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Die neue Welt · 1928-08-31 · Heft 50 (31.8.1928) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 50 (31.8.1928)
Date
1928-08-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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fifa. so DIE NEUE WELT Seite $ Eine absterbende Welt. Zur Konferenz des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum. Die vorige Woche in Berlin abgeschlossen« Liberale Welfekonferenz, die mit einem „Reform"*Gottesdienste begonnen und geendet hat, ließ wieder einmal für ein paar Tage die Vertreter des bequemsten Judentums, des Fastnoch-Judentums, auf der Bildfläche erscheinen. Es in einem Zeitungsbericht zu fixieren, mit allen Schattierungen, die sogar einem Gespenst noch anhaften, konnte sich sonderbarerweise die „Jüdische Rundschau" nicht versagen. Nach außen hin schien es fast, als wäre das liberale Weltjudcntum eine Macht von solcher Wucht, ideeller Substanz und von einem solchen Wirkungsradius, als müßte man ihm einen entsprechenden Rahmen geben. Daß dem Weltverband auch einige nationalgerichtetc, politisch aktive Juden angehören, sollte das Motiv weitestgehender Beachtung nur noch verstärken . . . wenn auch von Haus aus einbekannt wurde, daß das liberale Judentum dier Schritt m ach er für die Assimilation (mit all ihren Entartungserscheinungen!) sei. Die Geschichte des liberalen Judentums bezeugt zunächst das eine Beruhigende: es entstand nicht aus innerster Naturnotwendigkeit, sondern aus opportunistischen Gründen. Mit der Aufklärungszeit, die Emanzipation und Reform brachte in äußerlichen Lebensformen, brach auch bei den in ihrem Kern schon geschwächten Juden das Bestreben hervor, die letzten Reste jüdischer Gesinnung und Geisteshaltung zu beseitigen, alles, was zum wertvollsten Bestände des jüdischen Lebens in der Diaspora gehört, zu verflachen und zu verwässern, von dem banalen Gesichtspunkt ausgehend, daß die Betonung, bezw. Erhaltung des jüdischen Volkstums ein Hindernis für die jüdische Gleichberechtigung im Staate sei. Soll die Emanzipation Früchte tragen, dann müssen die urjüdischen Elemente fallen! Das war die Devise, das war das Problem des jüdischen Liberalismus. Es war es bloß? Ist's heute nimmer? Im kleinen wie im großen wurden die Versuche gemacht, alle die starken nationalen und religiösen Bindungen zu lockern und aufzulösen. Das liberale Judentum hat zu oft und' zu deutlich durch ihre, geistigen Führer und deren Gefolge geoffenbart, daß es nicht nur das Einzelleben an die nächste Umgebung angleichen wolle; e s leugnet bewußt den starken AufbauwiJlen im heutigen Judentum und drängt, den gesamten Rulturgeh-alt des jüdischen Volkes 'mißachtend, zur Nachahmung der Lebensformen und Lebensziele der anderen Völker. Aus solcher Tendenz heraus mußte es mit dem nationalen und mit: dem orthodox-religiösen Judentum in Konflikt geraten. Der lange Aufmarsch der „Reform"-Rabbiner, die in der „-Jüdischen Rundschau" und auf der Tagung z:i Worte kamen, bewies zwar, daß es im .Westen ei.ie n'vi.t geringe Anzahl von Juden gibt, die wohlgefällig im Schöße des alleinseligmachenden Liberalismus schlummern. Es hat aber auch deutlich die Grenze zwischen ihrem Liberalismus gezogen und dem religiösen Judentum, welches die göttliche Offenbarung, also das religiöse Erlebnis als schioksals'bestimmenden Faktor für das ganze jüdische Volk, weiterhin die Unterordnung dies Lebens unter die religionskämpferische Verpflichtung als Gotteswillen ansieht. Im Sinne des orthodoxen Judentums hat das jüdische Volk auf Grund seiner Religion ein bestimmtes seelisches Gepräge. Mit diesem kann natürlich das liberale Judentum nichts zu tun haben. Noch schlimmer ist es um seine Haltung zum nationalen Judentum bestellt. Und hier tritt das entscheidende Merkmal zutage: der jüdische Liberalismus hatte stets eine politische Tendenz in sich. Als der Zionismus begann, weiten Kreisen der jüdischen Intelligenz die Augen zu öffnen und sie mit neuen Idealen, das heißt zunächst mit der neuen Idee der Wiedergeburt des jüdischen Volkes zu erfüllen, da zitterten zunächst die Liberalen um ihre so heiß geliebte Emanzipation und inszenierten einen von keinerlei Hemmungen beherrschten Angriff gegen alles, was durch die zionistische Bewegung zum Leben erwacht war. Die Angst vor den „politischen" Zionisten ließ Herrn Montefiorc und später Hermann Cohen, die beiden großen Figuren des liberalen Judentums, den Mund auftun, bis sie durch Theodor HerzI und Martin Bu-bcr zum Schweigen gebracht wurden. Es waren seitens der Liberalen keine großen geistigen Auseinandersetzungen, es waren Kämpfe •mit einer Assimilationshyäne, die alle bösen Merkmale des Verfalles und der Entartung im Zeichen „europäischer Gesittung" zu decken versuchte. E infür allemal h a t sich damals der Liberalismus mit der Assimilation solidarisch erklärt. ■ Der Liberalismus hat erwiesen, daß er die weltgeschichtliche Idee des Judentums weder nach der nationalen noch nach der religiösen Komponente hin versteht. Er hat erwiesen, daß er der geistigen und sittlichen Haltung der jüdischen Gegenwart nicht angemessen ist, daß er im Gegenteil diejenigen vertritt, die sich den Lebenszielen des jüdischen Volkes im Denken und Handeln' entfremdet haben. Mit welchem Recht also versucht er der Welt weiszumachen, daß er eine ernste, um Geltung ringende Bewegung im Judentum unserer Zeit ist, sozusagen der Repräsentant der jüdischen Zivilisationsbestrebungen? Mit welchem Recht? Mit dem der Verzweiflung. Es sind die großen Gesten eines Gespenstes, das sich in anmaßende Würde kleidet, bevor es hinter den Kulissen verschwindet. Die „Jüdische Rundschau" übertrieb also ihren Edelmut, als sie sich entschloß, dem gespenstischen Gast, der Weltkonferenz des liberalen Judentums in Berlin, ihr Haus von oben bis unten zur Verfügung zu stellen. or. Erzichungsprinzipien in den Aelteren- und Jüngerengruppen. Die SchomrimsGruppen sind ein Teil der Haschomer Hazair-Bcwegung und proklamieren Chaluziuth als ihr wesentlichstes Erziehungsziel. Auf dem Bundestag setzte sich der Gedanke der Einheit der zionistischen Jugendbewegung Ungarns durch, und die Zusammenfassung sämtlicher Gruppen in Hitachduth ist auch weiter gewährleistet. Au der Tagung nahm als Vertreter der Zionistischen Exekutive Herr Dr. Siegfried Kanowitz (Berlin) teil, der in der Eröffnungssitzung ein Referat über die Probleme der zionistischen Jugendbewegung hielt. Die Eröffnungssitzung war von vielen Hunderten Jugendlicher, von zahlreichen Mitgliedern der zionistischen Organisationen und Vertretern jüdischer Verbände besucht. Der Tagung ging eine hebräische Konferenz voran, auf der ein Referat 'über „Der zionistische Gedanke und das ungarische Judentum" erstattet wurde. Richter Julian W. Mack verläßt das Komitee des United Palestine Appeal. Richter Julian W. Mack, der Führer der zionistischen Opposition in Amerika, hat sein Amt als Ehrenvorsitzender des United Palest ine Appeal niedergelegt und ist \?ms diesem Komitc ausgetreten. Wie erinnerlich, hat die zionistische Opposition Amerikas unter Führung von Julian W. Mack einen Verband zur Reorganisierung der (amerikanischen Zionistischen Organisation geschaffen. Tagung der zionistischen Jugend Ungarns. Vom 18. bis 21. August -fand in Budapest der dritte Bundestag der „Hitachduth Hanoar b'Hungaria n'Ssiuth" statt. Der Bundestag war von einer Anzahl zionistischer Jugendlicher aus allen Teilen Ungarns besucht. In den drei Jahren ihres Bestehens hat die zionistische Jugendbewegung in Ungarn einen außerordentlichen Aufschwung erfahren und ist zu einem, wesentlichen Faktor des zionistischen Lebens Ungarns geworden. In der Hitachdu-h sind Aelterengruppen (Barissia- und Awiwa-Gruppen) und die Jüngerengruppen (Schomrim-Gruppen) gemeinsam organisiert. Im Mittelpunkt der Beratungen stand neben den Fragen der praktischen Arbeit die Erörterung über die Straß QnV»= Geflügelhandlung unter Aufsicht des Ehrw. Rabbinates »Adas Israel" Zu jeder Tageszeit frisch gebratene Gunsl Dipisdies und sfeirlsdies Btolgefliigel von bester Qualität! Emanu©! Schlesinger Tel. R-4Q-5-90 Wien, IL, Große Schiffgasse 5 Tel. R-40-5-90 Internationale Studentenkonferenz in Chartres. In Chartres bei Paris hat kürzlich eine Konferenz des Weltstudentenwerkes stattgefunden. Unter dien behandelten Gegenständen befand sich auch die Frage der jüdischen Studenten im Zusammenhang mit den antisemitischen Bestrebungen. Es wurde beschlossen, eine spezielle studentische Kommission zur Besprechung des jüdischen Problems einzuberufen, an welcher 25 judische und 25 nichtjüdische Teilnehmer aus Europa und Amerifc? erschienen waren. Zwei Zionisten in Saloniki gewählt. Bei den Wahlen «um griechischen Piadaanent siwä in Saloniki dnr Präsident der B'nai BVi'th-tLoge und und Bhrensekrctär der jüdischen Gemeinde, David Malta Ion, und der bisherige Abgeordnete Bessantsch'I, beide Zionisten, im jüdischen Sektor gewählt worden. Mataion und Bessantschi erhielten 5100 Stimmen, wälhrend auf die drei anderen Listen (Venizellisten, Antiverazeaiisre« und Kommunisten) zu stammen 4400 Stimmen entfielen. Das Archiv der jüdischen Duma-Deputierten entdeckt. Im Archiv der einstigen russischen Duma wurde eine Sammlung von Dokumenten betreffend die Judenpogrome und die Judenverfolgungen im zarischen Rußland vor und während des Krieges gefunden. Es handelt sich um das: Archiv des Komitees der jüdischen Duma-Deputierten, das etwa 1000 Dokumente auf insgesamt 2500 maschinengeschriebenen Seiten enthält und za einem großen Teil die antijiüdischen Maßnahmen der zaristischen Generale während des Krieges in Polen, Litauen, Kurland und Galizien betrifft. In einem Dokument ist der Verlauf der Unterredung verzeichnet, die jlüdische Führer, unter ihnen Issac Grünbaum, N. Prilutz-ki, mit dem VizegouverneiUT von Warschau, Lubimow, betreffend die Zurücknahme des 1915 erfolgten Verbotes aller jüdischen und hebräischen Zeitungen Rußlands verzeichnet. Die „Emess" wird demnächst mit der Publizicnmg eines großen Teiles dieser Dokumente beginnen. Ein Sommertag in Von Dr. Otto Abeles. Von der letzten Bahnstation, tief im Burgenland, allwo die dunklen Pfade in den alten Föhrenwäldern noch keine Touristenzeichen tragen und in. den herrlichen Wiesen weder Wurstpapiere noch Butterbrotsäckchen blühen — von der Haltestelle Weppersdorf der gemütlichen Vizinalbahn muß man den musealen Postwagen benützen. Auf dem rüttelnden Fuhrwerk hat neben mir ein jüdischer Firmenvertreter mit seinem Musterkoffer Platz genommen. Der Bauer am Kutschbock spricht den Reisenden mit „Du" an, denn er kennt ihn von Kindesbeinen. Mein Nachbar erfährt, daß ich einen Ausflug ins Ghetto von Kobersdorf unternehme und gibt mir die ersten Auskünfte. Da wendet sich der Kutscher um, faßt mich schärfer ins Auge und bemerkt, daß die Löbersdorf er Juden mit den nichtjüdischen Ortsbewohnern im besten Einvernehmen leben. Versuche, die vielhundertjährige Eintracht zu stören, seien zwecklos. Er hat mich nicht als Juden erkannt und wohl für einen jener Kulturbringer gehalten, die »n diesem idyllichen Weltwinkel heiß bemüht sind, Judenhaß zu säen und den antisemitischen Boykott zu ernten. Es ist immer peinlich, wenn man die einfachen Leute ihre freundlichen Beziehungen zu den Juden bekräftigen hört. Solche Beteuerungen können bereits den Keim des Stimmungswechsels enthalten und man besorgt, ob die Vorstöße der Antisemiten nicht doch Erfolg haben werden. Bisher wurden allerdings sämtliche Angriffe der Hakenkreuzler und ihrer Förderer, der Verwaltungs- und Steuerbeamten, restlos abgewiesen, denn in diesem merkwürdigen Walddorf — — aber hübsch der Reihe nach. Zunächst läßt das Staunen bei der Begegnung mit diesem europäischen Unikum einer Judensiedlung keinerlei nachdenkliche »Betrachtungen über den konfessionellen Frieden von Kobersdorf aufkommen. Hier wird der Begriff „Schutzjudentum" durch Anschauungsunterricht erklärt. Da ist eine uralte Burg mit mächtigen Festungstürmen, ein Rundbau aus dem 12. Jahrhundert, ein untersetzter, stämmiger Kraftkerl, tief eingerammt in die Hügel- Iandschaft. Und jenseits des Burggrabens, auf erhöhtem Gelände, ein Kranz von Judenhäusern, jedes einzelne mit seiner Front der Burg zugewendet. Das altersgraue, dräuende Mauerwerk im Zentrum und der Ring von Judenhäuschen, überragt von der Synagoge — hier konnten sich die Urgroßväter sicher fühlen, hier hatte man sich (für ein tüchtiges Stück Geld natürlich) unmittelbar unter die Obhut des Herrn begeben, hier schwebte schützend die eiserne, bewehrte Ritterfaust überm Judendach. Ich trete bei einem der ältesten Kobersdorf er ein. Die Vergangenheit kam beim Anblick der Burg und der um sie gescharten Judenhäuser so nahe, daß ich mich gar nicht wundere, v/enn mir jetzt der Greis vergilbte Dokumente vorzeigt, die etwa so lauten: „Schutzbrief, krafft welches Simon Pass, von Kobersdorf gebürtig, als Schutzjud dieser Herrschaft Kobersdorf anerkannt wird." Es folgt in diesem, vom Jahre 1819 datierten Schriftstück die genaue Personalbeschreibung des fürstlich Eszterhazyschen Schutzjuden. Vom Ring der Judenhäuser — die Kobersdorfer tragen den Spitznamen „Die Einseitigen", weil die Judengasse einzeilig ist —- zweigen strahlenförmig Gäßchen ab, ordentlich zweizeilige, die früher zum Judenstädtl gehörten. Der Spitzname hat also nicht allzulange seine Berechtigung, ist erst begründet, seitdem sich die Kehilla so ziemlich auf den Häuserbogen am Fuße des alten?"hlosses beschränkt. Weit erstreckte sich einst das Netz der Gassen und Gäßchen, das jüdische Kobersdorf hatte wohl damals den zehnfachen Umfang. Man entnimmt ihn schon aus dem Standort der Erewstangen, die freilich auch deshalb weit ins Bauerndorf hinausgerückt wurden, um am Sabbat das köstliche Wasser des Sauerbrunnens holen zu'dürfen Zerrissen, verschüttet alle Verbindungen mit der Vergangenheit. Wie alt die Judengemeinde ist, geht aus dem Judenschutzbrief Ferdinands I. vom Jahre 1829 hervor. Dort werden die Privilegien einiger der sieben Gemeinden des Burgenlandes, der berühmten „Schiweh-Khilles", darunter auch die von „Kobelsdorf", erneuert, welche sie seit Friedrich III. und Maximilian I. besaßen. Noch ist ein Teil der alten Synagoge erhalten, die einstige Frauenabteilung, in der jetzt die Kobersdorfer jüdische Elementarschule untergebracht ist. Und im Volksmund spricht man noch vom }JOberanger", ohne auch zu wissen, wo sich dieser uralte Judenfriedhof befand. * Sie sind einfache Leute, die Kobersdorfer. Eine Kehilla „prosterer" Juden, meist Viehhändler und Hausierer, die tagsüber auswärts sind oder gar erst vor Sabbateingang nach Hause kommen und wenig Zeit, auch nicht besondere Neigung zum „Lernen" haben. Aber sie sind fromm und treü, ein kräftiger, mit der Natur vertrauter. Judenschlag und sie haben ihre Grundsätze. Vor vielen Jahrzehnten wirkte hier eine Leuchte in Israel, der milde, Hebevolle Rabbi Abraham Zwebner. Von ihm erzählen alle; die Jungen nach der Ueberlieferung, die Aeltesten — das einfache, ruhige Leben läßt viele Greise und Greisinnen mit frischen Sinnen und frischen Augen den siebzigsten und achtzigsten Geburtstag feiern — weil sie ihn noch persönlich kannten und mit der ganzen Gemeinde ein -Stück Weges geleitetem, als er nach Erez Israel zog, noch im rüstigen Mannesalter, um dort auf heiligem Boden sich der Lehre hinzugebein, Bevor er seine Gemeinde verließ, erbaute er die schöne^ würdige Synagoge. Sie ist sein Denkmal. Als der gestrenge Rabbi von Zelem (Deutsch-Kreuz) anläßlich eines Leichenbegängnisses nach Kobersdorf kam, stellte er entrüstet aus, das Gitter der Frauenabteilung) in der neuen Schul sei nicht undurchsichtig genug und forderte die Balbattim auf, ein so dichtes Drahtnetz anzubringen, wjie es in Zelem die Frauen vor den Bliekep

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