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Die neue Welt · 1929-01-25 · Heft 71 (25.1.1929) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 71 (25.1.1929)
Date
1929-01-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 7! DM* NEUE WELT Seite H ärgerten sich ohnedies, daß der Bräutigam sein ganzes Geld den „Grünen" zustecke und für ihre Tochter nicht sorge (ihnen gefiel' nämlich der Brillantring nicht, den Salomen ihrer Tochter zur Verlobung geschenkt hatte). „In Amerika sorgt man zuerst für sich" — predigten ihm die Schwiegereltern. Und Salomon hielt schon mehr zur Familie seiner Braut als zur eigenen. Nach diesem ergebnislosen Besuch beim Bruder kam Moses nach Hause und erzählte der Mutter, das .,Buch" könne ihrer aller Glück sein; es sei die .,Chance" seines Lebens. So machte sich denn die Mutter auf und ging selbst zu ihrem Aeltestcu; sie bat und flehte, küßte und umarmte ihn, schluchzte und weinte, er möge dem Bruder das Geld für das Buch borgen, denn „nächst Gott erhält mich Mosesleben". Doch wie es die Mutter vorausgesehen hatte, sie richtete bei Salomon nichts aus. Er jammerte, daß die Familie ihn schon wieder nicht heiraten lasse: „Nehme ich das Geld aus dein Schuhgeschäft heraus, so wird sich, Gott behüte, die ganze Heirat zerschlagen. Und der Schwiegervater will mir dann Hochzeit machen, bis ich meinen Viertelanteil in das Geschäft eingelegt habe." So ging denn die Mutter zu ihrer künftigen Schwiegertochter, 'küßte ihr die Hände und bat sie mit Tränen in den Augen, sie möge Salomon dazu bringen, dem Bruder das Geld für den Ankauf des Buches zu leihen. „Au-f dich, mein Kind" — sagte die Mutter zur Braut — „wird er eher hören als auf seine eigene Mutter; denn sein Herz gehört schon dir, nicht mir." Von all dem aber durfte Anscbel nichts wissen; er war ein jähzorniger Mann, und hätte er etwas erfahren, so hätte er am Hude dem Schwiegervater Skandal geschlagen und aus der Hochzeit wäre nichts geworden. Das war Muttens Sorge um das „Buch1'. Hatte sie da noch den Kopf für Coney Island? Für Meerbäder? Konnte sie es sich überhaupt gönnen, krarok zu sein? Dritter T eil. I. Simson. Eines Nachmittags — es war Sabbat und die ganze Familie war zu Hause — öffnet sich die Kellertür und ein Bursche tritt ein, der einen neuen Anzug trägt (der Anzug ist so neu, daß seine Neuheit geradezu in die Augen sticht), dazu aber trägt er ein Paar zerrissene Schuhe und einen zerrissenen Hut; er fragt laut: „Wohnt hier Dwojre Zlotnik?" Dwojre blickt auf, vor ihren Augen wird es hell und dunkel zugleich — Buchholz in einem neuen Anzug, mit zerrissenem Hut und zerrissenen Schuhen! Zu der Eltern Verwunderung und Aerger steht Dwojre auf, und ohne ein Wort zu sagen, faßt sie den Burschen unter dem Arm und geht mit ihm fort. „Na also, da hast du den Beweis, was Amerika imstande ist!" — Anschel blickt Sure Kifke an, Sure Rifke kneift sich in die Wangen. Auf der Straße beginnt Buchholz: „Ich habe ein paar Dollar, ich bin Sie holen gekommen; ich will Sie ausführen." „Woher haben Sie meine Adresse gewußt?" „Ich habe-Sie herurngesueht. Wo Sie wohnen, habe ich nicht gewußt. An Ihrem alten Arbeitsplatz habe ich Ihre Adresse erfahren." „Ich arbeite nicht mehr dort." „Gut so." „Warum gut?" „Weil Freier dort hinaufkommt." Dwojre lacht. „Woher haben Sie Geld? loh sehe doch emen neuen Anzug an Ihnen." „Er kostet zwölf Dollar, nicht fein?" — Buchholz präsentiert sich im neuen Anzug, dessen Aermel zu kurz und dessen Kragen zu weit ist. „Ja, er ist gut. Doch woher haben Sie das Geld?" „Ich habe gearbeitet." „Wo haben Sie gearbeitet,?". „Wo es ging. Ich habe auch e*n weni# bei Kohle gearbeitet" < „Bei Kohle?" --.fragt Dwojre verwundert. — „Was haben Sie dort getan?" „Was liegt daran? Ich wollte einen neuen Anzug haben umd v ein paar Dollar in der Tasche:' Ich wollte mit Ihnen ausgehen" »— sagt Buchhol'/, schüchtern. Dwojre lacht. „Also, was wollen wir-anfangen?"- „Ich habe schon das ganze Programm gemacht. Zuerst fahren wir mit dem Autobus durch die Fünfte Avenue, aber auf dem Oberdeck. Wir wollen uns die Straßen ansehen; ich sehe mir gern die Straßen vom Autobus herab an. Dann nehmen wir uns ein Boot im Centralpark. Allright? Aber vielleicht wollen Sie z/nerst essen? Sind Sie nicht hungrig? Am Abend gehen wir ins Kiino. Wollen Sie? Im .Apollo' läuft ein Wildwestfilm. Ich liebe .Wildwestfilme', das Leben, Cowboys auf Pferden . . . Oder wollen Sie vielleicht ins jüdische Theater gehen?" (Fcu-Uätxuiig iolgt) Copyright 1928 by „Die Neue Welt", Wien. Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von Schalom Mechern. Ins Deutsche ubertragen von P. Rosen hall. (14. Fertxtewngj) Res! ist ganz und gar überrascht. Und Scholem Meir Murawtschik macht seine Sache, spricht ohne aufzuhören: „Was denn sonst? Wie kann man solch ein Stück Gold im Kot liegen lassen? Wie kann man ein solches Talent verloren gehen lassen! Ich stelle mir dein erstes Auftreten vor bei uns auf der Bühne in der Rohe der „Blümelc" oder der „Sularnith" oder in* „Schabbes Kojddcsch" im kurzen Kleidchen und in kleinen Schuhen und du singst mit deinem süßen Stimmchen die schönen Lieder von Goldfaden, von Feimnann oder von Lateiner, da ist doch, hörst du, daneben das ganze Theater, wie es leibt und lebt, Jür die Katz! Oder, sagen wir, du verkleidest dich als Junge mit schwarzem Kraushaar und wirfst einen Blick mit deinen feurigen Zigeuneraugen und läßt ein Lied Jos „Heiße Bohnen" zum Beispiel (Scholem Meir singt leise -mit seiner halbheisern Stimme „Heiße Bohnen" und sieht Res! an, was es denn fftt einen Findruck auf sie macht): Seh den Strolch, dort in der Gass, Nichts tun, ja das tut er, Gehn als Tagedieb fürbaß 'Tut aus Ucbcrmut er. Ist so stark wie ich gebaut, Plagt sich nicht in blutigein Schweiße, Wenn er laut ruft, immer laut: Heiße Bohnen, Juden, heiße! Versteht sich, daß du mit deinem Stirnmeuen, mit deinem Mündchen, wenn du dieses Licdcheu von den Bohnen hinlegst, das ganze Publikum vor dir geradezu krepieren machst. Sprich, vielleicht nicht, mein Seelchen?" Da Scholem Meir Murawisehik sieht, daß er nicht in den Wind hineinspricht, tritt er ganz nah an sie heran, streichelt gan;z zart ihre Hand und fährt mit seiner heiserigen Stimme fort: „Hörst du, mein Vögclchen, kannst Gott danken, daß du mit mir zusammengetroffen bist. Unsere jetzige Primadonna ist auch nicht irgendwer und auch von armen Stand so wie .du. Aus einem kleinen Städtchen ist sie, aus Polen. Das hat sie mir zu verdanken, daß sie eine Schauspielerin bei uns am Theater ist. Da hab ich ihr zum Entlaufen verholfeii. Es ist eine schöne Ge* schichte, kannst ruhig zuhören. Ihr Vater ist alles in Schade. Scholem ' M"ch;"''Mura\vtscfhik muß seine Geschichte von der Primadonna , unterbrechen. Er sieht, wie sich von ferne, unter dem Licht des feurigen Himmels, aus der nächsten Gasse her eine Figur loslöst, zum Hause des Chascn zielend» da paßt es ihm nicht, mit des Chasen Mädel dazustehen, es. könnte seinem ganzen Plan schaden, den er schon im Kopf ausgearbeitet hatte, während er hier draußen stand. So nimmt er also Abschied von Resl, indem er; »ein. paar gesungene gereimte Worte mit etwas verdeckter Bedeutung nachschleift1: »Wirst sein du ein klug Meidele, Wirst haben du ein Kleidele!' * Die Figur, die sich aus der nächsten (jasse löste, war kein anderer als der Held unseres Romans, des reichen Rafafowitsch Sohn Lebl. 2 8. Kapitel. FÜnfachn Minuten Zwischenpause. i Wir haben unseren jungen Helden, den seinen eigenen Leichenzug begleitenden Lebl, verlasseu, das heißt, wie er im Theater sitzt und sich vorstellt, daß er gestorben ist und alle seinen frühen Tod beklagen, ihn beweinen und zur ewigen Ruhe geleiten. Das Bild gibt sich ihm so klar-lebendig und traurig-rührend, daß es ihm ans Herz greift, und er spürt auf seinen Lippen heiße, salzige Tränen ~- seine eigenen Tränen. Lebl beweint Lebl und so, im Theater sitzend, hört er u.id sieht er nicht, was auf der Bühne vorgeht, und erwacht erst dann, wenn unbändiger Lärm entsteht und Gelächter und Geschrei: Hotzmach, Hotzinach! Dieser Lärm weckt unsern jungen, Helden aus seinen traurigen Träumen und bringt ihn in. die Welt der Wirklichkeit zurück, in der Juden sich ergötzen am jüdischen Theater, sich freuen, lachen, schreien, lärmen bis zum Biegen. Fünfzehn Minuten Zwischenpause, so steht es schwarz auf weiß auf den Affichcn des Theaters gedruckt, aber das ganze Publikum' weiß -— einen Juden betrügt man nicht — was das für fünfzehn Minuten sind. So viele Geschwüre sollen sie bekommen wie es mehr sind als dreißig! So sagt das Holcneschtier Publikum und die Leute verlassen ihre ergatterten Plätze und gehen hinaus ins Freie, der eine, um zu plaudern, der andere, um frische Luft zu schnappen, der dritte, um einen Bekannten oder Verwandten, der kein Billett hiv, ins Theater hineinzuschmuggeln und wieder ein anderer, um gar einen Sprung hinter die Kulissen zu, tun. Es gibt in Holeneschti welche, die sich während des Zwischenakts hinter die Kulissen stehlen. Selbstr verständlich geht dorthin kein anständiger Mensch, kein wohlhabender Bürger, höchsten« ein Musikant oder qn Handwerker oder überhaupt ein Ltimpenfkcrl, der in Holeneschti nichts zu verlieren hat. Dorthin stiehlt sich auch, wie wir schon wissen, des Großbürgers . Junge Lebl durch eine besondere Tür, die nur für ihn offen steht. Und sooft unser Lebl hintritt, fühlt er sich in einer andern; Welt. Wenn er über die wackelnden Bretter der Bühne schreitet, scheint es ihm, daß er nicht geht, sondern flattert, schwebt, in die Lüfte getragen wird. Und sieht er die maskierten, mit Kreide beschmierten Akteure und Aktricen, wie sie laufen, wie sie springen, wie sie hüpfend einen Bissen, ein Trunk, einen Trailer tun. glaubt er einer von ihnen zu sein und unwillkürlich übernimmt er. die Art ihres Gehens, ihres Sprechens, alle ihre Bewegungen und Kunststücke, so daß er, wenn er morgens in den Chedcr kommt, seinen Mitschülern so seltsame Künste zeigen kann, weshalb sie ihn dicscrwillen mehr beneklen als um seines reichen Vat.MS willen. Diesmal, als Lebl wieder lunter die Kulissen kam, lagen ihm nicht die Bühne, nicht die Schauspieler, nicht die Kunststücke im Sinne. Er ging air der Primadonna mit den blauen, stark untermalten Augen und den großen Messingreifen, die von ihren Ohren hßrabbaumelten, teilnahmslos vorüber. Er streifte auch an den andern Schauspielern vorbei, die untereinander an einem Apfel aßen und dazu allerlei Spaße trieben. Lebl scherte sich jetzt um nichts. Er suchte Hotzmach in allen Winkeln. Hotzmach war schwer im Kosfüni des Schnorrer sohn — au jenem Abend ging da* weltberühmte Stück „Schnorrersohn et Hungerniami" — zu erkennen. Hotzmachs Kostüm bestand aus einem zerrissenen Frack, von dein die Fetzen herunterhingen, einem alten zerknitterten fettigen Zylinder, stark verschmierten Halbschuhen, aus denen' die Zehen hervorlugten, einer geflickten Mose, und zwischen den aufgenähten Flecken — die Spielkarte Eieliel-As. Dieses Eichl-As rief beim Holeneschtier PubhV kuni soviel Gelächter hervor, daß vom ersten Augenblick an, da Schnorrersohn-Hotzmach sich auf der Szene zeigte, bis zum Aktschluß das Publikum; fast verging. Hin-# gehn und die Hosen — ich will eurer Ehre nicht nahetreten — an einer heiklen Stelle mit dem Eichel-As flicken, das ist ein solcher Schlager von einer Idee, daß er niemand in Holeneschti nicht einmal in tausend Jähren einfa^en könnte. Die Leute waren.dessen sicher, e^ sei ein Einfall Hotzmachs — Menschen mit Wohlwollen! und brachten diesmal ihrem Liebling Hotzmach so große Ovationen dar, daß der Direktor des Jüdisch-deutschen; Theaters Albert Schtschuppak, der die Rol'Ic des Hurigermann spielte, vor Neid zerplatzte. Hingegen war Hotzmach im siebenten Himmel. Er spürte, daß er am heuligen Abend göttlich spielje und daß ihm die Leute „die Stiefel küssen". Als er Lebl sich hinter den Kulissen herumdrehn sah, wußte er, daß er ihn, Hotzmach, suche, wahrscheinlich ihm danken wolle für sein heutiges Spiel und ihm vielleicht auch einige gute Sachen bringe, so rief : er ihn gutgelaunt an. „He, Fratz, wen suchst du? Den gestrigen Tag? Warum sieht nun dich nicht, Seelchen meines?" Lebl tritt näher an seinen Freund, bittet ihn, sich a* ihm herabjzubeugen, weil er ihm eine wichtige Sache in» Ohr sagen möchte, „Ein Geheim-—nis für ganz Pa—ris," sagt Hotzmach« indem er sich zu seinem Freund Winunterbeugt, so daß sein langer Körper fast in zwei Hälften zerbricht. Das Geheimnis empfangen, schnellt Hotzmach empor, in seinen scharfen, spitzen Augen leuchtet es awf, er klopft Lebl auf die Schulter. „So hab ich dich gern, so bist du einer von meinem Holz. Was denn sonst? Ganz meine Worte! Ich hab dir schon längst gesagt, daß dein Platz nicht hier ■— da ist! Wenn's nicht wahr ist, soll ich elendiglich drauf* gehn!" In diesem Augenblick wächst hinter Hotzmachs Rücken Hungormann (Albert Schtschuppak) empor. „Was für Platz? Wer platzt? Wer zerplatzt, Hot»- mach?" * Des Direktors Stimme vernehmend, dreht sich Hotzmach erschrocken: um, faßt sich aber bald und zeigt mit dem Finger auf Lebl. „Er sagt, der Junge, daß jemand im Theater ohne Billett einen Platz eingenommen hat." Die Worte „ohne Billett" machen den Direktor vor Wut und Zorn beben. Er kann diese Worte nicht hören, wie ein Gärtner die Worte „eüue Sau im Garten" nicht verträgt. „Scholem Meir, wo steckt der Scholem Meir? D*e> Cholera soll —" schreit Schtschuppak und sucht Lebt mit den Augen. Aber Lebl ist nicht mehr da. 2 9. Kapitel. Rache! Rache! Rache! hi dieser Nacht schlief unser Held - man kann sagen - wie nach einem Bad. Eingeschlafen war er mit einem fertig ausgearbeiteten Plan für Rache, Rache, Rache! Rächen muß man sich, rächen, (BofttHamg feist!

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