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Die neue Welt · 1929-02-01 · Heft 72 (1.2.1929) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 72 (1.2.1929)
Date
1929-02-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr.» lieber Militarismus. Von Wladimir Jabotinsky. Der Fuhrer def Union der Zionisten* Revisionisten erörtert in dem nachfolgenden Aufsatz einen der Grundgedanken seiner auf die Wehrfähigkeit der jüdischen Jugend gerichteten Vorschlage: I. „Militarismus" ist ein arges Wort, doch darf Erwachsene der Klang nicht abschrecken und man kann von ihnen fordern, daß sie den Begriff analysieren und in ihm .das Gute vom Schlechten unterscheiden. Schlecht ist der Weg, das Morden von jungen Menschen. Dem stimmen wir alle zu, wie wir alle hoffen, dafi eine Zeit kommen wird, in der dies ebenso unmöglich werden wird, wie es schon in jedem zivilisierten Lande unmöglich ist, Menschenfleisch zu essen oder Beschuldigte körperlich zu foltern, wie es vor der französischen Revolution allgemein Uebung war. Ist d i es jedoch in Wahrheit der ganze und einzige Inhalt des Begriffes? Wenn dem so wäre, würde ja die Menschheit, vor allem die liberale Menschheit, alles, was an Militär erinnert, hassen müssen. Doch merkwürdig. Sogar die Überzeugten! die am meisten links stehenden Pazifisten bedienen sich auf jedem Schritt und Tritt einer ausgesprochen militärischen Terminologie., Die Heilsarmee, welche unendlich viel Gutes für unglückliche Frauen und niedergedrückte Männer tut, nennt sich „Armee" und hat „Leutnants" und „Majore" und marschiert durch die Straßen wie ein Regiment Soldaten. Jede fortschrittliche Bewegung spricht fortwährend von der „Front" und „Gräben" und vom „Stehen auf der Wacht". Natürlich im geistigen Sinne, aber doch mit Benützung der militärischen Phraseologie. Es ist dies doch ein Beweis. . daß nicht alles im Armeeleben so unschön und hassensweri ist. Man gebraucht im gewöhnlichen Leben nicht den Wortschatz eines Schlachthauses oder eines Schandhauses, da dort wirklich alles häßlich ist und man würde sich schämen* auch rhetorisch* an eine solche Sache zu erinnern, wahrend man von ideellen Bestrebungen sprich^. t' $het.jede ideelle Bewegung in der Welt entnimmt die Hälfte ihrer technischen Nomenklatur und drei Viertel der Agitationsrhetorik gerade dem Armeeleben. Es muß also doch nicht alles so schlecht sein. In Wahrheit ist nur der Krieg allein häßlich: das Armeeleben, „in sich" besitzt Viele schöne Seiten, nach denen wir uns im gewöhnlichen Leben sehnen, leider können wir sie nicht Zur Ganze verwirklichen. Da ist erstens der „Kommunismus" im Armeeleben, dessen spartanische Einfachheit, die Gleichheit zwischen Armen und Reichen; zweitensdas hygienische Moment, die freie Luft und die körperliche* Betätigung; drittens die Disziplin allein, —.aber yop «dieser muß man länger und besonders sprechen.....; : : ir-' Oft -wiederholen wir Gedanken, an die wir schon längst aufgehört haben zu glauben, wenn wir zum Beispiel einen Durchschnittsmenschen über seine Beziehung zur Armeedisziplin fragen, 'wird er antworten: „Pfui, sie macht aus Menschen Maschinen"; aber in Wirklichkeit wird er allein begeistert beim Anblick einer Masse von Menschen, die wie Teile einer einheitlichen Maschine bewegt. Irgendwo in seinen „Erinnerungen" erwähnt Masäryk-seine Eindrücke von der ersten Demonstration' der tschechischen Sokol-Turner, die er afs junger Mann in Prajj gesehen hat. Einige tausend junge Männer und Frauen: standen auf einem großen Platz in Prag .in gleicher Distanz von einander wie Schachfiguren, alle gleich gekleidet und still wie Stein. Auf ein Zeichen ihres Führers streckten all die taüsehde Männer und Frauen die linke Hand und den rechten Fuß vor, — nichts mehr; aber, sie taten das alle zusammen wie ein Mensch, „wie eine Masch,irie". Und Masaryk sagt, daß er nie früher einen solch erschütternden Eindruck hatte von der nationalen. Einheit yUnd vqo der Macht "der nationalen Einigkeit wie in diesem Augenblick, als er sah, daß sein Volk schon jene Stufe erreicht hat, auf der es dieselben Bewegungen in demselben Momente durchmachen kann. Es ist eine bekannte Sache. Man kann einen ernsten Assimilanten fest hypnotisieren (wenigstens für eine Minute) mit national-jüdischer Begeisterung durch ein einfaches Mittel. Man nehme einige Hundert jüdischer Jungens, ziehe sie einheitlich an und lasse sie vor ihm marschieren, über gut marschieren, so, daß jeder Schritt yon den zweihundert einen einzigen Schlag ergibt, „wie eine Maschine". Es gibt nichts in der Welt, was uns mehr zu imponieren imstande wäre, wie eine Maschine". Es gibt nichts in der Welt, was wm uns mehr zu imponieren imstande wäre, wie eben diese Fähigkeit der Masse, in gewissen Momenten zu fühlen und auch zu handeln wie eine einzige Einheit, mit einem einzigen Willen, mit einem einzigen Rhythmus. t)arin besteht eben der Unterschied zwischen einer Masse und einer Nation. Damit sei nicht etwa gesagt, daß der russische Kaiser Nikolaus I., in dessen Armee man buchstäblich nicht atmen durfte, während man auf dem Paradeplatze stand, aus seinen Soldaten eine höhere Menschensorte schuf. Im allgemeinen bezieht sich das, was ich sage, nicht so sehr auf Zwangsorganisationen (z. B. wirkliche Regimenter), vielmehr auf Freiwillige, wie z. B. auf jene tschechische Sokoln oder unsere Sportvereine, die ja einfach jeder verlassen kann, wenn er will. Es ist etwas anderes, wenn man den Menschen zwingt, ein Teil einer Maschine zu werden, unter der Angst der Prügelstrafe oder der längeren Haft und etwas anderes ist der geistige Zustand, wenn ein Mensch, den niemand zwingt, sich allein zwingt zu lernen, — stehen, gehen und zu handeln, wie ein Teil eines planmäßigen Mechanismus. Es ist der alte Unterschied zwischen Zucht und Selbstzucht; das erste kann sogar mit wilden Tieren ge> fingen, aber das zweite gelingt nur in einer hochentwickelten 'Atmosphäre. Und noch etwas ist vorhanden in der militärischen Disziplin, auf die wir aus Gewohnheit Pfui! sagen. Alle aber .wissen im Herzen, wie wichtig sie ist und wie bitter sie NEU ERÖFFNE JE KE1CHHALFI0E MüDtKNF. LEIHBIBLIOTHEK DPR BÜCHERSTUBE M. KATH WIIN, II., TABORSTR ASSE Nr. 20a H TEL. R-43-l-ftS. ALLE NEUERSCHEINUNGEN! | REICHE AUSWAHL IN MGBftAI* A ÜMO JUOAlfCA in Bneiischer uns französischer Literatur MONATSGEBUHR NUR S 3 - KEINE BANDOEBÜHRo - TÄGLICHER UMTAUSCH ' uns Juden nach jeder Richtung unseres Lebens fehlt. Das ist das Zeremoniell; die klaren und genauen Gebräuche, wie man stehen 'soll, wie man grüßt, wie man mit* einem, Kameraden und wie man mit eine"m iVor^eJetssteÄ1. Spricht. ^^WilrJ'Jütleii leiden an Formlosigkeit! Das alte - Ghetto! hatte sein gesellschaftliches Zeremoniell, wenn auch ein eigenartiges. In der letzten Zeit jedoch haben wir es verloren und noch kein neues herausgebildet. Der Durchschnittsjude hat'keine besondere Schönheit im Gehen, im "fragen , seiner Kleider, im Essen, im- Umgang mit Menschen} besonders schlecht schaut er aus, wenn es darauf ankommt, irgend einer Hierarchie ' gegenüberzustehen, z. B. wenn er mit einem angesehenen nichtjüdischen Herrn spricht oder sogar mit einem jüdischen Reichen. Er soll diesem eine besondere Ehrung erweisen, er weiß aber nicht wie man das macht, ohne die eigene Würde zu verlieren und das Ergebnis schaut das einemal wie eine Frechheit, das anderemal wie Kriecherei aus. Die Formlosigkeit aber, der Mangel an einem festgesetzten Zeremoniell wird fühlbar auch auf anderen Gebieten, gSSSWSSS^ Ttl. . B3Z3I6 Praktisch, bequem und billig OHRttUTEUItf * 5CHUFFAUTEÜICS ALS BETT VERWENDBAR owcxt mm tartfiBttumtSTtt ^'«sShnI V» MtBERSTERNä 12 sogar auf rein geistigem. Höret einen alten Magid in der Schul; klug ist er wie zehn nichtjüdische Philosophen. Er ist aber nicht in der Lage, einen Gedanken ruhig bis ans Ende zu entwickeln, er springt von einem Thema in das dritte. Das Ernste daran ist aber, dafi dies so seinen Hörern gefällt; sie haben das Bedürfnis für Ordnung verloren, für Regelmäßigkeit, für Anfang, Mitte und Ende, die eines dem anderen folgen, — wie in einer Armee beim Marschieren. Der Min^ker Prozeß beendet. Die Mißhandlung der Arbeiterin Barscftay. * Aus Minsk meldet die J. T. A.: Das Urteil gegen die Arbeiter, die die jüdische Arbeiterin Dreise Barsch äy lange Zeit hindurch aus antisemitischen Motiven in raffinierter Weise gequält haben, ist am 20. Jänner gesprochen worden. Der Hauptbeschuldigte, der Werkmeister TochiHn, wurde zu d rei Jahren Oef ängn i s verurteilt, wobe\< das Gericht ausdrücklich' betonte, daß auf seinen Fall die Oktoberamnestie keine Anwendung findet. Die drei Angeklagten Oruzdijew, Tuliakow und Kraßnljansky wunden zu je zwei Jahren Gefängnis verurteilt; gemäß der Oktoberamnestie vermindert sich ihre Strafe auf je ein Jahr. Von der zwei en Üruppe der Beschuldigten wurden Ptschofkin zu einem Jahrts, die Arbeiterin Nitschajewskaja zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Diesen beide« wurde dem Amnestie-Erlaß zufolge die gesamte Strafe erlassen. In Briansk wurden w«gen systematischer Verfolgung des Juden Bereisen drwi Leute zu je zwei Jahren, sechs andere zu kürzeren Gefängnisstrafen verurteilt Aushebung einer „antisemitischen Zelle". Die Sowjetpresse. berichtet ausführüch über die Aushebung einer sogenannten „antisemitischen Zelle", die in der Dobrousc.ba-Papierfabrik, die früher dem Prinzen Paskiewitsch gehört hätte, bestanden hat. Verhaf et wu den drei frölterei Mönche sowie frühere Polizisten. Die Mitglieder der Zelle pflegten geheime Sitzungen abzuhalten, in denen über Methoden zur Stürkung der antisemitischen Bewegung beraten wurde. De Gruppe verfüg1!'« über große Menge« antisemitischer Propagandaltteratur rawd verteilte Unmengen antisemitischer Proklamationen. Da»; Sonderkomitee, das zur Untersuchung der Ange'egenheit in die Fabrik entsandt wurde, verfügte die Schlieffumg des lokalen kommunistischen Büros, des foka'eit Gewerkschaftsorgans und der Fabriksgi'de. Neun Kommunisten wurden ans der Partei ausgeschlossen, 15 erhielten eine Rüge, Unter der Ueberschrift „B e s t i e n" teilt „Prawda" mitr In der Zuckerfabrik zu Schepetowkie terrorisierte eine Bande ütiter der Pöhrung eines Efferen Meisters die neueingesteliten jüdischen Arbeiter, um vom ihnen Geld zu erpressen. .Einer der jüdischen Arbeiter namens Ende wurde in das Räderwerk einer Maschine geworfen und kam nur durch glücklichen Zufall mit dem Leben davon. Auf den jüdische» Arbeiter M e 1 n 1 k wurde ein Sack mit Zucker geworfen» so daß er an den Beinen schwer verletzt wurde. Eiii dritter jüdischer Arbei'er, Kuris, wurde andauernd mißhandelt, bis er wahnsinnig wurde. Un'er großer Teilnahme der Arbeiterschaft fanden die Gerichtsverhandlungen gegen die Verhafte'en statt. Sie erhielten Gefängnisstrafen von fünf Jahren bis zu einem Jahr. Lenin aber den Antisemitismus. Der bekannte kommunistische Ftthreir Laria veröffentlicht in der Sowjetpresse einen Aufsatz, in welchem er auseinandersetzt, wie sich der Schöpfer des modernen Kommunismus, Lenin, den Kampf gegen den Antisemitismus gedacht hat. Larin teilt mit, daß Lenin persönlich einen kurzen Gesetzentwurf gegen den Antisemitismus abgefaßt hat, der in der „Iswestfja"« Nr. 158 vom 27. Juni 1918 abgedruckt war. Es heißt darin: „Sownarköm erklärt die anti- , semitische Bewegung als gefährlich für die Arbeiter und Bauern und ruft die arbeitenden Massen dazu auf, mit allen Krüften diese Bewegung zu bekämpfen, die nur unseren Feinden von Nutzen sein kann. Sownarkom beauftragt alle Räte, energische Maßnahmen zu ergreifen, um die antisemitische Bewegung an der Wurzel auszurotten. Diejenigen, die eine antisemitische Propaganda betreiben, sollen außerhalb des Gesetzes gestellt werden. Der Vorsitzende des „Sownarkom", Lenin." Seit Eröffnung ihrer Abteilung für Sprechapparate hat die „Olso" Erstaunliches geleistet. Die besondere Beliebtheit der von der „Oho" gelieferten erstklassigen Sprechapparate sowie die Kulanz und fachmännische Bedienung bat die Sprechmaschinenabteilung der .Olso'* zu einem führenden Unternehmen dieser Branche gemacht. Als besonderen Beweis Ihrer außerordentlichen Leistungsfähigkeit bringt die Firma ihren vorzüglichen .Olsophon4* auf den Markt. Dieser Apparat zeichnet sich durch erstklassige Tonwiedergabe aus und ist zufolce seines niedrigen Preises von S 100 auch für den Minderbemittelten erreichbar. Das „Olsophon" wird auch gegen bequeme Teilzahlung abgegeben, E

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