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Die neue Welt · 1928-11-09 · Heft 60 (9.11.1928) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 60 (9.11.1928)
Date
1928-11-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 60 DIE NEUE WELT Seite 11 haben Sie sie zu einer Litauerin-gemacht?" — wendet sich Freier an Rosa. „Sie ist so wie eine Litauerin, immer versonnen, mrnier bekümmert, Gott -weiß warum." „Das ist etwas anderes" — sagt Freier. „Freier, lassen Sie die Mädels in Ruhe" — wirft der Unionbeaimte ein. „Einen Augenblick, einen Augenblick" — erwidert Freier. „Freier, seien Sie nett und lesen Sie uns Ihre ,Au>gen* vor" — begann Berl der Schauspieler, der selbst etwas vortragen wollte und auf diesem Wege die Gesellschaft für seinen Vortrag in Stimmung zu bringen suchte. Doch statt abzulehnen, wie alle erwarteten, nahm Freier den Vorschlag gern auf. „Ja, ja, zu Ehren der Neuen," — rief er — „statt ,Die Augen' — sie gehören ins Feuer — werde ich euch aber etwas Neues vorlesen; ich weiß zwar nicht, ob ihr es verstehen werdet, aber das ist einerlei; wer es verstehen wird, der wird es verstehen. Und Freier begann ein Gedicht vorzulesen, bei dem im ersten Anhören kein Wort zum anderen zu passen schien; doch jedes Wort klang wie ein Akkord auf einem Spinett und jeder Satz hatte eine besondere Bedeutung. In diesem Gedicht war von Freuden die Rede, welche durch die Welt wie weiße Schleier wehen, von heimlichen Quellen, jn verborgenen Wäldern entspringen, von Wolken auf unsichtbaren; Himmeln, von Mädchen auf den Gehsteigen der Straßen, von gelben Lichtern, die aufblitzen und wieder verschwinden. Niemand verstand ein Wort davon, doch alle schwiegen, da sie nicht wagten, etwas zu sagen. Als Freier zu. Ende war, blieben alle nachdenklich sitzen. Nur der Uniombeamte, welcher weniger befangen war als die anderen, rief: „Ich lasse mich totschlagen, wenn ioh ein Wort davon verstehe." Anstatt gekränkt loszufahren, wie es sonst geschah, wenn jemand gegen seine Poesie etwas einzuwenden hatte, lachte Freier gutmütig: „Natürlich, wie kommt eine .Union' zur Poesie? Das sind zwei Gegensätze wie Feuer und Wasser." „Und warum verstehe ich Ihre .Augen'?" — fragte der Unionbeamte. „Das ist doch eben der beste Beweis, daß die »Augen* nichts wert sind; ich werde sie auch in meine 'Sammlung nicht, aufnehmen." „Aber ich habe Ihre ,Woiken', Freier, bei einem literarisch-dramatischen Abend in unserem Verein vorgelesen, ich sage Ihnen, das Gedicht hat Furore gemacht" — Berl wollte Freier nach, dem Angriff des Ünionbeamten versöhnen und in eine bessere Ctimmun*g bringen. Das gelang ihm auch, denn. obwohl Freier der Ansicht war, daß alles, was er bisher geschrieben hatte, wert sei, verbrannt zu werden, mit Ausnahme des letzten Gedichtes, so ist doch kein Dichter einem Kompliment über eine seiner Arbeiten unzugänglich, mag sie auch zu den „aWerschlechtesten" gehören. „Die .Wolken* sind keine schlechte Sache" — sagte er bescheiden. „Wollt ihr sie hören? Gut, ich werde sie euch vortragen." — Bert, der schon längst darauf brannte, vorzutragen, fand endlich die heißersehnte Gelegenheit dazu. ' ' : ■ Nach Berts Deklamation "rief der Unionbeamte: „Sollen wir heute nur mit Poesie gefüttert werden? Das ist Nahrung für Dichter. Bontschi'k lass' etwas Schnaps holen." ' ' „Er hat wirklich recht", — stimmte die Mutter freudig zu, welche die ganze Zeit hindurch in der Küchentür gestanden war /und.auf den .Augenblick gepaßt hatte, da sie ihre Kostproben vorlegen konnte. Für einen Schluck Likör, war auch der Dichter zu haben. „Tschort poberij*), heute trinken wir Schnaps; trinken Sie mit?" — wendet er sich an Dwojre. „Berl, willst 'diu hinuntergehen?" — fragt Bont- „setiik und gibt dem Schauspieler.einen Wink, auf den hin er sich erhöbt. ... „Warte, ich gehe mit; ich mache einen Sprung in meine Wohnung und hole meine Geige" — ruft Sascha, von der allgemeinen Stimmung angesteckt. „Recht so, das ist brav" — tönt es von allen Seiten. „Kinder, Ihr sollt so leben und gesund sein, wie ihr von meinen süßen Karotten versuchen müßt" — die Mutter tauchte mit einem Teller in der Hand auf, um die Stimmung auszunützen. „Wie, so.mir nichts, dir nichts süße Karotten? ist denn heute Sabbat?" — fragt die ältere Tochter. , „Ich habe nichts anderes," — sagt die Mutter yekeigeti — „so sollen es wenigstens süße Karotten sein." ^Krapfen, <BerJ, Krapfen" — ruft der Uniönbeamte. „Alber ich habe kein Oel" — sagt die Mutter hilflos. „Bontsphik, geh* mit4* — alle Augen deuten Bontschi'k nach der Tür, da man wußte, wenn Bontschik hinabginge, würde er alles bringen, was nötig ist. *) Der Teufel boTs (rtwsfeoh). . Lächelnd, doch nicht gar bereitwillig, erhebt sich Bontschik. ,J3ontschik, mein Kind, bring' mir auch ein Viertelpfund Rosinen und ein halbes Pfund Mandeln mit, ein Pfund Kartoffelmehl und eine Flasche Oel, aber vom besten. Doch halt, ihr wollt doch gute heimatliche Krapfen; Bontschikleben, mein Kind, leben sollst du, bring' mir vielleicht zehn Eier, und was noch?" — die Mutter denkt krampfhaft nach. : „Zwei Pfund Aufschnitt, einige Schachteln Sardinen, frisches Brot und einen Hering; daß du es nicht Erste Spezial- ÄJäää^B f a weikstättefür Ul,<l I ISCI1Q Salongarnlturen und EinzelmöbQlstQcke Eck* Kals«raliaBe 12 ADLER, VII. Apoilog. 13 wagst, ohne einen Hering zurückzukommen" — setzt der Unionbeamte den Wunschzettel fort. „Wie soll ich mir das alles merken? Es ist ja zum Verrücktwerden" — wehklagt Bontschik. (Forteefoniitg folgt.) Copyright 1928 by „Die Neue Welt", Wien. Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von Schalöm Alechem. ins Deutsche übertragen von P. R o s e n h a 11. f«4. Fortsetowng.) Am ersten Abend, als das Theater eröffnet wurde, marschierte das Haus Rafalowitsch mit dem ganzen Gesinde, mit dem Kassier, mit der Amme und mit allen übrigen ein und besetzte die vordersten Plätze, die zwei ersten Bankreihen. Da kam Scholem Meir auf sie zu, um mit ihnen über das Wesen der Eintrittskarte zu konver* versiereri. Benje wollte ihm anfangs nicht einmal antworten, als aber Scholem Meir mit seiner heiseren Stimme einen Schritt weiter ging und ihm zart unter die Nase rieb, daß er,. Benje, die besten Plätze besetzt habe — da erst wendete Benje ihm ein halbes Gesicht zu und warf in seiner Geheimsprachc hin: „Schau daß du abfährst, verschleppte Kränk mit deinen kurzen Trer tern, sonst kriegst du eins aufgerieben auf das abgeschabte Nudelbreit von einem Gesicht oder ich werd dich in die Faschiermaschine legen lassen, daß aus dir Mamaliga wird/' Nach solch einem blumigen Redeguß verstand Scholem Meir, daß es hier kein Geld zu holen gebe, schade um die Mühe, die Zeit steht nicht. Das Theater ist geöffnet und das Publikum kommt und kommt, zumeist mit Passierscheinen. Jechiel, der Musikant selbst, nützte selbst eine hübsche Anzahl Passierscheine aus, Scholem Meir, hatte es gar nicht geahnt, daß ein .Musikant •-— es soll ihm nicht schaden — soviel Familie haben kann. Na — und erst die andern Musikanten?! wo bleibt' der Frisurmacher, wo bleibt der Tischler, der Schneider, der Schuster? Alle arbeiten fürs Theater, alle; haben gottseigelobt Weib und Kinder, allen kommen Passierscheine zu. Ja; und die Wirtin des Einkehrhauses,'die Scholem Meir Mesuse nannte! Und kanti sie was dafür,, daß:.sie zwei jüngere Schwestern hat und eine alte Mutter, die tauib ist wie die Wand? Nicht genug, daß sie fürs Brot sorgt, soll sie auch noch Geld fürs Theater . ausgeben? Ist das gerecht? Oder zum Beispiel Schimen Dovid, der Fuhrmann und Chajim Bär, der Trager, die von der Bahn die Dekorationen brachten! Sind sie nicht aüch aus Fleisch und Blut? Der Direktor Albert Schtschuppak mag beim Aub-i teilen der Passierscheine sich noch so wild aufführen, mit den Zähnen knirschen, sich hin- und herwerfen, mag er auch zerplatzen und zerspringen —, Scholem Meir kümmert sich um ihn, wie um den vorjährigen Schriee. Wem Passierscheine gebühren, der wird sie kriegen. Wer hinein* gehört, wird hineingehn. ' Man kann gegen ein Publikum nicht Krieg fuhren. 7. Kapitel. Augen. Der Leser möge nicht im Irrtum leben zu glauben, daß das ganze Holeneschtier Publikum aus „Passierscheinen" besteht. Es gab solche, die ihren letzten schwerverdienten Rubel hergaben, Pfänder verpfändeten oder für ein paar Tage bei einem guten Freund eine Anleihe machten, um für ihre Kinder Theaterbilletts zu kaufen. Jüdisches Theater — wie kann man es verabsäumein, sein Kind ins Jüdische Theater zu schicken! Gibt es denn, in Holeneschti ein anderes Vergnügen? Ja, aber was tut man, wenn man doch kein Geld hat? Es nirgendwo auftreiben kann? Das Kind aber bittet, vor Sehnsucht nach! dem Theater vergeht? V Nehmen wir zum Beispiel Israel des Chasen Tochter Resl — warum soll sie schlechter dran, sein als andere Mädchen? Man muß das Herz eines Tataren haben, um nicht Mitleid zu empfinden für solch ein Kind wie Resl* Wenn man noch dazu bedenkt, daß Rosl Vaters und Muttcrs einzige Tochter ist, diebeiden zehn Meilen zu Fuft gingen,, um ihr zu bringen, was sie braucht! War da aber — just wie verhext — gerade damals als das Theater eröffnet werden sollte, für Israel den Chasen weit und breit keine Kopeke aufzutreiben. Nicht von seiner Chasentätigkeit, nicht von seinem Lehrerhand werk, — hingehn und aus" dem Boden stampfen! Ja, die Chasenfrau warf sich hin» warf sich . her, einfach zum Vergehn! Böse Zungen mögen reden wieviel sie wollen, sie sagen, daß die Chasenfrau ihr töchter<:hen ' gar. zu sehr verwöhne, dqtß Lea mit B^dtwerk fütter« und ihr Schuhe kaufe* wie für. eine Modedame. „Ja, sollen die zuerst probieren eine einzige Tochter wie ich: sie hab, eine so wohlgera'ene einzige Tochter' wie mein Resl, Gott soll sie mir beschützen, dann sollen sie von Schuhen und Backwerk sprechen, na -— has* du geselm ..." Solches hielt sich Lea die Chasenfrau selber vor und fand Rat. Was tut nicht eine Mutter für ihr Kind! Da nun zuerst einmal des Reichen Junge Lebl bei ihrem Mann Unterricht hat und die ganze Komödie sich bei Benje Rafalowitsch auf dem Hof abspielt, paßt doch der Deckel genau auf den Topf. So also versuchte sie zuerst ihren Mann, Israel den Chasen und Lehrer, vorzuschieben, er soll Leb! sagen» der soll seiner Mutter sagen, sie soll Benje sagen, man soll den Auftrag geben, ihre Tochter umsonst ins Theater hineinzulassen. Der Plan gelang nicht. Israel der . Chasen, nicht genug, daß er ein armer Teufel ist, hat er zw diesem Unglück noch Stolz. Es paßt ihm nicht, sagt er, ein, Bettler zu sein und bei seinen Schülern vorzusprechen. Da wischte sich Lea den Mund, nahm Lebl, den, jungen Rafalowitsch, beiseite und sprach so zu ihm: „Lebl, ich muß dich um etwas bitten." „Bitten ...?« Lebl staunte. Ihn, den Leb!, bitten? ... Nachdem er Leas Bitte vernommen hatte, wurden seine roten Backen noch röter und er. versprach 'ihr, bestimmt mit der Mutter zu sprechen^ sie möge mit dem Vater sprechen, der Vater mit der Mutter sprechen, die Mutter mit dem Vater sprechen . . . puh! Leb! verwickelte Sich, kurz, es wird schon gehn. Und Lebls schöne große milde weiche Augen begegneten unterdessen den Schwarzen Zigeüheraugen Resjs, die glühten und auf ihn mit Dank und Freude von ferne blickten. Ihm schien es, als redeten ihre Augen und sagte« ihm: „Du bist ein braver Junge. Du, wenn .du nur willst, daß ich ins Theater geh, werd ich schon gehn." Da senkte Lebl den Blick. Noch am selben Tag, nach dem Mittagessen, brachte Lebl in den Cheder die freudige Nachricht, daß er mit der Mutter schon gesprochen habe und die Mutter mit dem Vater., und der Vater hat gesagt, sie * so!! nur kommen, Resl nämlich, heute vor Abend zu ihnen nachhause. Sie wird mit ihnen allen zusammen ins Theater gehn. Als Resl diese Worte hörte, rötete sich ihr schwarzes Zigeunergesicht und ihre mattschwarzen Zigeuneraugen leuchteten auf. Sie umarmte die Mutter und küßte sie. Dann begann sie zu singen, zu tanzen und sich im Kreis zu drehen und wollte auch die Mutter in den Ringeltanz mitnehmen. Lea sagte ihr. lachend: „Bist verrückt geworden, allen Feinden gesagt! Geh lieber hin dich waschen und kämmen, zieh dich an, dann werd ich dir die. Frisur machen, du gehst doch unter Menschen/ na — hast du gesehn!" Bei Abendanbrnch führte Lea, ihre Tochter selbst m daä Haus 'des Rafalowitsch, übergab sie den Händen der Bejlke Rafalowitsch und bat, auf sie achtzugeben. „Ihr müßt wissen, daß sie mein Einziges ist!" Bejlke betrachtete des Chasen schwarzäugiges Mädel. Scheinbar gefiel es ihr. „Habt keine Sorge. Wie mein eigenes Kind..." Und , die Chasenfrau ging nachhause. Die Chasentochter fühlte sich nicht wohl im reichen Hause des Benje Rafalowitsch unter den vielen Leuten. Nicht wohl deshalb, weil alle sie mit den Augen, aßen. Das Maus selbst gefiel ihr, die Menschen auch. Aber diese Blicke, die auf sie blicken aus so vielen Augen, geh und steh jedem Antwort, wie alt, wie sie heißt, ob sie schon beten, ob sie lesen, schreiben kann... Resl hatte von einem solchen Haus noch nie etwas gewußt, von" einem so großen und so schönen Haus, mit so viel Zimmenn, Betten, Stühlen, Spiegeln und Krimskrams. Und erst der Tisch mit so vielen Gläsern und Schalen und Löffeln und Obst und Eingemachtem! Und der Lärm rings um den Tisch, das Geschrei und das Lachen — ist das ein reaches vornehmes Haus! Resl wußte, daß Lebl, der beim Vater im Chede« lernt, eines Reichen Sohn sei, daß Vater und Mutter Lebls reiche Leute seien, die reichsten in der Stadt, aber was heißt das eigentlich: reich? Was ist der Sinn von: Reichsein? Das vers aiid sie noch nicht recht. Daß Reichsern eine gute Sache sei und Armsein eine schlechte, das hatte sie von ihrer Mutter schon unzähJigemal gehört. CFwteetong folgt.)

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