Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 61 (16.11.1928)
- Date
- 1928-11-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 30 Groschen tf• ba bi BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc. 6.—, vierteljährig Kc. 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. R E V U E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschland monatlich Mark L—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweix und die übrigen Länder monatlich Schweizer Kranes 1*50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephons A25-2-82 — Erscheint jeden Freitag Jahrgang 2 Freitag* den 76. November 1928 Nr. 67 Jüdenkrawalle bei der akademischen Die jüdischen Studenten werden verprügelt und hinausgedrängt. — Die Republik wird verhöhnt. — Die akademischen Behörden dulden die Schande. — Professoren unterstützen die Radaubrüder. — Ritualmordhetze auf akademischem Boden. Samstag, am 10. November, ' fand clie vom akademischen Senate der Wiener" Universität veranstaltete Feier des 10jährigen Bestandes der Republik Oesterreich statt. . ' .. Die Feier war eine Schande für die Republik, für die. Universität, für die Professoren, für die erschienenen staatlichen Funktionäre, für; den, Bundespräsidenten und den Bundeskanzler. Als die vom Rektor zur Feier geladenen Vertreter der ' jüdischen 'S.tu'dentensehaf t, zirka^ 100 Personen, in der Aula erschienen, fande.n sie die Zugänge zum Festsaale von Jarbeniragenden Hakenkreuzjern besetzt: und waren bald von einer riesigen Schar brüllender Radaubrüder umzingelt. Unter rdeh Rufen: .. „Nieder mit den Juden! Hinaus mit j&pn Juden!; , ^€$^ . wnr,deii^ 'die. . judischen : ver- 7 7 V : prügelt und hinausgedrängt. Die Haltung der akademischen Behörden und der Professoren war skandalös. Schon beim Einlasse war festzustellen, daß die studentischen Gäste ^parteiisch behandelt wurden. Die jüdischen Studenten durften keine Abzeichen tragen und mußten Eintrittskarten vorweisen, Hakenkreuzler mit Kappen und. Bändern passierten frei. i Während 1 der über eine Stünde dauernden Krawalle i und Schlägereien wären alle Pro- * fessören in der Universität, ohne daß der Senat auch nur den ernstlichen Versuch unternommen hätte, ,Ordnung zu schaffen und. die Würde der. Universität und die Ehre und Sicherheit ihrer geladenen jüdischen Gäste zu schützen. Im Gegenteil. Einige der Professoren ermutigten direkt die Radaubrüder. Der Prodekan Prof., Dr. Abel machte den prügelnden Strolchen förmlich die Honneurs und beehrte sie mit einer Ansprache, welche direkt als Ermutigung und Aufreizung angesehen werden kann. Er sagte: ,jDie RepujbHkfeier ist. eine Feier, welche letzten Endes nur dahin geht, den Anschluß an Deutschland zu fordern. Fremde Elemente, welche nicht zur deutschen Studentenschaft gehören, haben hier nichts zu suchen!" Tosender Beifall der Hakenkreuzler lohnte diese,' Ansprache, welche sofort, richtig ' verstanden wurde.. Als der in der Aula anwesende "Prodekan Prof, Dr. Arzt von einem jüdischen Studenten ersucht wurde, Ordnung zu machen, erklärte diese ^euch^e der Universität: „Mit Ezes sind wir .ye r,s e K e n"; Prof. P e h a m, der Arrangeur des ^Empfanges, bat die Helden vom Hakenkreuz, sie [mögen doch gefälligst eine Gasse für den B u n- :dr,e;srp r äsi dent e n und den B un d.esk a n z- } e r . frei; fassen. Sonst verlangte er nichts und .störte* die Stpckhelden nicht, Sie ließen * gnädigst eine Gasse frei und — prügelten, weiter. Einzig und allein, Professor W e 11 s t e i n machte : einen schüchternen Versuch, die Würde zu wahren. Er rief den Hakenkreuzlern zu: „Wenn Sie die Republik verachten, warum; sind Sie' hieher gekommen!" Hohngelächter antAvortete: ihm und er mußte, von seinen Kollegen im Stiche gelassen, abziehen. Die Pedelle, welche die Universitätspolizei versehen, griffen in der Weise ein, daß sie beim Hinausdrängen der Juden mithälfen. Auch die Vertreter der sozialistischen Studentenschaft mußten daran glauben. Audi sie würden hinausgeworfen. Nach all den Gewalttaten, - wurde. die »Republikfeier" vor den * i^ntirepublikanisdien Lärmmacheni abgehalten. - .' Der Rektor, die Professoren, der Bundespräsident und der Bundeskanzler brachten es über 'Wö. es doch' ihre' Pflicht gewesen Av^feli&i^ Seite ihrer b. e 1 e i d igte n j ü d i s c h e n G ä s t e und der geschmähten Republik zu. stellen. Sie h ä t t.e n O r d n ü n g in a c Ii e vi. oder d i e Fveier aosagen m üs s en. Zur Erhöhung der Stimmung wurde bei dieser Republikfeier unter den Augen der Professor e n und st a at 1 ich e n V e r t r et er Propaganda für die R i t u a 1 m o r d I ü g e betrieben. Auf der Rampe und iii der Aula wurde eine Spezialnummer der Zeitung „Der österreichische Nationalsozi ali st" verteilt, welche in fetter Schrift folgendes verkündete: Ritualmord!? Das Verbrechen in Gladbeck. Mit satanischer Gier ist clie Journaille über den „Sexualmord" in Gladbeck hergefallen, mit Wollust haben die hebräischen Presseschmocks in dem Fall gewühlt, wurden die nationalen Vereine und Verbände, das nationale Leben bespöttelt, weil die Hauptfiguren dieses Prozesses Angehörige rechtsgerichteter Organisationen waren. Draußen in Deutschland ist 'gleich nach de r Tat, in Anbetracht der s e11 s ame n Begleitumstände des Mordes, in verschieder nen Blättern die nicht von der Hand zu weisende Vermutung aufgetaucht, daß es sich um einen regelrechten Ritualmord handelt. Der ausgesprochene, kunstgerechte Schächtsdinitt, der an dein unglücklichen Opfer ausgeführt wurde und den selbst die „liberalsten" Blätter eingestehen mußten, weiters das sonderbare Verschwinden eines Arztes und der p 1 ö t z lic h e To d eines in der Sache v e r w i c k e 11 e n S chä ch t.e r s, haben der Anschauung Raum geigeben, daß man > es m i t einem rituellen Blutmord zu tun hat. Es ist nicht unsere Aufgabe, den aus den Tageszeitungen bekannten Prozeßgang zu Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. Aus dem Inhalte: r. st.: Zwei Judentypen. Eine gefährliche Episode. Eine antisemitische Geschichtsfälschung. Der „Ratenjud" wird verbrannt. Magd und Herrin. Der Beth-Hamidrasch brennt. Aus Palästina. Zu den Wiener Kultuswahlen. Jüdische Turn- und Sportbewegung. Schalom Asch: Die Mutter. Schaloin Alechein: Koiüöcjianten. wiederholen, nur das sei gesagt, daß die auf haltlosen Vermutungen aufgebaute Anklage zusammengebrochen ist. Und nun. ist's auf einmal still im jüdischen Blätterwald, kein jüdisches Schreiberlein weiß etwas, von einem glücklich abgewendeten Justizmord zu berichten, r-- es hat sich ja auch nicht' um' einen wirklichen" Ver- , ibrecher, oder. um einen. Juden * gehändelt;^j3jä. ^|üde^ wenn man :;ffen^'Spüren nach dem, wirkli^he^>Ta^er nachgeht, um ein V^rl^eglien, das dank des' jüdischen Zusammenhalts, des jüdischen Kahals, „unaufgeklärt" bleiben soll. ' Die Wiener Staatsanwaltschaft hat. es nicht für nötig befunden, die Verbreitung dieses Artikels zu verhindern. Und der akademische Senat hat ruhig die Vert ei Jung > dieser S c h m ä h s e h r i f t g e d u 1 d e t. Es war ein Tag der Schande.' ■ mummmm^mB^^mmmmmm „Nieder mit der Judenrepublik." Die Aula als Kneipe. Immer wieder stellen Philosophen, Historiker, Politiker und Publizisten Betrachtungen über die neu e Zeit an und versuchen sich an -der Definition des. neuen Menschen. Besonders die Deutschen können' sich darin nicht genug tun, sie suchen den neuen Deutschen mit seiner Kultur. Unter dem Druck des Schicksals ist eine Mischung Amerikaner plus romantischer Träumer zustandegekommen und die völkischen Belange —? Halt! Mit Genugtuung konstatiert der Berliner Unterrichtsminister Becker, daß der deutsche, deutschvölWsche Student die „Belange" nicht mehr als ideale Forderung vor sich hertrage, daß er sich im Zusammenhang damit von seiner reaktionären Gesinnung weg der deutschen Republik nähere und also. — dem Antisemitismus den Rücken kehre. Eine höchst wohlwollende Betrachtung der gegenwärtigen, deutschakademi-' sehen Gesinnung, " ein Optimismus, der dem Gheif des preußischen Unterrichtswesens alle Ehre macht. Kommt noch dazu, daß ein Universitätsprofessor Fritz Strich in München (wirklich München!) in einem Vortrage . „Die Stellung der jüdischen Dichter in der modernen deutschen Literatur" von der aktivistischen Sendung der jüdischen Dichter spricht, im Faust Züge von Moses entdeckt, Spinoza und das Alte Testament als die Grundlagen der Goetheschen Bildung deklariert, und das jüdische Ethos in den Zionismus ausmünden läßt, ergeben sich die .erfreu* lichsten Perspektiven, So denken und sprechen Philosophen, Historiker, Politiker und Publizisten, Die Studenten denken; anders. Die Gestalt des deutschen Studenten als eines Idealisten jeder Küche ist ein Verlanen Sie Prospekt oder l)6SllCll6II SIC der Generäireprfsentanz Warchalowf ki, Fimterle & C9 K*^