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Die neue Welt · 1928-08-24 · Heft 49 (24.8.1928) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 49 (24.8.1928)
Date
1928-08-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 49 DIE NEUE WELT Seite 11 kein Geschäft auseinander; wir haben unsere Adressen ausgetauscht, herzlichen Abschied genommen und sind weggefahren, er nach Jarmeltnetz tmd ich nach Jampol. In Jampol angekommen, habe ich zu allererst wohlweislich begonnen, alles genau auszukundschaften: „Wer ist eigentlich dieser Mojsche Nissel Kimbak?" Und man sagt mir* Allen Juden gesagt, wer er ist! ... „Hat er viele Kinder?" Und man sagt mir: Viele Kinder haben: nur arme Leute; was ein Reicher ist, hat nicht mehr als ein Kind. „Was für ein Kind?" Und man sagt ntir: Eine Tochter ... ,,Eine schöne Tochter?" Und man sagt mir: Es reicht für zwei ... „Gibt er anständige MiUgiffl?" Und man sagt mir: Wieviel er auch gibt, so tut es ihm nicht weh, wenn er auch zweimal soviel gibt ... Da setze ich den Haken an: „Warum?" Ich versuche da, versuche dort — nichts herauszukriegen. Also ziehe ich meinen Sabbatrock an und mache mich auf zu meinem Mann. Also, ich soll Dir die Wohnung beschreiben? Das ist nicht so einfach! Eine reiche Wohnung mit allem, was gut und teuer ist, und die Leute — Diamanteai! Wie ich sage, wer ich bin und weshalb ich komme, haben sie mich fürstlich aufgenommen, mir mit süßem Tee aufgewartet, mit Lebkuchen und duftendem Eßrogimkompott und haben ein Fläschchen Weichsel zu Tisch gestellt. Der Brautvater selber, Mojsche Nissel nämlich, der hat auf mich sofort den besten Eindruck gemacht: Ein leutseliger Mensch, gutmütig; man kann ruhig sagen: der Mann hat keine Galle, Auch die Brautmutter, sie heißt Bejle-Leah, hat mir sofort gefallen, wie ich sie nur gesehen habe. Eine schöne Frau mit doppeltem Kinn, still, zaddikisch — vornehm. Beide haben begonnen, aus mir herauszuziehen, wer die Leute von der anderen Seite seien, ob der Sohn wohlgeraten sei und was für Kenntnisse er besitze. Was sollte ich ihnen sagen? Ich wußte doch selbst nichts. Doch ein Jude, der etwas gelernt hat, weiß sich Rat. So sage ich ihnen: „Erst wollen wir mit einer Seite fertig werden; nachher reden wir von der anderen Seite. Zu allererst" — sage ich — „muß ich's auf Heller und Pfennig genau wissen: wieviel gebt Ihr? Und zum zweiten möchte ich mir gern das Juwel anschauen." Wie er soche Rede hört, wendet sich der Brautvater, Mojsche Nissel nämlich, zur Brautmutter, sie heißt Bejle-Leah: „Wo ist eigentlich Sonitschka? Ruf sie doch herein!" — „Sonitschka zieht sich noch an," — antwortet ihm die Brautmutter, Bejle-Leah heißt sie, steht auf und verschwindet im nächsten Zimmer; ich und der Brautvater, nämlich Mojsche Nissel, bleiben allen miteinander, nippen ein wenig Weichsel, naschen etwas Eßrogimkompott und kommen ins Reden. Wovon wir geredet haben? Von allem Uebel will ich so viel wissen, wie davon. Von Gott weiß was, von einem Jahrmarkt im Himmel. „Seid Ihr schon lang Schadehen,?",wirft er so hin und schenkt mir noch ein Gläschen Weichsel ein. „Seit meiner Hochzeit," — antworte ich — „mein Schwiegervater ist auch Schadehen und mein Vater" — sage ich — „ist auch Schadehen gewesen, alle meine Brüder sind Schadchonim, überhaupt fast unsere ganze Familie" — sage ich — „besteht aus Schadchonim" ... So werfe ich ihm eine Lüge nach der andern an den Kopf und zucke dabei nicht einmal mit der Wimper; doch ich fühle, daß ich rot werde. Ich weiß selber nicht, woher ich alle diese Lügen genommen habe. Doch — was blieb mir übrig*? Wie sagt Deine Mutter: „Wenn man in den Dreck tritt, bleibt man bald drin." Mein Entschluß war fest, wie ich's Dir schon gesagt habe: Wenn der Herr mir Glück schenkt und ich dieses Geschäft glücklich zusammenreiße, darin werde ich meinen Anteil am Verdienst, so Gott will, ohne den geringsten Einwand, auf die Hälfte mit dem Schadehen Leib Lebelski teilen, welcher im Gasthof sein Bündel Schriften vergessen hat. Wie steht es eigentlich mit uns beiden? Eigentlich — könnte man nicht nach Recht und Billigkeit entscheiden, daß mein Anteil zur Gänze ihm gehört, dem Leib Lebelski nämlich? Darauf ist jedoch zu sagen: Und wo bleibe ich dabei? Ich bin doch bei dieser Sache, wenn man es recht betrachtet, der ganze Macher. Und hat meine Arbeit gar keinen Wert? Und Lügen loszulassen für seine Rechnimg bin ich — glaube ich — auch nicht verplichtet. Und schließlich: Wer weiß? Vielleicht hat Grit es so gelenkt, daß ich finde, was er verloren hat, uwk um meines Verdienstes willen drei Juden Geld verdienen? Während ich so überlege, öffnet sich die Tür und die Brautmutter, Bejle-Leah nämlich, kommt herein. Und gleich hinter ihr —- Sonitschka, die Braut nämlich. Schön, groß, gesund und drall, wie ihre Mutter. „Na, der Wuchs und die Rundung — unberufen!" — denke ich im Stillem — „das ist keine Sonitschka mehr, das ist eine wirkliche kugelige Sonne ..." Angezogen ist sie, die Braut nämlich, nach der neuesten Mode, in einem langen Kleid und ebensolcher Schürze; sie sieht eher wie eine Frau aus; nicht dem Alter nach, sondern nach ihrer Rundheit; geradezu gefährlich! Man müßte eigentlich mit ihr ein wenig ins Reden kommen und sehen, was für ein Geschöpf Gottes das ist; doch er läßt es nicht dazu kommen, der Vater nämlich. Er redet und redet ununterbrochen, überschüttet mich eimerweise mit Gerede. Und was meinst Du? Wovon spricht er? Von Jampol; was für eine Stadt das ist}, eine Stadt von Klatsch und Mißgunst, wo einer dem andern feind ist bis in den Tod und ihn 8n einem Löffel Wasser ertränken möchte! Und in dieser Art drischt er leeres Stroh. Zum Glück mischt sich die Brautmutter, Bejle-Leah nämlich, ins Gespräch und -sagt zu ihrem Mann: „Mojsche Nissel, hast du nicht schon genug geredet? Laß lieber Sonitschka ein wenig Klavier spielen." „Da hast recht!" — antwortet ihr der Brautvater, Mojsche Nissel nämlich, und gibt der Tochter ein Zeichen. Und sie geht zum Klavier, setzt sich htm öffnet ein großes Buch und klopft mit den Fingern los, was das Zeug hält. Da ruft ihr die Mutter, Bejle-Leah nämlich, zu: „Sonitschka, mußt du denn die jEntuden* spielen? Spiel doch lieber ,Ein Kosak fährt auf dem Don' oder ,Das ist die Liebe' oder vielleicht .Krakowiak'..." (Fortsetzung folgt.) Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien« Aber die Gerüche; der rumänischen Speisen, die aus der benachbarten Küche drangen, und die Hitze, die aus der Wand kam, machten Sure Riflke solche Kopfschmerzen,, als wäre sie einen ganzen Tag im Dampfbad gewesen. Doch sie wollte nichts sägen, um ihrem Sohn die Freude nicht zu zerstören und den Mann nicht noch trauriger zu stimmen; so band sie sich ein Tuch um den Kopf und begann ihre Töpfe auszupacken. Der Sohn brachte von der Gasse ein Paket Obst und stellte es beim Gasherd nieder, Sure Rifke zog ihre alten Freunde einen nacli dem anderen hervor und betrachtete jeden besonders; für jeden hatte sie einen Seufzer, als wollte sie ihnen, ihren guten Freunden, ihr schweres Herz ausschütten und sie der alten Freundschaft erinnern, damit sie ihr in ihrer Not beistehen und ihr so treu dienen, wie sie es früher getan hatten. Der Hahn der Wasserleitung über dem Ausguß — dieser Komfort befand sich auch in der Kellerstnbe —- versöhnte nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater mit dem Keller. Als der „Säugling" durch Zufall den Hahn entdeckte und Wasser ausfließen ließ, war die Mutter furchtbar erschrocken; sie meinte, es wäre ein Unglück geschehen; doch der Aelteste beruhigte sie und unterwies sie in der Handhabung der Wasserleitung, als wäre das seine eigene Erfindung, indem er sagte: „Hier, Mutter, wirst du nicht Wasser von der Pumpe hereinschleppen müssen,, hier bekommst du Wasser aus der Wand." „So wie Moses aus dem Felsen" — der Vater hatte seinen Humor wieder gefunden und War auch zum Wasse rleitungshahh getreten, um das Wunder näher in Augenschein zu nehmen. „Du 'brauchst auch nicht' mehr die Spüleimer zuim Rinnstein schleppen, dafür ist das hier" — Soh'lojme Gftäjim deutete auf' den Ausguß. : „Sehr vernünftig," — sagte der Vater — „es fließt aus der Wand und' fließt wieder durch die Wand weg." Diese Bequemlichkeiten iiiachten den Keller in den Augen seiner neuen Bewohner freundlicher- Anschel (begann sich mit» dem Keller zu versöhnen, auch mit dem Lärm der Gasse, den Füßen, die an den Fenstern vorbeiliefen. Es war, als lockten die amerikanischen Erfindungen die Neiwnkömmlinge, die „Grünen", in den Keller. Anschel hatte sogar schon seine frühere Begeisterung für Amerika wiedergefunden iind 'begann wieder, sich Amerikas zu rühmen. Ein, Teil der Kinder, vor allem die kleineren, begann nach und nach aus dem Keller hinaus auf die Straße zu schlüpfen — und die Mutter zählte im Kopf die Bettstellen, und die Kissen, 'wo sie ihre Familie in dem neuen Lande bei Nacht unterbringen sollte. Das erste Abendessen durfte die Mutter noch nicht kochen. Der Aelteste brachte Wurst und Semmeln mit und wieder gab es etwas Likör. Anschel stellte sich in der neuen Wohnung Mincha beten und der Sohn unterwies die Mutter, wie sie den amerikanischen Herd anzünden sollte; so stellte er den Bitern die New Yorker „Gas-Company" vor. Am Abend. kamen Landsleute, um die Neuankömmlinge zu begrüßen und Grüße aus der Heimat entgegenzunehmen. Es kam Henoch, der Lebkuchenbäcker, welcher hier der „Präsident" der Landsleute und der Ga'bbe ihrer Schul' war. Es kam auch Bottich Mauer, der Schuster, ein langjähriger Nachbar daheim; Itei'kl, der Schames, fehlte auch, nicht, und Taube Pessje, eine alte Freundin Sure Rifkes, machte ihren ersten Besuch. Jeder der Landsleute brachte ein freundliches Wort und ein Geschenk für die neue Häuslichkeit mit. Der „Schustergeseli" zündete den Gasluster an, der neue Verwunderung bei den „Grünen" hervorrief. Auf dem Tisch standen plötzlich einige Krüge Bier. Man sprach von der alten Heimat, sprach Anschel Mut zu und versprach ihm alles mögliche Gute.. Anschel ließ vor den Landsleuten seinen ganzen Besitz, alle seine Kinder vorbeidefilieren. Die Landsleute musterten sie. „Was kann die?" — fragte Henoch, der Lebkuchenbäcker, auf Dwojre zeigend. „Sie war doch daheim die Ernährerin des ganzen Hauses, sie ist Näherin. Ihre Finger sind Gold" — rühmt die Mutter. „Für sie kannst du bald Arbeit bekommen'4 — sagt der rote Henoch. — „Wenn du willst, Sc^ltojme,,4 — wendet er sich an den Aeitesten — „schicke ich sie meinem Schwiegervater, einem Mannfakturer, er wird ihr Arbeit geben." KARTONNAGENFABRIK II GELBAND & C9, WIEN, IX. QRUNOLSTR. 5 M * Telephon 19-0-69 M * beliefert alle führenden jüdischen Firmen mit *fl ALLEN ARTEN KARTONS R (18. Fortsetze**?.) . „Und was ist der?" — fragten alte »ach Mörschel e, „Ein Kaufmann, seinesgleichen gibfs auf der ganzen Welt nicht mehr" — rühmt die Mutter. „Hast du Dollars mitgebracht?" — witzelt der rote Henoch. , Mojschele ist beschämt, steht einen Augenblick verlegen da, faßt sich aber bald und antwortet: „Mit Geld ist's keine Kunst, Kaufmann zu sein, aber ohne Geld." i Die Landsleute lachen. Indessen stellt der Vater seinen Liebling vor: „Er steckt schon heute alle amerikanischen Rabbiner in den Sack." „Die amerikanischen Rabbiner, das ist keine große Kunst" ■— sagt Jtzikl, der Schames. Der Mutter tut es weh, daß ihr „Lernkind" eine zerrissene Mütze trägt, und sie legt ihm die Hand auf den Kopf, um den Riß zu verdecken. Die Landsleute schauen bewundernd das kostbare Kleinod an, das Anschel mitgebracht hat, und einer von ihnen beginnt zu prophezeien: „Wer weiß, vielleicht werden wir hier noch Ehre mit unserem kleinen Landsmann einlegen." •■■ Der rote Lebkuchenbäcker erhebt sich, winkt Schleime Ohajim in eine Zimmerecke und flüstert ihm ins Ohr: „Haben sie genug, um die ersten par Tage zu leben?" Er nimmt ein paar Dollar aus der Tasche, .steckt sie Schleime Ghajim. in die Hand und sagt laut, daß es die Mutter hören kann: Sag' deiner Mutter, sie möge zu mir ins Geschäft um Gebäck kommen. Sie hat bei mir Kredit. Bis die ,Boys' zu arbeiten anfangen, wird sie mir bezahlen." „Und zu mir kann sie immer um ein Pfund Fleisch kommen, schon gut, icli traue ihr"— ruft Sanwel, der Fleischer, dazwischen. „Wie daheim" — Tränen treten der Mnttter in die Augen. Der erste Abend. Als die Mutter ihr bißchen armseliges Bettzeug auspackte, um den Kindern das erste Nachtlager zu bereiten, war ihr leichter ums Hera und der Keller schien ihr wie die alte Heimat; sie sagte zu ihrem Anschel : „Weißt du, Anschel, die Welt ist überall gleich, überall sind die Menschen gleich." Anschel schwieg. „Gott seb's, daß es mit dem richtigen Fuß begonnen ist, daß es ein Ruheplatz ist für Kinder und Enkel." Anschel schwieg. Am Saibbat; sollte Anschel vor seinen Landsleuten Examen im Thora-Vorlesen ablegen. Die ganze Woche bereitete er sich dafür vor, wie daheim zum Esther-Buch. Es war gerade der Wochenabschnitt „Ziehe aus aus deinem Lande"; diese Anfangsworte deutete Anschel auf sich. Am Sabbat beim Gottesdienst hießen ihn die Landsleute freundlich willkommen. Alle begrüßten ihn mit achtungsvollem „Soho- Mem Alejchern" und freuten sich ihres Thora-Vorlesers aus der alten Heimat. „Heute werden wir eine Thpra- Vorlesung wie daheim hören, nicht nach amerikanischer Manier",~ sagte man laut zueinander. Vor der Thora-Vorlesung räusperte sich Anschel umständlich und dann begann er. „Zieh' aus deinem Lande, sprach Gort zu Abraham'* — er trällerte jedes Wort, zog alle Töne und Koloraturen zärtlich, wie er es gewohnt war. Im Anfang leckten sich die Landsleute die Münder, winkten einander zu und riefen laut: „Das ist ein Thora-Vorleser." Als sich aber die Thora-Vorlesung in die Länge zog und die Leute hungrig wurden, da regte sieh in ihnen die Ungeduld. Die Jugend legte die Gebetmantel ab und ging auf die Straße. Die Aelteren hörten noch ernst zu* wie Anschel weiter zärtlich jedes Wort in die Länge zog; es wurde immer später und der Hunger immer stärker; und man begann zu plaudern, warf einander Witzworte zu. Schließlich rief ein Landsmann laut: „Wer ist der »Grüne'?" Ein anderer" fragte: „Ist denm heuw Jörn Ktppur?" Vergebens klopfte der Gabbe, der rote Bäcker, auf das Pult und rief: „Still! Ruhet" Die Menge ließ ihrer Ungeduld die Zügel schießen und begann zu läumen, bis der arme Anschel alle Koloraturen und Z'iertöne sein lassen und rasch endigen mußte. Beschämt und verlassen ging er heim ..« (Fortsetzung totefc) DIE MUTTE ROMAN VON SCHALOM ASCH.

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