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Die neue Welt · 1928-12-28 · Heft 67 (28.12.1928) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 67 (28.12.1928)
Date
1928-12-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. m DIE NEUE WELT Seite ff T 1000 Dollar sltfd öft nicht So viel wer'i, als das Urteil zufriedener Gäste. Ein zufriedener Oast ist die beste Empfehlung! OTTO lCASM*lft „Ja, nicht weit von hier, sie besucht uns mindestens zehnmal im Tag" — Moscovici sagte ihnen die Adresse und sie gingen zu Miß Forster. Dwojre trat zunächst allein ein, damit die Lehrerin nicht über den großen Ueberfall erschrecke. Sie wollte die Lehrerin bloß um einen Dollar bitten, da sie mit zwei Bekannten zusammen sei und sie ihr ganzes Geld ausgegeben hätten. Doch Miß Isabel lief mit freundlich einladendem Lächeln in den Korridor und rief die Gesellschaft in ihr Zimmer: „Hallo, Buchhofe, hallo Freier, tretet nur ein, y knpw, mir geht es manchmal auch so." Vor ihnen stand strahlend eine junge Dame, das Haar in der Mitte gescheitelt, mit schmalen Mandelaugen; in ihrem seidenen Kimono sah sie eher wie eine Japanerin aus als wie eine Jüdin. Sic sprach jiddisch mit amerikanischem Akzent und duzte alle. Freier kannte sie und von Buchholz hatte sie bereits gehört Copyright 1928 by „Die Neue Welt", Wien. „Ich habe schon von dir gehört, man hat mir erzählt, du seist ein großer Künstler." Buchholz errötete wie ein Schuljunge und der unbeholfene Rkse wußte .nicht, was er antworten sollte. Wer hat das gesagt?" „Ich habe es schon gehört. Woher kennst du sie, Iittle Dwojre?" Dwojre wußte keine. Antwort. In Miß Isabels Zimmer gab es kein Bett. Ein Sofa, ein paar japanische Bilder an den Wänden, japanische Blumen in einer japanischen Vase, ein paar vertrocknete Nadelbaumzweige, ein kleines Tischchen mit drei Früßen mitten im Zimmer, auf dem ein;kleiner heimatlicher Messingleuchter mit einem Kerzenstumpf stand, und einige Rohrstühle, das war die ganze Einrichtung. (Fortsetzung folgt.) >♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦«■»♦♦♦♦♦♦♦* Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von Schalem Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosen hall. (11. Fortsetzung) Flotzmachs verhustet sich und spricht weiter: „Kannst dir's schon ausmalen, auch er kriegt von uns Kaltes un Warmes. Alle Monta un Donnersta werfen wir ihm den Scheidebrief vor die Füße und drohen, von ihm wegzugehen und uns selbst ein Theater aufzumachen. Und war nicht sein Flügeladjutant da, der Scholem Mür, eine stille Kränk soll über ihn'kommen, so hätten wir's schon längst ausgeführt. Aber soll siebeide der Schinder holen. Wenn ich nur meins weiß, daß ich mit Gotts Hilf ein jüdischer Schauspieler bin, wenn auch nur ein Komiker." Hotzmach macht eine sehr ernste Miene und sieht komischer aus als in seinen komischen Rollen. Lebl sieht ihn mit großem Respekt an und Hotzmach, der Komiker, spricht weiter: „Kommt nur, hörst du, der Abend und man tritt auf auf der Uühne, so verschwinden alle Sorgen und jeder Aerger wie Rauch. Auf der Bühne bin ich ein ganz anderer Mensch. Was schert mich Schtschuppak, was kümmert mich Scholem Meir, unter die Erd' mit ihnen wie sie da sind! Steh ich auf der Bühne, seh ich niemand vor meinen Augen. Ich seh nur Lämpchen und menschliche Köpfe seh ich, Glatzen, Hüte, Mützen, Kappen und sonst nichts. Wer kann sich da mit mir vergleichen? Dein Vater mit dem großen Schmerbauch etwa! Soll er mir nun zum Beispiel zum Vergleich zum Bleistift diese Scheune schenken, mit dem ganzen Hof, mit seinem ganzen Reichtum rundumundum und soll er mir vergleichsweise sagen, ich soll ihm die Bühne für eine Nacht abgeben, — rien de tout!" ' So tut sich Hotzmach groß' vor seinem jungen Freund Lebl und sein junger Freund Lebl blickt -in seine Augen hinein und schlingschlingt jede Silbe. Und Hotzmach hört nicht auf weiter größzusprechen: „Oder vergleichsweise zum. Beispiel par exemple wenn man mir diesen Stall mit Gold bis oben anschüttet und mir als Draufgabe eine Prinzessin zur Frau gibt, ich soll die Komikerei an den Nagel hängen und in irgend ein Geschäft arbeiten gehn. oder, in eine Werkstätte, werde ich ihm den Rachen voljspucken! Hörst du, knabiget Knirps, bist noch ein Wickelkind,. mein teurer Singvogel, und weißt gar nicht, was für ein böser Teufel das , Theater ist, wie er zieht, zieht, ein Magnet, verwünscht soll er sein!" ....... „Genau dasselbe wie .bei mir," entfährt es Lebl im Augenblick, da Hotzmach eine Zigarette ansteckt, und er gesteht seinem Freund Hotzmach, daß auch ihn das Theater anziehe. Schon seit langen zieht es ihn an, seitdem er zu Verstand gekommen ist. Damals als er noch nicht einmal wußte, daß es irgenwo auf der Welt ein Theater gibt, hat er mit den Knaben „Josef und seine Brüder" gespielt, „Auszug aus Aegypten", „Am Berg Sinai"' und ähnliche Dinge aus der Bibel, was sie auch selbst im Cheder ausgedacht hatten. Und Lebl vermittelt ihm, wie man solches bei ihnen im Cheder spielt. '. „Ich komm hinein zum Beispiel zu Pharao. König von Aegypten, in den Palast, stell mich so vor ihm auf und sag zu ihm: (Lebl faltet die Hände über der Brust und seine Rede wird immer feuriger.) „Mein Name ist Mosche ben Amram. Ich bin zu dir gesandt worden, Kenig Herr, Gott der Juden, vom Gott Abrahams, Isaaks und Ja. kobs, dessen Name ist der Ewig-Ewige, auf daß <fo sein« Jüdischen Kinder aus deinem Lande ziehh läßt, aus Aegypten. Wie lange noch? Was hast du zu ihnen? Was peinigst du ihre Leiber? Was schachtest du ihre Kinder und badest dich in ihrem Blut? Du Missetäter der Missetäter! Du Räuber, du Mörder! Weißt du, mit wem ctu's, zu tun hast? (Lebl erhebt seine Hand.) Hier «fheb ich meine Rechte und zeige dir, was ich vermag." Lebls Augen leuchten feurig auf, die Wängleiit brennen, das Gesicht glänzt und Hotzmach unterbricht ihn voll begeistertem Staunen in seiner Rede. „Starke Rolle!" schreit . Hotzmach heraus, packt seinen jungen Freund an den Schultern und schüttelt ihn. „Starke Rolle! So soll ich jämmerlich zugrundegehn> wenn jemand dir sagen darf, du bist kein Schaiuspieler! Ein wirklicher Schauspieler wie ich ein Jude bin! Ein geborener Schauspieler, bühnenreif. Weißt du, was ich dir. sagen will, Bengel?" Hotzmach kann, nicht weitersprechen. Der Husten verschhurrt ihm die Kehle. Da hält er sich mit beiden H.'r.dei, an einem Holzbalken fest, hustet sich aus und beginnt wüst zu fluchen:" „Die Sintflut soll über meinen Husten kommem rebojnoj schel ojlom! Er soll sich zusammen mit meinem kurzen Atem auf Schöpft: Meir legen und das Stechen, das ich in der Seite liab, macht ich als Präsent Schtschuppak zii den Feiertagen." Zu Atem gekommen, mir dem Husten zu Ende, wird Hotzmach wieder munter' Und gewinnt seinen früheren Ton wieder. „Weißt du, Kerlchen, was ich dir sagen will?" Lebl sieht ihm in die Augen. Was ihm Hotzmach wohl sagen will! „Das will ich dir sagen, mein teurer Goldvogel, ich an deiner Stelle würde auf alles spucken, den Vater mit dem dicken Gefrieß würde ich-in den Cheder schifken, soll er dach die Bank drücken. Den Talmudfolianten würde ich. schon die Richtung weisen, dem Lehrer dem Chasen würde ich ruhig seine Chederweisheiten lassen und ich selbst würde —" Da kommt eine Schar von Schauspielern zur Probe und man unterbricht das Gespräch gerade beim Wendepunkt. 19. Kapitel. Ein Auge, das schaut. Bei Rafalowitschs im Hause wäre ■ man niemals drauf gekommen, daß es im Zigarettenlager, lichter-und lichter wird und daß jemand ganze Haufen Butterteig aus dem Hause wegträgt'.und daß die. Zuckerdose nicht voll bleiben will, wenn es nicht die alte, immer nein-netar wcckelnde Mutter gäbe, mit ihrem scharfen Auge, das eine Meile weit sieht. Diese v Ahe bemerkte, schon seit geraumer Zeit, daß irgendwo im Hause ein Die steckt, da begann sie nachzusehen, nachzuspüren, nachzuforschen und —• gottseidank, es war der Mühe wert. Sie weiß, jetzt, wessen Werk das ist. „Das ist der verfluchte Lausbub Lebl . ../' . ' . Eines nur will nicht recht in den Kopf hinein : „Wozu braucht ein Junge Butterteig, Zucker und Zigaretten? Und wo trägt er sie hin? In den Cheder vielleicht, ja? Wem? Den anderen Jungen? Aber am End vielleicht dem Lehrer?" Die , Alte begann nachzuspionieren und bemerkte, daß im ersten Morgen, wenn alle noch schlafen. Lebl, der elende Schlingl, sich erhebt, sich vom Beten drückt und verschwindet. „Wohin? Was hat der Bursch so früh im Cheder zu tun, wenn der Lehrer selbst noch schläft?" Die Alte macht sich nichts sehn. Tut, als wäre sie in ihr Frauenbetbuch vertieft, betet leise, und. wackelt ihr Nein-nein. Aber das Auge schaut und sieht alles. Und wie Lebl draußen aus dem Zimmer, ist die Alte auch schoi hinterher, beobachtet' ihm von der Veranda und sieht, wie er in die Scheune hineinschlupft. „Was hat er dort zu tun in der Scheune, der junge. Frosch?" Am nächsten Morgen dieselbe Geschichte. Die Alte läßt nicht locker. Das Auge schaut, das Herz wird heiß, der Kopf wackelt Nein-nein und das Hirn arbeitet. Gelobt sei Gott, jetzt weiß sie alles. „Der elende Schlingel hat mit einem von den Purimspielern, der in der Scheune übernachtet, Freundschaft geschlossen — eine schöne Kompognie, nackte, barfüßige, hungrige Hundefänger, Gott soll mich nicht strafen ..." Jetzt bleibt nur noch das eine: „Was tut man' weiter? Dem Wurm sagen, „warum hast du das? Wo kriechst du hin?" Was er mich schon anhören wird! Die Kinder heutzutage, nicht reden soll man davon! Wissen sie denn, daß man eine alte Großmutter, schon nahe an die achzig, zu ehren hat? Also was tut man da? Der Schwiegertochter sagen? Ist mir die Richtige, Bejlke, auch! mir eine Mutter! Eine gute Seele, ein weiches Herz, aber soll mir ihre Nachgiebigkeit, was soll mir ihre Güte, wenn die Kinder ihr auf den Kopf steigen, machen» was sie wollen, aufwachsen wie Unkraut? Nein-nein! Wemt schon sagen, muß maus dem Sohn sagen, Benje. Benje ist ein Vater bis hundertzwanzig Jahr und ein Vater ist keine M lütter. Ein Vater schreit ein Kind an, wird böse, haut auch einmal eine herunter oder legt übers Knie und fetzt hinein, ein Junge soll für ein andermal wissen." So bedachte es die Alte und so tat siVs auch und tat es gründlich. Angeben, anschwärzen — das allein reicht nicht aus. Man muß ihn erwischen, den Dieb, bei frischer Hand und dann sollen sie nur alle sehen, wie eine Mutter, eine Ute Seele, ihr Kind verhätsgchelt, verdirbt, einen Unmenschen aus ihm macht ..." ,Tot? Halt. Vielleicht wäre es ein guter Plan zu: daß sein geliebter Sohn Absalon tot sei. 20. Kapitel. Ein Wurm an die Leber gesetzt. Still und kunstfertig hat die Alte ihre Sache aus-* geführt, so kunstvoll, daß es keinen Laut gab. Geheimnisvoll, auf den Zehenspitzen gab sie ihrem Sohrt Benje ins Ohr ein, was sein Jüngster macht, wohin er geht, was er wegträgt, mit wem er sich trifft. Benje hörte, wandte ihr sein bewachsenes Gesicht zu, sah die! alte Mutter mit Glotzaugen an und warf in seiner Redeweise kurz und scharf hin: „Eine Kuh ist, übers Dach geflogen und hat eirt Ei, gelegt." Er wollte darnitsagen, daß er das nicht glaube. Benje kann solch eine Sache von seinem Jüngsten nicht glauben. Lebl ist der beste, der stillste, der geratenste aller seiner Sprößlinge. Benje selbst ist kein großer Gelehrter oder, wie er, von sich selbst sagt, kein großer' „Sachverständiger in Musik", aber er weiß, was alle( Welt sagt, und alle Welt sagt, daß Lebl zu einem Prachtmenschen heranwachse. Erst neulich traf Benje Israel den Chasen, Lebls Lehrer, und fragte ihn: „Wie mästet sich mein Kleiner bei euch auf?" Da legte ihm Israel der Chasen seine Rechnung vor, daß ihm' fast schwindlig wurde. Der Chasen sagte, daß dieser Junge kein gewöhnlicher Junge sei, daß aus ihm etwas herausspringeh; werde, so etwas derartiges, so etwas, etwas... Da^ Uebrige tat der Chasen mit den Händen hinzu und Benje beendete für ihn: „Die. Klinke zu einer Tür oder eine Achse zu einem Wagen oder gar der Tag von gestern?" < Und bei sich im Herzen wächst Benje, wird breit und lang. Gott hat ihn mit einem so braven, so geratenen Sohn gesegnet, im Alter! Und er bet/achtet seinen Sohn und hat Wohlgefallen an ihm und denkt sich: was wird' aus ihm werden? Vielleicht ein Row*)? Und vielleicht etwas noch Größeres als ein Ro;w*)? Wer weiß, vielleicht ist ihm durch diesen Sohn beschert, einen Namen in der Welt zu bekommen. Bis jetzt wußte man nur hier in Holeneschti,' daß es einen Menschen namens Beaxje1, einen angesehenen wohlhabenden Juden gibt, und später einmal wird die ganze Welt von ihm wissen. Von allen guten Gegenden wird man zu ihm her nach Holeneschti gepilgert kommen: das seid ihr, der berühmte Leb Rafalowitsch Vater, wird es heißen und er wird ihnen a»itwitsch — das ist mein Sohn..." Solch goldene Träume träumt Benje wirklich. Dal kommt die Alte daher und legt ihm einen „Wurm anl die Leber», der Sprößling da, der Kostbare, sei alles! in allem, der Teufel soll es wissen, ein Dieb, ein-ganz! einfacher Dieb, und Benje wird wild, wütend wie ein' Bär, geht den ganzen Tag bös umher, läßt seine Wut ani seinen Leuten aus oder an seinem Weib, an Bejlke. ihm so nebenhin „was hast du wieder?" Er antwortet ihr nicht. „Unser Herr hat eine Katze verschluckt," sagert von ihm die Leute. „Der Vater ist mit dem linken Fufl aus dem Bett gestiegen," sagen die Kinder, und im Hausi geht alles auf den Zehenspitzen. Man weiß nicht, warunt und weshalb, aber es. riecht nach Pulver. Nachts, auf seiner Liegestätte, wälzt sich Benje von! einer Seite auf die andere, seufzt und ächzt wie ein gefesselter Stier, kann kein Auge schließen. „Ei, ein Wurm, wie der frißt, na, ein Wurm! Matt ist hingegangen und hat mir mein „Gerüst" zeretörW^ *) Rabbiner. (Forisefcamg folgt.)

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