Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 70 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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R E V U E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: Wien, lX.f UniversitäisstrajBe 6—8 Telephon: A25-2-82 — Erseheint jeden Freitag tfEZUGSöEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.--; Polen monatlich Zloty 2 — vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.-, verteljabritr Kc 15-; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vlertel'ährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.- viertel [ährig Lei 120.—. BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark 1.— vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.—; Italien monatlich Lire ä.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder mo atllch Schwei/er Francs t,50fvierteljahrig Schweizer Francs 4:50. jahrßäns 3 Freitag, den tj^ Jänner 1929 Nr. 70 Acht M Dollars Judingel^ Sowjetrußland. $ . Alle im redaktioncillen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. Aus dem Inhalt: Dr. Max Soloweitschik, Berlin: Der letzte Schritt. Die Juden von Jib. Dr. Fritz Löwensie in: Die Lage in Palästina. Lnndgerichfsrat Gellin dienstentlassen. Ein neues Werk Albert Einsteins. N. R.4 Warschau: Die Entkräftung der Juden Polens* Schalom S c h war z b a r t: Die Jragödie der jüdischen Soldaten in? Weltkrieg. Alis der jüdischen Tv^cauuu Sportbewegung. Schnlora A1 <* c Ii c m: 1£oij<4«1■■<+• Äöitisemitiscke Angriffe aaf Poincarö. Wcse;? softes KJutretens für Drcylus. Aus Paris meklet die J/T. A.: In 4er leteten Sitzung der französischen Kammer kam im Verlauf der Diskussion der Ministerpräsident R. Poincare* auf seine Rolle im der Affäre Dreyftis zu sprechen und sagte: Im Jahre 1898 habe ich mein Herz erleichtert, als ich dem Gericht die Enthüllung machte von dem Bestehen eines Kapitän Dreyfus.entlastenden Geheimdokumentes, das dem Gericht vorenthalten war. Diese meine Enthüllung brachte ein neues Verfahren In Gang, wodurch sich Dreyfus' Unschuld zweifelsfrei erwies. . Poincare;ist nun wegen dieser Aeußeriung Gegenstand einer wütenden Hetze seitens der antisemitischen Presse'. „Action Francafee" sohrei'bt, Poincare habe nur das Verfahren gegen einen Juden gestört, der das Land verkauft' hat, und hinderte dessen endgültige Verurteilung. Heute'sieht Poincare untätig zu, wie die Juden die Armee, zerstören. Goty als Hetzer, Der Parfümfabirikant uiid Zeituugsherausgcber, Aus Paris meldet die J. % A.: Der bekannte Parfttmiaforikant und Zeitung&besitzer Francois Coty hat In der von ihm' neu erworbenen. Zeitung „Ami <lu Peuple" eine antisemitische Hetze im Zusammenhang mit dem Skandal der „Gazette du Franc" eingeleitet. Er behauptet in zwei von ihm selbst unterschriebenen Aufsätze»), das naive französische Volk werde v onden Jud e n a u s- S e p 1 ü n d e r t. Er warnt das „gutmütige französische Voi'k" vor den jüdischen Einwanderern in Frankreich und nennt Professor Victor Bäsch, den Präsidenten der Liga. für Menschenrechte, einen „Agenten Jerusalems und Budapests". _ Die arabische Parlamentsforderung. Chancellor wird im Herbst antworten. Ueber den Empfang einer"Abordnung der arabischen Exekutive Palästinas durch den Oberkommissär ^ir' John Robert Chancellor wird jetzt ein offizieller Bericht veröffentlicht, :. in .welchem es heißt, Sir John habe in der Beantwortung; der; Forderung der _; arabischen Ejcekutrve,: Palästinas betreffs der Errichtung eines parlamentarischen. Seite 7 Regimes darauf hingewiesen»- daß ein Anfang zu einer Volksvertretung bereits durch die Einrichtung von autonomen Stadt- und Dorfverwaltungen gemacht worden Ist und daß der vor einigen Jahren'seitens der. Regierung gemachte Vorschlag bezüglich der Bildung eines Legislative Council von den palästinensischen Arabern zurück-, gewiesen worden sei. Sir . John fügte hinzu*.er anerkenne wohl di e Bedeutung der Frage eines parlamentarischen, Regimes, es sei aber u n m ö.g I i c h, schon jetzt eine Antwort hierüber zu erteilen. Er werde der Frage ein eingehendes Studium widmen und sich hierüber auch mit dem Kolonienminister in London ins Benehmen setzen, und zwar i m kommenden Som m e r in England, wo er seinen Urlaub verbringen wird. Bei seiner Rückkehr werde er die Besprechungen,mit,-der arabischen Exekutive Palästinas-über. dieses TKema>\vic4er aufnehmen. ' h , Ein Zionist I^äsid^iit der Berliner Jftdiscfyeiv Geniernde*; : 1 ...... Georg RÄ%f .WwäMtL ......, Der Vorstand dt' fWüschen Gemeinde Berlin hat in1 seinen am 8; Jänner tt^t^CfunÖctieh* %ftzü$g^den bisherigen stellvertretenden \*WiuP»n1^n, Direktor Georg K a r. e s k i, zum V.o rs i t z e n d c n des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde g e w ä h l t. Direktor Kareski gehört •der Jüdischen Volkspartei an. Der bisherige Vorsitzende,^ Komrherzienrat Gerson S i m on, der weiter im . Gemeindevorstand verbleibt, wurde zum 2. stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. * ' Herr Georg Kareski wurde am 21. Oktober v. J. fünfzig- Jähre alt. Zu Posen geboren, gelangte Georg Kareski schon in früher Jugend zu politischer Bedeutuing. Nachdem er eine geachtete politische Stellung errungen hatte, begann er seine Kräfte der jüdischen Gemeinichäft zu widmen. Im Jahre 1920. entsandte ihn d i e J ü d i s c h e V o 1 k s p a r t e i, die innerpolitische Organisation der Zionismen, in den Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde, wo er sich als Verwaltungsfachmann von großem Format erwies. Zum stellvertretenden Vorsitzendel des Gemeindevorstandes und sodann zum Finanzreferenten gewählt, hat Kareski in beiden Aemtern ungewöhnliche Erfolge er« zie'en können. Er hat den Steuersatz von, J5 Prozent •auf. 10 Prozent gesenkt und damit den Austritten aus der Gemeinde, die aus materiellen Motiven erfolg'en, den Boden entzogen. Trotzdem konnten dank dem VerwaJtungstalent Kareskis aus den Steuereingängen das D e f i zit der früheren Jahre gedeckt und die immer steigenden Bedürfnisse der Gemeinde in gottesdienstlio^e/, kulture'Ier und sozialer Beziehung (die Berliner Jüdische Gemeinde steht rfjit .ihrem Jähresbudget von rund zehn Millionen Mark an der Spitze aller jüdischen Gemeinden Europas) befriedigt werden. — Im Preußischen Landesverband ist Kareski Mitglied des engeren Rates, und auch dort hat man* ihn zur Leitung der Finanzen berufen. Als Persönlichkeit von schärfster Prägung spielt Georg Kareski auch im wirtschaftlichen Leben Berlins eine Rolle. Kareski hat sich um die Gründung der beiden Berliner jüdischen Genossenschaftsbanken, insbesondere der „IW RIA", Verdienste erworben. Erster stellvertretender Vorsitzender der Gemeinde bleibt wie bisher Herr Kammergerichtsrat Le;0 Wolff, der vor Gerson Simon- Vorsitzender des- Vorstandes der' Gemeinde war. ' ,, Die Wahlen in Tel-Awiw. Dizengoff zum Bürgermeister wiedergewählt. Aus'J e r u s a I e m meldet die J. T^Al: In;der ersten Sitzung des neugewählten Stadtrates von'.Tel'Awiw wurde * Herr D ifz e-h g o f f mit den Stimmen der Bürgerlichen gegen die: SUmnieri der- Arbeit^rvertret'er -abermals zum Bürgermeister gewählt Der numerus clausus. -—y. In Bieriville bei Paris hat eine Aus» spräche zwischen n i c h t j ü d i s c h e n und j u d ii sehen Studenten über den Hochschu lahtisemitismus stattgefunden. Die Iniati ve hiezu hatte das Weststudentenwerk ergriffen, eine international angelegte Vereinigung, der vor allem daran liegt, sich über den Numerus clausus volle Klarheit zu verschaffen. Es gibt offenbar Kreisei die in dieser Erscheinung eine Frage sehen, ein Problem, mit dem man sich in der oder jener Form abfinden müßte. Handelt es sich wirklich um eine Frage, die aus den sozialen oder pölitisch'eh Bedingungen der Zeit entspringt, dann wäre das Bestreben Tdas auch sonst achtenswert ist:—•gerecht* fertigt. Wenn' sich zum Beispiel französische Hochschulen gegen deutsche Studenten abschließen würden, so wäre dies ein P r o b l e:m der P o l i t i k, hervorgewachsen aus a b z u I ehnende n, aber doch verständlichen Stimmungen. Die Ausschließung jüdischer Studenten aber oder ihre Beschränkung auf eine bestimmte Zahl est k e i n' e:: Fraget kein Problem, sondern ein© Erscheinung des ant isemi tisch e'n Ha ss e s.. Und deshalb scheint es nicht notwendig, nach einer,Fprmel für'die-'i'cJäO": sung zv suchen, und deshalb wird es auch nicht möglichl sein, das Thema aus der Welt zu schafiFen. Für die Behandlung der jüdischen Studenten gibt 0^ feinen Xatsachengrund, . wie ihn etwa der jfpfcieg 'Mfc das ^rhaltnis zwis&en franiÖsisc^ ■ itnd deutseiien vlntejlektuelieri darstellen würde; es gil?t aucli keine Analoge Bewegung. Sondern: Wie. das jüdische Problem eine einzigartige Erscheinung ist, so ist auch die jüdische Numerus-clausus-Angelegehheit mit nichts: anderem zu vergleiAen/ Sie ist keine in sich geschlossene Frage, sondern eirt Teil der ganzen jüdischen Frage, und wenn es eine Lösung gibt, so Hegt sie nur auf dem Gebiete, auf, dem die Judenfrage überhaupt einer Lösving zugeführt werden kann. Der Numerus clausus wird überall ungefähr in der gleichen Art motiviert. Die Juden Wenden sich zu stark, den freien Berufen zu, sie suchen, nicht die Bildung als Selbstzweck, sie nehmen den: anderen die Plätze im Wirtschaftsleben weg. Das" ist die antisemitisclte Ideologie; die gegen den Judenals Menschen und als Bürger ankämpfi. Die .'Be*l gründungen sind innerlich unwahr: sie zu wider-, legen, hieße ungebührlich Zeit vertrödeln. Sie wer-* den auch nicht aufgestellt, um diskutiert zu werden; der. Zweck ist nur, für den einfachen^ Menschen von der Gasse einen Popanz aufzustel-.. len und ihm beizubringen, weshalb man mit seinennaiven antisemitischen Roheitsakten sympathisiert. Denn die GebUdßten .zieleji ja höher. Sie . wissen, daß mit Roheit, mit der potenzierten Roheit des" Pogroms dem .jüdischen.-- yplkskörper. kein dauernder Schaden zugefügt , wird., Aber das Judentum von der Schule auszusperren, es am Ge i s in u treffen, das ist der Tod. Der Numerus clausus ist dieses Mittel- und deshalb kann. er nicht als Problem'behandelt werden. Wenn eine internationale Vereinigung zu einer Resolution gelangt, in der sie den Treibereien ihren Abscheu kundgibt, so ist in der Sache selbst nicht das geringste geschehen. Die ungarische Regierung, die über diesen Punkt vom Rat des Völkerbundes einiges gehört hat, wird sich auch jetzt nicht stören lassen,;und die p o I n i s che n qcler d e ut.seh e n Professoren, jäie den Numerus clausus gegen jüdische Hörer praktizieren, werden nicht beschämt in die Knie sinken. Eine Äenderung:könnte nur. dann eintreten, wenn ein Zwäng möglich wäre; wenn »der Völkerbund einem Staat, dessen "Regierung solche Schändp (duldet, Geltungverweigert. Ist das heute möglich? ' ', Der. jüdische Student leidet..' nicht, Weil*" er Student ist;uftd< a»hs- -solchervielleicht eine »Wirt-.-' schaftliche Konkurrenz werden kann, sondern weil