Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 51 (7.9.1928)
- Date
- 1928-09-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. St DIE NEUE WELT Seite 11 SCHOLEMALEJCHEM: MENACHEM MENDEL. (Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 1921 by R. Löwit. Wien und Leipzig. (34. Fortsetzung.) Reh Uschcr fragt: „Was heißt — Weiber? Und wo bleibt Eures Mojsche Nisse! Sohn?" „Wann hat Mojsche Nissel" — sage ich — „einen Sohn bekommen, wenn er einzig, und allein eine Tochter sein Eigen nennt, ein einziges Kind, also eines und nicht mehr? ..." „Das heißt also," —sagt er — „daß bei Euch auch ein Mädel da ist? Aber wir haben doch" — sagt er — „fortwährend über einen Bräutigam geredet! ..." „Natürlich," — sage ich — „über einen Bräutigam. Ich habe aber fest darauf gerechnet," — sage ich — „daß Ihr des Bräutigams Schadehen seid!" ... — „Wo ist das ausgemacht worden," — sagt er — „daß des Bräutigams Schadehen ich bin?" „Wo ist das ausgemacht worden," — sage ich — „daß des Bräutigams Schadehen ich bin?" „Warum" — sagt er — „habt Ihr mir nicht verraten, daß Ihr ein Mädel habt?" Drauf ich: „Habt Ihr mir vielleicht verraten, daß Ihr ein Mädel habt?" Er wird wütend und schreit mich an: „Wißt Ihr, was ich Euch sagen werde, Menachem Mendel? Ihr seid so ein Schadehen, wie ich ein Row!" Drauf ich: „Und Ihr seid so ein Schadehen, wie ich ein Rebezzen!" E'n Wort gibt das andere; er zu mir: „Melamed!" Ich zir ihm: „Lügner!" Er zu mir: „Unmensch!" Ich zu ihm: „Saufbold!" Das ärgert ihn und er geht auf mich mit einer gewaltigen Ohrfeige los; ich nicht faul, fahre ihm in den Bart — ein Skandal, daß Gott behüten und bewahren möge! ... Begreifst Du? Soviel Kosten, Zeit und Mühe. Und dazu die Schande! Die ganze Stadt ist zusammengelaufen, um die Schadchonim anzuschauen, welche das Kunststück fertiggebracht haben, zwei Mädchen zur Beschau zu bringen. Der Uscher aber ist schnell auf und davon (in die Hölle möge er geraten) und hat mich allein zurückgclassen; so konnte ich der Wirtin das Nachtmahl für acht Personen bezahlen. Zum Glück konnte ich „mich noch losmachen, ehe noch die Sippen mit den zwei Bräuten nach Schmerinka gekommen sind. Was zwischen ihnen sich begeben hat — das weiß ich nicht. Ich kann mir aber das Gespött vorstellen! Also — bin ich ein Prophet, kann ich wissen, daß der Schadehen Uscher — ausgelöscht werde sein Name! — ein Luftikus und Windbeutel ist, der Teufel hole ihn, der redet und rennt, fährt und fliegt, depeschiert und telegraphiert — und was kommt heraus? Zwei Mädchen! ... Ein für allemal, meine teure Gattin, es geht nicht zusammen, und wenn Du ins Feuer springst! Da ich jedoch von dieser Heinitsvermittlung sehr mitgenommen bin, fasse ich mich kurz. So Gott will, werde ich Dir im nächsten Brief alles - genau berichten. Jetzt gebe Gott nur Gesundheit und Glück. Grüß' die Kinder (sie sollen leben), nach denen mir schrecklich bange ist, und Schwiegervater und Schwiegermutter jeden extra sehr herzlich von Deinem Gemahl Menachem Mendel. Richtig: das Wichtigste! Gott sendet stets die Arznei zugleich mit der Krankheit. Wie ich vom Schmerinka weggefahren bin, habe ich geglaubt, daß der Himmel über mir eingestürzt ist. Hätte ich nur genug Geld für die Reise gehabt, so hätte ich mich — es gehe wie es gehe — nach Hause durchgeschlagen, nach Kasri- Hwke natürlich. Ich habe' aber ausgerechnet, daß ich irgendwo mitten auf dein Weg werde stecken bleiben müssen, selbst wenn ich 'Wich '— ich will meinen Mund nicht zum Bösen auftun — bis aufs Hemd ausziehe! Doch es gibt einen Gott aiif dieser Welt und ich lerne im Zug irgend ein Ungetüm kennen, einen Agenten, einen Inspektor, der Menschen gegen den Tod versichert; der beginnt in mich hineinzureden und verspricht mir goldene Berge, wenn ich auch Agent werde. Was das ein Agent ist und wie man Menschen gegen den. Tod versichert — darüber wäre viel zu schreiben; doch ich habe schon ohnedies übermäßig viel geschrieben, daher lasse ich es fürs nächste Mal. Der Obige. Ende des fünften Buches. oÜechhtes Siuch: UXGLVCK AtTjF VNGLVCK SKenichem Slftendel — SLgent Menachem Mendel von der Reise an seine Frau Scheine- Scheindel in Kasrifiwke. Der teuren, edlen, tugendhaften und klugen Ehefrau Scheine-Scheindel meinen Gruß! Zum ersten sei Dir kuudgetau, daß ich — Dank Seinem lieben Namen! — gesund bin und mein Leben das des Friedens; der Herr, gelobt sei er, möge helfen, daß eines vom anderen nur Gutes höre in guter Botschaft XU Trost und Heil — Amen. Zum zweiten wisse: Meine teure Gattin, ich habe verschwinden müssen, durchgehen nämlich. Mit Müh' und Not bin ich einem Unglück entronnen, einem großen Unglück; ich muß Gojmel Deutschen.*) Es hat nicht viel gefehlt und ich wäre der Gerechtigkeit verfallen, und Octt weiß, was ich da ausgefaßt hätte: vom Gefängnis «ebon nicht zu reden, hätte ich vielleicht gar ein paar *) Goyntel Deutschen Das Gebet auch girettaug TodoicoMv oproeboB. Jahre Sibirien gekriegt — und doch' bin ich an -allem, was geschehen ist, so schuldig wie Du; wie sagt doch Deine Mutter: „Unglück auf Unglück in Haus und Hof..." Jetzt, da der Herr der Welt mir geholfen hat und ich mich rechtzeitig vor dem Feuer in Sicherheit gebracht habe, — jetzt erst kmn ich mich hinsetzen und Dir alles genau berichten, von Anfang bis zu Ende. (Fortsetzung folgt.) 'MIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIII'' Erste Spetiäl* f j> fi« n I YS 4% wetkstätiefür «IQSSCSI UI,C* I ISCVlfS Salongarnituren und Einzelmöbelstücke ADIEK, VII. Apollos» 18 ™JtSSl* « .«flllfflllflflllfffllllllllllllfllllllllillliilllfllllflillfllillllllflflfflftl^ DIE MUTTER ROMAN VON SCHALOM ASCH. Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien. fein paar Wochen später zeigte der Keller, wo Anschel wohnte, folgendes Bild: Draußen ist es noch grau. Das gelbe Licht der Gasflamme wirft Lichtkn«^uel .in den Raum, als wollte es das Grau des Kellers' versengen. Rings um das gelbe Licht ist alles hell beleuchtet, doch die Winkel bleiben in nebligen Schatten. Sure Rifke, ein weißes Tuch um den Kopf gebunden, dessen geknotete Enden sich au der Wand wie zwei riesige. Ohren schattenhaft abzeichnen, steht wie in der alten Heimat beim kleinen Herd und kocht Kaffee; überdies, packt sie Essen ein und von Zeit zu Zeit ruft sie in eine Ecke: „Anschel, Anschel! Es wird spät!" ..Ha, was?" — sofort schweigt Anschel wieder. Eine Zeitlang ließ ihn die Frau in Ruhe. Sie hatte Mitleid mit ihrem Anschel, denn sie erinnerte sich, daß er am Abend vorher beim Nachtmahl eingeschlummert war. „Er ist nebbich die schwere Arbeit nicht gewöhnt." Sie seufzte. Indessen sah sich Anschel in einer Synagoge, in der bloß Nähmaschinen stehen! Schneider sitzen an den Maschinen und klappern. Die Maschinen rauschen. Er,' Anschel, steht auf dem Almemor und liest den Wochenabschnitt vor. Bald aber erinnerte sich Sure Rifke, daß ihr Anschel keine Zeit zum Morgengebet haben werde, und sie nahm ihre ganze Härte zusammen. „Anschel, du wirst doch keine Zeit zum Beten haben!" Das Wort '„beten" warf Anschel aus seinem Traum. Es datierte eine gute Weile, bis er sich erinnerte, wo er war und was er war. Dann hörte man Wasser aus dem Wasserleitungshahn rinnen. Plötzlich tauchte Dwojre beim Herd auf; ihr unbändiges Haar bedeckte ihre nackten Hände und ihren nackten J?üqk.en^$.e aus .dem Hemd hervor- Jugten. Sie wollte der Mutter am Herd helfen, doch die Mutter wehrte ab: „Geh', zieh' dich lieber an! Die Jungen werden bald aus dem Alkoven herauskommen." Man hörte Anschels Murmeln beim Beten; noch jetzt, in seiner Armut, konnte er sich nicht enthalten, wenn er im Beten zu einem Bibelzitat kam, es im Ton der Thoravorlesung laut zu rezitieren; Sure Rifke erinnerte ihn daran, daß er nicht daheim sei: „Anschel, hast du denn Zeit dazu? . . ." Der Vater hatte kaum Zeit, den Tallis abzulegen und das Gebet zu beendigen, da war das „Breakfast" schon auf dem Tisch und für jeden sein Lunchpaket mit dem Kännchen Kaffee bereit. . Dann verließ leise und wortlos jeder der Größen die Kellerstube und sie zerstreuten sich in alle Teile der Riesenstadt. Der Vater ging weg,'der Aelteste, Mojschele (der jetzt bei einem Händler arbeitete, dem er die Pakete austragen half) und Dworjele; sie gingen fort wie Hunderte und Tausende ihresgleichen. Nachdem die Großen abgefertigt waren, machte sich die Mutter an die Kleinen, um sie zur Schule zu schicken, an Itsche Mayer, den „großen Jungen", und Note, den „Säugling". Sie waren nicht zu erkennen. Die Schläfenlocken waren bis tief hinter die Ohren abgeschnitten: in den wenigen Wochen, die Anschels Familie in Amerika wohnte, hatten sich die beiden Knaben weit mehr geändert als die ganze übrige Familie. Die Mutter zog ihnen die Blusen an, welche sie jeden Abend vor dem Schlafengehen für sie auswusch. An jedem Morgen sab es Streit zwischen der Mutter und den Knaben wegen des Betens. Er ging auch an diesem Morgen in der gewöhnlichen Art. Die Mutter wollte ihnen nicht früher ihre Semmel geben, bis sie nicht wenigstens das halbe Gebet gesagt hätten; die Knaben aber handelten jeden Tag der Mutter ein Kapitel von den Lobgesängen zu Ehren des jüdischen Gottes ab «im Interesse verschiedener Aufgaben für die School, die sie am Tage vorher zu machen vergessen hatten. Für die Mutter war das ein Zeichen, daß sie in Amerika untergehen würden. Nur einer blieb zu Hause, der einzige, den die Eltern vor Amerikas Fabrik und Amerikas School bisher bewahrt hatten, das war Jojne GedaJje, das Lernkind. Die Mutter kämpfte für ihn and hielt ihn fern von Amerikas Feuer, das Anschels Familie vi (30. Fortsetzung.) Kopf für die amerikanische School. Anschel verschob es von einem Sabbat auf den anderen, nach einei- Jesehiwa für den Knaben zu fragen. IV. Sehnsucht. Von der Gasse drang unaufhörlich durch die Wände, Fenster und Türen der rauschende Lärm, als schlügen die Wellen des Meeres an die Fenster. Es war Abend, die Zeit, da die Arbeiter von der Arbeit gingen und die Händler ihre Waren auf den Ständen auslegten und mit riesigem Stimmaufwand ihre Billigkeit und Güte anpriesen. Ein Jude, der Bananen verkaufte, hatte genau gegenüber von Anschels Kellerwohnung Posten gefaßt; jeder seiner Rufe schien die Köpfe zu spalten. Mitten in dem Lärm durchbohrte von Zeit zu Zeit das stumpfe Gleiten von Eisenrädern auf Eisenschienen die Gehirne; das war die Hochbahn. Das dumpf-grelle Quietschen des Eisens über den Köpfen machte die Wände erzittern. Die Scheiben der kleinen Fenster tönten, und es schien, als wollten sie jetzt und jetzt herausfallen. Dieses Geräusch schien nicht von außen zu kommen, sondern vielmehr von innen. So oft der dumpfe Schrei des Eisens über den Köpfen zu hören war, schien etwas mitten durch das Hirn zu fahren . . . Gegenüber den Fenstern mußten wohl Knaben auf der Straße mit Feuer spielen; . denn durch die Tücher, mit denen Sure Rifke die Fenster verhängt hatte, flammte von Zeit zu Zeit Feuerschein auf, den kindliches Freudengeschrei begleitete. Durch die Tücher war jezt nichts zu sehen; um so deutlicher aber war jedes Fußpaar zu hören, das. an den Kellerfenstern vorüberging. Die Scheiben hörten nicht auf zu tönen. Alle diese Stimmen, Schreie und Laute wurden von einem ständigen Summen begleitet; das aus dem über dem Keller befindlichen rumänischen Restaurant kam. Es war wie ein unaufhörliches Zirpen von aber tausend Grillen; alle anderen Geräusche waren darin eingehüllt und erstarrt. Im Keller herrschte der Sabbat. Durch die Tücher drang der Schein der vier Kerzen, die auf dem Tische standen, auf die Gasse. Obenan beim Tische saß Anschel und summte mit schläfrigen Augen die Smiroth;*) von Zeit zu Zeit ermunterte er durch einen zornigen Blick seine gelangweilten Kinder, mitzusingen. Doch die kümmerten sich wenig um des Vaters Blicke. Ihre Gedanken und Herzen waren draußen beim Feuer, wo sie jeden Abend spielten; sie ärgerten sich über den Vater, der hier neue Moden einführte; keiner der Boys auf der Gasse mußte am Freitag abends bei Tisch sitzen und Smiroth singen. So wetzten die beiden Jüngsten auf ihren Sesseln hin und her, und ihre Blicke waren immer wieder nach dem Fenster gerichtet; sie warteten auf einen günstigen Moment, da der -„Pa" einschlummern würde, um auf die Gasse zu kommen, ehe noch die Feuer erlöschen •würden. Am Tische fehlte der Aelteste, Schlojme, der jetzt um ein Mädchen " freite und an den Abenden wenig zu Hause war. Er hatte der Mutter bereits mitgeteilt, sie möge sich um einen neuen Mieter umsehen, da er daran denke, zu heiraten. Auch der zweite Sohn, der daheim Mojschele „Ochs" hieß, fehlte; in der kurzen Zeit, die er hier war, hatte er bereits Zeit gefunden, seinen Namen in „Sam Moses" zu ändern. Niemand wußte, warum er sich einen zweiten Namen gegeben hatte; doch Sam Moses fühlte sich selbständig vom ersten Schritt an, den er auf amerikanischem Boden getan hatte. Er war der erste, der Geld verdiente und es der Mutter heimbrachte. Jeden Tag hatte er eine andere Beschäftigung. Gegenwärtig arbeitet er in einem Delikatessengeschäft, das seine Waren in die Häuser zustellt. Von dort brachte er der Mntter allerlei. heim, was die Kost in Anschels Familie verbesserte; dafür aber hatte er dem Vater erklärt, er mflge ihn nicht mit dem Freitagabend und dem Sabbat „baddern". „Arn Freitagabend habe ich am meisten zn tun, denn alle brauchen Delikatessen für Sonntag.'* Dafür aber saß wie in der alten Heimat Jojne Gedalje beim 'H«cti und half dem Vater den Freitagabend feiern. CFor&efcwag folgt.)