Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 57 (19.10.1928)
- Date
- 1928-10-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 57 DIE NEUE WELT Seite Ii für den Aerger, den man ihm/bereitet hatte, Genugtuung geben. „Wohin soll ich sie bringen? In den Keller? Seht euch doch nur um, wie es hier aussieht!" — sagte Schlojme halblaut. „Wie sieht es aus? Ich werde die Kellerwohnung auskehren, Sand aufstreuen, ein schönes Tischtuch auflegen, die Leuchter aufstellen; du wirst sehen, mein Sohn, du wirst dich nicht schämen müssen. Dwojrele ist zu Hause, sie wird mir helfen." „Meinetwegen kann sie sich schämen. Der Keiler ist unser Heim. So wohnen deine Eltern", — begann Ansehe! wieder — „in dieses Heim muß sie kommen, wenn sie unsere Schwiegertochter sein will." Mosesleben war, wie stets, der Praktischeste von £Hen; er sah sich im Keller um und entschied: „H-ieher kann man die Braut nicht bringen." „Doch was willst du tun?" — fragte die Mutter; der Vater steckte wieder den Kopf ans der Zeitung heraus. „Man muß den Keller ordentlich einrichten, einen Tisch, Stühle, neues Geschirr, Besteck; worauf wirst du ihr zu essen geben? Auf den zwei zerbrochenen Tellern, die du hast?" „Er hat recht, mein Kind" — sagte Sure Rifke halblaut zum Aeltesten in einem Ton, als machte sie sich selbst Vorwürfe. Schloj'rne sagte nichts «mehr. Dafür steckte Anschel wieder seinen Kopf hinter der Zeitung hervor •und mischte sich drein. „Na aJso, da haben wir mein zweites Juwel!" „Er hat doch recht" — sagte Sure Rifke zu Anschel. „Seht doch her, wie der Vater auf die Schustersletrte schimpft!" — der Aelteste hatte wieder Mut bekommen. — „Du bist doch, glaube ich, selbst ein Arbeiter, warum schimpfst du auf die Schuster?" — fragte er den Vater. „Ein Arbeiter, aber kein Boß" —- entgegnet Anschel stol-z. „Hört schon auf, man muß doch m einem Entschluß kommen!" — sagt Sure Rifke. — „Nun, mein . Sohn, sage du, was sollen wir/tun?" — wendet sie sich an Mosesleben, als ihren einzigen Rettüngsehgel. V . . Der rothaarige Bursche dachte eine Weile nach. £>artn kratzte er sich den roten Kopf und wandte sich an den Bruder: "„Salomon, wenn du die Braut am ersten Sederabend herbringen willst, so laß dich das einen Dollar wöchentlich kosten; ich gebe den zweiten her und für zwei Dollar wöchentlich können wir den Keller möblieren wie ein Königsschloß (diese Phrase hatte er von den Padlern gelernt, mit denen er zu tun hafte). Wir werden Möbel, Teller, Löffel, alles, was notwendig ist, auf Raten nehmen. Ich weiß eine Stelle, wo. man es bekommt. Mein Boß hat einen Geschäftsfreund, wir werden es schon 'bekommen." Anschel hatte sein Gesicht so tief in die Zeitung gesteckt, daß man ihn überhaupt nicht mehr sah. In der Mutter Augen standen Tränen. Schlojme seufzte schwer und antwortete: „Wenn du's bekommst, so zahle ich einen Dollar in. der Woche; aber wie lange?" . „Mach* dir keine Sorge, in einem halben Jahr sind wir mit den Raten fertig und die Mutter wird ein menschenwürdiges Leben führen; ist's nicht so?" Schlojme seufzte noch einmal tief auf und nickte mit dem Kopf zum Zeichen seiner Zustimmung. Nachdem die Angelegenheit des Kellers erledigt war, gab es erst recht Sorgen. Als man sich genauer umsah, merkte man,, daß der Vater für den- Sederabend nichts anzuziehen hatte und daß die Mutter ein neues Kleid brauchte; überdies benötigten die Jüngsten Hemden und Hosen undneue Mützen. Wie konnten sie zum Seder ohne Mützen kommen? Dann handelte es sich darum, alle? für den. Seder vorzubereiten, um Fleisch, Fische und alles andere. Sure Rifke war verzweifelt und wandte sich in ihrer Verzweiflung an ihren Retter Mosesleben. , „Laß mich doch in Frieden, mein Kind, meine Armut ist so groß, daß es gegen sie keine Hilfe gibt." Doch Mosesleben, der für alles Rat wußte, wandte sich an den Bruder. „Du willst doch die Braut zum Seder. mitbringen und ich will, das auch. Well, wenn du der Mutter Geld für Hemden und Hosen für die Boys gibst, bringe ich Fleisch, Fische und altes» was sonst zürn Essen nötig ist; und wenn du dann dem Vater einen Gehrock kaufst, so bringe ich der Mutter Stoff für ein Kleid; Dwojre wird es nähen." Um dem Aeltesten die Sache leichter zu machen, fügte die Mutter hinzu; „So wirst du uns, mein Sohn, schon für deine Hochzeit mit Gottes Hilfe ausgestattet haben und wirst uns dann keine neuen Kleider machen müssen." Das Wort „Hochzeit" gab in Salomons Ohren einen guten Klang und seufzend erklärte er sich mit dem Vorschlag des Bruders einverstanden. ....... Der Pessach war stets ein Glücksfeier tag in Anscheis Familie gewesen; das war noch in der alten Heimat so nnd auch in der neuen zeigte es sich, daß der Stern des Pessach für Anscheis Familie glückhaft war. Sure Rifke war es beschieden, im neuen Lande einen richtigen Pessach zu haben, sie mußte sich nicht vor Gott und der Welt schämen, wie sie es in langen schlaflosen Nächten gefürchtet hatte; neue Möbel waren da, neue Kleider, eine Braut saß am Tisch und auf ihm funkelte ein Stück geschliffenes Glas, das Mosesleben noch im letzten Augenblick vor dem Seder heimgebracht hatte, um der Braut eine Erste Spezial* TBa^iLa u,e,it*tätufür aessGi und I iscne Salongarnituren und Elnzelmöbelitdcke ADLER, VII« Apollog. 18 „jgtb* <* Augenweide zu bieten. Beim Seder, an dem die Braut teilnahm, blinkte und blitzte der Keller; obenan am Tisch saß Anschel in seinem „wie neuen" Gehfock, den ihm der Sohn gekauft hatte. (Fortsetzung folgt.) Copyright 1928 by. „Die Neue Welt", Wien. Nachdruck verboten. Roman von Schalom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosen hall. (t. Fortsetzung.) Mit diesen Wor*en geht Lea hastig zum Leinenvorhang, der das Zimmer teilt, hört e'.nc Weile hin, schiebt tnit zwei Fingern das Leinen zur Seite, wirft einen Blick aufs offene Fenster, bleibt stumm stehen, als hätte ihr jemand einen Stein aufs Herz geschlagen, wendet den Kopf zu ihrem Mann: „Israel!" Das Wort wurde mit solcher Stimme hervorgebracht, daß Israel aufhörte zu singen und sich se'nem Weibe zuwendete. ( „Was ist, Lea?" | „Wo ist Resl?" „Was heißt, wo ist Resl, schläft sie denn nicht?" Nach einer halben Stunde wußte schon die ganze Stadt vom Unglück des Chasen, so daß die Leute zu ihm zu pilgern begannen, herein — heraus. „Was gibt es?" ... „Sie ist also wirklich verschwunden?" , . . „Wie ist das möglich?" . . . „Wie ist das geschehen?" ... Den ganzen Morgen über kochte, es wie in einem Kessel: „Gehört? Des Chasen Mädel ist nicht da . . ." „Waii heißt? Wo ist sie dehn hin?" ... „Verschwunden,' ...wie ins Wasser gefallen..." Der Chasen selbst — was geht mit ihm vor?" Er weint nicht, er spricht " nicht, Er steht mitten im Zimmer wie ein Golem und sieht .allen in die Augen. Wie es scheint, sind ihm Sprache,.und Verstand vergangen. Aber, die Chaserifrau rennt wirr^ dUrch die Stadt, ringt die Hände, schlug sich auf.. .den Kopf, machte die Welt rebellisch: „Mein' Madel,' smein Kind, mein Her*; , .", ihr folgen Männer ' und' Fira^e^ nfciif taucht Oberall auf, jenseits der Brücke, auf dem Friedhof, bei allen Gärten und1 ..beim Fluß —. nirgends ^u,finden. - - , Man brachte die .Chäsenfrau halbtot nach Hause. Hier war das Zimmer voller, Menschen. Alle sprachen „vom Unglück, das des Chasen , Haus getroffen habe, Einige, schöbe t den Vorhang zur Seite, sahen aufs Bett und zürn offenei Fenster hin und sagten sich ■. selber: „Hier also ist der Vogel aus dem Nest geflogen!" Bei fremdem Unglück . findet sich immer noch in Holeneschti ein spass'ges Wort... I Zweites Kapitel. < I Sie fällt in Ohnmacht. f Ein jüdisches Städtchen, mag es noch so anh' sein, muTB seinen Rothschild haben. Der Rothschild von Holeneschti; das ist Benje Rafalowitsch. Euch von deiner Größe, Und von seinem Reichtum zu erzählen, ist überflüssig. Es wird genügen, glaube ich, euch nur den Tisch zu schildern, den Tisch, den er führt. Bei Benje gehen täglich nicht, weniger als . einundzwanzig Personen zu Tisch: Söhne und Töchter und Schwiegersöhne und Schwiegertöchter, alles fesche, gesunde, gut gefütterte Menschen mit dicken Backen, und eine alte Mutter, die mit dem Kopie Nein-nein wackelt, und eine Amme, weiß wie Feingebäck, mit roten Wangen, und ein junger Mann, c'er Kassier, e n Verwandter sogar, ein Freund des Hauses. Dieser junge: Mann heißt Simche, aber man nennt ihn Schischen-we-Simche, nicht deshalb, weil er ein gar so lustiger Geselle ist. Im Gegenteil: Weit der junge Mann von Natur aus ein trauriges Gemüt hat, ein verschlafener Melancholiker. Schwarz ist er, glatt, mit trüben Augen, mit fast imnier verlegter Nase,' derentwegen es ihm schwer fällt, die Buchstaben M und N zui sprechen, die Oberlippe ist dick und üppig bewachsen. Mit den anderen Personen dieser Familie werden wir noch Gelegenheit haben, bekannt zu werden. Aber im allgemeinen wissen wir, daß es ein reiches, fröhliches, lebhaftes Haus ist und daß man dort viel auf gutes Essen gibt. Wenn man sich dort zu Tisch setzt, entsteht «in, solcher Lärm, ein solches Getümmel, Geklapper von Löffeln : und Gabeln, daß man taub werden kann. Obenan sitzt wie ein König der Herr des Hauses selbst, ein bessarabischer Jude mit ansehnlichem Bäuchlein und einem Bart, der auf seinem dunkelglänzenden üesicht in die Breite wächst, nicht anständig liegen will, sondern nach recht« und links strebt und — tu ihm was! Benje ist ein Mensch, der, wenn er i8t, ebeq ißt. Zwei Dinge auf einmal tun, das Hebt er nicht, während des Essens will er nicht wissen, was sonst vorgeht. Er selbst spricht sehr wenig. Spricht ein anderer, stört es ihn nicht. Nur selten, wenn bei Tisch gar zu viel tärm herrscht, schreit er die ganze Gesellschaft an. „Seid ruhig, Gesindel! Schaut lieber ins Buch hinein vsA wifii« was ihr testl" J Das bedeutet, man soll lieber in die Schüssel hineinschauen und wissen, was man ißt. Es ist nun einmal seine Natur, in Bildern zu sprechen, in einer Art Gew heimsprache. Ein Pferd zum Beispiel ist für ihn ein „Jüngling", Geld sind „Scherben", ein Weib ein „Unglück", ein Sohn ein „Kaddisch", eine Tochter ein „Geschwür", Brot ist „Faden", ein Zimmer „Boden", ein Salon „Loch"! und so weiter. Aus der Sprache des Benje RafalowitscH könnte man ein ganzes Wör'erbuch machen. Den letzten Platz bei Tisch nimmt Benjes Weib ein, Bejlke, eine kleine, schwache, stille Frau. Man hört sie nicht, man sieht sie nicht. Sieht man sie an, muft man sich fragen: „Die da hat eine solche Bande in die Welt setzen können?" Trotzdem, habt nur keine Sorge, trägt dieses kleine Weiblein die Last des ganzen Hauses auf sich. Ueberall ist sie, für alles, zerbricht sie sich den Kopf. Sie selbst hat keine Bedürfnisse. Ihr ganzes Leben sind die Kinder. Ihren Platz obenan am Tisch hat sie ihrer alten nein-nein-wackelnden Mutter abgetreten. Diese alte Mutter ist anscheinend dazu erschaffen worden, daß man immer des Lebens Ende vor Augen habe. Fast aller Sinne bar, blieb ihr nur noch eines übrig? ein scharfes Auge. Alles; sieht sie früher als die andern. Niemand außer ihr hatte bemerkt, daß in der Gesellschaft der jüngste von den Jungen fehle, Leb!. Sie begann1mit ihren scharfen Augen den ganzen Tisch abzugucken und mit dem Kopf zu wackeln. „Wo steckt Lebl?'f Nun ibegannen auch alle andern zu bemerken, daß Lebl nicht da ist. Man begann in allen Winkeln Lebl zu suchen.; „Wo steckt Lebl?" Wie groß auch Benjes; Haus . sein mag, ist es noch nicht vorgekommen, . daß irgend; ein Kind bei Tisch gefehlt hat. Der Vater wurde, , böse r und gab den Befehl aus:, „Man bringe das „Schaf" vdn "der HerdeIfl der Sprache Benjes hieß das, man: nöge -den Jüngsten aus. dem Glieder bringen. Man schickte einen Boten zu Israel, dem Chasen in den Cheder, um Lebl zum Essenzüh^ejhv Man war schon beim letzten Gericht, beimSKufcuruz,' als der Böte mit der Nachricht zu ihm kamy daß" Lebl beim Chaser im Cheder heute gar nicht gewesen sei und daß, beim Chasen. und der Ghasenfraju gpttimhimmel ein Unglück geschehen ist: ihr' Töchterchen, dass einzige Kind, ist verschwunden, man weiß nicht, was1 mit. ihr geschehen .... ...... Diese Nachricht schlug wie ein Blitz ins Haus des Rafalowitsch ein. Di^ ganze Familie blieb sitzen, .eirier sah den andern an-. Was jeder von ihnen in dieser Minute dachte, läßt sich schwer sagen. Jeder hielt seine Gedanken für sich zurück. Nur sie, die Alte, war gewohnt zu sägen, was sie sich denkt, laut, mit dem Köpf wackelnd. „Seht hur" in der Lade nach, ich könnte schwören; daß ich heute gegen Mitternacht dort jemand im Dünkel hantieren gehört hab, während der junge Mann (sie wies auf (Schischen-we-Simche) derart schnarchte,: daß er einen Toten hätte wecken können." Alte Leute haben sonderbare Gedanken. Wie heißt das, . Schi§chen:we-Simche hat geschnarcht? Und Wenn eine Fliege vorübersurrt, soll er das nicht hörem? Er', der einen so leichten Schlaf hat! Dessenungeachtet mußte sich jetzt der verschlafene Kassier bequem, aufzustehn. Er wischte sich die üppig) bewachsene Oberlippe mit der fetten Hand ab, zog aus der Hosentasche einen Bund Schlüssel hervor, längsam, ohne Eile, Öffnete die mittlere Schublade des Schreibtische», warf einen Blick hinein und blieb wie versteinert. Seine verschlafenen, trüben Augen sahen verglast aus. Er konnte kein Wort herausbringen. Da kam ihm; der Hausherr zu Hilfe. „Hör du, gib einen Ton von dir" donnerte Benje den Kassler derart an, daß Schischen-we-Simche erzitterte und mit der Sprache herausrückte, näselnd und mit der Zunge anstoßend: „Hier hatte ich die Schlüssel die ganze Nacht, hier in der Hosentasche, hört ihr- oder nicht . . . Kein Augi zugedrückt . . . kein Laut zu hören, sollt ihr wissen , . , und die Schublade ist jetzt leer, leer wie die Wüste . . , das ganze Oeld, hört ihr oder nicht, zum Teufel , , , nicht ein Bröserl geblieben!" Nach diesen Worten gab jemand am Tisch einen leisen Schrei von sich, beugte sieh vor und fiel in Ohnmacht. < war die kleine, schwache, stille Bejlke. _ {FortaeUung folgt), u.jl^...;