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Die neue Welt · 1928-12-14 · Heft 65 (14.12.1928) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 65 (14.12.1928)
Date
1928-12-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
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" Seite n Wß NEUE WELT Nr. 6* ■ 1000 Dollar sind oft nicht so vfeTwerf, als das Urteil zufriedener Oäste. Ein zufriedener Gast ist die beste Empfehlungl ins OTffO KASIRBR „Das sieht doch wirklich nicht gut aus, mit einem Brot zu Leuten zu kämmen, das angebissen ist." „Nothing. Die Rumänen sind gute Freunde" — lacht Buehhote. Dwojre bricht ein Stück Brot ab und gibt es ihm. „Ich werde das Brot nicht übergeben, das müssen Sie tun. Ich will nichts damit zu tun haben" — sagt, Freier ärgerlich. „Freier, seien Sie nett" — bittet Dwojre. „Hat man das schon gehört? Zu Leuten mit einem angebissenen Brot kommen." Budtholz konnte sLn nicht mehr zurückhalten: „Paßt es überhaupt, after all, zu jemandem mit einem Brot unterm Rock zu kommen" — fährt er mit vollem Mund los, während er das Brot zusammen mit einem Apfel kaut, den Dwojre im Geschäft bekommen und ihm heimlich zugesteckt hat. — „Was für ein Aristokrat bist du?" Dwojre packte das angebrochene Brot wieder ein und sie gingen zu dem Rumänen. Moscovici wohnte in einem alten, mit Schindeln gedeckten Haus, das abseits am Ende der Straße stand. Es dauerte lange, bis sie das Haus fanden. Als sie die Treppe hinaufgingen, drang ihnen ein so fürchterlicher Kinderlärm entgegen, als würden dort oben förmliche Schlachten geliefert. Sie standen lange hei der Tür, denn infolge des Lärms wurde offenbar ihr Klopfen nicht gehört. Endlich öffnete ihnen eine Frau. „Seht nur, wer hier ist! Treten Sie ein, Freier, ah, Buchholz ist doch auch hier. Sie sind ans Ihrer Dachstube herausgekrochen? Wer ist die ,Baryschn.aV (Frau Moscovici war wohl a;us Rumänien, kokettiert© aber gern mit russischen Worten.) „Eine Bekannte von uns. Miß Zlotnik. Mistreß Moscovici" — stellte Freier vor. — „Wir sind gekommen . . . wir haben gemeint . . . geglaubt" — stammelte Freier und kann nicht das erlösende Wort finden. — „Ist Moscovici zu Hause?" „Ja, doch seid still. Sprecht nicht laut. Moscovici arbeitet in seinem Kabinett und das geringste Geräusch stört Hm" — sagt Mistreß Moscovici (Fortsetzung folgt.) >♦♦♦♦»<>■»♦♦♦♦♦♦♦»♦+»♦♦♦»♦♦♦♦»♦♦»»»»♦ KOMÖDIANTEN. Roman von Schafom Alechein, Ins Deutsche übertragen von P. Rosen hall. (9. Fortsetzung) Nebenbei seh ich schon die Rangen zu euch in den Cheder kommen, ihr müßt ja an die Arbeit... wie sagt ihr, „tojre is die beste s-chojre" *) Roziukcs mit Mandeln ... seid gesund und fahrt wohl." „Mit dem Kopf in der Erd und die Füße zur Tür", sandte die" Chasenfrau den Gästen nach, als sie schon die Schwelle verlassen hatten. Und zur Tochter sagte sie: „Kannst dich schon, Tochter, vom Jüdischen Theater verabschieden. Bei mir wirst du es nicht mehr sehn, solang ich noch auf den Beinen stehn kann." Die beste Lektion hätte ihr Mann abgekommen. Aber zu seinem Glück saßen schon die Schüler vor den offenen Büchern um den Tisch herum. Im übrigen fühlte sich auch der Chascn selbst nicht sehr wohl, nach dem Gespräch mit den unerwünschten Gästen. Aber er faßte Mut, zeigte zum Schein eine heitere Miene, rieb eine Hand an der andern und leitete seine Singsangmelodic zum Unterricht über: „Nun merkt euch wohl,: Kinder, noch einmal, zum Beispiel, wo halten wir denn?... Gut, jaaaa..." 15. Kapitel. Eine neue Figur —- Hotzmach. Bei Benje Rafalowitsch im großen breiten Hof gehts lustig zu. Die Scheune, darin jüdisches Theater gespielt wird, ist nie geschlossen, nicht bei Tag, nicht bei Nacht. Wenn der Morgen kommt, fängt dort das Lebenan, Menschen auf und ab, kommen, gehen. Tischler stellen Bänke zurecht, Anstreicher sfrqichen Dekorationen, an, Handlanger tragen Gestelle, bringen Holz, sc.hle.ppcn Bretter. Man hört nicht auf zu hämmern, Nägel einzuschlagen, Stricke zu spannen, immerfort Lärm, Geschrei, Geräusche. Oefter und lauter als. alle .andern Schreie und Rufe vernimmt man den einen: Hotzmach!. „Hotzmach, der Teufel soll dich holen „Hotzmach, sind dir die Augen draußen —? „Hotzmach, tu dich rühren —! „Hotzmach, halt! Hotzmach steh! Hotzmach lauf! Hotzmach, Hotzmach!" „Wer ist dieser Hotzmach?"- fragt sich Benje Rafalowitschs Söhnchen Lebl. Jedesmal, bevor er in den Cheder gehn sollte, warf er einen Blick in die Scheune. Jetzt weiß Lebl schon, wer Hotzmach ist. Ein .langer dürrer kränklicher, hustender Mensch mit kurzem Atem, mit bleichem blatternarbigem Gesicht, mit spitzer Nase, mit spitzem Kopf, mit spitzen Ohren und Augen auch spitzen, hungrigen stechenden scharfen Augen — das ist der Mann. Er heißt eigentlich Holzman, aber der Direktor des Theaters Albert Schtschuppak hat ihn vom ersten Tag an mit dem Namen Hotzmach bedacht — so ist fiS geblieben bis in unsere Tage. Lebl gefiel Hotzmach von der ersten Minute, da sie einander kennen lernten. Und Bekanntschaft machten sie miteinander just ohne Verbeugungen, ohne Komplimente, ohne Zeremoniell. Die Geschichte war so. Hotzmach sah einmal Lebl an der Scheunentür stehn Und knüpfte mit ihm von ferne ein Gespräch an: „Du Ausbund, was machst du da?" „Nichts." „Wen suchst du?" „Niemanden." „Wer bist du?" *) Lehre ist die beste Ware, „Der Sohn von Benje Rafalowitsch." „Was stehtst du dann bei der Tür wie ein Schnorrerbub? Komm nur her, mein Kleiner! Zigaretten rauchst du schon? Oder noch nicht?" „Nein. Noch nicht." „Aber dein "Vater raucht? Deine Brüder räuchern hol sie der Teufel? Nun, kannst mir da Zigaretten bringen." Am nächsten Tag brachte ihm Lebl atemlos, verschwitzt, gerötet, eine volle Hosentasche mit Zigaretten da her und sah sich dabei nach allen Seiten um. Hotzmach schichtete die ihm gereichten Zigaretten zusammen, steckte sie in die Tasche nicht etwa wie eine Diebsbeute — bewahre sondern wie die Gabe eines guten Bekannten, nicht die Wimper zuckend, nicht danksagend, rauchte eine an, tat eine ntiefen Zug, blies den Raudh durch die spitze Niise in. dünnen Säuleu aus, verhusteta sich und warf die Worte hin: „Wer raucht bei euch so ausgesuchte seltene Zigaretten?" „Mein älterer Bruder", antwortete Lebl still, kaum daß man es hörte. „Der Teufel in deines älteren Bruders Vater hinein, er weiß, was man zu rauchen hat", sagte Hotzmach, durchaus nicht so still. „Sag nur, mein teurer Spatz, was kriegt man bei euch zum Beispiel so gegen Morgen zum Kaffee?" „Was man kriegt? Je nachdem. Mai Butter,- Käse, mal Eier, Bäckerei, Butterteig..." „Otototo", unterbricht ihn Hotzmach.;,So steltts also geschrieben! Dann bring mir, mein Philosoph, ein paar Stück von diesem Butterteig, aber frische;- hast du verstanden, was man zu dir spricht? Frische!" Das Wort „Frische" schreit Hotzmach so laut hinaus, daß Lebl erschrickt, aus Furcht, jemand könnte es hören. Dessenungeachtet brachte er folgsam am nächsten Morgen frische Bäckereien in der Tasche und lieferte sie verstohlen ab, ängstlich, man könnte davon erfahren ..... Er hatte sich kaum recht umgesehn, als Hotzmach die Bäckerein schon durch seinen dünnen Hais herunterrutschen ließ. „Ißt sich wie Pillen", sagte Hotzmach und schleckte seine Lippen ab wie eine Katze nach der Mittagsmahlzeit, von Lebls Bruder eine der Zigaretten anrauchend, die ihm so sehr mundeten, daß er sich noch welche anbefahl. Und Lebl brachte ihm noch und noch und hatte dafür freien Zutritt, nicht nur am Abend zur Vorstellung, sondern auch tagsüber zu den Proben und Einstudierungen, selbst bis dorthin jenseits des Vorhangs hinter den Kulissen, wohin es Lebl die ganze Zeit verlangte, damit er sehe, was es dort gibt. Und — ach, was Lebl dort gesehen hat! Eine gar wunderliche Welt. Eine Welt, in der Menschen sich verkleiden, sich verstellen, sich anschmieren, sich färben und von dort ans Licht treten als Zauberer, Geister, Engel. Und ein Leben herrscht dort wie im Paradies, immer lustig, immer bewegt. Der singt, der tanzt. Dieser bläst die Backen auf, jener gluckst aus einer Flasche. Wieder einer raucht eine Zigarette still für sich, auf allen Vieren in einem Winkel hingestreckt, damit der Direktor ihn alles kracht... Ein böser Direktor. Alle haben Angst nicht erblicke und ihm eins über die Ohren haue, daß vor ihm wie vor dem Todesengel, Und alle lachen ihn aus, verhöhnen ihn, zeigen die Zunge Linier seinem Rücken, äffen ihm nach wie er geht, wie er steht, wie er sitzt, wie er spricht, wie er die Brillanten glitzern läßt — übermütige Lausbuben. Am besten von allen triffts Hotzmach. Der kopiert jeden einzelnen der Oesellschaft so kunstvoll, daß man vor Lachen zerbersten kann. Ein Spaßvogel, der HotzmachI Lebl begreift nicht, woher dieser Vogel so viel Lustigkeit hernimmt. Keiner scheint so viel zu arbeiten wie Hotzmach, keiner läuft so viel herum, keiner wird so viel hin- und heigerissen, keiner hat so viel Hunger, keiner hustet so stark, keiner kriegt so viel Ohrfeigen, Stöße und Püffe von jedem einzelnen wie Hotzmach. Da hat ihn do:h gerade jetzt der Direktor am Kragen gepackt und aus der Garderobe hinausgeworfen: „Hotzmach, soll dich der Teufel fressen", und schon steht er hinter des Direktors Rücken, seinen Rücken ein wenig eingebogen, die Kappe zur Seite gedrückt, die Lippen zusammengeschnürt und sieht man sein Gesicht an, findet man ein idiotisches Gesicht mit kleinen Aeuglein — Albert Schtschuppak, wie er leibt und lebt! Nun, wie soll mau einen Menschen wie Hotzmach nicht gern haben? 16. Kapitel. Hotzmach schreibt einen Brief. „Hör an, halt, panski zap*), du lernst doch im Cheder, mußt also gut schreiben können, bring Tinte und Feder her, ein Blattei Papier mit einem Konvert... und eine Marke für sieben Kopeken!" So rief Hotzmach seinem jungen lieben Freund Lebl eines schönen Morgens zu, während er die Schuhe für die ganze Thcatergcsellschaft putzte. Nach einigen Minuten waren alle Schreibutensilien in der Scheune, will sagen im Theater, jenseits des Vorhangs hinter den Kulissen. Auf einer zurechtgestellten Kiste, an einem Tischchen mit drei Füßen, saß Rafalowitschs Junge Lebl und schrieb einen Brief. Ihm gegenüber, auf den Boden, hatte Hotzmach sich hingestreckt, eine Zigarette zwischen den Zähnen, die Stiefel zur Seite geschoben, hustend, und begann breit zu diktieren. „Schreib so, mein Herzchen: ,An meine liebe teure Mutter Sore Broche Lebwohl! Und an meine Hebe teure Schwester Zladke Lebwohl! Und an meine liebe teure Schwester Zledke Lebwohl! Und an alle meine lieben und treuen Freunde Lebwohl!' „Fertig, Liebling? Schreib weiter: ,Erstens komm ich dir zu melden von meinem Wohlbefinden, daß ich bin gottseigelobt vollkommen gesund, wie ich wünsche euch von tiefem Herzen immerdar und ständig, zu jeder Zeit von euch zu hören amen.' „Hast du gesetzt, mein Würmling, das Wort amen? So hab ich dich lieb. Kratz weiter: ,Und zweitens komm ich dir zu melden, meine liebe teure Mutter, daß wir uns befinden in Bessarabien, ein Land von Kukuruz, Mamaliga und fetten Weibern. Und wir spielen alle Nacht Theater, und ich komm dir zu melden, daß ich schon die ersten Rollen spiele, von nach den Feiertagen an beginnen wir auf Marken zu arbeiten, Teilci nehm ich, heißt es, vorläufig arbeit ich . auf Gage, das heißt ich nehm auf die Woche, das heißt, jede Woche krieg ich bezahlt. Nicht soviel daß der Nacken steif wird, aber Gott zu danken, wenigstens nicht ohne Lohn gearbeitet. Ich weiß, daß ich für meine Arbeit mehr wert bin, ich würde vielleicht mehr bekommen, gibts aber bei uns einen Lauser, Scholem Meir ruft man ihn, einen , Scholem Meir von Gott, er sollt abgeben die Kapore**) für dich- und für mich und für Zladke. Das ist ein Hund, der selbst nichts frißt und den andern auch nicht essen läßt. Und ich schick dir ein Dreirubelstück und, ich bitte dich, meine liebe Mutter, du sollst es nicht für Uebcl haben, es sind nicht Dreihundert. Das ist alles!, was ich besitze und mach dir etwas für die Feiertage, was du brauchst und für Zladke sollst du Schuh kaufen ja nicht vergessen ohne viel zu fragen, und sollst dem Onkel Salmen sagen, er soll wegen Prisiw*) mir nicht in den Ohren liegen, was der mir aufliegt. Ich bin schon ■längst gegen den Prisiw***) gefeit. Das hab ich ihm zu verdanken gerade Onkel Salmenken. Und ich bitte dich, meine liebe Mutter, wenn du mir einen Brief schreibe« wirst, soll mir Elia der Melamed in einem schreiben, wann ich Jahrzeit habe. Im vorigen Jahr ist sie akkurat auf den dritten Tag Zwischen-Laubhütten gefallen. Und schreib mir, ob du noch auf der alten Stelle bist und ja nicht vergessen für Zladke Schuh und mehr kein Neues' hab icli dir nicht was zu schreiben und bleib gesund, meine liebe Mutter, von mir dem Sohn, was wünscht dii viel Gutes und Glück immerdar und ständig und jederzeit von dir zu hören amen." „Jetzt, mein Fratzchen, laß mich —, gib die Feder her, jetzt wird sich anbringen der Macher." *) Soviel wie Muttersöhnchen. **) Opferhuhn. ***) Assentierung. (Fortsetzung iokU

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