Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1928-12-07 · Heft 64 (7.12.1928) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 64 (7.12.1928)
Date
1928-12-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2711630-2711679--0856-2714029
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

f Seite 12 DIE NEUE WELT tfr. m „Was kannst du in Bäumen mm Ausdruck bringen?'* „Bäume haben Gesichter, sie haben Hände und Füße, sind verwachsen wie Kinder im Mutterleib; Bäume sind (Zusammengewachsene große Embryonen, verholzt, ehe sie noch zurni Menschen erwachsen konnten. Verflucht von Gott oder von irgendwem. Bäume können lachen und können weinen. Hast du schon Bäume lachen gehört?" „Und warum machen Sie keine Bäume?" — fragt Dwojre. „Ich werde sie schon einmal machen." „Buc'hholz, was ist dir geschehen, du sprichst doch? Ein Wunder ist geschehen, Buchholz spricht, erzählt von seinen Plänen. Wer sollte das glauben?" — schreit Freier auf. — „Daran, sind Sie schuld" — wendet er sich an Dwojre. •— „So wahr ich lebe, nur Sie." Dwojre errötete. Buchhofe sprang plötzlich auf Freier los, packte ihn, hob ihn wie ein Kind in die. Höhe -und warf ihn zu Boden. „Schweigen! Erwürgen, erwürgen will ich den da!" ,3uchholz, was hast du?" — ruft Freier nicht ohne Furcht. „Schweigen, that is all!" Die Gesellschaft wurde ernst und wußte nicht, was sie anfangen sollte. Dwojre tat der unangenehme Zwischenfall leid;, um ihn z>u verwischen, sprang sie plötzlich auf und begann zu laufen. „Versuchet mich zu fangen, wer 'kann mich fangen?" „Was bekommt der, der Sie fängt?" „Was er bekommt?" „Einen K>uß" — ruft Freier. Dwojre errötete, doch statt sich zu schämen, lachte sie hell auf. „Gut, abgemacht" — stimmte sie zu der Männer Verwunderung zu und begann zu laufen. Freier lief ihr nach. Buchholz war beim Baum stehen geblieben urod wartete. Als Freier, der ihr nachjagte, ohne sie zu fangen, außer Atem kam, schoß plötzlich Buchholz wie ein gereizter Stier hinter dem Baum hervor, war mit einigen Sätzen bei Dwojre und preßte sie in seine zwei starken Arme. (Fortsetzung folgt.) BOT 0 9 Roman von Schalom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosenhall. (8. Fortsetzung) Die liebe Chasenfrau hat darauf nichts zu sagen. Ihr erscheint es gar nicht verwunderlich, daß ihres Gatten, Name in der ganzen Welt .bekannt ist. Aber daß ihre Tochter jetzt, plötzlich, mitten drin, sich hinstelle und vor zwei fremden Mannspersonen singe, — ihr könnt sagen was ihr wollt —, ihrem Weiberverstand erscheint das, sie weiß selbst nicht, wie sie das nennen soll. „So glatt ohne weiters soll ein Mädel singen? Mir nichts, dir nichts ... hopp, mitten drin ... frei und billig wie Zwiebel...? Ein Mädel ist doch kein Junge? Ein Junge ist ein Junge und ein Mädel ist ein Mädel, na, hast du gesehn!" 13. K a p i t e 1. Des Chasen Tochter singt Rebojnoi schel ojl««n. Nicht ganz so nahm Israel der Chasen den Antrag au|C'. Er diachte anders darüber. Es ist ja wahr, Lea die Chasenfrau hat vielleicht recht, wenn sie immer sagt, „ein Junge ist ein Junge, ein Mädel ist ein Mädel.. /* Aber einmal in einem Jahrhundert, solchen Gästen zuliebe — was macht es schon . aus, wenn sie ,zum Beispiel zusammen mit dem Vater etwas vorträgt! Und nebenbei wollte er sich auch noch ein wenig hören lassen. Ein Chasen — wenn er zu singen anfängt, ist's wie mit eineni Regen. Wenn der beginnt niederzugehn, dann geht er nieder. Und Israel der Chasen warf einen Blick auf Lea sein Weib, mit der stummen Bitte, die sagt, „was wirds dich zum Beispiel stören, wenn das Kind etwas vorträgt?" Die Chasenfrau verstand des Chasen Blick sogleich; wenn ihn einmal der Gesangsteufel befallen hat, gibts keinen Halt. Sie. antwortete ihm auch mit dem Blick, den er alsogleich begriff, als sagte sie ihm: „Dich hat's ordentlich befallen, was? Na, wenn's dir lieb ist, soll's mir recht sein, na, hast du gesehn..." Und Israel der Chasen wird fröhlich, räuspert sich, legt sich den Ton zurecht und sagt zur Tochter: „Wenn man dich bittet, was vorzutragen, sei nicht karg, man muß; was hergeben... Nun aber die Frage, was sollen wir zum Beispiel unsern Gästen vortragen! Wie wär's, wenn wirf ihnen gar den „Rebojnoj schel ojlom" *) vorsingen möchten? Du singst und ich werde dich begleiten auf der unteren „Oktav"! Na, Resl, fang an: La— Ia—la—la!..." Zufrieden, daß der gestrige Vorfall sich friedlich" abgewickelt halte, war Resl schon aus Dankbarkeit bereit zu singen. Dazu kam noch, daß Resl schon von, Kindheit an gerne sang und jetzt noch diese Vorliebe hatte.. Den ganzen Tag könnte sie singen, erlaubte es nur die Mutter! Sooft Resl ihre Stimme hören läßt, schreit Lea sie an: „Wirst du ruhig seih, Resl? Du meinst wohf, du bist ein Wickelkind, nein, ein ausgewachsenes Mädel bist du, — kein bös Aug auf dich —, na, hast du gesehn..." „Ein ausgewachsenes Mädel?" lacht Resl auf und Lea lacht selber mit, aber singen? — singen läßt sie es nicht, es sei denn zusammen mit dem Vater, doch auch das nur, wenn niemand dabei ist, Und . Resl stellte sich neben dem Chasen auf, die Hände am Rücken, den Blick zur Decke gerichtet und mit reiner, süßer, metallklingender Stimme, wie eine Fiedel, strich sie eMne traurige, wahrhaft jüdische Melodie hinaus, einer alt^n Gebetsweise gleich, worin ein K'agen, eine Bit erkei', ein Bi t:n, ein Weinen zu hör*n war. Rebojnoj schel ojlom! Rebojnoj schel ojlom! Assisi **) — kam zu dir mich Bekla—a—agen. O Gott du mein, Dir sa—a—agen? Ad mussaj**) die Wahrheit — im Golus *) Herr der Welten. ■>*) Gebetsanfang — im Golus Sich pla—a—agen? Bis wann denn das Treiben, Das Ja—a—agen? Genug schon, genug schon, genug schon Geschla—a—agen — Wir können's nicht länger Ertra—a—agen! Genug schon, genug schon, genug schon Geschla—a—agen — Wir können's nicht länger Ertra—a—-agen...!" Beide Gäste, Direktor und Flügeladjutant, saßen verzaubert da. Beide sahen einander an, mif offenen Mäulern, und wollten es gar nicht glauben, daß der Gesang schon zuende sei. Sie hatten keine Worte. Scholem Meir rief zwar „Bravo, bravo, bis" mit seiner heisern Stimme, begriff aber sogleich, daß sein „Bravo, bravo, bis" sich hier läppisch ausnahm. Zu traurig war das Motiv, zu heilig waren die Worte, zu süß war diese süße Fiedelstimme und zu schön die junge Sängerin, eigentlich ein Kind noch. Und Albert Schtschuppak, der Direktor des Jüdischdeutschen Theaters, was war mit ihm? Es ist schwer zu erraten, was in der Seele dieses Juden vorging. Er wickelte sich tief aus der Hosentasche ein unförmiges, übertrieben parfümiertes Taschentuch heraus, und wischte die Tränen, die an seinen kleinen geröteten, braüenlosen Augenrändern zum Vorschein kamen... Anscheinend schlägt noch in diesem schon längst ausgetrockneten, abgebrühten Gesellen ein jüdisches Herz,! fließt noch ein warmes Blut, pocht noch eine lebende Ader. Das Gefühl für Mitleid scheint bei ihm noch nicht ganz abgestorben zu sein, da sein Auge noch Tränen hat für jüdisches Leiden, das bei einem Volk im Golus in solch simp'Den warmen Worten und in so rührend einfachen Melodie seinen Ausdruck findet, zum Steinerweichen. Oder ist vielleicht gar am.. Ende das göttlich schöne schwarze Mädel schuld, das Mädel mit den Anmutsgrübchen auf den jungen Wangen, mit den schönen schwarzen Zigeuneräuglein und mit der süßen Fiedelsttmme, die vonl der Seele sich ins HerF ergießt und wie Oel durch alle Adern strömt? Wer will das entscheiden? Der Leser, der mit dem Direktor des Jüdisch-, deutschen Theaters schon von den früheren Kapiteln her bekannt ist, weiß, was für ein Sprecher dieser Kandidat ist. Nach dem Rebojnoj schel ojlom sprang er auf, ging zum Chasen hin, ergriff mit beiden Händen seine Hand und mit Tränen in den Augen brachte er nur diese wenigen gezählten Worte hervor: „Mein Name soll nicht Albrett heißen," — es ist nötig zu bemerken, daß er seinen eigenen Namen, es sollt uns nicht zur Schande gereichen, niemals richtig herausbringt und Albert bei ihm stets als Albrett erscheint, — ,^hört, so soll mein N^ame nicht Albrett heißen!" Das ist die höchste Ehrenbezeigung, die Albert Schtschuppak, der Direktor des Jüdisch-deutschen Theaters,, zu vergeben hat. 14. Kapitel. Albert Schtschuppak haut über die Schnur. Hätte der Direktor des Jüdisch-deutschen Theaters! Schtschuppak sich mit dem Kompliment „So soll mein Name nicht Albrett heißen", begnügt, wäre alles schönt und gut und alle wären zufrieden gewesen, jeder in seiner Art. Die Gäste, weil sie einen Rebojnoj schel ojlom zu hören bekamen, wie er einem nicht jeden Tag präsentiert wird, Resl des Chasen Mädel, weil sie zum erstenmal vor fremden Leuten „aufgetreten" war. Auch der Chasen hätte darüber glücklich sein können, daß seine Tochter den Gästen sosehr gefallen habe — welcher Vater freut sich nicht über den ersten Erfolg seines Kindes! Was wollt ihn mehr? Selbst Lea, die Chasenfrau» die anfangs der blöde i Gedanke bedrückte, daß ihre Tochter sich vor fremden! Mannspersonen produziere, war jetzt so gerührt, daß ihr der stille Seufzer „Welches Kind! Gott soll es mir. beschützen!" entfuhr. Es sollte aber dazu kommen, daß sich dieser klare Himmel trübe und die ganze Freude zerstört würde. Und um wessentwillen? Um desselben Direktors des Jüdischdeutschen Theaters willen, vielmehr seiner Zunge wegen, die sich bei ihm in jämmerlicher Haltlosigkeit befindet. Wenn ein Mensch über die Schnur haut, gibts keinen Spaß. Ob aus Begeisterung, ob das Geschäft es erforderte, jedenfalls rückte Albert Schtschuppak mit der Sprache heraus, indes er mit seinen Brillanten und Diamanten spielte. „Eiei ist das ein feines Stückchen Stimme, eiei em fein Stückchen Kehle! Ein Mund — ein Wunder! Na, na! Hört also, lieber Chasen! Ihr sitzt da in eurem Holeneschti, hört also! Ein gestorbener Krähwinkel! Was schon? Wer schon? Klebt im Kot und kennt nichts anderes als Kukuruz, Mamaliga und ähnliche heilige Gaben, hachachach .. . Schade, hört also, solch ein Breljant, was wird da aus ihr, aus eurem Kind nämlich, kann einem leid tun ... ich meine, ich glaube, weiß ich . . . mein. Name soll nicht Albrett heißen ... I" Diesen Worten entnahm die Chasenfrau, daß von ihrer Tochter die Rede sei, da schnitt sie wie mit einem scharfen Messer ab: „Man guckt nicht einem Fremden unter die Haut! Mein Kind hat gottseidank bis hundertundzwanzig jemand, der sich für sie den Kopf einnimmt ..." Albert Schtschuppak verstand scheints den Witz der Sache nicht oder tat wenigstens so, verfolgte sein Ziel weiter, wandte sich nur an den Chasen, ohne die Chasenfrau auch nur anzusehn. „Ja, was ich, hört also, eigentlich sagen wollt, mein lieber Chasen. Ja. Wegen dem, daß ihr linde Menschen seid, Geblendete ihr. Fanatismus, weiß ich was, eine Welt ist das, ich glaube, bei mir, wenn ihr sehn würdet, hört also, Kinder... Gold! Mädchen haben sichs bei mir, ich wünsch mir nichts besseres! Puppchen, gepflegt wie junge Gurken. Eine Primadonna aus einer feinen Familie. Kein solches Gesichtchen wie bei der eurigen, doch ein Wunder von einer Stimme... hört also, könnt auftreten... in der größten Oper. Wenn sie zu mir kommt aufs Theater, die eurige nämlich, weiß ich, nach drei — vier Jahren, hört also, einen so hohen Hut voll**, indem er mit beiden Händen den Hut voll Gold' absteckte. Ob die Chasenfrau das, wie es gemeint war, begriff, ist schwer zu sagen. Doch fühlte sie heraus, daß dieser Patron da mit dem hohen Ofenrohr auf. dem Kopf, mit der läppisch äusrasierten Fratze, für ihre Tochter, eine sonderbare Verbindung im Sinne hat und Dinge vorschlägt, von denen einem schon beim bloßen Hören die Galle übergeht! Und es erwachte die „Mutter" in ihr, die Mutter, die erschaffen wurde, ihr Kind wie ihren Augapfel zu beschützen und zu behüten, die Mutter, die, kaum hat sie erlebt, ihr Kind auf den Beinen zu sehn, um es zittert wie um ein schönes teures gläsernes) Ding. — Sie wollte sich nicht in weitere Erörterungen einlassen und hackte noch schärfer als früher ab: „Nicht erleben werden's meine Feinde! Was glaubt ihr denn, wir sind von den Schneiders und Schusters, daß wir unser Kind, unser Blut, unter die Purimspieler, die Akteursleute, die Komödianten, die Schmierfinken schicken, na, hast du gesehn . . .!" Diese wenig erwärmenden Worte, die Lea in ' einem Atem hinausstieß, haben dem Direktor des Jüdischdeutschen Theaters wie es scheint nicht sehr wohl bekommen und ihn scheinbar sogar sehr verdrossen. Das dumm gefaltete Gesicht bekam auf einmal gelbe und grüne Färbung und gab Schweiß her... Die verkniffenen Lippen legten sich zusammen und die kleinen brauenlosen Aeuglein tauchten in Blut. Albert Schtschuppak rüstete sich, der Chasenfrau eine tüchtige Portion zu versetzen, wie es sich gehört. Welche Frechheit von dieser Frau, so mit ihm zu sprechen, mit dem Direktor des Jüdischdeutschen Theaters! Gott weiß, was für ein Skandal da ausgebrochen wäre. Albert Schtschuppak ist kein Freund von langen Auseinandersetzungen. Bei ihm gibts nur eins von beiden: „Entweder eins übers Maul geben oder eins übers Maul kriegen." Ein Glück, daß Scholem Meir dabei war. Scholem Meir kennt sich in seinem Prinzipal aus, weiß, was für ein Geselle das ist. Er geht mit der Ansicht, man soll keine Ohrfeigen geben, keine Ohrfeigen nehmen. Er hält es mit dem Grundsatz, daß man mit der Güte weiterkommt. Er zog seinen Herrn am Aermel, winkte ihm schelmisch mit einem Auge, sein Hütchen hinauf- und hinabrückend, und sagte zum Chasen: „Eure Ehehälfte haben ganz recht, so soll ich ein gut Jahr haben, was für eine Frau ihr habt, außer allen Sorgen. Aber was doch? Ein Fehler. Sie ist uns ein klein wenig zu heiß. Sie haben nicht verstanden, was der Direktor da gesagt haben. Herr Direktor haben so in die Welt hineingesprochen, daß es allerlei Berufe auf der Welt gebe. Jeder lobt sich den seinen. Jeder Hund, beliebtet ihr zu sagen, ist Herr in seiner Hütte und jedes Schwein bildet sich ein, sein Futtertrog sei der tiefste. Und sonst meinten Herr Direktor nichts, nichts gegen euch, nichts gegen euren Mann, nichts gegen die Tochter. Hierhergekommen sind wir, sage ich euch nochmals, nur wegen des Chasen ihn singen hörn, so soll uns Gott Glück geben und Gute Verrichtung. Wir würden noch sitzen, und sitzen, wollen euch, aber nicht aufhalten. 'Fortsetzung folgt.) MEMaMBW

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.