Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 62 (23.11.1928)
- Date
- 1928-11-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 62 Offi NEUE WELT Seite 11 davon zu reden?" „Es ist mir so auch genug traurig zumute" — sagte Dwojre halb für sich. „Ich bitte Sie, bleiben Sie! Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich von dem dummen öden Tratrm nicht mehr sprechen werde" — Freier bat wie ehn KimJ. Dwojre begann zu lachen. „Sind Sie wieder gut, ja?" Dwojre nickte mit dem Kopf. „Alber jetzt laufen Sie nicht weg; ich komme ibald wieder." Freier tauchte i-m dunklen Korridor unter und •ging auf eine Wendeltreppe m, die in ein Laibyrinth zu fuhren schien. Als Dwojre aHein Wieb, dachte sie im ersten Augenblick daran, zur Arbeit zurückzukehren. Die Furcht, einen Tag zu schwänzen, quälte sie nicht mehr; doch Freiers Worte klangen in ihren Ohren unaufrichtig; sein Wesen aber erweckte Mitleid in ihr. Sie fühlte, daß er litt; dieses sein Leid entschuldigte seine Unaiu-frichtfgjkeit und bewirkte, daß Dwojre stehen triielb und ihn erwartete, obwohl es lange dauerte, bis er wieder kam. „Sie .müssen entschuldigen, daß ich Sie so lange warten ließ. Meinen Sie, es sei so leicht, zu Buciihofe zu kommen? Man' muß ganze Straßen lang auf Leitern herumklettern, bis man in seine Appartements gelangt Er wohnt in der nächsten Nähe des Himmels" —- rief Freier, während er die Treppen hinunterlief. — „Angezogen war er auch nicht, er hat erst Toilette machen müssen; Sie müssen nämlich wissen, in seiner Wohnung geht Buchholz ständüg im Adamskostüm herum. Uebrigens, da haben Sie ihn selbst. Ich habe die .Ehre, Ihnen das zweite Mitglied unseres Vereins ^Hunger', Herrn von Buchholz, vorzustellen." Vor Dwojre blieb ein Mann stehen, der wie ein Koloß aussah; ein Riese, mächtig, eckig, wie ein behaltener Holzklotz. Breite Schultern, große, lange Hände. Er machte den Eindruck eines Menschen, der schwere körperliche Arbeit leistet, aber keine geistige. Doch in der Art, wie er seine Augen einkniifif, lag etwas Weiches, geradezu rührend Kindisches. Das zeigte sich am meisten, wenn er lachte. Und er fachte immer, mochte es am Platze sein oder nicht. Die Augen waren unter den Lidern versteckt und er sah unbeholfen und unschuldig aus. „Buchholz, verneige dich,, hol' dich der Teufel! Was stehst du da wie ein Bär?"; Buchhoiliz verneigte sich lachend. „Drei Tage lang ist er schon nicht am Sonnenlicht gewesen, ist schläfrig in seinem Zimmer gelegen und nackt .herumspaziert." Buchholz lachte: „So war's gut." „Was war gut?" „Das." ' „So und das" — lacht Freier — „mehr bekommen Sie nicht von ihm zu höreiL" „Was wollen Sie eigentlich von dem Herrn haben?" — Dwojre nahm sich des Unibekannten an. Erst als sie auf die Gasse kamen, sah sie, weineben ihr sing. Das erste,-wasan Buchhok auffiel, war sein Hemd. Es war ein- Arbeiterherad von unbestimmbar dunkler Farbe, 'das -aus der breiten Hose heraushimg und sich ewig aus -den zir kurzen Aermern des Rockes hervorsahob. Knöpfe hatte weder die Hose, noch der Rock, noch auch das Hemd. Aus dem BrustscMitz des Hemdes sah eine dicht behaarte Brust hervor. Der Hals, welcher eine eingehende Behandlung mit Seife und Soda' notwendig hatte, war mit einer Art von Krawatte umschlungen, die zugleich als Kragen diente. Das Gesicht war bereits einige Tage unrasiert, das Haar zerrauft, mit Federn bedeckt, als wäre der ganze Mahn aus einem Sack Bettzeug herausgezogen worden. „Buchholz, steck* das Hemd in die Hose! Es ist doch eine Schande, mit dir zu gehen" — ermahnte ihn, Freier. Dwojre deckte mit ihrem Weinen Körper Buchholz4 riesige Lastträgerfigur; sie ging heben ihm, als wollte sie ihn beschützen. „Das macht nichts" — Buehhülz lächelte gutmütig und schob mitten auf der Gasse das Hemd in die Hose. „Allso, wohin gehen wir?" — begann Freier. „Sie wollten doch in den BTonx-Park gehen." „Ja, ja" — Bflichholz nickte heftig mit dem Kopf. „öa'zn braucht man Zehrgeid. Bnchhote, hast du etwas Geld?" Der Riese errötete and begann m den Taschen seiner breiten Hose zu suchen; „Ich habe nichts bei mir." „Bei dir, sehr gut! Irgendwo anders hast du Ge*d?M „Ich habe fünfundzwanzig Cents bei mir, wird das genügen?" —' fragt Dwojre. „Für die Hinfahrt reicht es. Was tut man aber mit der Rückfahrt? Wir sind unser drei." „Ich werde zu Fuß gehen." Dwoire sah Buohhofe an. „Das tue ich ijwmer." Ohne sich Gedanken darüber zu machen, woher sie Geld für die Rückfahrt nehmen würden, bestiegen sie einen Zug, der sie in den Bronx-Park führte. (Fortsetzung folgt.) wetLiättefär SGSSGl UndTi$Cll6 Salongarnlturen und ElnzefmöbelsftQcke ADIEK, VII. Apollos. 181 KOMÖDIANTEN. (6.F< Dummheiten! Der Tochter ist es nicht im Traum« eingefallen abzulehnen. Resl fühlte sich in diesem reichen Hause immer heimischer. Sooft sie hinging, war sie festlich gestimmt, mit warmen Gefühlen, wie man sie für einen guten Freund an seinem Fest empfindet. Es ist auch kein wunder. Sooft Resl hinkam, wurde sie als Gast empfangen. Das große helle reiche Haus' der Rafalowitschs nahm des Chasen Mädel immer mit gleicher Freundschaft, Heiterkeit, lachend und lärmend auf. Und immer ging man mit der ganzen Gesellschaft ins Theater, setzte sich ganz vorne Hin und immer wieder kam sie Seite an Seite an Rafalowits'chs Knaben, an Lebl zu sitzen. Und immer, wenn der Vorhang aufging, das Theater finster wurde, war ihre Hand in der seinen. Und immer wieder stiegen beide über die Erde auf, fühlten Flügel an ihren Schultern, die sie ga*u hoch in den Siebenten Himmel hinauftrugen, in den Garten Eden. 10. Kapitel. Nach der Vorstellung. Vom Theater heimkommt des Chasen Mädel, erhitzt mit gerötetem Gesicht, mit einem seltenen Glanz in den Augen, voll überströmenden Herzens und es scheint ihr, daß ihr immer noch das Sprechen der Menschenengel! in den Ohren klingt, vermengt mit den Tönen der Musikanten und dem hellen Gelächter der Ralalowitschs. Und sie erinnert sich, was des Reichen Junge Lebl ihr leise fast am Ohr sagte, indes er ihre Hand nahm: „Kommst doch morgen wieder!" „Fragst noch?" So antwortete sie ihm nicht mit Worten; mit einem Händedruck wie immer. Das geschah beim Verlassen des Theaters. Die Leute drängten sich, daß man fast ,— wie immer — ersticken! konnte. Juden lieben es, die ersten beim Eintreten zw sein, sie lieben es aber auch, die ersten beim Nach-1 hausegehen zu sein; Man preßte sie so zusammen, daß3 Lebl und Resl sich einen Augenblick lang als ein Mensch fühlten s und/;aus dem" -Sjaal' fast hinausgetragen, wurden- Draußen war ejne wundervolle besternte Nacht, eine jener warmen hellen Sommernächte Bessarabiens, an denen man nicht nachhause schlafen gehen will. Eine solche Nacht zu verschlafen ist wirklich eine Sünde vorGotti Die Äugen blicken auf zum Himmel, zum Mond., ztr den Sternen. Die Seele strebt, \veiß nicht wohin. Das Her/J ruft, weiß nicht wonach. Mau fühlt seltsame Sehnsucht, weiß nicht nach wem. < Still ist es in Holeneschti, ruhig.. Die Erde ist kühl geworden nach dem Untergehen der bessarabischen Sonne.. Zur Erde gesenkt hat sich der Staub, der den ganzen (Tag in. der Luft stand, man kann atmen. Und ein kleiner Heiser Wind weht von irgendwo, trägt einen Gruß mit von Bessarabiens Gärten und Feldern;, die duften nicht, nach Gewürz, sondern nach Brot, Mais, Aepfeln und Birnen. Und die Flöte eines Hirtel läßt sich hören, der die Schafe irgendwohin zur Weide treibt. Die Flöte — kaum hört man sie, immer leisiert, bis sie erstirbt. Und Juden gehen, aus dem Theater. Aus dem Jüdischen Theater. Und wenn Juden aus dem Theater gehen, dann gehen eben Juden aus dem Theater und nicht) Gojim. Man redet, man schreit, man fuchtelt mit den Händen. Einer gibt dem Andern wieder, was er imi Theater gesehen und gehört hat." Und jeder bildet sich ein, daß das, was er1 gesehen, nur e r gesehen hat.und was er gehört hat, nur er gehört hat: . Und man macht die Liedlein des Theaters nach und lauter als alle spricht das junge Volk und allen lauf* vor das junge Volk. Holeneschti erwacht, die stille Nachl wird gestört, die schöne warme helle Sommernacht. Aber nicht für jlange. Juden kommen iiachhausc, erledigen ihn Schlafgebet, löschen die Lämpchen aus, schlafen ein — Gute Nacht! Aus einem kleinen Stübchen in der Gottsgass — dort wohnt Israel der Chasen — kommt noch Licht. Der' Chasen und die Chasenfrau sind dabei zu Bett zu gehen; aber sie warten noch auf die Tochter, bis sie vom Theater kommt, dann kann man Nacht machen. Israel der Chasen, ein ganz gefälliger Mann noch, mit schwarzseidenem Haar, in seinem weißen Leibtalles, sitzt fast entkleidet, rückt an derföJarmulke *) und sagö sein Schlafgebet. Auch Lea, die Chasienfrau, ist schon! im Nachtgewand, Der Schatten ihres weißen SchleieW tuchs, das ihr dunkles strenges Gesicht und ihre dunklen strengen Augen zur Geltung kommen läßt, spielt an der weißgelb getünchten Wand. Wenn die Tochter wohlbehalten pachhause gekommen ist, geht Lea keinen Augenblick von ihrer Seite. Sie muß der Mutter erzählen, wast für „Kumödien" man heute dort gespielt hat. ,Wer von; *) Schwärzte rundes Käppi. j Roman von Scfaalom Alechem« Ins Deutsche ubertragen von P. Rosenhall. den Bekannten war dabei? Was hat man bei dett^fÖln' chen vorgesetzt?' Und weiter redet die Chasenfrau auf ihre Tochtef ein und schließt mit den Worten: ,Nichtwahr, was denn — ich weiß nicht, was ja was nein —, einmal solls ja sein, einmal Sölls nein sein, na — hast du gesehn —' Doch Resl hört nicht. Resl hört nur die Stimme der Mutter in ihren Ohren klingen, Worte, Worte und das* Schlafgcbet des Vaters, der sich die Hitze wegfächelt! — ach welch ein Gegensatz hier und dort... welche* Unterschied an Licht, Frohsinn und Herzlichkeit! Und) überhaupt — wie eng, finster, traurig, ist's hier nach dem heuligen Abend, zuerst bei den Rafalowitschs in def großen schönen hellen freundlichen Stube und dann im Theater, im Garten Eden und dann auf dem Heimweg vom; Theater durch die warme schöne helle besternte Sommernacht! ____ Und Lea die Chasenfrau sprteht immer noch, sie besinnt sich aber, scheint's, schon zu lang gesprochen zu haben und daß es auch nicht mehr früh sei uund schneidet sich selbst das Wort ab: „Ein Donner auf mich! Ein Dutzend Liter Gered'! Zeit zum Schlafengehn und ich red' ihr den Kopf voll, na — hast du gesehn! Ich lösch schon aus! Gute Nacht, schlaf gesund!" „Gute Nacht", antwortet Resl, macht sich klei'n im Bett, zi'eht die Decke über den Kopf, schließt die! Augen und die Gedanken tragen siie von der Gottegassj zurück nach dem Garten Eden. lt. Kapitel. Feine Gäste. Als erste wurde aus dem Garten Eden die Chasentochter Resi vertrieben. Und das kam so. Einmal, an einem schönen Morgen, als der Chasen in der Schul, die Chasenfrau auf dem Markt war und von den Schülern noch keiner im Cheder, saß Resl am offenen Fenster bei ihrem Bett halbangekleidet, noch ungejkämmt, indem sie mit einem Nadelfaden die aufgetrennte Naht! einer Bluse nähte, und sang aus „Sulamith" das schöne Liedel mit dem reizenden Motiv, wie sie's im Theater1 gehört hatte: Das Zieglein is gefahrn handeln,, Das wird sein dein Beruf: Rosinkes mit Mandeln — Schluf so, Jidele, schluf . . .! „Bravo, Kätzchen, bravo!" Es rief dies eine halbheisere Stimme hinter Resils Rücken ins Fenster hinein.1 Diese Stimme gehörte niemand anderem als dem uns wohlbekannten Scholem Meir Murawtschik, der „verschleppten Kränk" des Jüdisch-deutschen Theaters. ' Scholem Meir Murawtschik, der — wie wir schon wissen hunderterlei Aemter des Theaters in sich verkörpert, trägt auch die Wirtschaft auf seinen Schultern. In aller Früh, wenn das ganze Theater noch schläft, geht Scholem Meir mit einem Korb in der Hand auf den Markt, um für seine Kinder, so nennt er die Ajkteure der Truppe, etwas zum Beißen einzuhandeln. Inzwischen, so durch die Gottsgass vorbei, hört er, wie jemand ein bekanntes Liedel aus seinem Theater singt und so lieblich, so süß, so herfclich, daß er wie „angeschmiedet" stehen bleibt. Tat gern einen Guck „wer 6ingt da so schön?", tat einen Schritt zum Fenster hin •— und sieht ein schwarzes Mädef, ein Kind noch in Milch und Blut, diesem Tun hingegeben. Gab ihm das einen fürchterlichen Ruck, er konnte sich nicht zurückhalten und klatschte der jungen Sängerin zu. „Bravo, bravo!" Die junge Sängerin erschrak gar nicht wenig ob diesieä Bravokiatschens. Der kleine rote Shaw!, der ihre schöne« kindlichen Schultern bedeckte,, glitt ein wenig herab und machte für einen Augenblick vor einem fremden Auge ihre Gestalt bloß, die schon mehr mädchenhaft als kindlich aussah, was unserem braven Scholem Meir desto mehr Appetit machte, unter dem Fenster stehen zu bleiben und seiner Art gemäß eine Rede zu halten: „Täubchen, warum bist du erschrocken? Eine Stimme hast du, muß ich dir sagen, zuckersüß. Drei Primadonnas können sich vor dir verstecken, so soll Gott mir Glück geben . , . und ein Zifferblatt, ein Gesicht hast du, so schön sollen meine Tage sein. Pss, scha, wenn ich nicht altersschwach bin, würde ich sagen, du .kommst mir bekannt vor. Ich könnte schwören, daß ich dich mit dem Fratzen von Rafalowitsch im Theater auf einer Bank gesehn hab . . . wenn nicht, sollen mir die Augen herausfallen. Aha! Nicht wahr! Du bist rot geworden, noch röter als dein Shawl. Lach nur, lach nur, Mäderl, wenn du lachst, bist du noch schöner als sonst. Die Grübchen! werden bei dir noch größer, die weißen Zähnchen machen sich ausgezeichnet zu deinem schwarzen Haar und zu! deinen Zigeuneräuglein, so soll Qott mir Gate Verrichtung geben , . GFarteetzro foigtj ,