Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1929-01-11 · Heft 69 (11.1.1929) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 69 (11.1.1929)
Date
1929-01-11
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2711613-2711683-2711686--0926-2714100
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ffc. m DIE NEUE WEIT Seife 11" Nach kurzer Zert kehrte Mistreß Barkta zurück: sje hatte Mascha mitgebracht und stellte sie fürs Karioffelschäten an. Sie selbst begann das Abendessen i»t -kochen. Dabei sprach sie unaufhörlich von der Leber und von ihrer Mnilter, ste nrhe m Frieden, die an der „Leber" gestorben wax. Sure Rifke üeB m, daß Mistreß Barkin alles besorgte, denn sie hatte mehr als einmal für andere das Reiche getan . . . Als Ansohel von der Arbeit beiwkatti, traf er $ttre Rifke im Bett. Er w«cfcr.a»k, denn daran war er nient gewohnt. Von, den Söhnen war diesmal.mir der Aeltesfce Saloinon daheim, welcher allein wohnte und bei seinem künftigen Schwiegervater tot Schuhgeschäft arbeitete. (Fortsetzung folgt.) »♦»♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦ Copyright 1028 by „Die'Neue Welt", Wien Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von Schaiom Mechern. Ins Deutsche übertragen von P. R o s e n h a 11. (12. Fortsetzung) Lcbl windet sich, sucht Ausflüchte. Er will, vergeht, stirbt vor Sehnsucht, mit den Akteuren zu fahren. Kann es etwas Schöneres geben? Aber er ist unentschlossen, bedenkt hin und her. So stand es früher, vor der „Exekutierung", vor der schändlichen Strafe. Jetzt aber nach der Schmach, die der Vater ihm zugefügt hatte — nicht von den Schmerzen ist die Rede, nein, nur von der Schande, der Schande — jetzt siehis anders aus. Jetzt wird Lebl vor nichts mehr haltmachen. Nicht einmal die Tränen der Mutter scheren ihn jetzt, sie soll nur weinen. Mit ihr wird das ganze Haus weinen und jammern. Und selbst der Vater wird weicher werden. Anfangs wird er zwar toben, dann aber bereuen. Ei, wird er bereuen! Er wird sich zerknirscht vor die Brust schlagen! Und wenn niemand es sehn wird, dann wird er leise weinen, wird ihn suchen und wird ihn rufen: wo bist du, Lebclc, mein teurer Teurer? Wird sich trösten lassen wie Jakob, unser Erzvater, als man ihm das blutgetränkte Hemd brachte und erzählte, daß Josef, sein Sohn, von einem Raubtier gefressen ward im Walde, oder wie David der König, als man ihm die Botschaft brachte, daß sein geliebter Sohn. Absalon tot sei. ,Tot? Halt. Vielleicht wäre es ein guter [Man zu sterben?... Sterben! Sterben! Man muH sich hinlegen und sterben.' 24. Kapitel. $ Lebl auf seinem eigenen Begräbnis. Der Plan zu^sterbentgefällt unserem.,jungen Helden in diesem Augenblick am besten. Er stellt sich vor,, daß es Jetzt schön geschehn ist, er ist schon tot. Wie und wodurch er gestorben, weiß er nicht, wenn nur gestorben. Und hier liegt er, Beuje Rafalowitschs Sohn, tot, kalt, auf nackter Erde, überdeckt mit Schwarz. Zu Häitpten brennen Kerzen. Das ganze Haus steht um ihn, verkrampft die Hände, beweint ihn. Die Mutter liegt ohnmächtig und Aerzte machen sich mit ihr zu schaffen. Da erwacht sie und fällt neuerdings in Ohnmacht... Und der Vater? Ob, der Vater schlägt beide Hände vor die Stirne und schreit: „Juden, das hat er, er, Benjc Rafalowitsch selbst mit seinen Händen sein Kind erschlagen, das schönst«, das beste, das liebste Kind...!" Und selbst die Großmutter, die alte alte Großmutter, die mit dem Kopf wackelt, weint und macht Gott Vorwürfe, warum er nicht lieber sie zu sich genommen hat, anstatt dieses jungen Bäumchens, dieses unschuldigen Schäfchens, das, ginge es -mit rechten Dingen zu, erst leben müßte und leben?! Auch dile Amme, die bei ihnen int Hause ist, schlägt den Kopf an die Wand vor Jammer.. . Und so Frauen, gatrz fremde, die er nicht kennt und nicht gesehen hat, umstehen ihn und verströmen Tränen. Jetzt geht der Leichenzug. Ein schönes, ein reiches Leichenbegängnis. Ganz Boteueschti' ist zusammengekommen 211 Lebl Rafalowitschs Leichenbegängnis und Ge-;wein herrscht, ein Jammern, ein Wehklagen zum Himmel. Ueberhaupt die Weiber! Vor ihrem Gejammer und Qeiquietsche kann man taub werden. Pssst, Weiber, seid stilf! Macht Luft, laßt durch, d*e Dtefnier l •.. Und es treten vor die Diener mit de« Geräten, mit dter ganzen Chcvrä Kaddischa*) und mau legt ihn hinauf Leb! auf die Bahre und man trügt hinausi den jungen Leichnam aus dem Hause und die Mutter fällt hi Ohnmacht und der Vater schlägt die Hände gegen die Stim und die Büchse klappert mit'schauerlicher Weise: „Zdoke tatzel mimowes, doke tatzel mimowes ...!" **) Still^ gebeugten Hauptes', gehen die Leute Lebls Leichenzug nach und Lebl selbst geht mit. Merkwürdig! Es Ficht ihn das ganze nicht an. Im Gegenteil. Es freu* ihn, daß er gestorben ist und er hat Freude an einem so schönen Leichenbegängnis. Alle Bekannten sind hier. Alle. Der ganze Cheder. M\c seine Mitschüler, mit dem Lehrer Israel dem Chasen und Lea der Chasenfrau und dem Töchterchen Resl. Resl!,.. Wo ist Resl? Was ist geschehn mit Resl? Warum ist sie heute nicht gekommen? Gerade heute «»cht!,.. Jeden Frühabend kommt sie zu ihnen nachhause Wd geht mit ihnen ins Theater. Heute nicht. Warum das? Warum? Aus — Tod, aus — Leichenbegängnisi, aus —. Zdplce tatzel mimowes1, Resl ist ihm in dem Sinn gekommen und hat alle anderen Gedanken verjagt. *) Religiöser Leicheubestattujw^verehi. (Nota) * t.1"} Qatis tiw #» Msa Grimm iNatoti . 25. Kapitel. Triinen. Nach der Visite des Doktors und seines Flügdadjutanteu wollte Lea die Chasenfrau der Sache gar nicht auf den Grund gehu — was der . Mensch mit dem kahlen Schädel und den Brillanten wolle und wohin er ziele, Sie gab ihm ein „Brich dir den Schädel" als Segen mit auf den Weg und erklärte kurz und scharf, fürderhin werde ihre Tochter nicht ins Jüdische Theater gehn, wenn auch die Welt sich zu oberst kehrt, es sei denn, sie, Lea, würde nicht mehr auf der Welt sein. „Wo will da der Venstand hin", entfuhr es unwillkürlich dem Chasen. Da schnitt ihm die Chasenfrau das Wort ab. „Den Verstand willst du wissen? Der Verstand ist ein einfacher Verstand. Der Mensch muß sein Gehirn in Ordnung haben, muß verstehen: hier ja, hier1 nein. Einmal hals zu sein ja, einmal hats zu sein nein, na, hast du gesehn . . ." Was sich hier abgespielt hatte, verstand Resl nicht recht. Aber den Worten der Mutter entnahm sie, daß es aus sei — daß sie sich vom Theater verabschieden könne. Sic kennt ihre Mutter sehr wohl. Ein Wort bei Lea ist ein Wort. Es ist hur;.schwer, sie dahin zu bringen. Aber kaum hat sie das Wort ausgesprochen und es obendrein beschworen, dann 'mögen auch alle Könige von Ost und West kommen es ist besiegelt und verfallen. Alles in der Welt kann man bei ihrer Mutter erreichen, nur nicht, daß sie ihr Wort bricht. Und Resl wurde es auf einmal vso. leer tims'0erz, als wäre die Sonne ihr ^plötzlich mitteilsam hellichten Tage untergegangen und finster' geworderit > 1 rge'nö!- verwas " hatte man ihr weggenommen,. ...mit Gewalt. au^j.v.deu ''.Händen gerissen, es drängte sie krampfhaft.-zum- Weinen. Doch faßte sie den ganzen Tag über Mut; 1 fa^te. sich ein Herz „werd ich also nicht ins Theater igelm5'. 'Wo stellt es geschriebei*, daß man jeden .Abend im .Theater sitzt? Aber als der Abend kam, der Chasen die- Schüler nach Hause schickte, die ChasenUrau das rußige Lämpchen ansteckte und es um Gottsgaß dunkler wurde, wußte Resl vor Sehnsucht nicht wohin. Es nagte an der Seele und zog das Herz dorthin' — ins Theater. Und nicht so sehr ins Theater wie zu den Rafalowitschs, iii deren, reiches helles freundliches Haus mit den fröhlichen guten Menschen. Und sie erinnerte sich au .jene , süßen Worte, die Lcbl ihr damals sagte, als sie das Theater verließen. „Kommst du morgen wieder?" Und sie dachte daran, wie sie nachher am nächsten Morgen, da Lebl in den Glieder kam frisch, gesund, schön "und rein wie immer, von ferne in seinen schönen lieben guten Augen die Worte las „Heute kommst du wieder", selbst ihm von ferne mit einem Blick antwortend „Selbstverständlich komme ich heute wieder, welche Frage", und die1 AUgeu senkend, damit die Mutter nicht merke, daß sie dorthin zu des Vaters Schülern schaue. Die Mutter hat es uicht gern, wenn sie zu den Schülern hinüberschäui... ah die Mutter! Sie glaubt vielleicht wirklich, daß Resl für die Jungen etwas übrig habe, keine Spur. Aber unter den Jungen gibt es einten, des Reichen Jungen, Lebl heißt er, oh ist das ein Junge... nicht weil er des Reichen Junge ist, sondern weil er so. gut ist;wie ein Engel, wie ein Engel Gottes. Ach, weiß denn die Mutter, was das für .ei« Junge ist, was für ein Haus dort ist, >vas für Menschen dort? ' Solchen Gedanken hing Rest in. ihrem Herzen nach, sie konnte es nicht erwarten, der Tag möge vergehen lund die Nacht kommen, der Vater den Cheder heimschicken, auf daß sie ihr einziges Feiertagskleid anlegen könne, den roten Schal umlegen und den Schirm mit der Seidenquaste, das Geschenk der Mutter, mitnehmen und — hätte sie doch hur auch neue ganze Schuhe — dort hingehen, in jenes große freundliche Haus, zu den guten lieben freundlichen Menschen, um mit ihnen'einen ganzen Abend lang im Theater zu sitzen, im Paradies. Und nun auf einmal alles auf den Kopf gestellt! Böser Geist, der die beiden hierhergebracht, böser Geist, der sie, Resl, augetrieben hat, sich vor fremden Leuten .hinzustellen und, zu singen und sohin vertrieben zu werden aus dein Garten Eden! Resl fällt hin mit dem Gesicht aufs Bett und weint. Laug und mit süßem Genuß weint sie über ihre Tage find Stunden, voll Schmerz über ihr trostloses Geschick und den großen großen Unglücksfall, der ihr zugestoßen war. Und im Weihen hört sie hinter dem Vorhang Vater lund ■ MuiUer .flüstern, leise miteinander streiten, wie es a&öa* m j^ttHMft»»«* <Sfc■•. rt» jMrttefr £8nnts i •„Einmal nein gesagt bleibt nein, na hast du gesehnt* Und Resl beginnt noch stärker tu weinen. Da kommt an ihr Bettcbeu hinter dem Vorhang der Vater Israel der Chasen mit stillen Schritte«, neigt sich über sie, streitdielt ihr Haar, spricht zu ihr leise, damit Lea nicht höre, nennt sie bei allen Kosenamen Reserl. Reschen, Res-cleiu, bittet sie zu weinen aufzuhören und verspricht alle guten Dinge: morgen werde ihr die Mutter Seide auf em Kleidchen, einen Wollstoff für eine Bluse bringen, Schuhe wird sie bekommen, neue Schuhe... Resl weint noch* stärker, solange bis Lea, die alles gehört hat, sich au den Kopf greift und schreit: „Am besten, ich häng mich auf und schneid mir den Hals ab..." Da bittet sie Israel der; Chasen still zu sein, man werde zusammenlaufen .. 4 Und man hört auch schon bei den Nachbarn, daß es bei der' Chasenfrau Geschrei gibt und es laufen auch wirklich einige Nachbarsfrauen zusammen und für eine Weile entsteht Lärm. „Gott im Himmel, aflerfiebsfcc Lea, was ist los?" „Nichts, nichts!" „Wer schreit so bei euch?*' „Geschrien? Gottbewahre. Ist euch nur so vorgekommen. Das haben wir nur so gelacht." „Gelacht? Ein schönet Gelach!" „Gefällt es euch nicht? Wozu seid ihr daitn gekommen?" „Aus gut Freundschaft, allerliebste Lea, aus gut Freundschaft. Wir haben gehört man schreit, haben wir geglaubt, man schneidet sich bei euch die Hälse durch!" „Bei mir schneidet man sich die Hälser durch? Soll Gott allen meinen Feinden die Hälser durch- «eh'rteiden!..." Man hört einen Schlag mit der Tür, daß die Fenster klirren. „Den Kopf an die Wand" gibt ihnen Lea von ihrem langen Gebet mit und schließt es „Schöne Freundschaft, na hast du gesehn!.,." Das alles hört Resl von ihrem Bettchen hinter dem Vorhang und weint lange über die bösen Tage und Stunden, über das dumpfe Geschick, bei armen Eltern geboren zu sein, die ihr nicht einmal-ein Paar Schuibe kaufen können, und in einer Welt leben zu. müssen, in der Düsterlteit, bei eiuem Lämpchen, das raucht und die Schimpfworte von Mutter und Nachbarsfrauen hören zu müssen, die alle Tage miteinander streiten und sich immer wieder versöhnen und die morgen wieder einmal streiten und wieder einmal sich versöhnen werden und so alle Tage ... Dort aber ... oh dort isfs hell. Dort ist's freundlich. Dort lacht man. Dort lebt man, ei lebt ma« dort! Jetzt ist man im Theater. Wo hält man gerade oben?! Genau in der Mitte. Und vielleicht gar schon, am Schluß. Bald fällt wahrscheinlich der Vorhang Und die Leute klatschen Bravo und rufen: „Hotzmach! Hotzmach! Ein Chossidel, Hotzmach! " Die Leute rufen solange, bis Hotzmach erscheint, erschöpft, verschwitzt, mit Kreide angeschmiert und zum drittenmal ein Chossidel tanzt. Die Musikmacher spielen, das Publikum.'klatscht dazuj und- Hotzmach singt : . .. . „.o . - j^,., .-.■-.'■. ,-; . - < *:';vt'' ""' ' „Ich bi'11 mir ein Chossidel, Eine lustige SeeI-. .'." Mit diesem fröhlichen Liedcheu schläft Resl ein, 26. Kapitel. Ein Brand auf Gattsgaß. Es war schon weit nach Mitternacht, ats von beiden Kirclieii ülockenbtmibumbum und Glockenbumbumbum gehört wurde. J Wenn man in Holeneschti dreimal bum hört, \sb bedeutet das: es brennt! Und sobald es in Holeneschti brennt, lauft die ganze Stadt zusammen. Man hilft sich, hiuausschleppen. Man rettet Menschenleben. Und das. just gegenseitig allein. Denn Feuerwehrmänner sind in Holeneschti nicht vorhanden. Deshalb entsteht ein solches Gerenn und ein solclies Gedränge, daß schon um dessentwillen ein Brand in Holeneschti dafürsteht. Man begegnet da aller Welt, uiau erfährt Neuigkeiten, es geht lustig zu. Bei Israel dem Chasen im Hause hörte das Geläute früher als alle anderen die Chasenfrau Lea. Der Tochter Tränen hatten sie nicht einschlafen lassen. Und obwohl Res! schon lange jenen süßen Schlaf schlief, den nur unschuldige Kinder kennen, hatte doch Lea kein! Auge zuzumachen-vermocht. Au ihrem Herzen fraß Reue darüber, daß sie jenes Gelübde und jenen Schwur getan hatte, finstere Bilder und düstere kamen ihr zugeflogen wi* lästige Fliegen und erregten Fieber heiß und kalt. So oft üie ein Auge schloß, erschien ihr das Bifd von Resl, wie sie gerade jetzt durchs Fenster springt und zum Teich lauft — oh über Zions Unheilbringer — um isich zu ertränken. Und die arme Mutter, die bemitleidenswerte, setzt sich hoch und hört augespannt in die sfilte Finsternis der Nacht: „Das Kind schläft.*." Sie spuck! dreimal aus — weg die Träume, legt sich wieder zurück und stöhnend bemüht sie sich, vielleicht, doch einzuschlafen. Plötzlich hört sie dreimal bum und wiederum dreimal bum, da wirft sie einen Blick aufs Fenster und Isieht ein Stück Himmel rot,, springt vom Bett, weckt leise ih*en Manu, damit er nicht erschrecke: „Israel! Israel! Steh auf!... Gptt mit dw! Nichts ist Es knistert." „Es knistert? Wo knistert?*' Israel springt erschrocken auf. Lea beruhigt ihn. „Erschrick nicht. Es ist zwar auf unserer Gasse, asaf Gottgass, aber weit, weit von hier. Ich habe Verdacht, ob es nicht das dritte Hans ist, von Benzion dem Schächter", sagt Lea und bückt zwm Fenster hin. ^Öh* der Donner erschlägt mich, sieh nur hin, Israel, was tagst du? Das dritte Haus von Benzion nicht weit von der Schul nicht wahr?" . IT" ifrt—**mm »tt' ' » ^nß^K^V^^^^^^mr^^^^H^m

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.