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Die neue Welt · 1928-08-17 · Heft 48 (17.8.1928) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 48 (17.8.1928)
Date
1928-08-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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tkJm . _. DIE NEUE WELT Seite If SCHOLEM ALEJCHEM: MENACHEM MENDEL. (Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 1921 by R. Löwit. Wien und Leipzie. (31. Fortsetzung.) Schawli: Der geachtete und ehrenwerte Elje Tschernowijer . . . Wohnt in Jehupez . . . Makler in Zucker und Gütern ... Kompagnon des geachteten und ehrenwerten Babischke . . . Einzige Tochter . . . Verlangt den Mond vom Himmel . . . Hochgebildet, vom Doktor aufwärts . . . Von der Assentierung frei . . . Schön wie Josef aus der Bibel . . . Gescheit wie König Salomo . . . Singen, alle Instrumente spielen . . . Familie ohne Makel . . . Geld wie Heu' . . . Alle Vorzüge . » . Einfach ein Brodzki . . . Telegramm nach Radomyschl gesendet . . . Tomaschpol: Fünf Töchter ... Drei Schönheiten, zwei häßlich . . . Für alle entweder einen Doktor mit Wohnung und Einrichtung oder Advokaten mit Kanzlei in Jehupez . * . Nach verschiedenen Seiten Briefe geschrieben ... So sitze ich also im Waggon samt dem Paket des Schadehen, \z$k ünmer und immer wieder die hebräische Liste der Väter und bräutlichen Töchter und denke dabei: Lieber Vater im Himmel! Wieviele Berufe hast Du doch auf der Welt erschaffen, um Deiner lieben Juden willen! Da ist zum Beispiel das Schadchengeschäft. Kann es einen, feinet en, vornehmeren, besseren und leichteren Beruf geben als diesen? Was braucht man denn da Besonderes zu übt? Da braucht man wirklich nur ein wenig Hirn im Schädel, daß man mit seinem bißchen Verstand zusammenstellt, welche Leutchen zu einander passen. Zum Beispiel: Awritsch hat ein Mädchen, eine SchZönheit, mit zweitausend Rubeln, die einen Studierten will; nun hat Balta einen aufgeklärten Zionisten, der hat Handelsschule studiert und will Geld — da paßt doch beides wie angegossen! Oder nehmen wir Talne; da sitzt ein Jude, Witwer, der sucht eine Witwe mit einem Geschäft — warum soll de»- sich nicht nach Chmelnik bemühen zur Witwe Baßje Fleckel, die einen Witwer ohne Geld sucht, wenn er nur ein Talmudgelehrter ist? Siehst Du, meine teure Gattin, da heißt es nur kombinieren! Wäre ich ein Schadehen geworden, ich würde das Geschäft ganz anders einrichten: ich würde mir alle Schadchonim in der ganzen Welt aufnotieren, alle ihre Listen zusammennehmen und dann anfangen zu paaren, zuerst auf dem Papier natürlich, den jungen Mann mit jenem Mädchen, das Mädchen mit jenem Mann. In jeder Stadt hätte ich einen Kompagnon; wieviel Städte, soviel Kompagnons. Und was als Gewinn abfällt, wird geteilt, mir ein Stückchen, Dir ein Stückchen. Meiner Seel', es würde sich lohnen, ein t Büro in Jehupez oder in Odessa zu eröffnen und .Leute' anzustellen zum Briefschreiben und Telegraphieren — ich Selbst aber tue nichts als ruhig am Schreibtisch sitzen und paaren und kombinieren! Während solche Gedanken, Phantasien und Kombinationen in meinem Kopf durcheinanderwirbeln, da, weht mir ein guter Wind einen Menschen in den Waggon; er ist behaart von oben bis unten, schleppt einen Sack mit sich, jappt wie eine Gans und spricht mich in einer sonderbar bescheidenen Art an, gar nicht wie man es gewöhnt ist: „Junger ■ Mann," — sagt er — „ich kann wohl darauf rechnen, daß Ihr in Eurem Alter Euch bemühen werdet," — sagt er — „sofort ein wenig hineinzurücken, damit" — sagt er — „ein Jude, wie zum Beispiel! ich, die Ehre hat, sich für* einen Augenblick als Nachbar zu Euch setzen?" — „Warum nicht? O, mit dem größten Vergnügen!" — so antworte ich, rücke mich weg und mache ihm Platz; dabei werfe ich so nebenbei aus Höflichkeit, die Frage hin: „Woher ist der Herr?"! — „Von wo ich komme, fragt Ihr? Von Koretz," — antwortet er — „mein Name ist Uscher; genannt werde ich Reb Uscher Schadehen. Ich bin jetzt," — sagt er — „wie Ihr mich da seht, mit Gottes Hilfe beinahe vierzig Jahre Schadehen." „So, so," — sage ich — „Ihr seid also auch Schadehen?" „Das heißt also," — sagt er — „wörtlich genommen, daß Ihr ganz bestimmt auch ein Schadehen seid, also — Bruderherz, Euch gebührt" — sagt er — „nach Rechtens Brauch in aller Form ein Scholem-AIejchem!" So redet mich der Schadehen an, reicht mir eine fleischige, weiche, haarige Hand und stellt eine Frage,; eben auch aus Höflichkeit: „Wie heißt Ihr?" ßrauf ich: jiMenachem Mendel ..." „Der Name kommt mir bekannt von," — wirft er ein — „ich habe ihn schön jrgendK' wo gehört, ich weiß nur nicht wo. Hört an" — sagt er „Reb Menachem Mendel, was ich Euch sagen werde- Da nun einmal" — sagt er — „das Unglück des Geborenwerdens so groß ist, das heißt, da der Herr da droben" — sagt er — „in seinem allmächtigen Ratschluß es so gefügt hat, daß wir zwei Menschenkinder, beide Sc&>dchonim" — sagt er — „aufeinanderprallen an einem Weltpunkt, so wäre wohl" — sagt er — „die Annahme gestattet, daß wiir eben hier an Ort und Stelle, auf der Fahrt, in einem und demselben Wagen, etwas zustande bringen sollen?" „Ja, aber" — sage ich — „was sollea wir zustande bringen?" ... „Vielleicht habt Ihr" — sagt er — „einen Interessenten für guten Wein in schlechtem Faß?" ... „Ja, aber" — sage ich — „was heißt bei Euch1 guter Wein in schlechtem Faß?" ... „Zu dienen, sofort" — sagt er — „augenblicklich, auf der Stelle will ich Euch Aufklärung geben, daß Ihr Euch einen Vers drauf machen könnt. Wie steht also die Sache? Paßt gut auf! Ich habe" — sagt er — „in Jarmelinetz eine Ware, primissima, ein Juwel geradezu; Reb Itzikel Taschratz heißt er. Na- , türlich vornehme Abkunft— da ist nichts zu sagen. Man kann sagen" — sagt er — „daß er ganz mit Vornehmheit überzogen ist. Denn abgesehen davon, daß er selbst" — sagt er — „von sehr vornehmer Familie ist, ist seine Frau noch vornehmer als er. Der einzige Fehler an der ganzen Sache" — sagt er — „ist nur, daß er sich für seine Vornehmheit hundertfältig zahlen lassen will. Wieviel Mitgift er gibt, doppelt so viel, will er, soll die andere Seite geben ..." „Stiii," — sage ich — „ich glaube, daß genau der Artikel zu haben ist, den Ihr braucht." Ich mache mich über mein Paket her, ziehe das Vormerkbuch des Schadchens Leib Lebelski heraus, schlage Jampol auf und mache ihm deutlich: „Da ist der Mann," — sage ich — „eben der, den Ihr sucht. Leset selbst, so werdet Ihr es gleich haben: Mojsehe Nissel Erste Spei/o/- #ÄÄÄÄI TSii^lk a Werkstatt für «fc655GI 11 nd I l5Cf1G Salongarniiuren und Einzelmöbelstücke ADLER, VII. Apollos. 18 k*...^!b* « Kimbak ... Emporkömmling — das heißt, einer, der vor kurzem erst reich geworden ist — Wolle* ausheiraten mit aller Gewalt — das heißt, s1* gehen drauf los — Soviel Mitgift die andere Seite gibt, doppelt so viel bereit zu geben — das heißt also, genau doppelt soviel. Ist das genau das, was Ihr braucht oder nicht?..." I (Fortsetzung folgt.) IE MUTTER ROMAN VON SCHALOM ASCH. Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien. (17. Fortsetzung.) Nun, den „Auszug der Juden aus Aegypten", jene schreckliche Nacht, da man mit Frauen und Kindern, einander bei den Händen haltend, den schmalen Bach im Wäldchen an der Grenze überschritt und der Agent mit den zwei Gojim, welche den Zug anführten, jeden Augenblick befahlen, sich auf den Boden zu legen, die Beschreibung dieser schrecklichen Nacht wollen wir uns ersparen. Sie hat ja deshalb von Anschel und seinem neuen Gefährten den Namen „Der Auszug aus Aegypten" erhalten. Mehr als einmal gab in jener Nacht Sure Rifke ihre Kinder in Gottes Hand, denn sie glaubte, das Ende der Welt sei da. „Die Ueberschreitung des Roten Meeres" ging ohne besondere Ereignisse, vor sich. Die Frauen, die ■bisher auf der ganzen Reise unaufhörlich miteinander gestritten hatten, freundeten sich auf dem Schiffe so an, daß sie ihre Pakete zusammenlegten und. die.guten Dinge, die sie aufs Schiff mitgenommen hatten, miteinander teilten. Die Männer beteten zusammen, sprachen über Politik, rühmten sich „ihres Amerikas" und rechneten die Reichtümer der Verwandten aus, die sie in Amerika hatten. Die Frauen bereiteten gemeinsam das Essen und teilten jeden Bissen untereinander. Richtete, eine, einen Hering her, so mußte das ganze Schiff davon versuchen; holte eine einen Topf Schmalz hervor, den sie aufs Schiff mitgenommen hatte, so fand sich bei einer anderen ein Topf Grieben von daheim; eine dritte hatte ein Glas Eingesottenes mit, um „das töerz zu erquicken", und alles wurde geteilt. Anschel und der „Palästina- Jude" gingen auf dem Schiff umher, als würde es ihnen gehören. Sie stiegen zwischen den Kesseln und den Maschinen herum und wollten durchaus, dem Kapitän einen Besuch abstatten, damit er ihnen den „großen Kompaß" zeige. Doch der „Antisemit", welcher bei der Zwischendecktür stand, wollte sie um keinen Preis hinausslasssen. Sie drhten ihm, sie würden ihn, in die Zeitung bringen und ihn 'Unmöglich machen und kein Jude werde mehr mit diesem Schiff fahren, doch es half nichts. Der „Antisemit" ließ sie nicht hinaus, den Kapitän besuchen. Da sie also den „großen Kompaß" nicht mit den beschränkten Augen aus Fleisch und Blut sehen konnten, sahen sie ihn -mit den Augen ihrer Phantasie; zwischen den warmen Kesseln und dem langen Korridor beschrieb Anschel den jüdischen Emigranten einen „großen Kompaß" mit allen seinen Wundern so eindringlich, daß die Juden Augen und Ohren aufrissen, als erzählte ihnen Kolumbus selbst von seiner ersten Ameri'kareise. Der „Palästina-Jude" war wohl nicht mit allen Details der Schilderung einverstanden, welche Anschel von dem „großen Kompaß" gab, doch er mußte zugeben — in Meeres- und Schiffsangelegenheiten war Anschel besser bewandert als er. Stire Rifke fiel es mehr als einmal zu, Ehre mit ihrem Anschel auf dem Schiff einzulegen und mehr als einmal sagte sie den Frauen, die sich um sie versammelt hatten: „Gäbe Gott, er würde so viei verdienen, wieviel er weiß." Im „Schmelztiegel" erwartete sie Schlojme Chajim; als Sure Rifke durch das Gitter -,ihn auf der anderen Seite warten sah, da wurde Amerika hell in ihren Augen und sie hätte keine Furcht mehr. v- II. Ein Ort der Ruhe für Kinder und Enkel. Die Ankunft im neuen Lande fiel ganz anders, aus, als Anschel sie sich vorgestellt hatte. Schon bei der Landung gefiel ihm nicht das viele Fragen un,d das lange Warten hinter dem Eisengitter, als wären er und die Seinen Viehstücke. „Das hab' ich doch in Rußland gehabt; dazu hab' ich nicht nach Amerika kommen müssen." Doch das wurde üb er troffen durch die ersten Schritte, welche die neuen Ankömmlinge in dem. neuen Lande machten. Vom Schiff brachte sie Schlojme Chajim, der Schustergeselle, in, die eigene Wohnung, die er für sie vorbereitet hatte.'Anschel hatte sich einen Palast vorgestellt oder wenigstens eine gut 'bürgerliche Wohnung wie daheim, mit zwei Betten, viel Bettzeug, einem Schrank und anderem bürgerlichen Hausrat: „Dafür, haben wir uns doch sehen Speisen, die aus der benachbarten Küche über Meere hinüber nach Amerika geschleppt, ein eigenes Heim mit der ganzen Einrichtung, mit Maschinen und Fabriken weggegeben (Dwojreles Nähmaschine verwandelte sich in Anschels Augen in „Maschinen" und ihre' Werkstätte in „Fabriken")." Aber der Aelteste führte sie in einen Keller, sie alle, den Thoravorleser, seine Frau und die Kinder, acht Seelen, mit Packen und Paketen — in einen Keller in einer Winkelgasse, hart an einer Hochbahn. Um der Wahrheit die Ehre zu geben — zu dem Keller gehörte auch ein kleiner Alkoven, der kein Fenster hatte; eigentlich hatte er ein Fenster, doch das ging hart an eine graue Mauer. Die Fenster der Kellerstube waren so dicht mit Wattefäden überzogen,, daß man nichts durch sie sehen konnte. Im Parterre über der Kellerwohnung befand sich ein rumänisches Restaurant und der Keller stieß an die Küche dieses Restaurants. Der Rauch und Dunst aus dieser Küche mm lag ständig im Keller, als würde dort den ganzen Tag Wäsche gewaschen werden. Die Gerüche, die aus der rumänischen Küche kamen, reizten die Kehle zum Husten und die Nase zum Niesen; die Augen juckten den, ganzen Tag,: als würden unaufhörlich ZwiöbelVeschnitten .;...... Der ganze Lärm der Straße drang durch die zwei kleinen Fenster und die offene Tür in den Keller und den ganzen Tag sah man nur Füße vorübergehen ... In kurzen Intervallen jagte über den.'Köpf die Hochbahn dahin, es schien, als jagte sie durch das Hirn hindurch. Sure Rifke blieb mit verschränkten Armen mitten im Keller stehen. Der Lärm, die Gerüche, der Dunst hatten sie so wirblig gemacht, däß sie überhaupt nicht wußte, was mit ihr geschah; als sie dann allmählich zu sich kam, meinte sie, sie utjd ihre Kinder samt dem Gepäck 'seien mitten auf , die Straße gestellt worden mit den Worten: „Das wird dein Heim sein." Doch Sure Rifke sprach kein Wort. Die Freude darüber, daß sie mit ihren „Würmern4' irgendwo angekommen war iund einen Ort hatte, wo sie ihr Gepäck hinlegen konnte, überwog alles andere. Indessen ging Anschel, die Hände auf dem Rücken, den Keller durch und unterzog seinen Palast einer näheren Betrachtung. In dem Keller lagen lange und breite Matratzen auf eisernen Betten'.und füllten fast die Hälfte des Raumes aus., Mitten in der Kellerstube stand ein rundlicher Tisch, dem ein Fuß fehlte; er war durch eine kleine Kiste ersetzt. Beim Tisch ein paar Sessel, von denen einer neu war, die übrigen waren Kisten. Dafür aber stand in dem kleinen Alkoven ein neuer Schaukelstuhl und Itsche Majer, der „große Junge", und Nöte, der „Säugling", hatten schon- Zeit gefunden darüber in Streit zu geraten, wer als erster auf dem Schauckelstuhl sitzen sollte. Das übrige Mobiliar des Alkovens, der als Salon dienen sollte, fehlte noch und wartete auf die besseren Zeiten, die hier in Amerika kommen mußten. Um den ersten Eindruck zu verwischen, hatte der Aelteste auf dem Tisch ein Frühstück vorbereitet. Es fand sich ein wenig Likör, die Kinder versuchten die ersten amerikanischen Semmel und Itzikl, der daheim Mädchenlehrer war, hier aber der Schämmes der Synagoge „Ansehe Zedek" der Landsmannschaft Gostynin ist und bei jedem Landsmann erscheint, wenn er nur ein wenig Schnaps spürt, war in den Keller gekommen, um den neuen Landsmann zu begrüßen und ihn im Namen des Gabbe — es war Henoch, der daheim Lebkuchenbäcker gewesen war -— einzuladen, am nächsten Sabbat in der Synagoge der Landsleute die Thoravorlesung zu halten. Als die erste Ueberrasbhung sich ein wenig gelegt hatte, begann Sure Rifke ihre Töpfe auszupacken und sich in der neuen Wohnung umzusehen. Sie wac an den Lärm der Gassse noch nicht gewöhnt und das Geräusch der Hochbahn machte auf sie den Eindruck, als jagten jeden Augenblick unsichtbare Geister mit Pfeifen und Zischen durch den Keller; doch arH das war noch erträglich. (Fortsetz»«« lotet)

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