Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1928-11-02 · Heft 59 (2.11.1928) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 59 (2.11.1928)
Date
1928-11-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2711613-2711630-2711674--0788-2713956
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 59 DIE NEUE WELT Seite H zen und keine Lust zu arbeiten, un>d die Arbeit weglegte. „Mutter, -Mutter, Bontschik stört schon wieder bei der Arbeit" — rief die ältere gutmütig scherzend. „Bontscliikleben, kiss' sie arbeiten. Die Schwägerin braucht doch das Kleid fürs Bad. Sie wird bald zur Anprobe kommen" — sagt die Mutter und streichelt Boaitsöhiks dicke Backen. „Großmütterchen., ich habe Ihnen ein Schnäpschen gebracht, so etwas bekommt man in ganz Polen .nicht; es ist aus dem rumänischen Restaurant" — sagte Bontschik, indem er aws der Tasche eine Flasche hervorzieht. „Aber, aber, B'Mitschik! Ich kann doch nicht trinken! Wenn ich nur daran nippe, so bekomme ich schon Herzklopfen" — die Mutter nimmt die Flasche und geht damit ins nächste Zimmer; Rontschiik stört die Mädchen weiter. Später kam noch ein Junger Mann zu Besuch mit' langem Haar; es war feucht und hatte sich am Scheitel aufgestellt. Ueberdies trug er eine Künstlerkrawatte unid ein Buch unter dem Arm. „Siehst du, Beul, das ist das rgrüne Mädchen', die auch" nur jiddische Bücher liest4* — -sagt Rosa ta\ dem Eintretenden. ,yBeri G'iosman" — stellt sieh der iu^ge Mann mit den feuchten, emporstarrenden Haaren vor. Dwojre errötet und nennt ihren Namen. „Berl, du sollst so leben, wie du Jim Meere1 deklamieren wirst" — ruft Bontschik. „Wozu? Wofür?" — ziert sich Berl, während er mit der Hand sein Haar glattstreicht. „Wenigstens für das neue Fräulein — wie ist Ihr Name?" — fragt Bontschik Dwojre. „tDwojre Ztfotnfk" — antwortet Rosa für sie. „Für Miß Zlotorik sei nett und deklamiere das Gedicht!" „Wozu? Wofür?" — Berl ziert sich weiter. „Mister Glosman, ist Schauspieler, er stielt Theater" — erklärt Rosa Dwojre. „Er ist erster Liebhaber im nterarisch-drama- Ntösciien Verein". „Also, Berl, fang' an!" „Und was bekomme ich dafür?" fragt Beri. „Wir gehen alle Freitag abends ans Theater, so wahr ich lebe, ach kaufe Billetts" — sagt Bontschik. ... „Dein Wort?" ,yMein Wort." . „Gut". Berl räusperte sich und "fcrarf Anstalten, das Gedicht vorzutragen. Eben wollte er beginnen, da erschien die Mutter mit einem Teller Klöße. ,3ontschikleiben, du sollst so 'leben und gesund, sein, wie du meine Klöße versuchen wirst; so etwas hast du in deinem Leben noch nicht gesessen, das kann ein König essen." „Geben Sie doch Ruhe! Geben Sie Rufie!" — fährt Berl wütend die Mutter an. Die steht mit dem Teller Kftöße in der Hand und weiß niom; was sie verbrochen hat. IX. Lustige Gesellschaft. Für Dwcwre begann ein neues Leben, ein Leben, das in ihr geschlummert hatte, ohne daß sie davon wußte. Die Schwestern Salkind kleideten sich mit Geschmack und recht originell. Es genügte, daß Bronia, die Jüngere, einen geblümten oder kavierten Stoff um ihren schmalen Leib drapierte, und eine neue Mode war kreiert. Oft gingen sie zu den Ständen im Italienerviertel, kauften dort einen "Rest italienischer Seide oder ein türkisches Tuclh und nähten sich daraus Kleider, Mäntel und Kostüme;, sie trugen verschiedenfarbigen Halsschmuck, der den brünetten Mädchen ein zigeumerartiges Aussehen gab. Dwodre erlernte all dies rasch; sie schien es in ihrem Blut-zu haben. Ohne viel m überlegen; ahmte sie den Mädchen nach. Auch sie kleidete sich in farbige Stoffe und sie paßten ausgezeichnet zu ihrer graziösen Figur, ihren schmal albfallenden Söhiultern iimd ihren schwarzen Locken, welche auch jetzt 'ebenso wie in ihrer Kindheit kein Kamm bändigen konnte; wild fielen sie überihre ■ Stirn, ihre Wangen und Ohren, Dwojre begann längere Zeit vor dem Spiegel zu verbringen; und — Wunder über Wunder — sie achtete auf ihre Nägel, wie sie es bei den Schwestern Salkind gesehen hatte, und bearbeitete sie sorgf ältig, vorläufig allerdings heimlich. In der Atmosphäre, die sie jetzt umgab, vergaß sie rasch die alte Heimat; die Sommeraibende und die „heilige Sache" entfernten sich von ihr in eine nebelhafte Vergangenheit; ein Joch fiel von ihren Schultern und ihr ganzes Wesen wurde leichter, als wäre sie von einem Druck befreit. Bei den Salkinds fühlte sie sich immer wohler und freier und schließlich war sie dort mehr zu Hause als im Keller. Ihr gefiel das in seiner Art ibehag-Mche Leben, das bei den Salkinds geführt wurde, das Singen und die Fröhlichkeit bei der Arbeit, gefiel die Mutter, die, ihrem Wesen nach noch jetzt ein Kind, auf aEe Spiele der Kinder einging, gefielen die jungen Leute, welche im. Hause verkehrten. Außer Bontschik, welcher anscheinend vermögend'war (wenn man ausging, zahlte er alles), und B*«l deai Schauspieler, welcher Diwodre viel Arö» merksamkeit schenkte, verkehrten im Hause noch andere junge Leute. Die Salkinds hatten eine große Zahl von bekannten LandsTeuten und die jungen Leute kamen gern hin,; ob dies den Mädafren zuliebe der Fall war oder dem guten Essen zuliebe, das die Mutter kochte, läßt sich nicht genau feststellen. So herrschte bei den Salkinds stets fröhliche und heitere Stimmung. (iForteetzun.c: folst.) Erste Speziat- ...«iTItfh £k wetkstättefür UIH* I l5Cl16 Saflongarnituren und EfinzelmöbelstQcke ADLER, VII. Apollog. 18 k.„ ^.t^ 12 Copyrigrht I928 by „Die Neue Welt", Wien. Nactodrnck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von Schalom Alechem. * Ins Deutsche übertragen von P. Rosenhall. (3. FoPteetetM»g;,) Und die „verschleppte Kränk" suchte so lange, bis sie gefunden hatte — ein Einkehrhatis, nicht gerade vornehm, wenn auch billig. Unser Mann machte da Bekanntschaft mit einem fetten Hering, goß Wein, Bcssarabcr Wein, darüber, steckte gemütlich seine Zigarette an, ließ sich in ein Gespräch mit der Wirtin ein, einer anmutigen, schwarzen, zierlichen Frau, die man Nechc ruft, umd wollte erfahren, ob sie einen Mann habe, ob sie Witwe oder Grusche (vom Mann ohne Scheidung Verlassene) sei oder ganz einfach sozusagen eine Frau an sich. Neche glaubte, vor Lachen zu ersticken, wandte sich vom „komischen Kauz" weg und der komische Kauz griff zu seinem Spazierstöckchen, drückte das abgegriffene Mütchen in die Stirne, steckte die Hände in die Tasche und trat einen Spaziergang durch die Stadt an, wobei er nach einem passenden Lokal für das Theater Ausschau hielt. Er ging nicht allein. Ihn begleitete ein ganzes Rudel von barfüßigen Lausbuben, begeisterten Anhängern des Jüdischen Theaters. Die folgten ihm auf Schritt und Tritt, bis er bei einem Hof halt machte. Hier erblickte er eine leere, breite Scheune mit einem Blechdach. „Diese Scheune hat Gott vor Bereschith zum 'Jüdischen Theater bestimmt," sagte er zu sich und beitrat den Hof. Das war Hof und Scheune des Ben je Rafalowitsch. 5. K a pite l. Zwei Briefe. Holeneschti mußte nicht lange auf das Jüdische, Theater warten. Kaum war die „verschleppte Kränk" ber. treffe der Scheune mif Benje Rafalowitsch handelseins geworden, schrieb sie an seine Leute einen Brief, den wir hier genau Wort für Wort, wie er geschrieben wanL, wiedergeben: „Lieber Fraind Albert, ich schreib dir einen Brief und komme dir zu melden, daß ich bin in Holeneschti in Bessaräbien, ein Städtchen groß wie ein Maul gähnt, und Menschen Tiere, die Mamaliga fressen und Wein schlucken wie Wasser, aber „Mojsche" wird gehn ins Thiater, daßi ihn der Teufel holt, und ein Thiater hab ich gedupgien, kann stehn in London und eine Bühne wo du fahren! kannst , mit dem Schlitten und gedeckt mit Blech, eine Kränk wird dorthin kommen und kein Regen, und der Wirt vom Thiater heißt Benje, mit Geld vollgestopft wie ein Sack mit Sägemehl; trotzdem war er bereit, dasi Schwein, auf eine Anzahlung, hab ich ihm gesagt er soll darren, denn ich erwarte diese Tage Kadoches*) mif der Post und eine Station hab ich erwischt eine .sehr gute Und eine Wirtin, eine Mestize, esse und trinke, und lass es mir gut gehn und Kredit wie viel du willst, also: sei kein Ideot, mach keine Sachen, schick sofort heraus, die Dekorationen mit Ansehen, und versetz was du hast und komm zu fahren mit dem ganzen Glieder, nicht verziehn auf die lange Bank; denn es geiht zu den Drei (Wochen und den Neun Tiig, wird man krepieren" vor Hunger und eine Bewilligung ist hier zu kriegen so leicht wie bei Hotzmach frische Zwiebel aufs nüchterne" Herz; laß ihn grüßen Hotzmach von mir — ein böser Geist in seinen Vater herein — und geh cjin bischen spazieren, Liebling, zu mir auf das Quartier, dort hab ich vergessen unterm Bett meine Mappe mit einigen zensurierten Pyesen und schick mir heraus Afischen, sehr rasch und sei nur nicht verrückt, daß ich dir nicht klopfe eine Depesche, weil ich nicht mehr besitze wie abgegriffene' zwanzig Kopeken mit einem Loch; von mir deinem Freund, der euch grüßt jeden besonders sehr freundlich Scholem Meir Murawtschik." Nach einigen Tagen bekam dieser Scholem Meir Mwrawtschik Antwort — diesen Brief: „Hochgeschätzter Freund Scholem Meir, mit deinem Kopf in der Erd — was hat dir getaugt hera'uszfulfischen bei Braindele Kosak fünfzehn Rubel und sagen, es ist auf meine Rechnung? Was für Rechnungen hab ich, du Mamser,, mit Braindele Kosak, die ganze Truppe hat sie lieb wie Augenschmerzen wegen ihrem Zittern, daß sie zittert über einen Groschen und was du schreibst wegen Dekorationen, versteh ich nicht, entweder stellst du dich krepiert oder du bist wirklich ein dummes Vieh, ich glaube du weißt ganz gut, daß die Dekorationen schon: lange versetzt sind. Wo hab ich Geld auszulösen, wenn man hier eine Spielerlaubnis nicht für eine Million bekommt und mein bischen Gold und ßrelljanten werd *) tiüjfaikmk Krankheit. icli wegen fremder Gedärme nicht verklopfcn; ich bm nicht so leicht zu ihnen gekommen, es sei 'denn sie; werden mir Kontrakte unterschreiben und nicht mehr herumschwätzen von Marken und Aufteilung, siehst dU: Kompagnons! Hotzmach auch ein Kompagnon von mir im Thiater, nicht erwarten wird ers — Hotzmach ich' soll mich mit ihm teilen auf die Hälfte* obwohl sie mir drohen, daß sie machen eine eigene Kompagnie; sollen sie wackeln mit den Hüften — ich hab s*ie In der Erd, ich schick dir Afischen und nimm gleich heraus' 'ehre Bewilligung auf acht Spektakeln mit einem Benefis umd was du mir schreibst, Garief, daß du im Vemögen hast abgegriffene zwanzig Kopeken mit einem Loch, bist du doch gestellt zu versetzen die Uhr —, so Wie ich', jeder will bei mir nehmen, alle auf meine Schultern, alle wollen erste Rollen und kommt es zu etwas, ist niemand zu* hause, jetzt mach ich die letzten Proben. Wird Bessaräbien etwas einbringen ist gut, wenn nicht, schlagt euch den Kopf an die Wand, ich kann, mir ist es gleich, wegzufahren nach Rumänien sogar und dort zusammenstellen ein Cheder, daß Gott und Menschen sich freuen und auch in einem loswerden die Kette und bereite vorläufig alles vor, was man braucht und mach keine großen Ausgaben dort, halt die Hand auf der Tasch, wir kommen alle mit Gottes Hilf gefahren zu Schabbes iirid Schabbes abend machen. wir Probe und Sonntag stellen wir uns' spielen und wisse, daß deine Mappe mit den zensurierten Pyesen schon lang liegt am Mist mit Hochäcftturigj und glückwünschend dein Fraind Direktor 'J Alfred Sc h t s c h u p-p.a kv G. K a p'i'tel. ■ , Das Publikum von Holeneschti. Säufer, die schon lange keinen herben Tropfen auf dem Gaumen hatten, Hungrige, die schon lainge keinen Bissen im Magen hatten, könnten sich nicht so hastig auf Essen und Trinken werfen, mit solcher Gier, .wäe sich die Juden von Holeneschti auf das Jüdische Theater warfen. . Zur. ersten Vorstellung war nicht nur Rafalowitschs Hof von Menschen belagert, die ganze Gasse war es, nicht ein Apfel hätte zu Boden fallen können. Man war sehr neugierig, einen Blick, wenn auch nw Von, außefi, auf das Theater zu werfen. Zum Eintritt war man schon weniger bereit, aus vielen Gründen: erstens kostet es, Geld und Geld ist in Holeneschti ein seltener Artikely zweitens darf es sich nicht jeder erlauben ins Theater zu gehen. Das geht bei jungen Frauen, Jünglingen und •Mädchen an, aber nicht bei würdigen Menschen, Judew mit Bart,1 die vielleicht schon erwachsene heiratsfähige Töchter haben. Gibt es' aber doch einen bösen Trieb, nicht gedacht soll er werden, der raunt jedem Verführerisch ins! Ohr:- was wird es euch schaden, Reb Jud, wenn ihr einen Blick von ferne durch einen Spalt werfen werdet und sehn, wie man jüdisches Theater spielt? Solcher, die bereit waren, einen Blick durch einen Spalt zii werfen, gab es iu Holeneschti ein bißchen viel,' so daß die Administration des Theaters für den erstem Abend ein besonderes Mittel anwenden mußte, eine Art Maschine, die das Publikum mit kaltem Wasser übergießt — das wirkt ausgezeichnet, tausendmal besser als die' beste Polizei. Es ist zweckentsprechend und billig. Ausgedacht hat dieses Mittel der uns wohlbekannte Scholem Meir Murowtschik, die verschleppte Kränk. Was dieser Scholem Meir Murawtschik im Theater zu tun hat, haben wfr schon gesagt. Er ist nichts und er ist alles. Er ist Buchhalter und Kassier und Kontrollor und Billeteur und zeitweise auch Souffleur und oft, wenn ein Schauspieler fehlt, ist er auch Schauispieler. Von ihm behaupten, daß er ein großer Künstler sei, das kann mau nicht Es wlird nicht die Wahrheit sein. Dafür aber ist er ein ehrlicher Mensch, dem Direktor ergeben und ihm treu dienend wie ein Hund. Der Direktor Albert Schtschuppak, den wir ehestens näher kennenlernen werden, weiß das sehr gut, verstopft deswegen mit ihm alle Löcher, wo man sich hindreht: Scholem Meir «nd Schöiem Meir. Will man ohne Geld hinein, mit einem Passierschein — auch Scholem Meir. Solche Protektionskindec mit Passierscheinen gibt es in Holeneschti essoll ihnen nicht schaden — sehr viele. Zunächst alles, was m Rafakwitchs Haus gehört, einige und zwanzig Personen. Benje ist zwar ein reicher Mann und es würde ihn* nicht schaden zu zahlen. Aber auch er hat recht: was heißt dask er soll für das Hineingehen «i seine Scheune zahlen! , OEjüttotttunt fctefe!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.