Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 72 (1.2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2711683-2711689--0958-2714135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 72 beschwipst m sein. Die Germanen erzählen, daß ihre ruhmvollen Vorfahren ein ganzes Faß Met!) auszu trinken pflegten, und das starke Getränk vermehrte noch ihre Kraft und Stärke. Auch die Juden haben uralte Lesenden. Sie erzählen, daß ihre frommen und gelehrten Führer dreißig Tage und Nächte hindurch fasteten und. lernten, und daß trotz alledem ihre körperliche und geistige Kraft nicht geschwächt worden sei. Wie seltsam Ist dies doch; viele Völker, die sich im Essen und Trinken hervorgetan haben, sind vom Hrdeurund verschwunden, ohne daß eine Spur und eine Erinnerung an sie zurückgeblieben wäre. Die Juden hingegen deren Größe und Stärke im Fasten ihren Ausdruck fand, bestehen und leben auch heute noch, und werden mit ihrem Fasten noch lange leben." |rriniiiiiiiiiiiiiiii(iiiii!ii^ §| Verband demokratischer Zionisten jj 5E 1 ■ E5 §§ Mittwoch, den 7. Feber .1929 um V99 Uhr S S abends Im ■ jg I Cate Produktenbörse (Klubsaal) § M 11^. Taborstraße 10 3 s S)r.' SV. Samonsky: § I flehod Hoam. Sein Leben und Wirken | 53 Eintritt frei Gäste willkommen || llllllllillilllH Der englisch-jüdische Gemeindebund. Die Frage der religiösen Scheidung, — Unterdrückung der Juden in Yemcn. — Neue Epoche in Rumänien. Aus London meldet die J. T. A.: In der letzten Sitzung des englisch-jüdischen Gömeindebundes wurde der Bericht des Parlamentskomitccs über die Frage der jüdischen religiösen Scheidung, über welche Gutachten der Autoritäten der Aschkcnasim- und der Sephardfrn-Gemeinde eingeholt worden sind, verlesen und angenommen. Es handelt sich in der Hauptsache um die Frage, wie man ein gerichtlich geschiedenes Ehepaar, namentlich den "männlichen Teil, dazu bringen könnte, auch die religiöse Scheidung zm vollziehen, damit beide Teile eine neue religiöse Eh e eingehen können. Es wurde sodann der Bericht des Außenausscbusses verlesen, dem zoi entnehmen ist, daß die Judenschaft der südlichen arabischen Halbinsel Yemen unter sehr starken Verfolgungen und Bedrückungen zu leiden hat. Die Juden Ycmens stehen unter härtesten Ausnahmegesetzen. Es wird das Eintreffen weiterer Informa-. fl.onen erwartet. V i '. Der Bericht verzeichnet, daß die neue tu m ä n is'e h e Regierung eine korrekte Stellung gegenüber der Judenheit des Landes einnimmt, und daß der Board of Deputies Anlaß,.hat, über die Besserung des Loses der Juden ih" Rumänien" erfreut..zu" sdti. In einem Bericht heißt es, daß die antisemitische Bewegung von den Straßen und den Universitäten einfach verschwunden ist. (Das ist, wie die Vorfälle in Buzeu zeigen, unrichtig. Red.) Die Regierung hat die schärfsten Maßnahmen zur Unterdrückung des-Antisemitismus an den Üniversitäten ergriffen und den Synod veranlaßt, ein Zirkular an die moldauische Geistlichkeit herauszugeben, in welchem den Geistlichen die Teilnahme an antisemitischen Organisationen untersagt ist. Die Regierung Maniti bereitet ein neues BürgergesotV, zü.r Vorlage an das Parlament vor, welches das Staatenlosen-Problcm in den annektierten Provinzen ziir Lösung bringen soll. In dem Bericht wird noch auf die Frage der religiösen Verfolgung in Rußland, sowie auf die Prozedur des Völkerbundes bei der Behandlung der Minderheiten-Angelegenheiten Be#tig genommen. Der Bericht wird angekommen. Die jüdische Wanderung. 50.000 Menschen fra vergangenen Jahr unterwegs. Das österreichische Wänderangsamt teilt mit: Die Gesamtzahl der Juden, welche im Jahre 1928 aus verschiedenen Ländern Europas ausgewandert sind, kann, ungerechnet die jüdische Wanderung nach Palästina, au f 50.000 Personen geschätzt werden. Der größte Teil wandte sich nach Südamerika, besonders nach Argentinien, Brasilien und Uruguay, nämlich 17.000 bis 18.000, nach Nordamerika konnten infolge der bestehenden Beschränkungen nur rund 1200 Juden einwandern. In Südafrika wanderten im Jahre 1928 4000 und in Australien 3000 Juden ein; kieine Kontingente wanderten nach Venezuela, Peru, Kuba, China und Japan.; Die größte Auswanderung von Juden erfolgte aus Polen, von wp die Hälfte aller Jüdischen Auswanderer stammte; ihm folgt Sowjetrußland, doch gestaltet sich die Auswanderung aus Rußland schwierig, wen* zahlreiche Staaten Leute mit russischen Pässen nicht einlassen wollen. Rumänien hat im Jahre 1928 fast ebensoviel jüdische Auswanderer geliefert wie Rußland. Eine große Auswanderurüg von Juden, 4000 Personen, ist auch aus Litauen zu verzeichnen. Wenn die finanziellen Mittel Vorhanden wären, würde die Auswanderung aus diesem' Lande noch viel beträchtlicher sein. Im allgemeinen finden sich die JfoH?cben Auswanderer in die. neuen Verhältnisse gut ein und Überwinden mit Ausdauer die ersten Schwierig- "ketten. . . ....... Der vom Indanthrenhaus Wien, VI. Mariahilferstraße 71 Einziges Spezialhaus Oesterreichs garantiert Wasch- und licht' echterStoffe für Kleidung und Heim Provinzversand / Tel. B-25-2-55 Die gläserne Mauer. —y. Die Entente cord'iale zwischen Hugenberg und Hitler, die vor einiigen^Tagen zustande gekommen ist, Wird auch auf Oesterreich ihren Schatten werfen lind sie ist darum auch für die Judenschaft dieses Landes bemerkenswert. Nach einer kurzen Pause hebt wieder der Exzeß-Antisemitismus sein struppiges Haupt. Ganze große Gebiete in Oesterreich und in Deutschland sind ihm Untertan. Er beherrscht die österreichische Provinz, und, was Deutschland anbetrifft, so hat erst vor wenigen Tagen das Blatt des Zentralvereins der deutschen Staatsbürger jüdischen Glauben darüber geklagt, daß in. Koburg .und in Oberfranken der Jude kaum mehr frei atmen kann. Wenn sich raun m den bekannten innen- und außenpolitischen Zwecken der rechte Flügel der deutsöhen Nationalisten mit dem. Hakenkreuz verbündet, so deutet das auf eine neue Verschlimmerung der Verhältnisse hin. Die Pause in der Tätigkeit der Hitler-' Leute war durch Geldm'angel ' hervorgerufen. Der Geheimrat Hugenberg bringt seine Brieftasche und seinen gut geölten Presseapparat mit. Allerdings ist dieser Herr taktisch klüger als der Münchner Tapezierer. Hugenberg gründet mit ihm ein Verlagsinstitut, dessen Publikationen den antisemitischen Geist WIEN, II., PRATERSTRASSE 7 (neben. .Sctiwedenbrücke 200 Zimmer modernst eingerichtet Erstklassige Kücfie Maßige Preise verbreiten sollen, ohne;das Wort Jud^.zu nennen. Es; gibt nämlich,in ^eu^chknd,^ M-nd' auph, in^Öester-* reich — Juden,, die sich die Duldung, durch ostentatives Germanisdh-Tiin und j-aofeh durch Geld, sogar durch viel Geld erkaufen und die trotz aller Dick-* felliigfceW doch noch empfindlich werden, wenn sie an ihr Geduldetsein erinnert wierden. Hugenberg will sie nicht unnütz vor. den Kopf stoßen. Er schafft sich ein Alibi, weil er weiß, daß die Heilotenkaste ihm sein Alibi gerne glauben will. Er wird das Versteoken&pielen so lange,'treiben, als es ihm nötiig scheint. Wen>n die Zeit gekommen sein wird, dann wird auch Hitler wieder auf die Stimme seines Herrn hören. Diese Hin'terhäÄkeit, deren sich der deutsche Nationalismus in b&ziiig auf die Judenfrage befleißigen will, ist eine womöglich noch ärgere Vergiftung des Volkes, als bisher vom Hakenkreuz betrieben wurde. Sie ist <Aie Gesinnung des Meuchelmordes. Man setzt voraus, daß es nicht mehr nötig scheint, den Juden offen die Anklage zuzustellen. Ihre Verfemung wird fortgeführt, die tollen Beschuldigungen von dem Weltherrschaftsstrebe'n werden aufrecht gehalten, aber so, daß die Juden als solche nur bezeichnet, aber nicht genannt werden. Es ist eine gläserne Wand, die um .sie gebaut wird, mit Bewird man leicht von Erkaltung befallen. Man muß daher rechtzeitig, Sorge dafür tiagen, daß im Hause nie fehle der in seiner schmerslindernden Wirkung einzige Franzbranntwein mit Menthol weicher für Massage, Einreibung. Umschläge und als Gurgelwasser gleich, unentbehrlich ist. [Nehmen Sie nur Dianall Wertlos« Nachahmungen weif «n Sie entschieden »urück I Ueberau erhältlich. nützunig der Tatsache, daß die Massen über Juden und jüdische Dinge . Überhaupt nichts wissen und darum jeden .Märchendichter preisgegeben sind. Dieser Zustand ist da und daß er herbeigeführt werden konnte, ist die übergroße Schuld der jüdischen Assimilation, die niemals einen ernsten Kampf gegen die antisemitische Pest gewagt hat, die ihr reiches Wissen und Können in unfruchtbaren Einzelaktioneu einer weinerliche,n Defensive verzettelt hat und Jv-ute nicht einmal das mehr tun will. Die Ghetto-Angst ist die Grundlage gewesen, auf der der Antisemitismus der Tat bauen konnte, und wenn man eine Zeitlang hoffen durfte, daß -die zionistische, natipnalc Idee von dem Recht des jüdischen Volkes auf gleiche Geltung den Gedanken des Widerstandes stärken werde, so scheint heute auch diese Hoffnung zu erlahmen. Audi in die zionistischen Reihen ist Mutlosigkeit gekommen, sie assimilieren sich der Assimilation und suchen die Bequemlichkeit des Unterdruckens. Der Zionismus war.die geistige und p o Ii ti sehe R ep r ä se n t a t io n des V ölk e s. Er nahm die Nation als eine einzige Einheit, für die er alles forderte,, was die anderen Völker besitzen. Und es lag in seinem Geiste, es verstand sich von selbst, daß die Zionisten nicht bloß für Palästina kämpften, sondern für Leben, Wirtschaft und Freiheit der Juden, wo immer sie sich befinden. Aus diesem Programm, das dem Zionismus das Vertrauen der Massen gebracht hat, ist die Hälfte gestrichen worden, die von der nationalen Tätigkeit in den Dia Sporaländern und, wie das schon bei Fiftihy-Fifthy so geht, ist auch die andere Hälfte angenagt. Die nationale Organisiertirig ist-die Voraussetzung für alles: für die Erringung der -nationalen Selbständigkeit in Palästina, für die Erkämpf ung des vollen gleichen Rechtes und der . Anerkennung als Volkstum in den heutigen : Wohmländern. Wer das eine.-zurückstellt,-wird ^uc^ für das anderer minderwertige Arbeit leiStei können. ■ Die Folgen sehen Wir. Der Judenhaß wird wieder frecher, die Assimilation bekommt Plan und System, der Abfall greift um sieb und die Abwanderung der jüdischen Intelligenz nach rechts und links, die Negierung aller jüdischen Werte wird zu einer alltäglichen Erscheinung. Das ist Ermutigung in Menge für das Heer der Feinde draußen, die freudig neue Scheiterhaufen aufschiebten um die gläserne Mauer, in die wir uns bannen lassen. Sowjetrußland und Yemen. Bolschewikische Propaganda unter den Arabers. Der Londoner Korrespondent der römischen „Tribuna" lenkt die Aufmerksamkeit Italiens auf das Abkommen zwischen Sow.JetruBland und Yemen, da Italien besondere Beziehungen mm Yemen unterhält. Dieses Abkommen, das Rußland zur Errichtung einer Handelsmlssion in Yemen ermächtigt, könnte vielleicht die Fortsetzung der Versuche zur Schaffung einer p a harabisc-hen Föderation bringen, deren Schaffung England wegen der inneren Widerstände iri Arabien mißlungen ist. Wahrscheinlich würde aber die, Sowjetpropaganda biebei an den nationalen Schwierigkeiten scheitern und das Ganze sich auf eine an «englische Intrige Moskaus beschränken, vielleicht aber auch auf Schaffung einer Propagandabasis gegen Indien, da ja die schlechten Beziehungen des Yemen zu Aden bekannt seien. Klassenkampf gegen nationale Idee» Eine neue Parole der ' judischen Kommunisten in RuOIand. Aus Moskau wird der J. T. A. gemeldet: Das Plenum der Jewsekzia (Jüdische Sektionen der kommunistischen Partei) hat eine Resolution gefaßt, in der die Notwendigkeit des Klassenkampfes in den jüdischen Reihen, in denen sich ein „Abmarsch nach rechts" vollziehe, betpnt wird. Die Mehrheit der Juden, heißt es in der Resplütion, hat Bourgeois-Gesinnung. Eine Anzahl jüdischer kommunistischer Funktionäre ist gegen die nationalistischen Tendenzen unter den Juden, die einer Union mit den jüdischen Nationalisten außerhalb Rußlands, zustreben, .allzu t o 1 e r a n t. Die Jewsekzia wird in den Städten die jüdischen Armen, besonders die armen Heimarbeiter, organisieren, um sie als Werkzeug gegen die „Pira/vy Uklon" (rechte Opposition), anzusetzen.