen leisen Schlaf zu haben, eine Fliege hören zu können, aber alle wissen, daß man Schischenwe Simche, ist er einmal eingeschlafen, aus dem Bett tragen kann, ohne daß er es bemerkt, es sei denn, man schütte ihn mit einem Eimer Wasser an. Dessenungeachtet kann man wegen der Kassa bei Schischen-we-Simche unbesorgt sein. Erstens ist er ein Nahestehender, ein Freund sogar Benje Rafalowitschs, ein Vetter oder Geschwisterkind, und zweitens ist er im allgemeinen ein redlicher junger Man», treu, und hütet die Kassa, das heißt den Tisah, worin das Geld liegt, wie ein braver Hund. Die Schlüssel zu den Tischläden trägt er immer in der Hosentasche bei sich, und vor dem Schlafengehn untersucht er alle Fenster, alle Läden, ob sie gut versperrt sind, wirft auch unter die Betten einen Blick, ob sich dort nicht ein Dieb versteckt hält, und sobald er sich entkleidet hat, legt er die Hose unter die Kopfkissen. Und dann hat man ihm ja auch noch, gegenüber in einem Bettchen, seines Herrn Söhnchen Lebl beigegeben, nun, weshalb soll er sich fürchten? Gerade diesen, Kassier hat .Gott selbst ihm geschickt, damit er das richtige Stück Geld herausbekommt, wie sein Freund Hotzimach es ihn gelehrt hat. Hotzmach hatte ihm das Geheimnis eingegeben,, daß man „Klingendes" braucht; ^Klingendes, , und je mehr Klingendes, desto besser". Und Lebl, seinen berühmten Plan ausdenkend, stellte sich bereits vor;..wie er-beim Kassier, aus der Kassa das Klingende herausbekommen werde. Schischen-we- Simche schläft wie ein Erschlagener, schnarcht wie ein geschlachteter Ochse und er, Lebl, steht bei seinem Bett •und denkt nachy; wie man des Kassiers Hosen hinter seinem Polster herausbekommt. Langsam, langsam schiebt er eine Hand unter das Kissen, zieht zuerst eine Hälfte der Hose, dann die andere hervor, und dann aus ihr den5 Bund Schlüssel. Leise, auf den Zehenspitzen geht er zum Tisch. Bleibt bei jedem Schritt stehen, ob man ihn nicht höre und das Herz klopft vor Angst. Vor allem fürchtet Lebl sich vor der alten'Großmutter, die im Nebenzimmer schläft, pie Alte, die schon hat einen leisen Schlaf und ein scharfes Auge, das die Wand durchdringen kann. Klopfenden Herzens und. mit zitternder Hand öff- 1 net er die Tischlade, legt langsam die Hand hinein, die sich { mit. PapierniÖten füllt (soviel Papier als möglich, sagt Hotzmach) und leise bringt er die Schlüssel mit des Kassiers Hosen zurück an ihren Ort und er selbst huscht hinaus ins Freie. Dort erwartet ihn schon sein Freund Hotzmach, mit einem bereirgeha'teiien Wagen zur Bahn zu fahren. Und damit man sie nicht in der ersten heißen Stunde verfolge, hat Lebl noch eine schöne Sache ausgedacht. Er wird sich in fremde Kleider werfen und seine eigenen wird er ans Teichufer legen, damit man glaube, er habe sich ertränkt. So wird man ihn im Wasser suchen, suchen und suchen und einen Schmarren wird man ihn finden... man wird schiwe nach ihm sitzen *)... man wird um ihn weinen und klagen, bis man ihn allmählich vergessen wird... Und es wird eine Zeit vergehen, zehn Jahre oder zwanzig, und Lebl wird ein bekannter, berühmter Schauspieler sein, eine eigene Truppe besitzen und in der Welt herumfahren Theater spielen. So wird er, um es auszukosten, auch nach Holeneschti fahren, dort Theater spielen, durch einen seiner Leute bei seinem Vater die nämliche Scheune mieten, die ganze Stadt ohne Billette ins Theater lassen, soll man nur sehen, was es heißt: Theater! Und wenn der. Vorhang aufgeht, wird er auf der Bühne mit der ganzen Truppe auftreten: Alle werden großartig angezogen sein und er, das heißt der Direktor, wird mitten unter ihnen stehen, besät mit Brillanten und Diamanten, fast wie Schtschup« pak. Und kaum auf der Bühne erschienen, wird man ihn wahrscheinlich sogleich erkennen, daß er es sei, Lebl. Die Mutter wird gewiß in Ohnmacht fallen und der Vater wird mit seiner Donnerstimme herausschreien: Lebl! und allseits freudiges Rufen: Lebl! Lebl! Lebl! Lebl!--------— _ - Lebl öffnet die Augen, erblickt zu seinen Häupten den Kassier. „Schischen-we-Simche, was ist denn?" „Was es ist? Hast du gesehn, was für einen harten Schlaf ein Mensch haben kann. Man weckt ihn und weckt und kann ihn nicht derwecken. Steh auf, es brennt." „Wer brennt? Wo brennt?" „Auf Gottsgass, alle sind zum Brand hirtgelaüfenj zieh dich an, schon seit einer Stunde läuten alle Glocken. Ich glaube, die können einen Toten aufwecken." So spricht sich mit Lebl Schischen-we-Simche, der Kassier, aus, den man soeben selbst kaum aufwecken konnte und auftrug, sich nicht vom Hause wegzuwageni Es* ist leicht zu sagen das „Nicht vom Haus Weggehri!". Wie kann man im Haus sitzen bleiben, wenn draußen Brand ist. Und der treue Kassier Schisehen-we-Sirnche ging mit Lebl zusammen hinaus, nur für ein kleines Minütchen, nur um einen Blick auf den Brand v.u ..werfen. Und als er draußen, war und den mit Feuer übergossenen Himmel sah und das Bumbum der Glocken, hörte, zog es ihn unwillkürlich dorthin, wohin es alle in jener Nacht getrieben hatte, nur Lebl nicht. Lebl zog es anderswohin. Er bog rechts ein, 'um zu Israel dem Chasen in den Cheder hineinzuschauen, ans Fenster zu klopfen sie zu wecken, vielleicht wissen sie nicht, daß es auf Gottsgass brennt. Aber noch bevor Lebl zürn Hause des Chasen kommt, sieht er von ferne erhellt vom höllischfeurigen Himmel bei der Tür des Lehrers Tochter Resl stehn und neben ihr —- irgend eine Gestali, die sich loslöst, links einbiegt »und schaut, daß sie weiterkommt. Dasselbe tut''Lebl* nähert sich des Chasen Haus. 3 0. Kapitel. Eine zauberhafte Nacht. Selbst wenn unser Held hundert Jahre alt werden sollte, so wird er jene Nacht des Brandes auf Gottsgass' nicht vergessen. (Fortsetzung folgt.) *) Trauersitzen nach dem nächsten Toten, wobei das Verlassen des Hauses eine Woche lang nicht erlaubt ist. GRABSTEINE \friedl Ander & deuts ch [Wien. I. Bes., Seitensiettengasse 2, Telephon U-28-1-%8 \Kl„ Zenttalftiedhot, neb. ä. 1. Tor, Telephon U-18-0 85 »MII1IIIIIIIIIIIIIIIIII|I||||||||||||||||||III|1|I||I|I||I1IIIII|III||||*£ Gegründet 1882 'S I Lebensverslcherunss- I Gesellschaft PHÖNIX' ss Republik, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechen- 5 s (and. Türkei. Aegypten und;Palletina. fiiiiiiniif iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiritiBrMiiiif , &-ftN** ß :^>:>':^HS!^/^V;'"^5 18 ^vS8; i»2Em •32 7 f 3TP J Schadehen, der in besseren jüdischen Kreisen J ■ 9 verkehrt, empfiehlt sich *■ Gefl. Zuschriften S unter „Diskret" an die Expedition des Blattes! . ... , .. ■ ■■■■■■■■ ■ ■>■■■■«■ •«■»■■■■• antoaakHft Bei Einkäufen berufen Siesich auf 91 ,(< Einlösung von GOLD SILBER PLATIN bei G.A. Scheid Wien, VI., Gumpendor>eratraBo' 85 I., Frans Josefs Kai 39 Niederlage' . NÄHMASCHINEN FAHRRÄDER 1929 S20.— monatlich ohne Angabe) ■"tief lef IX. Liechtensteinstraße tlr.27 ■■P* und A IB-S-BS «BHUBfl IV. Wiedner Hauptstraße Hr.8 BUBbbHHHB Tel. A 30-0-36 SPORT- UND TOURISTEN ARTIKEL Eigentümer, Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker. — Druckerei- und Verlags-A.-G. Ignaz Steinmann, beide Wien. IX« Universitätsstraße 6—8.

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