Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 61 (16.11.1928)
- Date
- 1928-11-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 61 DIE NEUE WELT Seite 11 Sian gekommen — bei Tag, wenn alle arbeiten, spazieren zu gehen. „Haben Sie Furcht? Vor wem?** „Ich habe keine Furcht, doch ich bin, das nicht gewöhnt." i „So werden Sie es gewöhnen." „Wahrhaftig, ich weiß nicht, was ich sagen soll" verlegen stand Dwojre da. „Gönnen Sie sich den Spaziergang. Wovor haben Sie Angst?" „loh haibe keine Angst." , . „In Amerika haben aMe Furoht vor dem Hunger. In der alten Heimat, da war es noch keine Schande, zu hungern. Das Hungern war Privatsache und jedermann hatte .ein Recht darauf. Hier in Amerika ist das Hungern verboten, jeder hat Furoht davor, der Größte: wie der Kleinste. Unternehmer und Arbeiter. Zionisten und Sozialisten, Dichter und Kritiker, alle zittern vor dem Hunger. Nehmen Sie zum Beispiel mich: Was habe ich, Gott sei's geklagt, zu verlieren, sollte man glauben, wer hat mehr Recht zu hungern als ein Dichter?-Aber in Amerika dürfen sogar die Dichter nicht hungern; und so sehr ich mich darum reiße, zu hungern, ich darf nicht, ich muß arbeiten gehen." „Sie arbeiten?" „Weil ich nicht mit der Feder arbeiten wäll, arbeite ich mit den Händen." „Wobei?" „Was macht das aus? Wie es sich eben trifft. Doch manchmal lehne ioh mich dagegen auf, da erwacht in mir Seine Majestät der Dichter mit seinem gottgewollten Recht auif den Hunger. Dann habe ich, wenn ich so in der Werkstatt sitze, wie ein Hungriger Sehnsucht nach dem Hunger. Ich träume des Nachts vom Hunger. Der Hunger ist der einzige Lichtstrahl inmeinem . Leben, OK " wenn Sie wüßten, wie ich mich nach ihm sehrie! Und dann '' erwacht plötzlich in -mir mit einem Male die Samson-, Kraft, zu hungern. Ich esse den Hunger mit allen meinen, Gliedern, um Hm in den Tagen des Sattseins in Erinnerung zu haben. Doch selten, gezählt sind meine Hungertage und in der letzten Zeit werden sie immer seltener. Das ist ein Zeichen, daß ich alt werde. Sehen Sie, heute, da ist wieder einmal mein Hunger-; tag. Deshalb bin ich so glücklich." Dwojre blickte ihn aufmerksam an. Sie sah eine Trauer in seinen Augen, die sie bisher nicht gekannt hatte; sein Mund hatte sich verzogen, als weinte er innerlich. Sie war nunmehr entschlossen, mit ihm zu gehen und mit ihm überall hinzuwandern, wohin er nur wollte. „Aber warum hungern Sie nicht?" „Warum ich nicht hungere? Weil man mich nicht hungern läßt!'* — schreit Freier laut. „Wer läßt Sie nicht hungern?44 ■ „Der ekelhafte Patron, das Gewissen.- „Das Gewissen?" „Vor Frau und Kind." „Sie sind verheiratet?", „Seit dem ersten Tag, da ich zur Welt gekommen bin," Dwojre sah in verwundert an. „Zuerst mit den EJtcr.ii, dann mit einer Frau und ihren Kindern. Ich erinnere mäch überhaupt <n,icht mehr des Tages da ich ledig war. Dwojre schwieg. „Warum schweigen Sie? Warum sind Sie vor mir erschrocken? Vielleicht weil ich Frau und Kinder habe?" (Fortsetzung folgt.) Copyright 1928 by „Die Neue Welt", Wien. Nachdruck verboten. Roman von Schalom Alechem. (5. Fortsetzung.) Ins Deutsche übertragen „Alles, sogar „den dalles" versetzen, nur reich soll man sein...!" „Wo Geld, da Glück!" „Dem Reichen geht's; gut selbst auf jener Welt!" Das hört sie von ihrer Mutier seit ihrem Kindesalter fast jedeiv-Täg, doch "den Sinn jener Worte erfaßte .sie erst hier au diesem großen,- reichgedeckten, strahlenden Tisch. Und niemals vorher gelüstete es sie reich zu sein wie in dieser Minute und ein Gefühl des Neides, ihr neu, stahl sich zum erstenmal in ihr Gemüt. Aber ihreschwarzen glühenden Zigeuner-, äugen begegneten: noch einem Paar Augen, großen, schönen, weichen, milden Augen; die sie schamhaft, doch warm und. freundlich anblickten. 'Ihr .schien es, als! redeten seine Augen und sagten, zu ihr: „Gefällt es' dir bei uns?... Mich freut es, daß es dir gefällt. Mich' freut es, daß dir wohl ist." Es rührte sie, es wurde ihr aitf einmal wanm ums Herz, heiß, sie fühlte ihr Gesicht brennen. Da senkte Resl den Bück. 8. Kap itel. Es geht der Vorhang auf. Frühzeitig hat sich das Holeneschtier Publikum zur ersten Vorstellung, versammelt und das Theater gefüllt. Man fürchtete, gottbehüte* -- man weiß ja'nie "— vielleicht zu spät zu kommen. Man stand Kopf an Kopf und die saßen, saßen einer dem' andern fast auf dem Schoß. Gut daran waren die zuerst Gekommenen, sie nahmen die besten Plätze ein, ganz vorn. Das verdroß natürlich die später Gekommenen. Sie hatten für ihre Plätze Geld bezahlt, bares Geld, und jetzt gibt es keine Plätze. Es entstand Lärm. Man hätte fast das Theater demoliert. Ein Glück, daß Scholem Meir — wo maii hin-, schaut Scholem Meir — Jechiel dem Musikanten einen Wink gab, ein „Frejüchs" zu spielen. Musik hörend, glaubte die Menge, das Stück geht Jos, nahm irgenwie Platz und es würde still. ' Man hatte sich aber sehr geirrt. Die Musik hatte schon längst aufgehört und der Vorhäng war noch immer, nicht aufgegangen. Hinter dem Vorhang ließen sich Stimmen hören,, Geschrei, fluchen, Hämniern. Irgendetwas geschah dort, aber wasj wußte niemand. Das Publikum saß auf Nadeln, schon gar nicht zu reden vom jungen Volk, das außer sich war. Man will schon erleben, was geschieht, wenn der Vorhang aufgeht. Unter diesem jungen Volk, das so gierig nach dem Vorhang -blickte, befanden sich zwei junge Menschenkinder, selten schön, ein Bär Mizwah-Junge mit großen, ■ schönen, milden Augen und ein schwarzes Mädchen von vierzehn bis' fünfzehn1 Jahren mit mättschWarzen Zigeuneraugen und Grübchen in den Wangen. Sie saßen dicht beieinander, obwohl ungleichen Familien angehörend. Er des reichen Rafalowitsch Söhncheh, sie des armen Chasen Mädel. ' Wer hat die beiden so nahe zueinandergesetzt? Vielleicht sie selbst? Hat. sie doch niemand im Gedränge; beachtet! Niemand schert sich jetzt um sie, aller Augen sind dorthin gerichtet auf den Vorhang, auf den Vorhang. So sitzt dieses glückliche Paar, Lebl und Resl, Seite an Seite zum erstenmal im Leben so nahe beisammen. Man kann sagen: zum erstenmal im Leben •eben sie einander so ganz recht. Man sieht sich wohl von P. R o s e n h a I I. jeden Tag bei Resls Va'er, bei Israel dem Chasen im Cheder^ aber was ist das schon für ein Sehen. Kommt Lebl in den Cheder, gib> Aufsagen oder Schreiben, keine Zeit zum Reden ^nit einem-' _ Mädchen^ dazu. .mich mit. des Lehrers Tochter, die . eine Mutter hat sie-soll leben —..' und eine Mutter gibt acht auf ihr Kind und erne Mutter versteht es achtzugeben. Sie behütet die Schritte der Tochter, läßt; sie nicht hineinblicken in. die Stube, wenn die •yChederjungen darinnen sind,, ^ein Mädchen -hat nichts 'zü isuchen, unter jungen, denn ein Mädchenist. ein Mädchen, und; ein junge ist, ein Jünge^.na — hast du gesehn." . ■ '•• '.- -. So spricht Lea, die Chasenfr.au, und wenn Lea spricht, dann ist;'gesprochen. Die Stimme erheben, ein, Liedchen singen, nicht einmal das - erlaubt Lea, solange die Jungen drin im ,Cheder sind. Und. Resl gerade hat eine liebe Stimme und liebt es, Liedchen zu singen, und kann sie einmal, .singen, hören, die älteren Knaben ergriffenen Herzens zu. Und später, zuhause, im Bett liegend, erinnern sie sich an Resls Stimme, seufzen im1 Stillen; schlafen ein und dä.nn,im Traum erscheint ihnen, des Lehrers Madel. Wenn nicht alle Knaben so träumten — Benje Rafalqwitschs Söhnchen Lebl iat dies? und mehr als einmal. Oft saß Lebl während des Lernens nachdenklich' da„ er dachte an Resl. Oft hielt er die Gemore vor sich und sah Resl. Und jetzt sitzt sie so. nahe bei ihm, daß er sie' nicht nur sieht und. hört, — daß er sie auch fühlt". Er hört das Klopfen eines Herzens und weiß nicht, welches Herz klopft, das seine oder clas ihre oder klopfen beider Herzen zusammen! Es klopfen wohl beide, denn einer blickt auf den andern, und treffen sich ihre Blicke,, lassen sie die Augen sinken. Beide würden etwas sprechen, etwas sagen wollen, aber sie können nicht, nicht er, nicht sie,-sind keine Worte da. •Lebl erinnerte sich, wie oft er eine Ausrede suchte, um neben Resl zu stehen, ihre Stimme zu hören, mit ihr einige Worte zu sprechen. Da pflanzt sich die Figur , der Mutter auf, auch mit einer Ausrede — und Resl ist nicht mehr da. Resl wiederum gedächte ihrer Blicke auf des Vaters Schüler, wie sie unter ihnen des Reichert Knaben suchte, nicht deshalb, weil er des Reichen Knabe ist, sondern weil der Vater mehr, von ihm hält als vom allen seinen Schülern. Er, prophezeit — und Israel der Chasen ist ein Menschenkenner — „daß hier ein Riese des Geistes aufwachse". Lea die Chasenfrau hört es und deutet es in ihrer Weise. . „Was denn sonst? Ein Reicher hat Glück in allem, auch bei seinen Kindern,-na hast du gesehn!*?; . Und so nahe bei ihr sitzend, verdrießt es Lebl, daß er gerade jetzt für sie keine Worte habe. Auch Resl weiß nicht, was sie mit ihm sprechen soll und wie und .beide haben einander im Sinn und beide schweigen ... Plötzlich erlöschen die Lichter. Im Theater wird es finster, ein Zeichen, daß es beginnt. Aus dem Publikum hört man Ausrufe. -- Ah ... oh...! — Finster wie in M'izräjim... ' r- O weh, o weh mein Fuß! Erste Spetiat- CÄCCÄ| IIMHTiC*l%£» tuet kstätte für «969561 UflCi ■ I Sil II %9 Salongarnituren und EinzelmöbelstUcke APIER, VII, flpollog. 18 » —- Ihr habt euch's Verdient! Wer kann dafür — habt ihr ein Bein zuviel, dann laßfs zuhaus! — Ruhe, ein böser Geist in deines Vaters Vater hinein! Ins Publikum kommt Leben, es wird munter. Lebl weiß nicht wie und was, als er auf einmal Resls Händchen, ein weiches glattes warmes Händchen um das seine fühlt. Er hält eine Weile ruhig ihr Händchen in seiner Hand. Dann drückt er das Händchen, als wollte er fragen, ob sie glücklich und zufrieden sei. Sie antwortet mit einem Gegendruck „sehr". Da tut sich der Vorhang auf. 9. Kapitel im Garten Ed in.; Wen« das Jüdisch-deutsche Theater für die^ fcto* Jeneschtier Juden ein Vergnügen war, das ihnen.;' yoml' Himmel herunterfiel, so ,war es für unser junges Paar, des Reichen Jungen und des Chasen Mädel, ein Paradies. Ein Paradies von Gott, wo einzutreten nicht jedem vergönnt ist. Ihnen, des Reichen Jungen und des Chasen Tochter, ward dies mehr als allen vom Himmel zuteil. Jeden Abend gehen nun die beiden ins Theater, sitzen nicht weit vom Vorhang, sehen so viel und hören so viel Wunder* von denen sie niemals geträumt hatten. Eine ganze Welt und eine neue Welt tut sich ihnen hier auf, eine Welt, in der die Menschen sich verkleiden und verstellen, umherhüpfen, sonderbare Worte sprechen, halb jüdisch halb deutsch, singen und tanzen, derart gestikulieren, daß man entweder vor Lachen zerspringen oder vor Weinen vergehen kann. Das alles machen Menschen? Gewöhnliche Menschen? Nein, das sind keine gewöhnlichen Menschen wie ich und du und jener, das sind entweder Geister, Spukgestalten, Zauberer oder Engel des Himmels. Ihre Bewegungen, ihr Herauskommen, ihr Gehen, ihr Sprechen* jede Geste ist nichts als Anmut, als Zauber. Und alles ringsum Hexerei. Sie selbst, Resl und . Lebl* sind vom ersten Augenblick an, da der Vorhang aufgeht, wie verzaubert, entführt in eine andere ...Welt,, in eine Welt von Geistern, Spukgestalten, Zauberern und Engeln. Fällt der Vorhang, ist der Zauber dahin, dahin Geiste^ Spukgestalten, Zauberer, Engel: wieder Menschen wie afle andern, gewöhnliche Menschen, wieder die frühere alte Welt; es ist ihnen, als wären sie im Siebenten Himmel' gewesen und plötzlich von dort zur Erde herabgeglitten und es schmerzt sie, daß man sie so rasch wieder zu? Erde herunterbrachte. Sie trösten sich damit, daß der Vorhäng bald aufgeht und sie wieder dort sein werden^ im Himmel, im Paradies, so morgen, ,so übermorgen, so alle Tage. , Glückliche Kinder! . Wieviele Jungen gibt es in Holeneschti, die Leb? beneiden; daß bei seinem Vater im Hofe die ganze/ Lustbarkeit fet! Wieviele Mädchen gibt es in Holeneschti, die 'Resl beneiden, der dank ihrer Mutter der Eintritt in das noble. herrschaftliche Haus der RafakW witschs beschieden war! Und was macht es aus bei solchen reichen Leuten, wenn ein — zwei Menschen mehr mit ihnen ins Theater gehen! „Mein Kind hat dem reichen Haus so sehr gefallen — kein böses Aug auf sie —, daß sie. mir weiter! .so. gut aufgehoben bleibt..." . .So rühmte sich die Chasenfrau vor ihren Nachbarinnen, uqd damit , man nicht gottbehüte glaube, sie habe die Gunst für ihre Tochter erbettelt,, spinnt* sie klug vor: . . .. „Wie ist zum Beispiel meine Res! zum Reichen: gekommen? — werdet ihr hörn. Geh ich so am Markte begegnet mir Bejlke, die Rafalowitschkin nämlich, ,Gutem Morgen," „Gut Jahr." ,Was hört sich?' ,Was bei Euch?" »Fragt gar nicht,, ein Lärm bei mir auf dem Hof, eini Theater. Eiue Freude, ein Feiertag für die Bande, fürt sie ist das eine. Rarität, Ja, und was mit Eurer Kleinen?'* .»Danke,, was. soll sie tun?' ,Man sagt, daß sie . ein wohlgeratenes Kind ist.' ,Danke, nicht zu versündigen.' ^Warum schickt ihr sie nicht einmal zu mir?' ,Danke, was' soll sie bei Euch machen?' ,Sie wird meine Mädelnf kennen lernen und nebenbei mit ihnen ins. Theater gehn. Was würd es Euch schaden?' ,Wenn sie wird wollen, werd ich siej hinschicken!"*• So kunstvoll legte es die Chasenfrau an, indem sie sogar solch eine Portion Lüge nicht verschmähte, nur um einen Riegel vorzuschieben, denn was tut nicht eine Mutter für ihr Kind l Nicht aus Wohlwollen für die Chasenfrau, sondern um der Wahrheit zum Recht zu verhelfen, müssen wir4 darlegen, wie es sich verhielt, daß nämlich die Chasenfrau ihr Kind nicht mit irgendwein ins Theater geschickt hätte; aber mit den Rafalowitschs bitte, warum nicht?! Mit dem größten Vergnügen. Im Gegenteil, die Welt soll nur sehen, mit wem ihr Kind verkehrt . . , Undi am Morgen nach der Vorstellung wollte die Chasenfrau vor fremden Leuten immer wieder aus dem Munde der Tochter hören; ,Was hat man dir also bei den Reichen vorgesetzt?* Oder: ,Wenn dich die Reichen noch einmal bitten werden, mein Kind, bei ihnen zu Abend zu essen, darfst du es nicht ausschlagen... keine Schande, na — hast du gesehn!' ('Fortsetzung fotet)