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Die neue Welt · 1928-10-05 · Heft 55 (5.10.1928) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 55 (5.10.1928)
Date
1928-10-05
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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Nr. 55 DIE NEUE WEL1 Seite U DIE MUTTER ROMAN VON SCHALOM ASCH. Copyright by Dr. Präger-Prcssedietist, Wtfen. Anschel, der, seit er zu arbeiten begonnen hatte, sich als den Herrn des Hauses fühlte und den Mut seiner alten Heimat wieder bekam, warf ein: „Es ist noch nicht so weit, daß du zahlen sottet! Es ist Gott sei Dank noch jemand da, der bezahlt." Doch das war dem Sohn schon zuviel. Er stellte sich mitten im Zimmer mit einer rasierten und einer eingeseiften Wange auf und sagte, sich selbst bemitleidend: „So? Und wer hat euch Geld geschickt, mehr als 300 Dollar? Und Schiffskarten und uoch einen Hunderter? Und eine Wohnung genommen? Und Möbel? Euretwegen habe ich nicht geheiratet, habe mein Leben ruiniert, und jetzt, wo ich vielleicht anfangen will, für mich selber zu sorgen, etwas für mich zu tun, jetzt will der studieren und ich muß ihn erhalten; und sie wilJ nur in einem sozialistischen Shop arbeiten, da muß ich sie auch erhalten. Alles ich! Aber nein! Ihr seid schon keine ,Grünen' mehr, ihr könnt schon für euch selbst sorgen. Was kümmert es mich, was ihr tun werdet? In Amerika kümmert sich jeder um sich." „Diese Reden hat er von der Braut gelernt" — sagt Anschel. „Wenn dem so ist, allright, morgen ziehe ich aus; schaut zu, wie ihr ohne mich weiterkommt!" — sagte Saloinon und wischte mit dem Handtuch die Seife vom Gesicht, wobei er an die unrasierte Wange ganz vergaß. / Das Wort „ausziehen" erweckte, wie stets, Schrecken bei Sure Rifke. Im Kopf begann sie bereits zu rechnen: Miete, Krämer, Fleischer und andere „Sorgen" ... Sie erschrack. Auch Ansehe! faßte ein gelinder Schrecken, doch er war stolz. Der alte Anschel von daheim war in ihm erwaoht: und obwohl er innerlich vor der Drohung des Sohnes erschrocken war, so sagte er doch: „Zieh' nur, zieh' nur aus! Gott .hat uns in der alten Heimat nicht verlassen, er wird uns auch hier nicht verlassen." Sure Rifke stand ängstlich, da, doch zugleich zufrieden mit der Festigkeit ihres Anschel. Sie machte noch einen Jetzten Rettungsversuch und ging auf den Sohn zu: „Was hat er dir denn gesagt?" — versuchte sie ihren Aeltesten zu versöhnen. „So lange ich mit euch bin, werdet ihr keine Menschen in Amerika werden, sondern immer ,Grüne' bleiben" — sagte Salomon, warf den Mantel um und verließ das Zimmer. VI. Schlechte Zeiten. In dieser Nacht schlief der Aelteste nicht zu Hanse. Am nächsten Morgen, als alle schon bei der Arbeit waren und nur die Mutter daheim die Wäsche wusch, kam der Aelteste nach Hause und begann wortlos seine Sachen zu packen. "Die Mutter wischte ihre nassen Hände an der Schürze ab und ging bittend auf ihren Sohn zu: - „Schlojmele, mein Kind, was willst dti tun?" „Ich muß fort von' hier.41' „Und wo läßt du mich mit meinen Yögelchen?" „Wo? Ich lasse dich bei deinem Mann." „Aber was hat er dir denn so Schreckliches gesagt? Er ist doch der Vater" — sagt die Mutter liebevoll; sie will den Sohn umarmen und ihn mit einem Kuß für des Vaters Worte um Verzeihung bitten. Doch Schlojme wendet sich ab, „Es ist nicht deswegen. Ich ziehe nicht aus, weil der Vater mich beleidigt hat. Ich bin schon lange entschlossen, auszuziehen; es wird besser sein für euch und für mich." „Und womit soll ich zu Tisch gehen? Wer wird mich erhalten? Der Vater mit seinen sieben Dollar in der Woche? Oder das Mädel, das sich das Mark aus den Knochen arbeitet? Das Herz tut mir weh, wenn ich sie ansehe! Seit sie nach Amerika gekommen ist, ist doch die Hälfte von ihr geblieben. Und weiß ich denn, ob sie heute zur Arbeit gegangen ist? Hoffentlich nicht. Sie hat es wirklich nötig, sich ein paar Tage auszuruhen. Was werde ich ohne dich beginnen? Woher werde ich das Geld auf die Miete nehmen, auf ..." „Und deshalb soll ich nicht heiraten?" — mit einem verzweifelten Aufschrei fällt der Aelteste der Mutter ins Wort — „Ich bin doch euretwegen zu nichts gekommen!" Die Mutter schwieg. Die verrunzelten Wangen in die Hände gestützt, blieb sie eine Weile nachdenklich mitten im Zimmer stehen. Dann sprach sie, mehr zu sich selbst: „Du hast recht, mein Sohn, du hast wirklich recht; du mußt doch auch einmal anfangen, für dich (£3. Fortsetzung.) selber zu sorgen" — sagte sie, als wäre ihr erst jetzt klar geworden, was der Sohn meinte. „Mein Leben lang habe ich für euch gearbeitet. Erst drüben, dann hier, bis ich euch hergebracht habe, und auch nachher. Wie lange soll das noch so gehen? Ich muß doch einmal auch an mich denken. Ich habe Aussicht auf eine gute Partie. Mein künftiger Schwiegervater hat ein Schuhgeschäft, vielleicht werde ich mit ihm in Kompagnie gehen können. Wenn ich jetzt nicht ans Selbständigwerden denke, wann denn?" „Du hast recht, mein Kind, ganz recht" — die Mutter nickt mit dem Kopf. „Und für euch wird es auch besser sein. Solange ich bei euch bin, seid ihr daran gewöhnt, daß ich für euch sorge, und ich kann auch nicht anders. Wenn ich nicht hier wohnen werde, hat das ein Ende." „Was soll ich tun, da ich nun einmal ein so bitteres Los habe und dazu bestimmt bin, mich mit meinen Kindern fortwährend durch Unglück zu schleppen? Gott soll dir helfen, mein Kind" — die Mutter umarmte den Sohn und legte ihre welke Wange an sein Gesicht. ( Der Sohn entzog sich ihren Armen und packte weiter ein. Es wurde kein Wort mehr gesprochen. Doch als er seine Schmutzwäsche einpacken wollte, nahm sie ihm die Mutter ans der Hand und weichte sie im Abguß ein: „Laß mich wenigstens zum letztenmal, mein Sohn, deine Wäsche auswaschen." * Und es kamen schwere Tage für die Mutter. Hatte schon das Fortgehen des Aeltesten ein großes Loch in Sure Rifkes Tasche gerissen, so blieb jetzt noch dazu Dwojre zu Hause, da sie keine Arbeit hatte. In den ersten Tagen war das noch nicht fühlbar; der Lebensmittelhändler lieferte noch „auf Buch", der Fleischer und der Bäcker desgleichen und bis zum Ersten war es noch ziemlich weit. Doch als der Erste da war und der Hausverwalter mit seinem* bekannten Ruf j,Mistreß" eintrat, als der Lebensmittelhändler durch die Kinder sagen ließ, er möchte die Mutter sehen, als die gleiche Botschaft vom Bäcker und vom Fleischer kam, da gab es wirklich nichts, „womit man zii Tisch gehen soll". Sure Rifke lag ganze Nächte wach auf ihrem Bett und zerbrach sich den Kopf darüber, wie sie die Löcher stopfen sollte. Mit der Verköstigung wandte sie sich wieder an ihre erprobten Töpfe. Die beschwor sie jetzt wieder, nachdem sie sie in der neuen Heimat schon ein wenig vernachlässigt und ihre Hilfe , nur seltetn angerufen hatte. Die Törjfe besaßen in der neuen Heimat dieselbe Zauberkraft wie in der alten; ihre alte Freundschaft zur Mutter hatte sich nicht geändert und sie standen ihr in ihrer Not treu bei ... So kam Sure Rifke mit dem bißchen Essen zu Rate, dank den guten Töpfen und dank ihrem Sohne „Mosesleben" (das war niemand anderer als Mojsohele „Ochs"; er hatte, wie wir schon erzählt"haben, seinen Namen in „Sam Moses" geändert. Doch um den fremden Namen ihrem Munde gefügig zu machen, fügte die Mutter dem „deutschen" Namen das altgewohnte jüdische „-leben" hinzu; mit diesem zärtlichen Suffix lohnte sie dein Sohne alle Güte, die er ihr erwies). Mojschele „Ochs", oder, wie auch . wir ihn weiterhin nennen wollen, „Mosesleben4.', .vergaß, der Mutter in der neuen Heimat ebensowenig wie er es in der alten getan, als er dort begonnen hatte, sich beim Fuhrwerk auf dem Markt zu schaffen zu machen. Seit er in New York bei einem Lebensmittelhändiler arbeitere, brachte er immer irgend ein Paket nach Hause. (S,Isinmal , enthielt es Tee und Zucker, ein anderes Mal ein halbes Pfund des besten Kaffees; und stets beschwor er die Mutter, -ja niemandem davon zu geben, sondern es für sich selbst zu behalten; dann und wann brachte er eine Wurst, ein Stück Käse, Butter oder Eier mit; einmal steckte er der Mutter eine Flasche süßen Likör und ein halbes Pfund Lebkuchen, zu: „Ich weiß, Mutter, alte Leute brauchen dann und wann einen Schluck Likör als Herzstärkung. Nimm, Mutter, es wird dir nicht schaden." , Nichtiger „Zimmerherr" war " „Mosesleben" zu Hause nicht. Er aß nicht zu Hause und kam nur von Zeit zu Zeit, alle paar Tage, gewöhnlich ganz unerwartet. Und nie kam er mit leeren Händen, um so mehr jetzt, da er wußte, daß der Aelteste ausgezogen und Dwojre arbeitslos war. Und die Mutter sagte leise zu sich: „Nächst Gott erhält mich Mosesleben.** Das laut zu sagen, traute sie sich nicht, um ihren Mann nicht zu beschämen. Mit dem Essen ging es also schlecht und recht. Die größte Sorge aber war der Mietzins. In der ',a;(ten Heimat, war das. ganz anders gew,eseri. Dort tlkJätufür Sessel undTische Salongarnituren und EinzeimöbelstUcke ADIEK, VII, ApoSlog, 18 k.«,«^« 1* wohnte man in einer Wohnung und niemand fragte danach, ob es eine fremde oder eine eigene war. Man wohnte so lange, bis man das Mietrecht ersaß und dann hatte man eine eigene Wohnung. Mietzins — davon war nie die Rede. Fiel es einmal einem bösen Hausherrn ein. Mietzins zu verlangen, so flogen alle Flüche von .dieser und jener Welt an seinen Kopf. Und drohrfc er mit Delogierung, so nannte man ihn „Denunziant". Wagte es wirklich einmal ein Hausherr, einen Juden zu delogieren, so wurde er verflucht bis ins zehnte Geschlecht. Wenn er starb, wollte ihn die Chewra Kadischa*) nicht zu Grabe tragen, sondern es mußten Träger aufgenommen werden. Und sein Grab lag beim Friedhofszaun — dort wo die Täuflinge begraben sind... In Amerika aber ist die größte Plage des Armen — der Mietzins. Wenn der Erste naht, hat Sure Rifke schlaflose Nächte. Sie zerbricht sich den Kopf, woher sie das Geld für die Miete nehmen wird. Und wie der Erste da ist, erscheint schon am frühen Morgen, wenn eben alles zur Arbeit gegangen ist, der Hausverwalter mit seinem rasierten Gefrieß und der dicken Zigarre im Mund. An der kaut er und grunzt dazu ein Wort: „Mistreß". Dabei klopft er mit dem Zinsbuch auf die Hand. Und fehlt auch nur ein Cent auf die fünfzehn Dollar, so nimmt er das Geld nicht an, sondern zieht seine dicke goldene Uhr heraus und sagt, an seiner Zigarre kauend: „Mistreß, bis drei Uhr haben Sie Zeit, so lange fintiert das Gericht." Vor jedem Ersten herrschte in Anscliels Wohnung Jom-Kippur-Stimmung. Denn wieviel auch Sure Rifke rechnete, sparte und den ganzen' Monat lang für die Miete zurücklegte — immer fehlten für den Ersten ein paar Dollar: einmal hatte man die Gasrechnung zahlen müssen, ein anderes Mal war ein Kind erkrankt, dann wieder mußten ein Paar Schuhe gesohlt werden. Der Familienrat wurde einberufen. Und nach vielem Lärm und Jammern lieh der Aelteste immer wieder die fehlenden paar Dollar für den Mietzins. Diesen Ersten fürchtete Sure iRifke wie den Tod. Ganze . Nächte lag sie schlaflos auf ihrem Bett und wußte nicht, wie sie diesmal das Geld» für die Miete zusammenkratzen sollte. Der Aelteste, der doch dann und wann am Abend heimkam, hatte , der Mutter geraten, an seiner Stelle einen „border" zu nehmen und wollte einen Mieter mitbringen. Doch Mosesleben erklärte, er werde nicht dulden, daß „die Mutter einem Fremden das Dienstmädchen abgibt". Salomon erwiderte, das sei nun einmal, in Amerika so und »alle Leute halten Zimmerherren". Mosesleben entgegnete: „Da kann es tausendmal in Amerika so sein, meine Mutter wird einem Fremden keine Wäsche waschen". Darauf warf Salomon hin, wenn Moses ein so guter Sohn sei, so solle er doch für die Mutter den Mietzins zahlen. „Ja, das werde ich auch von meinem Lohn!" — parierte Moses den Hieb — „Ich werde nicht zugeben, daß die Mutter für einen Fremden arbeitet. Für die eigenen Kinder — meinetwegen, für Fremde —• niemals!" Sure Rifke sagte, sie könne das von Mosesleben nicht verlangen, er tue ohnedies, genug für .seine Mutter. Dabei umarmte sie ihn und drückte ihm einen Kuß auf die Stirn. Mosesleben nahm die fünfzehn Dollar, die er eben als Wochenlohn erhalten hatte, aus der Brieftasche und gab sie der Mutter für den Mietzins. Der Aelteste war beschämt und sagte, er habe für die Familie genug getan: „Jetzt mögen andere etwas tun." Die Mutter antwortete, -sie verlange, Gott behüte, gar nichts von ihm; sie wisse wohl, daß er für sich selbst sorgen müsse.: „Du bist schon unberufen im heiratsfähigen Alter und mußt endlich dazuschauen." Alle schwiegen. So war diesmal Sure Rifke die Sorge um den Mietzins los; dafür bekam sie eine neue: den Pessach. Vor Feiertagen hatte Sure Rifke stets Angst. Mit den gewöhnlichen Tagen konnte sie noch immer zu Rate kommen. Nun aber nahte ein Feiertag, auf den sich alle Menschen freuten, nur Sure Rifke hatte Angst vor ihm. So hatte sie eine neue Sorge für die Schlafenszeit. Ihrem Mann sagte sie nichts davon: : „Er arbeitet nebbich den ganzen Tag so schwer, so soll er wenigstens bei Nacht schlafen." Sie hütete sich deshalb, des Nachts laut zu seufzen, um Anschel nicht zu wecken. Aber Anschel hörte auch ihre leisen Seufzer und sie schnitten ihm ins Herz. Er fragte: „Warum seufzst du wieder, Sure Rifke? Die Miete ist doch schon bezahlt!" „So große Feiertage kommen und Ich weiß wirklich nicht, wie ich das Haus bestellen soll" — antwortete Sure Rifke. (Fortsetzung folgt.) *) Bagrälbnisbraderscbait.

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