Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 58 (26.10.1928)
- Date
- 1928-10-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 58 DIE NEUE WELT Seite ftl das „Teacher-Colfege" beendigen zu lassen. Diese Jugend hatte Einfluß auf Miß Forsters Entwicklung. Sie gaib ihrem ganzen Wesen die Leichtigkeit und die echte amerikanische Sorglosigkeit eines Menschen, der seiner sicher ist. Diese ihre Erziehung brachte sie den Einwanderern nahe, sie liebte sie und arbeitete gern mit ihnen. In ihrer Weltanschauung radikal, fühlte sie sich viefl wohler unter ihren „grünen Schülerinnen", die aus dem revolutionären Rußland kamen, als unter den äußerlich formellen, innerlich leeren amerikanischen Mädchen. Sie hatte einen großen Bekanntenkreis unter den Einwanderern und verkehrte gern mit den „grünen" Mädchen, die bei ihr in der „Eveningschool" lernten. An Dwojrele (bekam Miß Forster Interesse durch ihren Bruder Jojne Gedalje, dessen große Fähigkeiten ihr aufgefallen waren. Dwojres Aeußeres, ihre kleine, geradezu hilflose und dabei doch eindrucksvolle Erscheinung, ihr schwarzer Lockenköpf und die großen fragenden Augen, in denen ständig Angst lag, ihr ernstes und dennoch nicht trauriges Wesen zog die ruhelos sehnsüchtige Lehrerin zu dem fremden Einwanderermädcheii hin und nach ein paar Begegnungen wurden sie Freunde. Ais Miß Forster von Dwojres materieller Lage erfuhr, nahm sie noch mehr Interesse an ihr und machte sie mit den Schwestern Satkind bekannt. Die Schwestern Salkind waren auch ..Grüne" wnd lernten ebenfalls in der Abendschule bei Miß Forster Englisch. Dwojre hatte sie schon lange bemerkt, da sie durch ihre Art, sich zu kleiden, auffielen. Die farbenreichen Stoffe ihrer Kleider, die bäuerisch-vielfarbigen Tücher und türkischen Shawls, in die sie sich kleideten, mußten auffallen. Rosa Salkind, die ältere der beiden Schwestern, war schon ein Mädchen in höherem Alter, mit großen braunen Augen und dichtem schwarzen Haar, das in zwei Zöpfen sich hoch um den Kopf legte. Obwohl ihr Gesicht nicht mehr jung war. hatte es doch einen so heimatlich bekannten Ausdruck, daß es Dwojre sohien, sie habe das Mädchen schon irgendwo gesehen. Rosa Salkind verwickelte gleich bei der ersten Bekanntschaft Dwojre in ein längeres Gespräch. „Woher kommen Sie?" — fragte sie Dwojre, nachdem die Lehrerin sie ..einander vorgestellt hatte. „Aus Polen." ,,Da sind wir doch Landsleute. Wir sind auch aus Polen. Nun. Sie gehen auch in ihren alten Tagen in die Schule?" ""' " „Tch bin arbeitslos, habe also Zeit, so gehe ich Englisch lernen." „Bei welcher, »Trade1 sind Sie?'" „Ich bin Schneiderin." „So? Da «haben-wir ja dieselbe Branche.* Des Mädchens Gesicht hatte etwas Sympathisches, das die sonst schweigsame Dwojre >zum Sprechen brachte. „Kannst du ihr keine Arbeit geben1? loh weiß, du kannst es" — sagte Miß Isabel zu Rose Salkind in ihrem eigenartigen Jiddisch, in dem sie alle mit d<u anredete. „Tch werde mit der Mutter sprechen," — antwortete Rosa — „vielleicht geht es." „Tch bitte dich, tue es" — sagte Miß Isabel und* Heß die Mädchen allein, damit sie näher miteinander bekannt werden könnten^ Sie gingen zusammen. fort* b}o$a stelle Dwo-jre Ihre Schwester vor, die neben ihr. ging: „Meine Schwester Bronia. Wie man sie hier bei euch in Amerika nennen wird, weiß ich noch nicht. Vorläufig nennen wir sie noch Bronia wie daheim" — mit diesen Worten stellte Rosa ihre jüngere" Schwester vor, die kurze schwärze Locken und auffallend kleine, weiße, scharfe Zähne hatte. Bronia sah Dwojre schweigend mit freundlichem Lächeln an. „Ich heiße Dwojre* — sagte Dwojre. Die beiden Sdhwestern hatten einen guten Eindruck auf sie gemacht. ... „Das ist ja gur — sagte die ältere, „Warum ist es gut?1* — fragte Dwojre. „Dwojre ist ein guter Name. Wir hatten e*ne iRpeundin daheim, die hieß auch Dwojre." Sie gingen -zusammen die Straße entlang. „Gehen Sie sqhon lange in die, Schule? Sie tfirmen wahrscheinlich schon sehr gut Englisch" — sagte die ältere Schwester zu Dwojre. „Nein, ich habe erst begonnen, die Schute zu besuchen; doch mein Bruder" — sie deutete auf Jojne Gedalje, der neben ihr ging — „geht schon ein paar Monate her, er kann schon gut Englisch." Jojne Gedalje, der nicht daran gewöhnt war neben Mädchen zu gehen, war die ganze Zeit stumm hwitenber gegangen. Als die Schwester ihn den fremden Mädchen vorstellte, erschrak er so, daß er vom Gehsteig herunterstolperte. „Zu Hause haben wir polnische Bücher gelesen. Hier kommt man ohne Englisch nicht weiter. Wir möchten es nur so weit bringen, d»ß wir ein engtttcbejf Buch J&S6Q köjtoöJi," „Was für Bücher halben Sie m Hause gelesen, polnische oder russische?" — fragt die jüngere Schwester! „loh halbe jiddische Bücher gelesen." „Jiddische?" — ruft Rosa. — „Oh, da wird sich Freier freuen; wir haben einen Bekannten, der ist ein jiddischer Dichter. Er schreibt so schöne jiddische Gedichte! Er heißt Freier. Haben Sie von ihm gehört? Wir liegen mit ihm ständig in Streit. Wir w^kJät^för SgssqI ttftdTlscItci Salongarnltiireit und Elnzelm5beltt0cke ADIEK, VII. Apollog. 18 ^JSiU. ia behaupten; daß es in der jiddischen Sprache keinen Schriftsteller wie Przybyszewski geben kann. Haben Sie Przybyszewski gelesen?" (Fortsetzung folgt) »"«pyrteht im by „Die Neue Weit", Wien. Msctidiucfc TCf4>otett. KOMÖDIANTEN. Roman von Schalom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosenhatl £, f*bvtmfvwtg}) 3. Kapitel. Holeneschti stellt sich auf den Kopf. Holeneschti kocht. Es siedet. Ein wüster Wirrwarr. Holcneschti st611t sich auf den Kopf; Kleinigkeit, soviel Neues an einem Tag. Zwei Uebearaschungen atif einmal. Und weiche Ueberraschungen! Und so sonderbar zusammengespannt: des armen Chasen Mädel mit des Reichen Jungen! Und Holcneschti ist an die Arbeit gegangen. Krämer sperren ihre Läden, Lehrer schicke« ihre Schuler heim, Arbeiter legen Schere und Eisen beiseite, Weiber verlassen ihren Herd und heidi — geht's in die Stadt. Man traf sich in Gruppen zusammen und überflutete die Gassen — es sah wirklich aus wie an einem Sabbath-Nachrrfittag. Gerüchte flogen auf und Behauptungen, Geschichten, Geschichten, Geschichten, die man gar nicht niederschreiben kann. Denn zu jeder Geschichte, die einer erzählt, hat ein anderer drei andere Geschichten. Da mengt sich ein dritter ein und hackt den ersten zwei Erzählern die Flügel ab, ja, Dummköpfe sind sie, sie wissen nicht, was mit ihnen vorgeht. Da ist aber der Fehler, daß es"'noch einen gibt, einen vierten, der wieder sagt, daß sie - alle drei soviel wissen wie ein Toter, (aßt ihn nur reden, den vierten, der wird euch was Schönes erzählen! Da gehl eine lange Geschichte von Stapel, ein*' sehr schöne sogar, aber auf eigener Kombination gebaut, nach der Logik und riaefrdem Verstand. Die Zühörcr ringsum sind aber scheint's ganz und gar unzufrieden. Dem Verstand nath ist esv vernünftig, was denn also —? Es geht irgendwie nicht-ins'Hirn hinein. Bis noch einer, ein Strohblonder dazu lind Wasseräugiger, unversehens dreinspricht, ein fichtiges "Stückt Weg nimmt und eine spitzfindig überraschende Frage indie Debatte wirft: „Hört, jüdische' Brüder, was ich euch fragen werde. Sagt mir, ich bitt* euch, VarunV sind unsere zwei lieben Leutchen ausgerechnet gestern Samstag nachts verschwunden, in derselben Nacht, da. das Jüdische Theater von uns abgefahren ist?" ": '. „Was also, was läßt uns das hören?" „Das laßt mich hören — ob das nicht i» Verbindung steht mit dem Jüdischen Theater und mit den, jüdischen Akteursleuten .: „Narreteien, papperlapap, schnatter hin, schnatter her....]" Alle brechen in Gelächter aus und der Strohblonde mit den Wasseraugen ist beleidigt. „Ihr könnt wiehern und zerspringen ... wenn ihr solche Ueberweise seid, so. antwortet mir. Ich werd' euch1 noch eine Frage stellet): Was haben die Akteursleute, vorige Woche bei Israel dem Chasen zu tun gehabt? Wenn ihr mir's nicht glaubt, bemüht euch gefälligsthin und fragt den Chasen selbst.", „Das fehlt uns noch . . , dem Chasen Salz auf seine Wunde streu'n." , «Dann redet keine Dummheiten. Laßt euch auf .den richtigen Weg bringen. Fragt lieber mich. Ich werd! euch schon sagen, was die Komödianten bei Israel dem Chasem gemacht haben. Sie , haben, versteht ihr mich, .erfahren, daß Israel der Chasen ein Mädel hat, ein schönes Mädc!, das schön singen kann, und weil er arm ist, der Chasen, nämlich, haben sie ihm vorgeschlagen, ihnen sie zum Theater zu geben, das Mädel nämlich, datrn werden sie /aus ihr was machen. Juden, fängt ihr noch nicht an zu: begreifen?" „Begreifen — begreift man schon. Was aber wollt' ihr mit dem Jungen von Ben je RafalowiHtech anfangen?« „Das ist ja auch das Schlimme. Das macht mir ja auch, das schreckliche Kopfzerbrechen. Soll ich.; in Erwägung ziehen, daß der Jung' vom Benje Rafaiowitsch, der bei Israel dem Chasen im Cheder lernt, mit der Chasentochter gemeinsame Sache gemacht hat — was hat ein junger Rursch mit solchen Sachen zu tun? Soll ich' sagen, daß das Mädel ihn eingefädelt habe mit Zustimmung von Vater und Mutter — kennen wir doch alle Israel de» Chasen, daß er scheinfs kein solcher, Mensch ist. Es sei denn —• die Chasenfrau? Das, seht ihr, ist schon eher möglich. Auf ein Weib soll ich sagen I" „PÖt, Kinder, Gubernatbr djedjit," rief ein russisch Kundiger, mit .der Hand auf den Pristav zeigend, der wie ein Pfeil in einem neuen, glöckcjie»ibehangenen, knirschenden Wagen vorüberschoß, ein Paar weiße Pferdcheu eingespannt, die,man alsogleich als Rafalowitschs Schimmel eckwote, /uwmrqen mit dem Prifttft« aafi auf dem W«gcp» totenbleich, Jechiel der Musikant, der die gano&t Zeit über bei der Theatertruppe gespielt hatte. Dieser Wagen mit Rafalowitschs Schimmern, nrit Jechie! dem Musikanten, hob auf einmal die. Aktien des strohblonden Juden mit den Wasseraugen so hoch, daß man unwillkürlich näher an ihn herantrat und aufmerksam seinem Reden folgte, das sich im Einklang befand mil Naturverstand und Vernunft und auch den Tatsachen entsprach. Auf dem richtigen Weg, den Schlüssel zu dieser sonderbaren Geschichte im Jüdischen Theater m der Hand, lassen wir die . Holeneschtier Juden mit ihren Geschichten, sie mögen sich ihren Verstand nur schärfet« — wir kehren zu jenem Zeitpunkt zujrück, da das Jüdische Theater gerade nach Holeneschti gekommen war, das erstemal seit Holeneschti, eine Stadt ist und Bessarabien ein Gouvernement. 4. Kapitel. D{e „verschleppte Kränk". •;' , Noch vor, drei Wochen sprach man rn ,£tolenesctrti herum, daß ein jüdisches Theater gefahren komme, aber niemand hatte erwartet, daß die „Sache in Holeneschti soviel Eindruck machen werde. „Aber was/' sagten die Holeneschtier Juden, „auch schön eine Sache. Akteur«, Komödianten, wer braucht sie schon?" Man kann nicht behaupten, daß die Holeneschtier Judenschaft derart übersattigt ist, überdrüssig . . . am Theater. Im Gegenteil, man muß bekennen, daß' sie eigentlich ein Theater noch nie vor Augen bekommen vhat und nicht einmal weiß, wie man das ißt.- Aber umgekehrt, bedertkt man's anders, wo ^steht es geschrieben, daß man auch'''alles'' wirkllch'V'mit'^eig'eM'h' "Atigeri sehn muß? Wozu hat Gott dem Menschen Verstand gegeben? Ein Jude versteht, Gott sei Dank, Viel wichtigere Dinge, ein Jud ist kein Goj ... Einmal eines schönen Frühmorgens kam nach Holeneschti irgend ein Kerl, einen gelbrötlichdunkelgrtinbräunllchen Paletot angetan, auf dem "Kopf ein abgegriffenes Hütchen, einen zerfetzten Reisekoffer in der Hand, und als er eröffnete, er sei gekommen, das Theater, mieten, lief man zusammen wie zu einem Wumder, Will sagen, nicht weil unser Geselle selbst em solches Wunder war — das ist für sich din Roman r—, sondern nur so» es war pikant zu sehn, was er hier anstehe« werde. Unser Passagier, du kleiner, von oben bis unten über das ganze Gesicht rasierter Mann, besah sich mit sehe Umsehe" n ' Augen Holeneschti und seine Juden und sagte zu den Leuten mit sonderbar heiserer .Stimme, . wobei das' abgegriffene Hütchen hin- und herrutschte: „Wie es scheint, wie ich da seh', ist hier hei euch Adarn der Erste, noch nie über Schabbes gewesen!" - Von außen besehn, was ist schon an diesen Worten dran? Einige gewöhnliche jüdische Worte, nicht wahr! ihr hättet euch aber ansehn sollen, was diese paar Worte angerichtet haben. Jeden einzelnen haben, sie in den Bauch gezwickt wie. mit, fangen and die Leute sind in ein Gelächter losgeplatzt. LJnser Mann war anfangs wie, erschreckt vor den Holeneschtier Juden, schwieg eine Wc'tej sah auf sie wie auf Verrückte iwid ließ s»e ruhig ein -wenig lachen. Und als sie sich gut ausgelacht hatten, sagte er zu.ihnen, schon ganz ernst, denn er spürte schon lang», noch mitten auf der Reise; seinen leeren Magen und erneu Druck unter der Weste, dem Leibtalle*: „Sagt ihr, meine lieben Juden, wißt ihr, wo man seinen Hunger stillem kann?" Von außen benenn, wieder gmu eiafaetje Worte — aber als er sie ausgesprochen hatte, entstand unterden Leuten.'ein solches Gelächter, daß maxi sich an den Seiten hielt. Das, verdroß schon unsern Passagier und er sagte noch ernster als früher: „Ich will euch da nicht weismachen; ich mein* es ganz gewöhnlich, etwas hinter die Zähne stecken." Mehr hat nicht gefehlt: Wege« der letzten Worte bekamen die Leute geradezu ein« Art Krampf im Baufch vor Gelächter. Nach einer halbe« Stunde tiefen diese Worte schon durch ganz Holeneschti: „Etwas hinter dk Zähne stecke»!* Hahahal! „Eine verschleppte Kränk**, sagten die Leute und wischten sich die Tränen unter Lachen, ,,eine sonderbare verschleppte Kr£nk mit sonderbarem Paletot, sonderbarem Hütchen, mit sonderbarer Ausdrucksweise, man muß vor Lachen Mropringew."