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Die neue Welt · 1928-08-31 · Heft 50 (31.8.1928) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 50 (31.8.1928)
Date
1928-08-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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. Seite _ _• za protestieren, aus Angst vor dem Terror der Jewsekzia. Im Korosten er Kreise sind sehr viele Synagogen enteignet. In Olewsk, Malin und Lohin bemüht sich die Jewsekzia, die Synagogen zu konfiszieren, desgleichen in Sobodewka. Vorläufig ist es dank der energischen Verteidigung der örtlichen Bevölkerung gehingen, die Synagogen zu schützen. In Korosten selbst hängt schon an der Stelle des . „Oraun Kaudesch" das Bild Lenins, hl Nikolajew ist eine Synagoge konfisziert und der ganzen zahlreichen jüdischen Bevölkerung mr eine Synagoge gelassen worden. In Prihik .ist die große Synagoge konfisziert worden. In Saporoscbje, in Pokotilow und in Ljachowltz sind die Synagogen enteignet worden. In Uschornir nimmt Lenins BMd die Stelle des „Oraun Kaudesch" ein. In dem Städtchen P og r enisc htsc h e ('Kreis Berditschew) fehlte es an einem geeigneten Saal für ein Kino. Die Jewsekzia faßte eine Resolution, daß zur Hebung des kulturellen Entwicklungsstandes der Bevölkerung ein Kino von unumgänglicher Notwendigkeit sei. Die Jewsekzia beschloß, die Synagoge zu enteignen und m ein Kino umzuwandeln. Dies wurde auch obneweiters durchgeführt. An Stelle des „öraun Kaudesch" steht jetzt der Eoran. Im Städtchen R a d o m i s 1 hat die Jewsekzia beschlossen, die Synagoge zu konfiszieren; da sie aber nicht die Zustimmung der Regierung besaß, verlangte sie von der jüdischen Gemeinde, daß sie ihr die Synagoge freiwillig übergeben solle. Die Gemeinde erklärte jedoch, nOTEL CONTINENTAL iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii WEN, II., PRATERST RASSE 7 (neben Schwedenbrücke) ^O^m^nej\inod^nst^rr^ic^^ Erstklassige Küche Mäßige Preise daß sie, einem Gebote der jüdischen Religion gemäß, ihr Heiligtum nicht abgeben dürfe, solange sie von der Regierung nicht dazu gezwungen werde. Eines Tages nach Schluß des Gottesdienstes und nachdem die Synagoge in Erwartung der Ausschreitungen der Jewsekzia fest verschlossen und verriegelt worden war, erschienen fünf Mann der Jewsekzia beim Synagogendfener und drohten ihm, daß sie die Thorarollen zerreißen und Hin aus dem Hause wegjagen würden, -un er ihnen den Einlaß in die Synagoge durch seine Wohnung verweigern würde. > Der erschrockene Sohames wagte nicht zu widersprechen! und gewährte innen Einlaß.' Albald fand sich die ganze Jewsekzia ein und veranstaltete in der Synagoge einen Ball mit Tanz und Gesang. , Den „Oraun Kaudesch" ,haben sie danach für profane Zwecke verkauft. Die jüdische Bevölkerung hat ungeachtet der gegen sie geübten Pressionen "bei der ukrainischen ZentTakegleruijitg in Charkow Protest erhaben. In B o b r i n e t z ist eine Synagoge konfisziert worden. Die Jewsekzia 'ließ der Synagogenverwalttuig melden, daß sie die Thorarollen aus der Synagoge entfernen könne. Als die Synagogenverwalter kamen, um die Thorarollen zu faplen, fanden, sie dieselben auf den Boden hingeschleudert, zerrissen und ohne Hülle. Im Städtchen wurde ein Fasttag festgesetzt und „Keria gerissen" wegen der Entweihung der heiligen Sifre-Thora. - Im Städtchen Us.wet (Gouvernement Pakow) erschien die Polizei in der Synagoge, wo sie alle Thorarollen konfiszierte. Sie erklärte» daß in. einer Synagoge nur gebetet, aber nicht gelernt werden, darf und daß sich dort nur Gebetbücher befinden dürfen. Alle Sfaium wurden hernach als Makulatur verkauft. In Kriworog ist eine Synagoge konfisziert worden. In Bo-bruisk sind drei der größten und schönsten Synagogen konfisziert worden. Ein „Oraun Kaudesch" wurde in Stücke zerhackt. In Orscha sind sechs Synagogen konfisziert worden. Keine jüdische Siedlung in Kaukasien. Die jüdische kommunistische Moskauer Zeitung „Emess" teilt mit: Das Sowjetexekutivkomitee des Distriktes Kaukasien hat 4000 Desjatin Boden und 80.000 Rubel zwecks Ansiedlung von Juden in der Gegend von Stepanow zur Verfügung gestellt. Das lokale Ozetkomitee hatte bereits die Vorbereitungsarbeiten durchgeführt. Als nun die Ansiedlung selbst in Angriff genommen werden sollte, erklärte der Administrator der Staatsländereien dieses Distriktes, Matziuk, er sei mit dem Beschluß der Sowjetv exekutive nicht einverstanden, die Ansiedlung von Juden auf dem Lande sei reiner Ansicht ..nacji,,ökono misch nutzlos und politisch schädjich". — Die Behörden befassen sich gegenwärtig mit dieser Angelegenheit. Rückwanderung aus Bir-Biüschan. Wie die Moskauer „Erness" mitteilt, sind bis Hude Juli 170 jüdische Siedler, d. s.?6 Prozent aller Pioniere, aus Bär-Bidschan in die frühere Heinatorte zurückgewandert. DIE NEUE WELT - Die russische Gefahr. —y. Rußland ist wieder ein Zentralpunkt des Judenhasses geworden. In, dem führenden Blatt der Österreichischen christKchsozialen Regierungspartei „R e i c h s p o s t" versucht eine ungenannte Persönlichkeit die Erscheinung zu deuten, verweilt aber viel eher bei den Symptomen. Als gegebene Größe wird der Antisemitismus festgestellt. Die Beurteilung der Motive ist verschieden und der Autor macht aus seiner antijüdischen Empfindung kein Hehl, obzwar er sich bemüht, über den Dingen zu bleiben. Das gibt seiner Darstellung den Wert eines zeitgenössischen politischen Dokumentes. Er. bestreitet es — und das halten wir für ziemlich wichtig — daß vornehmlich die Juden die Wegbereiter und die geistigen Träger des Revolutionsgedankens waren. Ein Großteil der Juden hat sich, sagt der Artikel, als die Revolution Wirklichkeit geworden war, auf den Boden der Tatsachen gestellt und hat seine ihm eigentümliche hohe Intellektualität den neuen-Aufgaben gewidmet. Das habe dem Judentum in den zu Boden geschlagenen Kreisen den Vorwurf der Charakter- und Gesinnungslosigkeit eingetragen. Das sei, meint der Autor, verständlich, wobei ihm nur die Kleinigkeit entgeht, daß doch diese Kreise die Veranstalter der Pogrome, die Schuldtragenden an der Rechtlosigkeit der Juden waren und daß sie kein Anrecht darauf besaßen, von der Judenschaft Sympathie für das gestürzte Regime zu erwarten oder zu verlangen. Mit den anderen Schichten des russischen Volkes erhofften sich auch die Juden Freiheit, Gerechtigkeit und kulturelle Entwicklung und mit den anderen Schichten wurden auch die Juden betrogen. Sie.noch mehr als die anderen, weil ihnen vom Beginn an die altgewohnte Rolle des Blitzableiters zugeteilt wurde. Dem bolschewikischen System stand im Anfang eine sehr starke, möglicherweise sogar .überstarke Anzahl jüdischer Intellektueller für die Organisierung des vom Zarismus — an dessen Schuld der Autor vollkommen vergißt — ausgesogenen Staatswesens zur Verfügung. Diese Juden wurden auf Posten gestellt, die dem Arbeiter und Bauern von vorneherein unsympatj[iisch waren. Sie waren Vertreter ,der fordernden Staatsautorität: führende Mitglieder der G e t r e i d e a u f k a u f s k o m m i s- ■' sion, Agenten der Regierung. Die jüdischen Organe wurden also vom Staat so verwendet, daß sich aller Haß gegen sie wenden mußte. Der Autor, der die. Dinge von der anderen, Seite ansieht, sagt dies nicht; : aber es ist aus seme^/Aufzeickiuhgen zu, erkennen.: In'der Armee machten sich die" Juden durch ihren Andrang zu den Otf f i z i e r s s t e 11 e n mißliebig. Als Kaufmann wird der Jude von links als Ausbeute r, von rechts als K o m m u n i s t mit' Mißtrauen beobachtet. Durch diese Momente »hat säender ererbte Antisemitismus neu gesammelt und verstärkt.-Er ist so angewachsen, daß er bereits, wie die „Reichspost" sagt; Gegenstand der internationalen Pressediskussion wird. . - Heute, ist die Sache so, daß die Arbeiter in den Fabriken gegen die Aufnahme von Juden protestieren, und daß es den Juden immer, schwerer wird,, in; die Verbände . der k o m.m u n i s t i s c h e n Jugend . zu gelangen. Das heißt sehr viel, da diese Organisationen als die Träger der künftigen Entwicklung die Schoßkinder der Verwaltung sind und über viele wichtige Rechte verfügen Wird die jüdische Jugend, für die ja keine anderen Möglichkeiten des Zusammenschlusses bestehen, auch dort entfernt, so ist sie damit faktisch außerhalb der Gesellschaft. Das sieht die Regierung kommen. Ihr ist dieser Zustand sehr lieb. Sie hat zunächst mit Hilfe des Antisemitismus über die von jüdischen Radikalen geleitete Opposition gesiegt. Ein maßgebender Kommunist sagt: „Von einem Einfluß der jüdischen Kommunisten konnte man, früher wohl rede n, als Sinowjew und Kamenew an Stelle Stalins an der Spitze der Partei standen; Allein die vernichtende Niederlage der Opposition im Vorjahre war zugleich ein Sieg des Antisemitismus in der Part e i, Wenn auch viele leitende jüdische Beamte ihre Posten behalten haben, so nur deshalb, weil man sie augenblicklich durch niemanden ersetzen kann, ohne größtes Aufsehen zu erregen." Die Regierung hat die judenfeindliche Stimmung benützt, um sie gegen die Trotzki, Sinowjew, Kamenew zu mobilisieren. Der Artikel, den die „Reichspost'" an leitender Stelle veröffentlicht, gibt ein geschlr "senes Bild von der heutigen Situation. Bs ist unschwer zu erkennen, wohin der Kurs geht. Da sich die inneren Zustände in Rußland verschlimmern, so ist der Zeitpunkt nicht ■ferne, wo das Ventil ganz geöffnet wird und Judenpogrome al s Ab lenk ung opportun erscheinen. Fällt das Sowgetregime, so ist der große Generalpogrom da... , Es wäre also sehr an der Zeit, daß sich das' gesamte Judentum rrnt dieser Frage zu beschäftigen beginnt. Die russische Jud§nheit ist heute in einer weitaus schlimmeren Verfassung als je. Sie ist durch die Schrecken des Krieges und der' Revplutionspogrome erschüttert, hat Bfat und, Besitz verloren und sie hat auch ihr inneres politisches, Leben ein- __' -f.-_ _Nr. 50 gebüßt. Sogar unter dem zaristischen1 Joch hat innerhalb des Judentums B e w e g u n g s f r e ih e i t geherrscht. Das russische Judentum war immer sehr lebhaft und politisch regsam; es war jüdisch und stellte für die jungjüdische Bewegung die besten Kräfte. In der Sowjetzeit ist dies unterbunden worden und das gesamte Judentum ist in die Gefahr der geistigen Erstickung geraten. Da die Verfolgung durch die Regierung von verräterischen jüdischen Renegaten betrieben wird und jede Verbindung mit dem Ausland abgeschnitten wurde, lebt das russische Judentum in Mißtrauen und Nervosität. Die Kolonisation in Krim hat dem ukrainischen Antisemitismus neue Nahrung gegeben, die Ansiedlung in der Mandschurei ist schon in den Anfängen steckengeblieben. Das sind Probleme, die selbstverständlich der Autor der „Reichspost" nicht sieht, mit denen sich aber die jüdische Welt wird beschäftigen müssen. Auch die amerikanisch-jüdische Welt, deren nichtzionistische Führer den Sowjets ihr G e 1 d in den Rachen stecken •und sie ermutigen, den unblutigen Pogrom bis ans letzte Ende durchzuführen. Neue Zionistenverfölgungen in Rußland. In den letzten Tagen setzten in der Ukraine neue Zionistenverfolgaingen ein. In Kamenetz-Podolsk, Rctschiza und in anderen Städten wurden 15 Personen, unter ihnen einige Mädchen verhaftet und zum Teil deportiert. Die jüdischen Minderheiten. Eine Rede des Abgeordneten Nurok in der Interparlamentarischen Union. Aus Berlin wird uns gemeldet: In der Interparlamentarischen Union ergriff am 25. August der Deputierte des. lettländischen Sejm, . Rabbiner Nurok, das Wort, um die Klagen der jüdischen Minderheiten vorzubringen. Er erklärte, daß er nicht die LageinLettlandim Auge habe, wo,, ebenso wie in Estland, das .Minderheitsproblem sich auf dem Wege zu einer befriedigenden Lösung befinde.. Ich erlaube mir, fuhr er fort, von dieser hohen Stelle als Vertreter einer viele Millionen zählenden nationalen Minderheit zu dem Parlament der Parlamente zu sprechen. Diese Minderheit hat seit Jahrtausenden kein Stammland, wo sie als ein .Mehrheitsvolk ein. normales Staaten'leben führen könnte. Ich spreche im Namen ' der Minderheiten des jüdischen Volkes,, das auch sein Kapitel zur Kulturgeschichte der Menschheit beigetragen hat. '. " Die völkerrechtlich proklamierte WJederaufrichtung des Jüdischen Nationalheims ist ja erst im Werden begriffen. Die jüdischen Minderheiten in den verschiedenen europäischen Ländern, in den neugebildeten wie in den vergrößerten Staaten der Nachkriegszeit, warten noch immer auf die Erfüllung ihrer gerechten Forderung in bezug auf eine tatsächliche. Gleichberechtigung. Vornehmlich sind es zwei Fragen des Minderheitenproblems, die auf Grund der Verträge der Nachkriegszeit ihrer Lösung harren: die n a t i o n al k u 11 u r el 1 e Selbstbestimmung und die Staatsangehörigkeit. In den neugebildeten oder vergrößerten Staaten der Nachkriegszeit gibt es zahlreiche „Staatenlose", Sklaven unseres Jahrhunderts, die, an Händen und Füßen gebunden, der Freizügigkeit beraubt sind. Den größten Teil dieser Staatenlosen stellen Jude n. Die Lage der jüdischen Minderheiten ist die 'allersohlimmste; sie sind oft Objekte von Vorgängen, die an das dunkle Mittelalter erinnern. Man möge nur an gewisse Ereignisse in R umänien denken. Die Interparlamentarische Union, die Vertretung von 36 Parlamenten der Welt, hat sicli die Völker Versöhnung zum Ziele gesetzt; möge sie . . . auch den Völkerhund mit dieser Idee beseelen und ihn dazu bringen, für die nationale, kulturelle und wirtschaftliche Gleiohberechti«gung der vierzig Millionen, Minderheiten zu sorgen. Erst dann werden die Minderheiten, eng verbrüdert mit den Mehrheitsvöikern, sich ganz dem Ausbau ihrer Staaten widmen können. (Beifall.) Die Misrachi-Welikonferenz beendet. Die in Danzig abgehaltene Weltkonferenz der zionistischen Organisation Misrachi ist am 23. August zu Ende gegangen. In der Schlußsitzung wurde das Budget abgenommen. Die Einnahmen, die die Organisation selbst aufzubringen hat, betragen pro Jahr 29.900 Pfund. Das Ausgabenbudget ist bei Einschluß der von der Zionistischen Exekutive zt* leistenden Zuschüsse insgesamt 65-000 Pfund hoch. Rabbi M a i r Berlin wurde zum Präsidenten der Weltorganisation wiedergewählt. In die Leitung wurden ferner gewählt: Für Palästina Rabbi Fish man und Daniel Sirkussj för Amerika Rabbiner Teitelbattm.

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