Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 54 (28.9.1928)
- Date
- 1928-09-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 54 DIE NEUE WELT Seite M Mehr fehlt mir nicht zu meinen schönen Kleidern, als auch nur für eine Minute ins Gefängnis zu geraten! Ich habe) auch nicht viel Geschichten gemacht, sondern bin, so schnell mich meine Füße trugen, zum Bahnhof. Nur fort! Meine zwei Leute habe ich nicht mehr wiedersehen wollen und sie laufen lassen samt ihrem Moldawier, samt der feinen Stadt, samt ganz Bessarabien und samt dem ganzen Geschäft, Leute vor dem Tod zu versichern, durch das man sich ins Unglück stürzen kann. Gott kann besseres Brot geben; ich wünschte, ich wäre in Frieden an meinem Bestimmungsort. Da ich jedoch eine weite Reise vorhabe, fasse ich mich kurz. So Oott will, werde ich Dir von Hamburg aus alles genau berichten; jetzt gebe Gott Gesundheit und Glück. Grüß' die Kinder, sie sollen leben. Der Herr möge helfen, daß sie gesund und stark werden und daß man einander freudigen Herzens wiedersieht. Grüß* Schwiegervater und Schwiegermutter, jeden extra sehr herzlich von Deinem Gemahl Menachem Mendel. Richtig: das Wichtigste! Ich habe ganz vergessen, Dir zu schreiben, wohin ich fahre. Teure Gattin» ich fahre nach Amerika. Nicht allein — eine ganze Kumpanei fährt zusammen. Eigentlich fahren wir nach Hainburg und von dort geht es nach Amerika. Warum gerade nach Amerika? Weil in Amerika — so sagt man — Juden ihr Glück machen. Gold liegt dort — so sagt man Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien- Die andere ging. Nach einer Weile kehrte sie um und sagte zu Dwojre: „Haben Sie keine Angst, ich werde Sie nicht denunzieren, doch vor anderen hüten Sie sich davon zu sprechen, wenn Ihnen Ihre Stelle lieb ist." Dwojre schwieg. „Sie gehen auch zur Hochbahn?" — fragte die rindere. „Ja, wir wohnen Downtown." „Sind Sie schon lange im Lande?" setzt, die zweite das Gespräch fort. „Nein, erst ein paar Monate." „Das sieht man, Sie haben daheim gewiß auch einer Partei angehört."' „Ja" — Dwojre nickt mit dem Kopf. . „Auch , ich einmal. .Heute, keine,, Zeit dafür. In Amerika hat man anderes im Kopf. Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen vorher so geantwortet habe. Sehen Sie, es ist mir so schwer gekommen, die Stelle zu kriegen. Mehr als ein halbes Jahr arbeitslos gewesen — ich bin nicht allein, habe eine kranke Mutter zu Hause. Es ist jetzt so schwer, Arbeit zu bekommen. Hat man sie endlich bekommen, so fürchtet man sie zu verlieren. Unser Boß ist streng. Hat mich allerlei ausgefragt, ehe er mich aufgenommen hat. Er nimmt nur ,Grüne\ Union-Arbeiter läßt er nicht hinein, er hat Angst vor einem Streik. Man muß vorsichtig sein, achtgeben, mit wem man spricht, man weiß nie, mit wem man spricht, Sie verstehen ..." Dwojre verstand nicht, was die andere meinte, doch da sie sich schämte, es zuzugeben, um nicht zu „grün" zu erscheinen, oder da. sie allein sein wollte, nickte sie zustimmend mit dem Kopfe und verabschiedete sich. „Glauben Sie ja nicht, daß es mir nicht lieber wäre, in einem Union-Shop zu arbeiten. Natürlich wäre ich viel lieber in einem Union-Shop, doch was kann man tun, wenn man keine Arbeit bekommt? Ihnen geht es gewiß ebenso, wie?" — sagte die andere, ehe sie ging. Nach dem Gespräch hatte Dwojre keine Lust, sofort nach Hause zu gehen. Ihre Wohnung war nur ein paar Stationen entfernt. Daher ging sie zu Fuß, wie sie es nicht selten tat. Sie dachte an nichts, doch Sehnsucht nagte in ihrem Herzen und zum erstenmal tat sie sich selbst leid. Sie fühlte sich so einsam, so elend in der großen Stadt, als hätte sie sich in einer öden Wildnis verirrt. Leichter, schütterer Schnee fiel und bedeckte die Straße. Durch den Schneenebel drang das gelblich-graue Gaslicht der Möbelgeschäfte und Modewarenläden wie durch einen Vorhang. Die Straßen waren mit Arbeitern und Arbeiterinnen belebt, welche den ganzen Tag in den engen Shops bei der Arbeit gesessen waren und nun mit leiser Freude den durchsichtigen kindlich-spielerischen Schnee begrüßten. In den Schaufenstern waren ganze Wohnungseinrichtungen, Bade- und Speisezimmer ausgestellt. Sie schienen die Vorübergehenden einzuladen, es sich in ihnen behaglich zu machen. Vor den Schaufenstern standen junge Pärchen, musterten die Möbel und schmiedeten Pläne für die Zukunft. Andere blieben bei den Schaufenstern der Modewarengeschäfte stehen und betrachteten die wächsernen Mannequins, welche, reich gekleidet wie lebende Menschen, festlich gestimmt in den traulich hellen Schaufenstern saßen und wie glückliche Menschen aussahen. Dwojre blieb gleich den anderen bei — auf der Straße. Das Geld rechnet man dort nach Dollars! und die Leute werden dabei dick und fett, rund wie ihr* Geld! Und gar die Juden, da ist nichts zu reden — die sind der Rahm auf der Milch! Alle prophezeien mir, daß ich in Amerika, so Gott will, gut fahren werde, was man wirklich gut nennt. .Die ganze Welt fährt jetzt nach Amerika, weil man hier schon gar nichts mehr anfangen kantig rein gar nichts. Alle Geschäfte haben aufgehört. Und wenn die ganze Welt nach Amerika fährt, warum soll ich nicht auch fahren? Was riskiere ich dabei? Darum sollst Du Dir gar keinen Kummer machen, teure Gattin, und von mir, Gott behüte, nichts Schlechtes denken. Du kannst es mir aufs Wort glauben: ich werde Dich, Gott bewahre, nicht vergessen, Dich nicht, auch nicht unsere Kinder, sie sollen leben und gesund sein. Ich will Tag und Nacht arbeiten, nichts soll mir zu schwer sein. Und wenn der Herr mir hilft und ich habe, so Gott will, Glück — und Glück haben werde ich sicher, das ist so gewiß, wie jetzt auf der ganzen Welt Tag ist — dann schicke ich Dir Schiffs«- karten für Dich und für die Kinder, nehme Dich hinüber und Du sollst bei mir ein Leben führen wie die mächtigste. Prinzessin, sollst vom Schönsten und vom Besten haben und kein Stäubchen soll auf Dich fallen. Es ist auch wirk* lieh schon an der Zeit, daß Du auch etwas von der Welt weißt! Drum keine Sorge, keine Kümmernis — wir haben einen starken Gott! Der Obige. (Ende.) (22. FortsclzmiR.) den reich dekorierten Schaufenstern stehen und sali neidisch auf die leblosen, aber glücklichen Mannequins, die stets ruhig waren und es gut hatten. Sie müssen keine Arbeit suchen, sondern nur dasitzen, Gesellschaft „machen" und Tee trinken, sind in Balltoilette oder zum Ausgehen gekleidet, haben kostbare Pelze um. Mit eiriemmal ekelte Dwojre der tote Shop. Das Leben war ihr längst öde geworden, öde die unaufhörliche Stille und die hastige Arbeit, aber sie hatte nicht gewußt, daß sie sich dagegen auflehnen konnte. Doch jetzt, auf der Straße, in dem glücklich-spieierischen . Schneefall, bei den hellen Schaufenstern, unter der lebhaften, strömenden Menge wurde es ihr klar, daß sie sich dagegen auflehnen könne, ihr tägliches Leben der tückischen Arbeit hinzugeben. Als sie in ihren Gedanken zu dem Punkt kam, daß sie in einem arbeiterfeindlichen Shop gearbeitet hatte, erschrak sie vor sich selbst: „Ich konnte so treulos gegen die ,heilige Sache' handeln und gegen den Schwur, den ich geschworen?" Mit einemmal sah sie den Wald vor sich, sah Henoch und die anderen Arbeiter, hörte sich mit ihnen das Schwurlied singen ... Es war ihr plötzlich, als wäre sie von einem hohen Berg hinuntergestoßen worden und klammere sich an Zweige und Dornengestrüpp, um mühselig wieder die Bergeshöhe zu erreichen. Etwas wie Feindschaft gegen ihre Mutter, die Brüder und alle anderen Angehörigen stieg in ihr auf. Sie wollte sich von ihnen befreien. Einmal allein sein, für sich selbst leben. Doch sie empfand Mitleid mit ihrer Mutter und zugleich ärgerte sie sich, daß sie dieses Mitleid mit ihrer Mutter empfand. Als sie heimkam, waren alle schon zu Hause. Der Vater saß beim Tisch und hatte schon gegessen. Der älteste Bruder wusch sich und zog sich um, da er mit der Braut ausgehen wollte. Die Mutter, welche schon ängstlich auf Dwojre gewartet hatte, fuhr, als die Tochter heimkam, statt sich über ihre Rückkehr zu freuen, auf sie los. „Wo bist du hingeraten? Ich habe schon geglaubt, dir sei ein Unglück passiert." „Warum fürchtet ihr euch so um mich? Warum behütet ihr mich so? Warum haltet ihr mich so angebunden? Warum nur so angebunden?" — Dwojrele wiederholte das Wort, das ihr am besten auszudrücken schien, was sie letzt empfand. „Was für ein angebunden? Wer ist angebunden? Was redest du?" fragte Sure Rifke' erschrocken, da sie nicht verstand, was Dwojre meinte. Dwojre schwieg und ging zu ihrem Bett, das der einzige Winkel in der Wohnung war, der ihr gehörte. Im beschneiten Mantel und beschneiten Hut setzte sie sich darauf nieder. „Was hast du? Warum ziehst du dich nicht aus? Geh' essen: Das bißchen Essen ist schon kalt." „Ich bin nicht hungrig" — schmollte Dwojre kindlich. „Was hast du? Bist du Gott behüte krank? Hat dir jemand etwas Schlechtes getan?" — fragte Sure Rifke beunruhigt. „Ich bin nicht krank und niemand hat mir etwas Schlechtes getan." „Warum sitzest du so? Zieh' doch den nassen Mantel aus. Was ist mit dem Mädel?" Ansehe!, der in der letzten Zeit, wenn er von der Arbeit heimkam, eine Zeitung zu lesen pflegte, saß auch diesmal nach dem Nachtmahl in Kappe und Kattan obenan am Tisch, hatte eine Brille aufgesetzt »*L?£ui%"r Sessel mdTische Salongarnituren und Einzelmöbelstucke ADIEK, VII, Apollo«, 18 n^Jl&U. « und war in eine große Zeitung verrieft, die sein ganzes Gesicht verdeckte; nur der dichte Rauch der Zigarette war zu sehen, die er nach jeder Mahlzeit von seinem Sohn nahm (der sie stets nicht allzu gern dem Vater gab). Anschel nahm die Zeitung vom Gesicht und schaute durch seine Brille in den Winkel, wo Dwojre auf dem Bett saß. „Ich weiß wirklich nicht, was mit dem Mädel ist" — sagte die Mutter, die neben Dwojre stand. „Wihat is fche matter?" — wirft der Aef feste gleichgültig ein, der sich beim kleinen Spiegel über dem Ausguß rasiert. Er unterbricht sich dabei in seiner Beschäftigung nicht' und wendet nicht einmal den Kopf vom Spiegel weg. „Was ist das für ein, Shop, wohin du mich geschickt hast?" — fragt plötzlich Dwojre den Bruder aus ihrem Winkel her. Jetzt wurde es schon interessant. Salomen (diesen Namen hatte ihm die Braut gegeben und er hatte zu Hause mitgeteilt, daß er von nun an nicht •mehr Schlojrne heiße, sondern Salomen) wandte den Kopf und sah die Schwester an. ..Was ist das mit dem £*hop?" „Ich gehe dorthin nicht mehr arbeiten." „Warum?" „Es ist kein Union-Shop." Alles blieb starr vor Staunen. Anschel hatte die Zeitung weggelegt. Die Mutter, welche nicht verstand, um was es sich handelte, stand ratlos da und blickte nach ihrem Mann um Hilfe aus. Anschel konnte sich auch nicht zurecht finden und überließ den Disput den beiden Geschwistern. „Was hat sie gesagt?" — beginnt Solomon — „Ein Union-Shop! Woher weißt du, was eine Union ist?" „Ich weiß es schon." ■ „Woher weißt du es? Wer hat dir das gesagt?" „loh habe es noch gewußt, ehe ich nach Amerika gekommen bin." „So? Dann hättest du in der alten Heimat bleiben sohlen. Hier wirst du, liebe Schwester, mit der Union nicht weit kommen." „loh wollte, ioh wäre wirklichdaheim geblieben" — sagt Dwojre 'halb zu sich. „Um was geht der Streit?" — fragt Anschel neugierig seinen Sohn aus der Zeitung heraus. t „Deine Tochter ist eine Sozial istin und Htr gefällt der Shop nicht, den ich i'hr beschafft habe, weil dort keine Sozialisten arbeiten. Nun, so soll sie sich selber einen Shop suchen" — sagt der Aelteste zum Vater. „Ah so! Das sind die, die den Kaiser vom Thron stoßen wollen? Es steht auch davon in der Zeitung," — Anschel deutet auf das Blatt, das er liest — „ich habe gar nicht gewußt, daß ich eine Tochter habe, die Sozial'istiin ist. Natürlich, Amerika ist ein freies Land, hier darfst du, liebe Tochter. Hier darf man ein Sozialist sein" — Anschel deutet auf seine Zeitung wie auf eine' Autorität. „Nein, sie sägt, daß sie es noch aus der Heimat mitgebracht hat" — sa'gt Sajjwnon.' „Wenn dem so ist, dann gehört sie doch zu den Großen, ei, ei!" — sagt Anschel. — „Nun also, laßt mich doch schon sehen, was ihr könnt" ...... sagt Anschel, den die Frage des Sozialismus n-unmehr ■schon gepackt hat. Doch Sure Rifke konnte nicht zusehen, daß mau ihr'Kind äusiachte. Dwojre tat ihr leid und sie schalt die Männer: „Was habt ihreuch a<uf das Kind verlegt? Den Kaiser vom Thron stoßen, meinen Feinden gesagt. Schließlich wirst du nicht arbeiten gehen, wenn dir der Shop nicht gefällt, du wirst schon einen anderen Gekommen. Nun, geh' schon essen, der Löffel Nachtmahl wird doch kalt." „Ja, sie wird schon einen bekommen," — sagt der Bruder — „die Arbeit wartet ja auf sie." „In diesen Shop werde ich nicht arbeiten gehen" — sagt Dwojre mit einer Bestimmtheit, die man an ihr bisher nicht gewöhnt war. Der Vater hatte die Zeitung weggelegt und schaute in den Winkel, wo Dwojre saß. Der Bruder hatte aufgehört sich zu rasieren und sah bald die M'utter, bald Dwojre an, . „Was glaubst du?" — begann er — „Du wirst zu Hause sitzen wie der dort" — er deutete mit dem Kopf nach Jojne Gedalje, der bei solchen Gesprächen sich stets schuldbewußt in den Winkeln herumdrückte — „wie der dort, aus dem der Vater mit aller Gewalt einen amerikanischen Rabbiner inachen will. Ein Esser ist schon zu Hause, jetzt willst du auch noch zu Hause sein! Und wer wird die Miete bezahlen, die Gasrechnung und den Delikatesseuhändler? Und der Schiffahrtsgesellschait die Sohitiskarten, mit denen ihr hinübergekonnnen seid? Wer wird das bezaliden? Ich, alles ich? Wie?" (Fortsetzung folgt.) ROMAN VON SCHALOM ASCH.