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Die neue Welt · 1928-08-10 · Heft 47 (10.8.1928) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 47 (10.8.1928)
Date
1928-08-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Hr. 47 DIE NEUE WELT Seite tt Lipowlec: Sohn des geachteten Ltibtiich Ka* pote . . . Glühender Choßid ... Prüfung gemacht ütrtr acht Klassen . . . Befaßt sich mit Weltdingen . . . Spielt Oeigc und spricht Hebräisch . . . Gewünscht: Nett und hübsch ... M es bisch: Reb Schimscbc Schcbael Schimefisch . . . Witwer ... hat zwei Töchter zu dreitausend . . . Will selbst noch heiraten .. . Will durchaus ein« Jungfrau . . . Niemirow: Smitzik . . '. ßernard Mojsewitsch . . . von der echten Linie der Smitzik . . , Geschieden aus «ige« nem Verschulden . . . Spieler, besonders Preference . . . Sofort bei Beschau Anzahlung . . . Entweder Mädchen mit fünftausend oder Geschiedene mit zehntausend . . . Smila: Perele Dam . . . Geschieden . . . Zehntausend . . . Braucht einen Aufgeklärten . . . Kommissionär .. . Enatowka: Hausbesitzer Reb Mendel Opita ... Ueber siebzig . . . Aber gut beisammen . . . Hat drei Frauen überlebt . . . Will eine Jungfrau . . . Priluk: Gymnasiast Freitag . . . Sohu des ge« achteten Mechel Freitag . . . Tragi im Hause Hut «. . Schreibt nfcht am Sabbat . . . Will zwanzlgt*t»«mf, keinen Groschen weniger * . . Nimmt auch die Hälfte . . . Zaryzyn: Nota fttr den geachteten Wltw«r Fi scher. Wohfit in Astrachan ... Versprochen Reis«spesen hin und zurück . . . Außerdem fünfhundert . . . Dringenden Brief geschrieben, hinkommen . . . Habe zuers* 25 Rubel Reisespestn verlangt . . . Porto ersetzen . . Krementschng: Majer Berlin . . . Fürchterlich aufgeklärt und Zionist . ♦ . Hundert Beschäftigungen .. Kommissionen . . . Gescheit . . . Vorzüglicher Schach Spieler . . . Talmud aus dem ff . . . Erstklassiger Redner . . . Glänzender Witzbold . . * Hebräischer Schriftsteller . . . Höre, daß schon vefheiratet . .y Radomyschl: Enkel des "Rabbi Naftali Rado myschler . . . Beziehung mit Sadagora . . . Zuckerfabrik . . . Geld über Geld . Halb Choßid, halb deutsch . . . Kurze Sclilftfchlocken, Üatblangef Rock . . . Sprachkennt, ntese, scharfer Denker ... . Sucht Schönheit, vornehme Familie, zweihunderttausend, Klavier, perfekt Französisch, Perücke, Tanzen, Lichtgebet Freitags, elegant, aber keine Modedame ... (Fortsetzung folgt.) DIE MUTTER ROMAN VON SCHALOM ASCH. Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien- Einige Wochen später kam ein Antwortbrief mit «• (16. Fortsetzung.) frischem Geld für die Reisekosten; darin hieß es kürz: „Ein drittesmal schicke ich nichts mehr für die Reisekosten, denn ich habe es nicht." So begann man zu packen. Bis eszur Reise kam, wußte man eigentlich nicht, was Amerika ist. Alle sprachen von der Reise nach Amerika und hatten sich schon so daran gewöhnt, daß die Reise nach Amerika eine Uebersiedlung von einer Wohnung in die andere zu sein schien. Erst als es zur Reise kam, erkannte man, was Amerika ist. Für die Mutter war die erste und wichtigste Frage: die Töpfe. Was fängt man mit den Töpfen an? Sure Rifke schien es, daß sie das bißchen Nahrung, welches sie für ihr Haus brauchte, nur In ihren Töpfen finden könne, in den Töpfen, die sie so lange kannte, die von allen ihren Sorgen; und Nöten wußten. Sie wußten, wann die Mutter nichts hatte, um eine Suppe einzubrennen, und kamen ihr zu Hilfe, gaben den Extrakt ihrer geheimen Schätze heraus, um der Mutter in der Stunde der Not zu helfen... Der Mutter schien es, sie werde-in anderen, Töpfen überhaupt nicht kochen können, denn die würden ihr fremd sein und ihre Kochgeheimnisse nicht kennen ... Viele Wochen, ehe es noch ernstlich an die Reise ging, gab es schon unaufhörlichen Streit wegen der Töpfe. Die Mutter erklärte, sie werde „nicht einen Scherben" von ihnen zurücklasset!, sondern alle einpacken und mitnehmen. Der Vater entgegnete: „Die ganz© Welt wird doch über dich lachen, Amerika wird sich an den Seiten harten. I« Amerika, glaubst du, fehlt es an Töpfen? Man m»uß sie er>st von hier mitbringen,?" Die Mutter erwiderte: „Was mich das schon kümmert, wenn die ganze Welt lacht und Amerika sich an den Seiten hilftf loh will etwas halben, darin ich kochen kann." - Der Vater sagte: „Dummes Weib, der Junge bereitet doch dort einen Palast für dich vor, mit Möbeln, mit Töpfen, mit allem." Die Mutter erwiderte: „Wenn ich neue Töpfe haben werde, werde ich die alten hinauswerfen." Als es so weit kam, half keine Widerrede. Sure Rifke packte alle Töpfe samt dem Geschirr, sogar die paar alten Löffel ein, die sie besaß, selbst che Sterze nghte sie ins Bettzeug und band alles mit einem Leintnch zusammen, als wäre Amerika eine neue Wohnung, in die man übersiedelte. „Wie wirst du das alles mitführen?'' — fragt Anschel. ,yDas SobMf ist groß gerwgr — erwidert Sure Rifke. Ansehe! aber war sicher, daß der Sohn für Hin in Amerika, wenn nicht einen Palast, so doch wenigstens eine schöne, gut eingerichtete Wohnung mit neuen Möbeln, mit einem gepolsterten -ebenen Sofa vorbereitet hatte, auf dem er sein Nachmittagsschläfchen halten konnte. „Wenn es das nicht gibt, wozu taugt dann das ganze Amerika?" Die Mutter aber wollte nicht bloß die Töpfe mitnehmen, sondern jedes Gerät und jedes Möbelstück. Auch das kleinste Stück war ihr ans Herz gewachsen. Sie kannte die besondere „Geschichte" jedes Stückes, wje schwer es gewesen war, es anzuschaffen und wie lang es im Hause diente/Jedes Stück war für sie ein Stück Leben. Und als es hieß, von ihm Abschied zji nehmen, da war es für die Mutter ein Abschied von einem lebenden Menschen. Zuerst ließ sie überhaupt nichts verkaufen. Sie wollte die Sessel, die Tische, die Scftlafbänke, kurz alles mitnehmen. Allmählich aber begriff sie, daß das seine Schwterfckeiten hatte. Als nun Chaim, der Altwarenhändler, kam, um die Sachen, mitzunehmen, beweinte die Mutter jeden Sessel besonders, wie man einen Verstorbene« beweint; als man die Schlafbank hinaustrug, war es, als würde ein Leichnam fortgetragen... Von den kleinen Sabbatleuchtern und der Hängelampe traute sich selbst Ansehet nicht zu sprechen und die Töpfe waren in allen Ehren im Bettzeug eingepackt. Der große Krieg aber brach um Dwojreles Nähmaschine aus. Die Mutter wollte durchaus die Nähmaschine -mitnehmen. Sie hatte großes Vertrauen zur Nähmaschine. „Wenn die Nähmaschine im Hause sein wird, wird das bißchen Brot nie fehlen" — sagte sie. Sie Hatte Erfahrung darin durch ihr langes Leben. Doch wie transportiert rrian eine Nähmaschine? Vor allem rechnete Anschel damit, die Nähmaschine würde ihm die halben Reisekosten bringen, un.d zum zweiten brachte er vor: „Du willst eine Nähmaschine nach Amerika brin. gen? AMe Nähmaschinen kommen, aus Amerika und du führst Nähmaschinen nach Amerika? ..." , „Sie ist doch unser ganzer Brötgeber: Sie ernährt uns doch!" — er-widerte die Mutter. Als kurz vor der Abreise Schriiul, der Agent, kam,, um die Maschine zu holen, da umarmte die Mutter sie, wie man einen treuen Freund zum letzten^ mal umarmt. „Sie hat mich doch genährt wie..." — Sure Rifke beendete den Satz nicht, denn die Tränen erstickten sie fast. Zwei Wochen nach den hohen Feiertagen, als alles schon gepackt und man endlich mit Note, dem Auswanderungsagenten, über das Passieren der Gren.ze und die Fahrt Iiis zum Hafen handelseins geworden war, als Sure Rifke auf dem Friedhof von ihren toten Kindern Abschied genommen hatte (das Grab ihrer Eltern besuchte sie nicht, weil sie in einer fremden Stadt begraben lagen und die Reisekosten dahin zu teuer waren), war Anschel mit seiner Familie bereit, die alte Heimat zu verlassen, wo er und seine Eltern und Großeltern, seit vielen Generationen gelebt hatten, um in ein fremdes Land auszuwandern, das hinter Wäldern und Meeren liegt, ein Land, dahin sein Söhn vorausgegangen war, um, wie es in der Bibel beißt, „zu erkunden, ob in jenem Lande Brot zu essen ist, denn inihrem Lande hier war Hungersnot". Am letzten Sabbat vor seiner Abreise besorgte Ansehe! zum letztenmal in der Schul' die Thora-Vorlesling. Es war ejn Konzert. Lang, lang streichelte er jeden Ton in der Kehle und sorgfältig verzierte er jede Koloratur. Seine Thoravorlesung dauerte diesmal bis gegen Mittag. Inder Stadt gab es nur eine Stimme: „So eine Thoravorlesung war noch nicht dagewesen." „Sie sollen an mich denken!" — sagte Anschel, ate er fertig war. Am Abend dieses Sabbats wanderte Anschel aus; er und eine Anzahl jüdischer Emigranten verließen die Stadt auf dem Wagen Notes, des Auswandereragenten. Auf Nimmerwiedersehen gingen'Ansehe!, seine Frau und seine Familie fort. Die halbe Stadt gab ihnen das Geleite, und das Jammern und Schreien, das beim Abschied ertönte, drang bis in den Himmel... ZWEITER TEIL. I. Die Juden überschreite« da» „Rote Meer". Die Ueberfahrt des Thoravorlesers Anseht und seiner Familie aus der alten in die neue Weit, ging ohne besondere Ereignisse vor sich. Anschel freilich war ebenso, wie seine Familie anderer Meinung. Sure Rifke dachte mehr als einmal, „die Welt geht unter", und Ansehe! schob die gesamte Verantwortung für sämtliche Vorkommnisse auf 4er Reise auf die Schult*m des Schuster gesellen und seines Amerika. Schon bei der Grenze, wo die Farattte in einem iTtLmVJfar Sossol Tisch© falongarnlturen und ElnzelmöbelstUck« ADLER, VII. ApollOfl. 18 K.,..%£B.t» jüdischen Gasthause wartete, sah Anschel ein, er sei kein außergewöhnlicher Fall. Niemand wußte, wer Anschel, der Thoravorleser, war, niemand, daß Anschel, der Thoravorleser. mit seiner Familie nach Amerika reiste. Solcher Fälle wie Anschel gab es eine Unmenge, Juden aus der ganzen Welt: aus Litauen und aus Polen, mit Weib und Kind oder ohne Weib und Kind, grdße und kleine, mit großem Gepäck und kleinen Bündeln. Es gab mehr als eine Sure Rifke, die für die Erhaltung "der Familie zu sorgen hatte. Es gab auch andere Mütter, die gute, alterprobte Töpfe besaßen, welche sie nach Amerika mitführten. In der ersten Zeit hielt sich Anschel abseits; denn ertens ist er doch Anschel, der Thoravorleser, der beste in der Gegend, zweitens fährt er nicht so ohneweiters nach Amerika, sondern sein Sohn, der selbst schon ein Amerikaner ist, bringt ihn hinüber und drüben in Amerika ist für ihn eine Wohnung mit Möbeln, Bettzeug, mit dem Besten vom Besten vorbereitet (der „Schustergeselle" wuchs jetzt in Anschels Augen zu solcher Größe, daß ihn Anschel bei jedem Wort „mein Sohn in Amerika" nannte). Doch es stellte sich heraus, daß es solcher großer Herren wie Anschel eine Menge gab. War es nicht gerade ein Thoravorleser aus einer kleinen Stadt, so gehörte er in irgend welcher anderen Beziehung der Aristokratie an; und jeder liatte jemanden in Amerika: war es kein Bruder, so war es ein Onkel oder ein anderer Verwandter, dem Amerika gehört; und jeder hielt Amerika für sein Eigentum. Nur einen unter allen gab es, einen gewöhnlichen kleinen Juden, anscheinend einen Handwerker, — man sagte, er sei Schuster der fuhr ganz allein. Frau und Kinder hatte er zu, Hause gelassen, er hatte niemanden drüben, zu dem er fuhr, und eine Wohnung samt Einrichtung stand' auch nicht für ihn in Amerika bereit. Er weiß nicht einmal, wo Amerika liegt, und wozu er hinfährt, doch da die halbe Welt nach Amerika fährt, fährt er auch; schließlich.ist.doch die Welt nicht verrückt. In Amerikä hatte .er nur einen Angehörigen, der aber ist reicher und mächtiger als alle Söhne, alle Brüder und alle Onkel; das ist der „Herr der Welt", der in jedem Lande wohnt... Anschel schloß nun mit diesem Juden Preiindstöhert hatte. Den, Spitznamen, führte er, weil er trug. Niemand wußte, wer diesen Spitznamen," den der Jude noch von seiner Heimat her führte, aufgestöbert hatte. Den Spitzriamenf ührte er, weil, er sagte, er sei Zionist und sei der Meinung, die Juden sollten statt nach Amerika nach Palästina fahren und Landarbeiter werden. Die Juden — erklärte er immer wieder — müssen der ganzen Welt beweisen, daß sie ein Volk von .Ländarbeitern und nicht von Händlern sind. Und er fügte hinzu, er selbst werde sofort nach der Ankunft in Amerika sich mit einer Schaufel in der Hand auf den Boden hinstellen und er werde den, Amerikanern schon zeigen, daß die Juden nicht nur Schacherer, sondern auch gute Bauern seien, besser als die Gojim, wenn sie nur wallen. Niemanden war es klar, wie der „Palästina-Jude" seinen Vorsatz ausführen wollte; denn er hatte ein schwaches Herz, beim iAbendessen wurde ihm stets titeel und die Frauen schrien, der „Palästina-Jude" liege, Gott behüte, schon in den letzten Zügen,; sämtliche Riechfiäschchen und Essenzen, die sich im Besitz der Emigranten befanden (es waren ihrer nicht wenig, da sie für die Seefahrt gegen die Seekrankheit vorbereitet waren),, wurden dem „Palästina-Juden" unter die Nase gehalten, damit er wieder zu sich komme. Doch diese Zustände -rsagte der „Palästina-Jude" — kommen nicht vom Herzen, sondern von den Nieren; auch sefen seine Lungen nicht ganz in Ordnung, das habe, er a<ls Ueberbleibsel von einer Verkühlung; und als Erbe nach seinem Vater habe er eine vergrößerte Leber; sein Vater und sein Großvater hatten schon, solange er sich nur erinnern kann» an einer vergrößerten Leber gelitten. „Doch das alles" — sagte er — „macht nichts aus; wie ich nur aufs Land komme und die Schaufel z»r Hand nehme, so sind alle diese Krankheiten wie weggeblasen." Der „Palästina-Jude" und Ansehe! bildeten die „Aristokratie" unter den. Emigranten. Sie hielten sich abseits von den übrigen und sahen auf sie von oben herab, da es hauptsächlich Handwerker und gewöhnliche Leute waren.' Sie vertraten den Emigrantenschub beim Agenten, drohten ihm, ihn beim „Auswanderungskomitee", zu verklagen und alles, was die Agenten den armen, Emigranten antun, in der Zeitimg zu beschreiben. Beide verglichen die Reise na©Ji Amerika mit dem Auszug aus Aegypten und benannten sie mit den biblischen fkzeioimiwgen: Zuerst muß man aus Aegypten ausziehen (die Grenze überschreiten), dann muß man das »Rote Meer" übersetzen (damit war die Seefahrt gemeint) und dann erst kommt die „Landnahme4* (die Ankunft in. Amerika). (forteetoung toi«*.) s

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