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Die neue Welt · 1928-12-21 · Heft 66 (21.12.1928) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 66 (21.12.1928)
Date
1928-12-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 66 DIE NEUE WELT Seite lf 1000Dollar aSSSSW MUH mmmmmmtmmanmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmam ist die beste Empfehlungl mmmmmmmmmmmmmmmm otto kasgmr Der Lärm und das Schreien schienen endlich auch Moscovici zu viel zu sein. Er tauchte im Zimmer auf und beruhigte die Kinder: „Marx, komm' herunter! Lassalle, wirst du aufhören? .'Freiheit, sei doch endlich ruhig!" — schrie der Vater. Als die Kinder sich endlich so weit beruhigten, daß man wenigstens sein eigenes Wort hören konnte, sagte Freier zu Moscovici: „Du hast dich schön versteckt, Moscovici, wir haben dich kaum finden können." „In diesem Hause hat Edgar Poe gewohnt; in Und Hotzmach schlug den Aermel seiner rechten Hand bis zum Ellenbogen zurück, machte sich an die Arbeit, malte einige Kreuz- und Querbalken hin und fragte seinen Sekretär Lebl: „Heißt das nicht Hersch Bär Holzman?" Lcbl blickte angestrengt auf diese Hieroglyphen, suchte lange, konnte weder einen Hersch noch einen Bär noch ein anderes Tier erblicken. „Mein teures Zwerglein, was siehst du so scharf hin?" sagte Hotzmach seinem Freund Lcbl, zu seiner früheren Beschäftigung, zum Stiefelpützen, zurückkehrend. „Wie ich sehe, gefällt dir scheints meine Handschrift nicht. Das hab ich selbst erlernt, Närrchen, allein, aus meinem eigenen Kopf. Alles was ich kann, kann ich von selbst. Mir sagen alle, ich hätte, ein schöne^Hand zum Schreiben, wenn man mich nur unterrichtet hätte. Aber wie? Wo ich so jung ein Waisenkind geworden bin und meine Mutter in Dienst gegangen ist und mich der Onkel Salmen zu sich in die Lehre genommen hat. Er ist ein Schneider. Ein Flickschneider, der nichts kann; nur schlagen tut: er wie ein tüchtiger Fachmann. Da hat er michs einmal, g'rad am Arbeitstisch, mit einem Bügeleisen direkt ins -Herz wissen lassen. So hust ich seit damals. So hat mich die Mutter vom Onkel, dem Gewaltsmenschen, weggenommen und mich zu einem andern Patzer gegeben. Könnt aber bei der Arbeit nicht sitzen, seitdem mir mein Onkel eins mit dem Bügeleisen aufgewartet hat. Da besinnt sich die Mutter und macht aus mir einen Behelfer bei einem Kleinkinderlehrer, wo ich die Kleinen gewaschen hab, mit ihnen das Morgengebet gesagt hab, ihnen das Mittagessen in den Cheder gebracht hab. Na, Mittagessen tragen ist keine schlechte Sache. Man kann naschen einen Bissen, schlecken einen Tropfen, herausfischen einen Brocken. Ist aber das Pech, daß man, wenn es kotig ist, die Kinder nehmen muß und tragen. Gut. Aber von wo die Kraft nehmen? Hilft Gott und in unsere Stadt kommt gefahren ein jüdisches, Theater! Na ateo.. Die. ganze Welt rennt ins Theater, tjnd ich soll zuhause bleiben? Schleich ich mich hinein, so, ohne Billett.. Da. muß es zu meinem Glück passieren, .daß es dem Di-, rektor, dem Schtschuppak gerade, ejnfiel, durch die Bankreihen zu gehn, das heißt die Billetts zu kontrollieren. Erwischt mich natürlich, erwischt mich am Ohr und wirft mich hinaus. Das wäre noch nicht so schlimm gewesen, wenn er mir nicht auch noch die Kappe weggenommen hätte. Wie geht man ohne Kappe nachhause? Die Mutter wirds dem Onkel erzählen und er, der Bandit, wird mich' erschlagen. Da wartete ich draußen, in der frostigen Kälte, bis die Leute nachhause gegangen sind, bin vor dem' Direktor hingefallen, dem Schtschuppak nämlich, hab geweint, gebettelt, die Hände geküßt, daß er mir die Kappe zurückgeben soll, hab ihm die ganze Wahrheit erzählt,' daß ich rundherum genommen ein Waisenjunge bin und einen Onkel hab, der ein Gewalttäter ist. Er hört mich an, der Schtschuppak nämlich, betrachtet mich von oben bis unten mit seinen kleinen Aeuglein — zum Hinterkopf sollen sie ihm herauskriechen — und sagt zu mir: ,Bist ein Waisenjunge, sagt er, und hast nicht wo zu seim vielleicht würdest du, sagt er, zu mir ins Theater eintreten, ich werde dich, sagt er, zu einem Schauspieler machen.. / " 17. Kapitel. Das Wunder, wie man ein Komiker wird. Hotzmach verhustet sich. Er unterbricht für eine Weile das Stiefelputzen, raucht eine Zigarette an, tut einige Züge und beginnt seinem jungen Freund weiter Wunder zu erzählen, wie er Schauspieler geworden ist. „Meinst gewiß, du Ueberkluger bei Nacht, daß die Mutter zufrieden war, weil ich diesen Posten bekommen hab, Nicht die Spur. Nicht so sehr die Mutter war unzufrieden wie Onkel Salmen, der „Fährt er mit den Schauspiellern ab, so hört er auf, Kaddisch *) zu sagen, dieser Gauner" der Mutter einreden wolilte. Aber was Onkel, was Kaddisch, wenn ich plötzlich so hinaufgesetzt *> ffloteogebet für den verstorbenen Vtter. diesem Zimtner, hier an dieser Stelle" — er wies auf den Platz, wo „Freiheit" des Vaters Bücher in ein Kleid der Mutter einwickelte — „hat Walt Whitmän seine besten Lieder geschrieben" — sagt Moscovici mit Stolz, lächelt in seinen pechschmnrzen Schnurrbart und fährt sich glättend mit der Hand über den dicht behaarten Kopf. „Warum bluffst du schon wieder? Walt Whitman hat doch, das weiß die ganze Welt, sein Leben lang in Brooklyn gewohnt und Edgar Poes Wohnhaus kennt jedes Kind in New York" — sagt Freier. (Fortsetzung folfff.) (tO. Forti«t«ing) wurde. Kannst dir maücn, die erste Zeit hab ich wenig Honig geteckt. Schtschuppak begann mirs beizubringen auf ganz andere Weise. Vor aWcm bedachte er mich mit ein paar gesalzenen Ohrfeigen für das Stiefelputzen. .So', sagt er, ,wird Stiefel geputzt?' Nimmt mir die Bürste aus der Hand und weist mir, wie es ein Stiefel gern, hat geputzt zu werden. Dann , begann er mich zu hetzen, wie einen Hund, mir Gänge aufzutragen, zu denen man einen Kopf braucht wie ein Minister, da zu stehn und dort zu arbeiten, und geht das nicht gleich vom Fleck, regnet es Hiebe. Eine solche Natur hat dieser Mensch — sollen ihm die Hände gelähmt werden! Es vergeht ein Monat, es vergehn zwei, drei, vier Monate, die Bühne seh ich noch immer nicht. Um Gotteswillen, wie soll, das, enden! Dazu hab ich mich geopfert? Fragen, wann ich auf die Bühne komme, trau ich mich nicht von wegen der Ohrfeigen. Wollt ich mich bei den Schauspielern beklagen, gibts da einen Kerl Scholem Meir, der ihm. alles ejnbläst, an der Cholera sollen sie beide krepieren! Kurz, es hilft nichts, man muß ausdarren, ctogedörrt spll er : werden* diesen Schtschuppak mein ich. Ich wart ein . Jahr, Jch .vvart zwei Jahre, endlich hab ichs ausgewartet. Es ist nämlich eine Geschichte;pass«iert» ein Wunder vom Himmel Ist geschehn..." wvkJäHefür $QS$@B uncSTI$€hQ Salongarnituran und Elnxelmtibolstücke ADIEK, VII. Apoilpg. 18 k^Äb. i* Und Hotzmach verhustet sich und verwünscht seinen Husten mit furchtbaren Flüchen: „Die Cholera soll kommen über meinen Hüsten, verpestet soll sie sein, die Sintflut über sie." Mit dem Husten Und Fluchen fertig, macht, er einen tiefen Atemzug, zieht einigemal kräftig an der Zigarette, ergreift die Bürste und erzählt, weiter: * ' „Es hat bei uns einen Schauspieler gegeben, einen Liebhaber, Uchwatewker hat er geheißen, ein feiner seiner Liebhaber, hat die Bombenrollen gespielt,, und ein Charlatan war er, groß, noch größer, bis zum'Himmel! Ein Kerl, schön, gesund, mit breitem 'Rücken, starkknochig, eine Kehle hat er gehabt aus Eisen% eine wirkliche Kehlkopfstürtme. Und eine Zunge Hat dieses Exemplar .gehabt und deutsch gesprochen, war das eine Klasse von einem Liebhaber, Was tut Gott? Geht dieser Uchwatewker hin, legt sich nieder und stirbt sich justament. weg, .Was man wirklich wegsterben heißt, maustat. Na, gestorben ist gestorben, böruch dajin emes*). Was fängt man, ohne Liebhaber an? Die Äffichen waren schon angeklebt, bei der Kassa geht Geld ein, man reißt sich, um die Karten wie wenn nichts. Mein Schtschuppak zerspringt vor Verzweiflung. .Hotzmach,' sagt er zu mir, .wirst du einen Liebhaber spielen können?' ,0h,' sag ich. warum denn nicht?' Ich geh dran, meine Rolle einzustudieren. Gespielt hat* man ein sehr ernstes Stück: „Dora" oder „per reiche Bettler" von Shakespeare, verbessert und zur Aufführung gebracht von mir. Albert Schtschuppak. Wirklich, so Stands auf den Affichen geschrieben. Als! es zum Spielen kam, machte man mir eine schöne Maskerade und ließ mich auf die Bühne hinaus äfc* herauastafHerten „Rudolf", mit gefärbten Wangen und schwarzem Schnurrbart, einen Mantel, einen neuen, u,mgehängt, Hosen neue, Stiefel ein Paar, ganze- Stiefel — ich sag dir, ein Rudolf, ein so schönes Jahr mir gesagt. Was soll ich da lang hin und her. erzählen, mein Vogerl, der Teufel soll sich im Publikum auskennen. Vom ersten Augenblick an, als jeh mich auf der Szene zeigte, ich hab noch nicht den Mund aufgemacht, hat man zu lachen begonnen, man ...lacht jetzt noch. Und — wer redet schon davon — als ich zur Primadonna hintrete, zu Dora nämlich, und losknallte, nämlich mera* Rolle spielte, sie bei der Hand faßte und am Ihr in höchstem Deutsch sagte genau so wie Uchwatewker selige Lebzeiten: ,0h, liebes K«ind, wir musen hejratep, denn nach der Hochzeit is di Liebe *) Oeiegi** sei Gottes Urteilsspruch! viel starker als var der Hochzeit', da entstand ein so riesiges gebogenes Gelächter, eine halbe Stunde lang, daß ich glaubte, sie werden das Haus zerreißen. Je mehr ich meine Rolle auftrug, desto stärker: wurde das Gelächter. Nicht anders — der Teufel hat sie gekitzelt. Kurz, kaum hab ichs erlebt, daß der Vorhang heruntergeht, verschwind ich, wohin mich die Augen tragen, taumle ich auf den Beinen, seh die Welt nicht vor mir, fühl nur plötzlich, daß mich Schtschuppak in den Händen hat und hör Sausen von Ohrfeigen wie Holzklatechen: ,Du Bastard, warum hast du mir nicht früher gesagt, daß du ein Komiker bist?' Ich soll so wissen von Ihm und er von seinen dritthalb Weibern wie ich damals ahnte, was das ist — ein Komiker. Und so hab ich seit damals den Gang angetreten und ich hab begonnen loszuknallen, das heißt ich hab gegeben die größten komischen Rollen, anfangs den „Schmendrik" *), dann „Zingitang"*), dann „Kunni Leml"*), dann den besoffenen Noah in „Davids Fiedel"*) und selbst den Pappus in „Bar Kochba"**) auch. Ja sogar den Saft von „Selig dem Harfenspieler" in Lateiners***) poetischem Blumengarten hab ich gekostet. Ich, ich geb mir einen Schwung mit einem Maseltow, „Chosen-Kalle MaseItow"f)! Jetzt werd ich euch eine Ueberraschung bringen, eine Inquisition, eine Komparsition, dolele-lemole! Silele-lemole! Man fällt auf die Bäucher und stirbt sich tot. Schon gar nichti zu reden, wenn ich hervortrete in zerrissenem Kaftärt und ein „Chossidel" tanze: Ich bin mir ein Chossidel, Eine lustige Seel, - Ich bin mir ein Chossidel *> Ganz ohne Fehl. Ich bin mir ein Chossidel, Ein Chossidelak — Und ich sirtg mir: & Hop, tschiktschak! — '" v Dann schlagen sie sich die Köpfe ein vor Begeisterung. Ich habs nicht nötig, vor einem solchen Fratzen wie du großzutun, ich kann mich berühmen, daß Hotzmach gottseidank einen Namen hat. Ist nur das Malheur, daß man. mich nicht jede Nacht auf die Bühne läßt. Und wer ist schuld daran, glaubst du? Schtschuppak. Ein bitterer Kerl, der Teufel soll ihn holen. Er gibt keine Rollen, Gott soll ihm Kränk geben für den ganzen Winter. Die besten Rollen gibt *er sich, denn vielleicht klatscht man „bravo" gottbewahr jemand aftderm und nicht ihm, wird er gelb und grün vor Galle. Ein solches) Gewächs ist das, nicht länger will, ich ihm Stiefel putzen wie er gesund ist. Aber hab nur keine Angst, alles hat seine Zeit. Mit Gottes Hilfe, nach den Feiertagen, tun wir uns Schauspieler alle zusammen, arbeiten auf Marken^ auf Teilung heißt das. Will er nicht, lassen wir ihn liegen und machen uns selbst eine eigene Kompanie. Wir hätten es schon längst getan, wenn nicht dieses Luder Scholem Meir da wäre, die Cholera soll ihn — pfü..." So schließt Hotzmach seine Biographie, spuckt auf die Bürste und reibt mit ganzer Kraft den Stiefel. 18. Kapitel. Lebl aeigt, was es kann. Lebl gefiel Hotzmachs Biographie ungemein. Und nicht mir Hotzmachs Biographic allein, sondern auch alles, was er hier die ganze Zeit über sah und hörte und alles, was mit. dem Theater in Verbindung stdht, war unserem jungen Helden teuer und heilig. , Mit Hotzmach sich gesehn hat unser Held gar oft, einigemal im' Tag. Vom Cheder zum Essen nach Hause gekommen, beschäftigte sich Leble zunächst damit, einen Blick in die Scheune zu werfen — was es denn dort gäbe. Ganz früh, auf den Beinen, ging's gleich in die Scheune, bepackt, mit Sachen für Hotzmachs hungrigeil Magen. Und Hotzmach findet man in der Scheune immer. Hier lebt er, hier speist er, hier schläft er. „Ein Theater darf man nie allein lassen.' In einem Theater muß immer wer da sein. Kleinigkeit — Dekorationen, Kostüme, Perücken! Und außer mir wird doch Schtschuppak sein Vermögen niemanden anvertrauen. So rühmt sich Hotzmach vor seinem jungen Freunde, vor Lebl, und ihre Freundschaft wurde von Stunde zu Stunde inniger. Hotzmach hatte wen gefunden, bei dem er sich aussprechen, sein verbittertes Herz öffnen könnte. Ihm gefiel dieser „Ersatz" mit den schönen, treuen, guten, ernsten Augen, der. ihm übrigens allemal gute Sachen vom Tisch weg zutrug und ihn mit Zigaretten versorgte. „Schwer und bitter, mein teures Slnevögelchen," beklagt sich Hotzmach vor seinem jungen Freunde, „kommt einem das Stückchen Brot an, wenn man ein Schauspieler- Komiker sein muß bei solchen Leuten wie Schtschuppak, dicht säen soll man sie und dünn sollen sie aufgehen, böse Jahre haben wir von. diesem Hundeketzer mit den großen Brillanten; zum Unglück sollen, sie ihm, Gott im Himmel geb's, ausschlagen!^ *) Die ältesten Stücke des jüdischen Theater»; **) Historische Operette von A. Goldfaden. ***) Schwächlicher Stückeschreiber nach Goldfaden* f) Dein Bräutigaw und der Braut viel Glück! (FortsetMWs lotet). KOMÖDIANTEN. Roman von Schalom Alechetn« Ins Deutsche übertragen von R Rosen h all.

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