Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 50 (31.8.1928)
- Date
- 1928-08-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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< *Nr. 5C ME NEUE WEtA Seite 11 sagt er — „und schreibt ihm dringend, er möge die Sache iricht aaf die lange Bank schieben; und er soll Euch" — sagt er — „auch dringend antworten, damit man nach Schmerinka fahren kann — und die Sache endlich ein Ende hat!" Ich laufe und schicke meinem Uscher eine drin gende Depesche: „Gebt Ihr drei, dagegen sieben; gebt Ihr vier, dagegen neun; gebt Ihr fünf, dagegen elf. Nicht lange Bank schieben. Dringdrahtet, wann fahret." — Und ich bekomme ein dringendes Telegramm, nur zwei Worte „Fahren. Fahret." Wann kommt eine so wichtige Depesche an? Na> habt Ihr" — sagte er — „begriffen? Geht gleich" — türlich bei Nacht. Du kannst Dir denken, daß ich in dieser Nacht nicht schlafen konnte. Ich habe begonnen, auszurechnen, wieviel ungefähr auf meinen Teil entfallen würde, wenn zum Beispiel der Herr hilft und ich die ganze Liste ausheirate, die der Leib Lebelski verloren hat.. Ist denn so etwas bei Gott nicht möglich? Ich habe mich fest entschlossen, wenn, so Gott will, dieses Geschäft zustande kommt, mit meinem Uscher immer zu sammenzuarbeiten. Denn er hat mich für sich eingenommen; er ist ein anständiger Mensch und hat Glück Natürlich kommt Leib Lebelski auch nicht zu kurz. Wie auch nicht? Er ist doch leider auch ein armer Jude, gesegnet mit Kindern ... Wie ich nur sehe, daß es Tag wird, habe ich das Gebet verrichtet, bin eilends zu meinen Leuten hin und habe ihnen die Depesche gezeigt. Sie haben gleich Kaffee und Buttergebäck auftischen lassen und es wurde bestimmt, daß wir noch am selben Tag selbviert nach Schmerinka fahren. Doch damit Jampol sich nicht das Maul zerreißt, weshalb wir alle vier zusammen fahren — haben wir es so eingerichtet, daß ich mit dem ersten Zug reise und sie mit dem nächsten; inzwischen soll ich in Schmerinka für ihre Rechnung ein ordentliches Logis vorbereiten und ein Nachtmahl bestellen, wie Gott es geboten. Und so geschah es auch. Ich bin früher als alle anderen nach Schmerinka gekommen, vor dem schönsten Gasthof vorgefahren, dem einzigen in Schmerinka, mit der Aufschrift „Odessaer Restaurant", habe wohlweislich zu allererst mit der Wirtin Bekanntschaft geschlossen, einer feinen, gastfreundlichen Frau, und sie zunächst ein wenig ausgefragt: „Was gibt es bei Ihnen zu essen?" — Drauf sie: „Was wünschen Sie?" — Ich sage: „Haben Sie Fische?" — Drauf sie: „Die kann man kaufen." — Ich sage: „Nun, und Suppe?" — Drauf sie: "„Suppe kann man auch anstellen." — Ich sage: „Was für eine, Nudel- oder Reissuppe?" — Drauf sie: „Auch Mandelsuppe, wenn Sie wollen." — Ich sage: „Nun, und wie wäre es etwa zum Beispiel mit Entenbraten?" — Drauf sie: „Für Geld gibt es auch Enten." —- Ich sage: „Nun, und gibt es was zum Trinken?" — Drauf,-sie: „Warum nicht?" — Ich sage: „Ist Bier da?" — Drauf sie: „Warum soll keines da sein?" — Ich sage: „Nun, und Wein?" — Drauf sie: „Für Geld ..." — „Wenn es so steht," — sage ich — „seid so gut, liebe Frau, und bereitet ein Nachtmahl für acht Personen vor." — Drauf sie: „Woher nehmt Ihr die acht Personen? Ihr seid im ganzen nur einer." — Ich sage: „Wunderliches Weib! Was geht das Euch an? Man sagt Euch acht, also sind es acht." Wie wir soreden, kommt mein Reb Uscher herein, fällt mir um den Hals und küßt mich ab wie der eigen« Vater: „Das Herz hat es mir gesagt," — sagt er — „daß ich Euch da treffen werde im „Odessaer Restaurant"! Gibt es da" — sagt er — „einen kleimen Imbiß?" — „Soeben" — sage ich — habe ich ein Nachtmahl für acht Personen bei der Wirtin bestellt." — „Was geht mich das Nachtmahl an?" — sagt er. — „Das ist eine Sache für sich. Doch bis die Gesellschaft von beiden Seiten sich zusammenklaubt, sind wir" — sagt er — „doch nicht verpflichtet, zu fasten. Ich sehe," — sagt er — „daß Ihr da gut bekannt seid; seid so freundlich, laßt für uns etwas Eßbares vorbereiten und inzwischen ein Fläschchen Schnaps nnd dazu ein Stückchen Fleisch als Imbiß geben. Es ist mir schon schwach ums Herz" — sagt er — „vor Aufregung." Sa sagt Reb Uscher, macht nicht viel Geschichten, geht in die Küche sich waschen, schließt Bekanntschaft mit der Wirtin, läßt auftischen, was da ist und wir setzen uns beide gemütlich zum Festmahl. Während des Essens erzählt mir Reb Uscher Romane und Wunder, wie er die Sache eingefädelt hat, das wilde Meer geteilt und mit Müh und Not bei seinem Edelmann durchgesetzt hat, daß er dreitausend gibt. „Was heißt dreitausend?" — sage ich. — „Wir haben doch von wenigstens viertausend gesprochen?" — „Nur langsam," — sagt er — „nur langsam, Reb Menachem Mendel; ich weiß, was ich zu tun habe. Ich heiße Reb Uscher! Ihr müßt wissen," — sagt er —„daß mein Edelmann überhaupt im Sinn hatte, Null mit Null zu geben; er ist doch, so sagt er, von vornehmster Abkunft und seine Frau noch vornehmer. Und wenn er, so sagt er, mit Gott weiß wem sich verschwägern wolle, man würde ihm noch, wie er sagt, zuzahlen ... Kurz und gut, ich habe" — sagt er — „genug gearbeitet wie ein Holzhacker, daß er sich dazu herbeiläßt, alles in allem zweitausend zu geben." „Was soll das heißen,'* —- sage ich —• „zweitausend? Ihr habt doch soeben" — sage ich — „von dreitausend gesprochen?" — Wieder sagt er: „Nur langsam, Reb Menachem Mendel, ich bin ein älterer Schadehen als Ihr und heiße Reb Uscher. Laßt nur die beiden Parteien ankommen und Bräutigam und Braut einander zu Gesicht kriegen, da wird sich schon — so Gott will — alles in Freude und Wonne lösen; wegen lumpiger tausend Fetzen geht bei mir" — sagt er— „keine Heirat flöten. Ich heiße Reb Uscher, versteht Ihr? Eine Kleinigkeit" — sagt er — „freilich drückt mich noch." — „Was drückt Euch eigentlich?" — sage ich. „Mich drückt" — sagt er — „die Assentierung. Ich habe" — sagt er — „meinem Mann eingeredet, daß Euer Mojsche Nissel ein blutjunges, milchgesichtiges Bürschchen hat, doch daß er sich den Teufel ufti die Assentierung kümmert, daß •r sie schon los ist ..." „Was plappert Ihr, Reb Uscher?" — fahre ich auf meinen Kompagnon Jos. „Was für eine Assentierung? Wo hat die Katze den Schwanz?" — Wieder sagt er: „Nur langsam, Reb Menachem Mendel, ich heiße Reb Uscher!" „Meinetwegen könnt Ihr achtzehnmal Reb Uschcr heißen," — sage ich — „deswegen verstehe ich noch immer nicht, was Ihr wollt; Ihr schnattert unaufhörlich: „Assentierung, Spassentierung", woher kommt zu meinem Mojsche Nissel eine Assentierung? Haben denn Weiber auch schon eine Assentierung? ..." (Fortsetzung folgt.) wetLtäUefür SQSSGI ""^TISCH© Salongarnituren und EinzelmöbelstQcke ADLER, VII. Apöllog. 18 k..,*?£?b* « DIE MUTTER ROMAN VON SCHALOM ASCH, Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien. (19. Fortsetzung.) III. Ansehet beendet seine Karriere als Thoravorbeter. Mit acht Seelen war Anschel nach Amerika gekommen. Und die acht Seelen brauchten Speise und Trank. Die ersten Tage ging es festlich zu. Landsleute kamen und freuten sich der Ankunft Anschels. Einige brachten Geschenke, alle versprachen Anschel glückliche Zeiten. Dann gingen sie wieder. Vom „Leben" wurde noch nicht gesprochen. Der Aelteste gab her, was man brauchte. Alles in allem gefiel Anschel Amerika. Bald aber gab es Wochentage. Man begann zu merken, daß mit all dem noch kein Lebensunterhalt da sei. Vorläufig nahm die Mutter auf Kredit. Doch der Bäcker und der Fleischer, welche früher so freigebig den Kredit eingeräumt hatten, fragten unaufhörlich, ob die „Boys" schon arbeiten. Eines Abends kam der Aelteste mit dem Vater ins Gespräch: „Vater," — begann er ohne Umstände — „hier geht es nicht wie daheim. Amerika ist eine andere Welt." „Worauf beziehst du das, mein Sohn?" — fragt der Vater neugierig. „Ich beziehe das aufs Verdienen, Hier ist nichts eine Schande. Jeder arbeitet hier, um davon Frau und Kinder zu erhalten." „Schöll gib mir eine Arbeit, damit ich Frau-und Kinder erhalten kann. Du hast mich doch deshalb nach Amerika hinübergeneunmen." „Ich habe David Goldschrrridt, einen Landsmann, getroffen. Er arbeitet in Brooklyn in einem Shop, wo Hemden genäht werden. Dort arbeiten sehr viele ältere Leute wie du. Am Sabbat wird dort nicht gearbeitet. Goldschrrridt will dich in die Werkstätte mitnehmen, er meint, dort wird es Arbeit für dich geben." „Was hast du gesagt, Hemden nähen? Was soll der Vater bei Hemden tun? Das paßt für Dwojrele, aber was soll der Vater bei Hemden tun?" — warf die Mutter ein. „Dwojrele kommt zu Damenhemden. Dafür ist aber noch nicht Saison. In zwei Wochen hat man mir für sie Arbeit versprochen." „Ich dachte, du hättest für mich eine große vornehme Schul' ausfindig, gemacht, wo ich Thoravorleser werden soll" — sagte endlich der Vater. „Thoravorleser ist hier kein .business'; dafür hat man hier keine Verwendung." „Der Vater soll in seinen alten Tagen ein Schneider werden?" — fragt die Mutter. „Schneider zu sein, ist hier keine Schande. Viele achtbare Juden sind hier Schneider, selbst Rabbiner werden hier Schneider. Hier ist nichts eine Schande." „Das heißt also — ich soll Schneider -werden, das willst du, mein Sohn? Ausgerechnet Schneider?" — fra'gt der Vater. „Meinetwegen kannst du Rabbiner werden. Doch eines muß icli dir sagen, Vater: Hier denkt jeder nur an sich. Es geht um deine Frau und deine Kinder, nicht um meine. Ich habe genug bis jetzt für euch gesorgt. Die Schiffskarten sind noch nicht bezahlt. Die Rate wird bald fällig werden. Auch die Rate für die Möbel. Die Kleinen werden beginnen müssen, in die School zu gehen, sonst wird man sie holen. Eine amerikanische School ist kein Glieder. Sie werden ordentlich angezogen und gewaschen sein müssen, sonst schickt sie die Lehrerin aus der School nach Hause. So ist Amerika. Ich glaube, es wird das beste sein, wenn ich von hier ausziehe; dann werdet ihr wissen, daß ihr selbst für euch zu sorgen habt." Die letzte Drohung wirkte mehr als alle Reden. Die Mutter schaute den Vater an; der Vater begann in bittendem Ton, den er nicht gewohnt war und der ihm auch nicht recht gelingen wollte: „Was soll das heißen, du wirst von hier ausziehen? Und was wird mit uns geschehen? Du wirst uns im Elend lassen?" „Ich sehe ja, anders wird es nicht möglich sein. Ich habe mich euch zuliebe bis aufs Hemd ausgezogen. Andere Boys haben dicke Bankbücher; und ich? Mein ganzes Leben lang habe ich für euch geschuftet" — der Aelteste tat sich selbst leid und Tränen kamen ihm in die Augen. Vater und Mutter schwiegen. Dwojrele, welche beim Gespräch zugegen war, biß sich die Nägel; sie schämte sich für ihre Eltern, ihrer Armut und Hilflosigkeit und sagte: „Vielleicht kann ich indessen in die Fabrik gehen an Stelle des Vaters." „Du wirst schon arbeiten. Und der wird arbeiten (der Aelteste deutete auf Mojschele), sogar dein Lernkind (er zeigte auf Jojne Gedalje) wird auch bald in den Shop gehen müssen. In Amerika gibt es keine Lernkinder. Hier kennt man keine Kosttage. Hier verdienen alle. Vergesset nicht, wir sind 300 Dollar für die Schiffskarten schuldig. Und die Kleinen muß man ernähren, bis sie die School beenden. Hier gibt es keine Müßiggänger, in Amerika muß man arbeiten." Mojschele hatte sich leise aus dem Zimmer auf die Straße geschlichen. Der Vater,, die Mutter und'die jüngeren Kinder blieben still sitzen, sie konnten kein Wort herausbringen: Doch Anschel konnte nicht länger an sich halten.-Mit einem Ruck stand er auf. Er hatte seinen alten Mut von daheim wieder bekommen und mit Geste und Ton des Thoravorlesers sagte er: „Ja, du hast recht, mein Sohn; in Amerika müssen alle arbeiten. Im Schweiße deines Angesichtes wirst du dein Brot essen" — sagte er im rezitativen Tonfall der Bibel. — „Führe mich, mein Sohn, in den Shop, ich will ein Hemdennäher werden." Aus Sure Rifkes Augen rollten die Tränen, und während sie sie mit der Schürze trocknete, schluchzte sie: „Was hab' ich'"erleben müssen: Der Thoravorleser der großen Schul' von Gostynin wird ein Hemdennäher, wie ein Weib." „Was weinst du, Golem?" — fuhr Anschel die Frau an. — „In Amerika braucht man keine Thoravorleser, in-Amerika braucht man Schneider. Gib mir den Rock und den Stock, schnell." Die Tränen rollten über Sure Rifkes Wangen, während sie ihrem Mann den Ripskaftan reichte, den sie ihm Amerika zu Ehren hatte machen lassen; sie gab ihm den Stock in die Hand und Anschel ging mit dem Sohn in den Shop zu den Juden in Brooklyn, um für sein ganzes Leiben ein Hemdennäher zu werden. Im Hemdenshop in Brooklyn, unter den alten Juden und den italienischen Mädchen — wen, glaubt Mir, traf Anschel dort? Den „Palästina-Juden" vom Schiff, der unaufhörlich gepredigt hatte, die Juden müßten Bauern werden, und nach Amerika gefahren war, um den Gojim zu zeigen, auch die Juden, könnten gute Landarbeiter sein ... Anschel traf den Palästina- Juden mitten zwischen den anderen auf einem Arbeitsstuhl sitzen; er hielt ein Hemd in der Hand und ein italienisches Mädchen lehrte ihn, wie man einen Knopf annäht. Anschel sah ihn an, der Jude blickte auf. Als sich beide erkannten, war ihre Freude groß; sie umarmten einander wie alte, gute Freunde. Anschel fragte seinen Schiffsgefährten: „Ist das die heilige Pflicht der Landarbeit?" „Nicht hier, in Erez Israel, auf dem Boden unserer Väter wirst du mich mit der Schaufel in der Hand treffen; dort wirst du mich auf dem Felde treffen" — antwortete der Palästina-Jude. „Und wann wird das sein?" — fragte Anschel, Der Palästina-Jude antwortete nicht, denn ein Hustenanfall erstickte ihn fast. „Wenn der Messias kommt" — gab sich Anschel selbst die Antwort. Er ging leichten Herzens aus dem Shop heim: er hatte einen Gefährten gefunden. Am selben Abend kam Mojschele sehr spät, schon nach dem Abendmahl heim. Die Mutter war bereits in, heller Verzweiflung; sie hatte gemeint, ihr Sohn sei verloren. Der Aelteste war den Bruder suchen gegangen; er fand ihn im rumänischen Restaurant, wo Mojschele eifrig wusch. Mojschele steckte der Mutter, als er heimkam, einen halben Silberdollar in die Hand. Das war das erste Geld, das der Keller verdiente, seit seA'n.t neuen Bewohner eingezogen waren. / (■Fortsetzung folgt:) i h i!"r.' t , ' i> i'