Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 70 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 70 MF NEUE WELT Seite II11 „Die Mutter". Die ' 38." Fortsetzung des Romanes von Schalom Ascli mußte raummanjrelshalbcr entfallen. Der Schiedsrichter Doubeck, der das Match korrekt leitete, sah sich zur Sicherheit der jüdischen Spieler gezwungen, das Match abzubrechen. Die Tore erzielten Neumann (3), Placzek und Arm. Aufstellung: Kohn; Weinwurm, Bleichfeld; Bäumer, Placzek, Welzer; Eisenmayer, Arm, Neumann, Rosenbaum, Sternbach. Gold verläßt die Hakoah. Wie bekannt, hatte der Verteidiger der Hakoah, Gold, seinem Verein die Kündigung überreicht, die offenbar daraui hinzielte, im Wege von Verhandlungen eine hohe Monatsgage zu erreichen. Nun hat sich aber Sonntag-, vor dem Match Wacker—Hakoah, ein Vorfall ereignet, der alle Verhandlungsmöglichkeiten stört. Gold hat sich nämlich geweigert, zu diesem Spiel anzutreten, mit der Begründung, daß mit dem Augenblick der Kündigung für ihn jede Verpflichtung erloschen sei. Die Sektionsleitunp ist nicht geneigt, dieser Auffassung beizupflichten und will die Konsequenzen ziehen, daß jede weitere Verhandlung mit Gold abgebrochen und er als endgültig ausgeschieden betrachtet wird. Wortmaim, der Torschützenkönig Amerikas. Die früheren Spieler der Wiener Hakoah sind, wie bereits berichtet, der New-Yorker Hakoah beigetreten. Der jüdische Professionalverein ist dadurch auf einmal zu dem populärsten Klub New-Yorks geworden. Unter den ehemaligen Wiener Hakoahnern hat einer, den man in Wien nicht mehr ganz voll genommen hatte, nämlich Wortmann, die größten Erfolge zu verzeichnen. Wortmann ist ein ' ausgezeichneter Torschütze und führt in der Torschützenliste mit 25 Treffern. Den dritten Platz nimmt Eisen hofer mit 13 Goals ein, dann folgen Schwarz mit 10, Griinwald mit 3 und Häusler mit sechs Treffern. Wortmann hat sich in Amerika einen glänzenden Namen gemacht, die jüdischen Zeitungen behaupten sogar, daß er nach den großen Boxern einer der populärsten Sportsleute Amerikas überhaupt ist. Er bezieht einen Wochenlohn von 75 Dollar. Ende Juni dürfte Wortmann gemeinsam mit den anderen Wienern nach Wien fahren, um hier seinen Urlaub zu verbringen. Aus den Vereinen. Hasmonea. Freitag, 8 Uhr, Spielerversammlung und Aufsteilung gegen Slovan (Cup). Sehr geehrte Damen und Herren! Wir erlauben uns ihr fiueresse auf den Großiilm „Der J a z z s ä ti g e r" (Das Li'Led der Väter) zu lenken, der ab 22. Jänner 1929 im Centrai-Kino, IL, Taborstraße 8, zu sehen sein wird. Wir glauben und hoffen, 'daß Sie — gleichgültig wie Sic der Filmkunst an sich gegenüber eingestellt sind ~rdiesem rein jüdischen Film Ihre Aufmerksamkeit nicht entziehen werden. Die Hauptrolle in diesem Film spielt einer der bekanntesten. Juden Amerikas, der gleichzeitig auch zu den anerkanntesten und höehstbezahlten Schauspielern der Union zählt: AI J o 1 s o n. Der Film behandelt -die Lcbcnsgeschichte dieses Künstlers,' der sich aus den Tiefen des amerikanischen Ghettos zu den Stars am amerikanischen Filmhimmei emporgearbeitet hat. Üebcrdies 'ist damit eine Attraktion verbunden, die nicht nur in Wien, sondern .in ganz Mitteleuropa noch nicht da war, indem der Film Toneinlagen enthält, in welchen neben anderen auch der weltberühmte New Yorker Oberkantor Josef Rosen blatt zu hören sein wird. , Der Film „Der Jazzsänger" (Das Lied der Väter) wurde bisher in sämtlichen Metropolen (New York, Ohikago, London, Berlin, Frankfurt a. Main und Hamburg) als Meisterwerk anerkannt und hat einen noch nie dagewesenen Zulauf, und zwar nicht nur vom jüdischen Publikum, sondern auch von den Andersgläubigen gehabt. Wir bitten Sie nun, diesem Film hier in Wien, einer der größten Judenstädte Europas, Ihr besonderes Interesse entgegenzubringen und dieser Spitzenleistung jüdischer Filmkunst und jüdischen Gesanges zum verdienten Erfolg m verhelfen. Zusammenfassend kann, ja muß gesagt werden: „Alle jüdischen Männer, alle jüdischen Frauen, alle jüdischen Kinder sollen diesen Film gesehen haben." E Ein Geschenk an die Wiener ist die S e I d e n w o c h e im populären Leopoldstädter Warenhaus Brüder S c h i f f m a n n, IL, Taborslraße 48. welche wegen des starken Zuspruches verlängert woiden ist. Sie ist ein neuer Beweis für die außerordentliche Leistungsfähigkeit dieses, als beste und billigste Bezugsquelle besibekannten Kaulhauses. Nachstehend einige Preisbeispiele: Kleider-K.-Seide, 80 breit. ... .98 Groschen Failie de Ciaire und Brokate, 80 breit. S 1.90 Moirö-Seide, per Meter ... *.....S 2.50 Diagonal-Seide, 75 breit.........S 1.90 Satin de Chine, 90 breit S 4.50 und . . . 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Verloren die Schul, gottbewahre! Was werden wir tun... Rascher, Israel, rascher. Aber] leg dir mein Kopftuch um, daß du dir den Hals nicht verkühlst, rascher, rascher..." Unnötig treibt Lea ihn zur Eile an, denn Israel ist schon ohnehin bald fertig. Israel hat schon Wasser it'tber die Hände gegossen, ist in den Kaftau geschlüpft (Leas Kopftuch hat er mit einem „Warm genug draußen" abgelehnt) und blitzschnell rast er zu Benzion dem Schächter, die Schul zu retten. Wenn es bei einem Brand ans Retten geht, ist Israel der Chasen der erste in Holeneschti. Wenn es nur jemand gibt, der mithilft^—- ein Eimer Wasser, eine Leiter, eine Axt, ein Strick oder was immer, springt er ins Feuer hinein, bedenkenlos, mit Lebensgefahr, Sonst Ist Israel durchaus ein zartes Ding, Geist ohne Körper, eine Fliege. Doch kommt ein Brand, wird er ein Starker, ein Held, ein riesenstarker Riese. Zehn Scheiben einschlagen, sich die Hände blutig schneiden, für ihn ein Kinderspiel. Aufs Dach klettern und erschlagen werden, bei ihm gar nichts. Lea weiß das, läßt ihn deshalb auch nicht allein gehn, geht ihm nach und jetzt erst recht, wenn's so nah ist bei der Schul...! ,Was macht man aber mit dem Kind', sagt Lea zu sich selber, geht hin zu Resl, sieht hin, wie sie zerwühlt daliegt und hört zu, wie gut sie schläft, rückt ihr die Decke zurecht, und wirft leise hin: .Eingeschlafen die Arme in den Kleidern, auf mich ihr Leid', und macht sich auf den Weg zur Brandstätte, nur einen Blick hinzuwerfen, ein halben Blick, und sofort umzukehren. . . . Sofort umkehren? Man spricht nur so. Wie kann man von einem Brand weggehn, wenn das Feuer knistert mnd von einem Dach zum andern schlägt? Es ist ja wahr, zu Benzion des (Schächters Wohnung ist's noch genug Weit und zur Schul gewiß. Das Brennen hält vorläufig bei Oseher dem Bäcker. Wo ist Oscher und wo äst die Schul? Na, und: wenn schon! Ist Oscher der Bäcker vielleicht kein Jude?1 Es ist wahr, Oscher trägt Selbst schuld dran, man hat ihm oft genug gesagt, er soll mit dem Rost vorsichtig'Sein und ein wenig öfter den Kaminfeger holen lassen, \ es werde einmal seinetwegen ein Unglück geschehn; aber was hört schon ein Bäcker lauf derlei .-•!''. ••,!-L)affir-'--lcridgt'"Vf aberaucheins ab. Hol der Teufel den .Bäcker,..sein .Haus ist verloren, es brennt von allen Seiten, brennt wie eine Kerze. Was soll aber mit den Nachbarn gescheh'n?i Rund herum jüdische Häuser, mit Stroh und Schindeldach und eng aneinandergedrängt. Ein leises Windchen nur, aha, aus mit der ganzen Gasse, mit Gottsgass. Und flugs schlug man sich zu den Häusern, die rings um das Haus Oscher des Bäckers liegen. Man lief um Eimer, brachte Aexte, trüg Stricke her, schleppte Leitern heran * Und . Israel der Chasen sprang auf das Dach Mojsche Bärs des Fleischhauers und kommandierte von dort oben wie ein erfahrener Branddirektor, man möge Hilfe bringen, denn schon brennt des Fleischhauers Haus und nach dem Fleischhauer, kommt dran Reb Schmul der Row und nach Reb Schmul dem Row Nojech der Dajin [und nach dem Dajin kommt Benzion der Schächter und nach Benzion dem Schächter die Schul — nicht umsonst heißt diese Gasse Gottsgass. Zu groß aber war der Zusammen lauf und das Geschrei und der Lärm, als daß man Israel des Ghasen Stimme vom Dach des Mojsche Bär des Fleischhauers j hätte hören können. „Weh ist mir," schrieihm die Chasenfrau Lea,, lebhaft mit den Händen fuchtelnd, zu. „Was machst du oben, Mörder? Du wirst dir noch den Hals zerreißen,, ohne Messer! Jetzt vor den Hohen Feiertagen!..." Und Israel der Chasen — wie wenn er es vorgeahnt h'ätte! Man hatte' noch kaum Zeit gehabt, das bischen Plunder aus des Fleischhauers Nachbarhäusern herauszutragen, als schon das Feuer von Oscher dem Bäcker hinüberschlng zu Mojsche Bär dem Fleischhauer, undunter dm Leuten entstand' •,Veldes Geschrei: „Der CiiasVn, Chasen!"... 2 7. K a p i t e 1. Scholem Meir spricht im Bogen. Was wollte man zum Beispiel nur von des Chasen' Tochter Resl? Hingegangen, ein. Mädel genommen, es" bei Rafalowitsch im Hof awff' einen Klotz gelegt. Und Weiber drehen^ sieh hin und, her um sie .herum, Weiber ohne Zahl. Die Weiber gehen immer wieder hin zum Holz, wo Resl angebunden liegt, beugen sich vor, schauen scharf hin und fragen eine die andere: ,Es brennt? Es brennt, es brennt!' Was soll das bedeuten? Geht man gar daran, sie zu verbrennen? Sie will aut'sieiui, sie kann nicht. Man hat ihr Hände und Füße gebunden. Sie hört, wie unter ihr das Holz knistert. In die Augen schlägt rote. Helligkeit. Da rafft sie. alle Kräfte zusammen, zerreißt die Stocke, und — sie erwacht. Sie liegt bei sich» ganz. angekleidet, auf dem Bettchen. Sie hört hin — ein Gelauf, ein Herumgerede: „Es brennt... es brennt!" Siet wirft einen Blick aufs Fenster — die ganze Gasse ist rot übergössen. Der Himmel ist von höllischem Feuet: erleuchtet und Menschen laufen. Resl ruft nach der Mutter, ruft nach dem Vater — keiner da. Was heißt das?..„ Eine Minute nur und —- schon ist Resl draußen. Verzaubert bleibt Resl vor der Tür stehen. Mit ährer kleinen, nackten Hand beschattet sie die halbgeschlafenen Augen. Der rote Shawl ist vorn ungeflochtenen Haar herabgeglitten, unter dem weißen Rock gucken ein paar ausgetretene Schuhe hervor, von oben bis unter« wird sie vom Schein des höllischroten Himmels übergössen; und das Mädchen erstrahlt in neuer flammender Schön" heit. Aber wer wird so vermessen sein, dieses seltene Bild festzuhalten, das schwarze feuerumflammte Mädchen im aufgelösten schönen Haar mit den. .dunklen anmutigen Wangen, die sich unter dem höllischroten. Himmel angezündet haben, und mit den schwarzen glühenden halbverschlafenen Zigeuneraugen, die aus ihrem schönen dunklen, feuerübergossenen Gesicht herausleuchtcn wie zwei Sterne aus dunklem nächtigem Himmel? Und wo gibt es Farben, die in dieser wärmen stillen Sommernacht Gottsgass malen könnten, Gottsgass unter dem höllischroten Himmel, der die Stadt und die Häuschen und; die Gesichter der Menschen beleuchtet, die renneu und! drängen und sich zusammenrotten, schreien und lärmen, mit den Händen fuchteln, von der Ferne Wie tanzende Geister aussehen! „Guten Abend, Kätzchen, ganz allein gar? Schwetf für die Mutter! Wahrscheinlich zum Brand hingelaufen,,, die ganze Stadt ist ja dort. Kaum gehört, daß ein Brand'! ist auf Gottsgass, hab ich mir gleich gesagt, man muß1 hingehn und hinschaun, was es dort beim Chasen gibk| So gebe mir Gott Glück und Gute Verrichtung!" Nach der Sprache ist es unschwer zu erkennen, daß man es mit Albert Schtschuppaks rechter Hand und' Flügeladjutantcn, unserem wohlbekannten Scholem Meist' Murawtschik zu tun hat. Diesmal gerade ist Resl nicht vor ihm erschrocken* Im Gegegenteil ,sie freut sich, .einen bekannten Menschen zu. werblichen, der vielleicht weiß," wo esbrennt» Scholem Meir kann ihr nicht sagen,, wo es brennt» „So soll ich Bös'*) wissen und Gimml *.) und Da« leih*)! Was ist schon der Unterschied, wo es. brejjudj, bei Berl, bei Schmerl oder JokJ oder,...Sender,! Ich seh man lauft, lauf ich auch. Sag 'mir 'lieber," "'MätfelcTiejn« w|as war denn < lös!,. daß. du heute-. nicht ' zu xms 'insl Theater gekommen bist? Ich hab dich mit den Augen gesucht, neben dem Fratzen, wo du immer sitzst, und: hab dich nicht finden können. Hab schon geglaubt, du|j bist irgendwie krank oder sonst ein Unglück." Erst jetzt erinnert sich Resl wieder, welchen Taj^s sie heute durchlebt hat und welche Nacht von Nöten*, Verdruß und Tränen... Und sie weiß selbst nicht, wagi sie tut, aber sie vertraut sich diesem Menschen an. Sie i erzählt ihm die ganze Wahrheit in kurzen Worten, daß1 die Mutter sie damit bestraft habe, sie wisse nicht wofür; Veillcicht dafür, daß sie zusammen mit dem Vater .den} Rebojnoj schel ojlom gesungen habe. „Das ist es gar? Jüdische Faxenmachereren. h'ahaha,**' lacht Scholem Meir Murawtschik mit dünnem heiserem Gelächter, verfällt aber gleich wieder in ernsten Ton, wackelt bedauernd mit dem Kopf und seufzt dabei über solch!; einen Brillanten, der hier — ach und weh den Jahren: •— sich i;n Holeneschtier Kot herumwälzen muß unter} Tieren^ die ihn nicht einzuschätzen wissen-und noch daziil bei den fanatischen Eltern, die selbst nicht verstehen«, wo ihres Kindes Glück ruht. Resl hebt zu ihm die Augen auf. Was eigentlich]; meint der Mensch damit! Scholem Meir spricht weitetr und immer noch im Bogen. „Von der ersten Minute, da ich dich hier singerti hörte — erinnerst du dich, .neulich am Morgen — du hast gesungen, ,Rozinkes mit Mandeln* hast du gesungen). — hab ich mir gleich gesagt, ja das ist sie, die wirklich^! Primadonna aus dem Primadonnalande, so gebe mir Gott Glück und Gute Verrichtung!" Resl versteht ihn immer noch nicht ganz; er spricht' weiter. „Und wer spricht schon davon, als du dich hinstelltest mit dem Vater Rebojnoj schel ojlom singen?, sagtd ich, das Mädel ist von Gott erschaffen worden für unsere Theater..." „Ich?" Mehr kann in diesem Augenblick Resl nicht hervorbringen. Sie fühlt, wie ihr das Blut ins Gesicht steigt. „Ich hab es sofort unserm Direktor gesagt. Man darf nicht, sag ich ihm, ein so goldiges Primadonncheuf verloren gehen lassen, man muß sie, sag ich, um jeden; Preis von hier herausschleppen." „Um jeden Preis?" *) Durch hebräisches Alphabet gebildetes Wortspiel, (Fortsetzung folgt.)