Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 46 (3.8.1928)
- Date
- 1928-08-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Ütr» 46 DIE NEUE WELT '•w^im*-.^.^*/..**^ ......... , .. i ■♦•,} Seile Jf sehen samt den Kindern, nach denen mir so bange ist»; •daß es m?r beinah' ans Leben geht, i Dein Gemahl Mcnacti«m' M end«1. Richtig: das Wichtigste! Der Brief liegt schon zwei Tage bei mir in der Tasche, denn ich habe kein Geld für eine Marke. Ich habe die ganze Zeit gf grübelt, was anzufangen wäre, was man tun könnte, womit beginnen. Ich glaube, daß es keinen Beruf auf der Welt gibt, mit dem ich es nicht schon versucht hätte. Eine* aber habe ich noch nicht probiert: Heiratevermittlung.' Bei uns im Gasthof wohnt ein Jude, der ist Schadehen; und nach seinen Reden ist er ein vermögender Mann. Der Beruf ist freilich nicht so vornehm wie die Schriftstellereil, aber schöner als die Maklerei ist er sicher. Die Hauptsache ist freilich, daß der Herr der Welt ein kleines' Stückchen Glück schenkt. Der Obige. : 10. Brief. Schelne-Scheindel aus Kasriliwke an inren Gatten Menachem Mendel in Jehupez. Dem hochgeehrten, edlen und mächtigen Herrn» dem weisen Kenner der Thora, dem hochgelehrten Refe Menachem Mendel ehrfürchtigen Gruß! Erstens vermelde ich Dir, daß wir alle, Gott se> Dank, beim besten Wohlsein sind, gebe Gott uns, da«? Gleiche von Dir zu hören fürderhin und nie Schlimmeres. Zweitens teile ich Dir mit, daß ich Dir nichts mitzuteilen habe. Ich habe Deinen Brief der Mutter gezeigt! Sie sagt, daß ich allein an allem schuld bin. „Wie man sich bettet" — sagt sie — „so liegt man." Hättest Du mich" — sagt sie — „mit ihm korrespondieren lassen, rn.it meinem Heben Eidam aus dem Eden, ich hätte ih* schon längst" — sagt sie — „hergebracht. Ich hätte es' mich nicht verdrießen lassen" — sagt sie — „und hättoi mir ihn geholt. Er hat Glück" — sagt sie — „daß der Vater auf dem Totenbett Hegt und wir beide uns kaumi . noch fortschleppen können" . . . Das Oeld, welches ich Dir jetzt schicke, gehört meiner Mutter — weißt Du, wie gut sie ist? Ich flehe zum lieben Gott: nur keine Briefe mehr von Dir bekommen! Und sowie Du Jehupez verlassen hast, möge sich die Erde spalten und die Stadt möge versinken wie Sodom mit all ihren Goldgeschäften, Maklern, Vtr mittlern, Gasthöfen, Wirtinnen, Redaktioninnen, wie Dir wünscht viel Gutes und dauerndes Glück für heut' und allezeit! Deine wahrhaft teure Frau Schcine-Schcindel. (Fortsetznuig folgt.) DIE MUTTER ROMAN VON SGHALOM/ASCH, Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien« ^'" ^»^^ (15. Fortsetzung.) „Was ich zu tun gedenke? Ich bin. ja schon ein Amerikaner, ich bin kein Hiesiger mehr. Vielleicht werde ich noch zwei oder drei Wochen warten, vielleicht aber auch nicht mehr so lange. Mein Sohn schreibt mir dooh, daß er drüben alles für mich vorbereitet hat: Möbel, eine ganze Ausstattung, mit einem Wort einen Palast. Was habe ich da hier zu tun?" „Und wen lasset Ihr uns hier fürs Thora-Vorlesen?" „Bin ich denn verpflichtet, die Wert zu versorgen? Meinetwegen soll der Schammes vorlesen. Er reißt sich ohnedies darum und die Stadt mit lauter Ochsen versteht ohnedies nicht den Unterschied zwischen meinem Thora-Vorlesen und dem des Schammes. So große Kenner sind sie." „Außerdem" — fügte er hinzu — „bezahlt man, so schreibt mir mein Sohn, in Amerika einem Thora- Vorleser ganze fünfundzwanzig Dollar für einen Wochenabschnitt. Und Sie suchen Thora-Vorleser. Von1 der 'Megilläh am Ptirim ist gar nicht zu reden. Mein Sohn schreibt mir m seinem Brief: Du wirst sc hör» davon leben können, was Du am Purim verdienst, bloß mit der Vorlesung der Megillah. — Nun, habe ich es nötig, her zu bleiben?" Zu Hause aber sagte Ansehe! nach dem Nachtmahl, als er daran ging, seine Zigarette zu drehen: „Weißt du, Sure, was ich beschlossen habe? Die Schiffskarten behalten wir und mit dem Hunderter fange ich ein Geschäft an. Wenn ich und Mojschete uns mit einem Hunderter auf ein Geschäft werfen — da können wir die Welt erobern** (daß Ansehe! seinen Sohn Mojsohele in seine Pläne einschloß, Heß das Herz der Mutter vor Freude höher schlagen). „Schließlich'* — fügte Anschel kn Talmudsittgsang hinzu — „wird es nicht gehen, so bleiben dooh noch immer die Schiffskarten und wir fahren dann nach Amerika. Habe ich nicht recht?** „Nun ja . . . Ich weiß ... und was wird mit Schleime Chajim sein? Das Kmd wird dooh auf uns werten** — fragt die Mutter. „Dummer!, möge er von ferne asn ans Freude haben, da wird er schon zufrieden sein." „Wie dti*s verstehst, lieber Mann, wie du^ verstehst; du weißt ja besser, was wir ziu tun haben.** jeh habe einen Plan fertig im Kopf — sagt Ansehe! geheimnisvoll, während er den ersten Zug aus der Nachtischzigarette macht — „wenn der mir gelingt, liebe Frau, so haben wir Amerika hier** — Anschel deutet auf den Fußboden — „und wir müssen nicht nach Amerika fahren, im Gegenteil, der Schustergesell' und sein ganzes Amerika werden zu uns kommen." „Gott geb's** — Sure Rifke seufzt einen ihrer bekannten Seufzer. * Indessen ging das Leben seinen gewöhnlichen Gang. In Anschels Hause wurde es etwas bequemer. Dwojrele führte ihre Schneiderwerkstätte, sie hatte drei Gehilfinnen, und war die „offiziell" anerkannte Näherin der Stadt. Jede Aussteuer der Stadt wurde bei ihr gearbeitet. Die Mutter schwor und gelobte unaufhörlich, von des Kindes Verdienst nichts anzurühren, sondern ihn für den „Glückstag" zu bewahren. Doch von einer Seite legte sie die Gulden in den Topf und von der anderen Seite nahm sie sie heraus ..., Das einzige, was sie wirklich ausführte, war, daß sie für Dwojreles Aussteuer zu sparen begann. Drei Kissen geschlissener Federn lugen in einem Sack eingepackt unter dem Bett. Und ein Stück Seherardower Leinwand, das sie bei Chanele, der Krämerin, gegen Ratenzahlung genommen hatte. „Mitgift spare ich keine, so soll das wenigstens da sein" — sagte sich die Mutter. Mojschele „Ochs" war bereits ein Großkaufmann geworden. Er hatte schon mit allem Handel getrieben, alles gekauft und alles nicht gekauft. Er war Getreidehändler gewesen und hatte bereits Eier in den Dörfern gekauft und sie in die großen Städte geschickt. Dabei hatte er das Pech, daß eine Fuhre Eier ihm zugrunde ging. Ein Rad brach am Wagen und alle Eier ergossen sich auf die Straße. Dabei verlor Mojschele „Ochs" das bißchen Geld, das er sich erspart hatte, vollständig. Doch er verzweifelte nicht, sondern verlegte sich auf Kalbsleder/ Jetzt hat er ein anderes Ge. schäft. Er ist Grammöphönagent. Als die Grammophone aufkamen, begriff Mojschele sofort, daß das ein „Geschäft" sei: Vor allem ließ er sich ein Gratnmophon aus der Großstadt kommen, an dem Schläuche -befestigt waren. Für zwei "Kopeken konnte man sicliso einen Schlauch ins Ohr stecken und hörte durch ihn ejn richtiges Musikstück, eine Tempelmelodie oder das Lied von der „unglücklichen Braut". Anschels Haus, war jeden Abend voll von jungen Burschen und Mädchen, von älteren Juden und Hiren Frauen, welche gekommen waren, um Musikstücke zu hören. Sure Rifke ging ständig mit Verbundenem Köpf umher, da sie Kopfschmer, zen hatte; sie trug Watte in den Öhren und flüchte, der Junge möge in die Erde versinken, zusammen mit setner „Harmonika". Dem Vater aber gefiel die Sache. „Ein Kasten, der spielt." Und er wollte die Ursache dieser Erscheinung ergründen, warum der Kasten Musik machte. So lange untersuchte er das Grammophon, bis das Grammophon zerbrach und nach Warschau in die Reparatur geschickt werden mußte. Ueberdies bestand die Gefahr, daß der „große Plan", den der Vater mit dem Hunderter hatte, irgend etwas mit Grammophonen zu tun habe. Die einzige Freude, welche die Mutter hatte, das biflehen Belohnung, das sie auf dieser Welt für ihre Mühsal erhielt, war Jojne Gedalje, ihr dritter Sohn. Die Mütter hatte den einzigen Wunsch, ein gelehrtes Kind zu haben. Sie tat alles, um ihren Kindern nicht nnr eine jüdische Erziehung zu geben, isondern sie auch m Gelehrten, zu machen. Sie sparte sich den Bissen vom Munde ab, uni das Schulgeld zu bezahlen. Das Schulgeld war die wichtigste Sache im Hause. Alles konnte fehlen, aber das Schulgeld mußte da sein. War es nicht da, so wurde ein Kissen zum Pfändlelher getragen. Einmal waren auch schon die zwei kleinen Messingleuchter versetzt worden und Sure Rifke sprach den Sabbatsegen über Kerzen,-die in Kartoffeln steckten, damit die Kinder nur hi den Cheder gehen konnten. So blieb es bis heute. „Warum kann ich Aermste denn zu nichts kommen'und muß meine arme Tochter berauben? Nur deshalb weil ich drei Kinder bei Lehrern habe." Es sind Jojne Gedalje, ihr Stolz, der schon im Beth-Hamidrasch beim Dajan lernt, Itsche Mayer, kurz/ der, „Junge" genannt, und Note, der „Säugling" (beide, hatte Dwojrele auf ihren Händen getragen, bis sie allein kriechen konnten). Die zwei Jungen sind noch klein und gehen in den Cheder. Für sie und Joine Gedalje geht da* ganze Geld auf, das Dwojrele verdient. Die zwei Aeltesten der Mutter waren nicht „geraten". Sie hatten von Kindheit an nicht lernen wollen, die Mutter mußte sie mit Gewalt bei den Lehrern halten und mit dem Besen in den Cheder treiben. Der eine war nebbich ein Handwerker geworden und der andere leider Gottes ein Händler, ein „BrotgebeV". Dafür aber war Joine Gedafte »feratetr**. Br~ tot afe Wunderkind in der ganzen Stadt berühmt nnd mit dreizehn Jahren lernt er schon bei Reb Lefbttseh, dem Dajan, die schwersten Tabnudabschnitte zusammen mit den erwachsenen Burschen. Und def Vater sagt: »Jöjne Gedalje ist der einzige, der in meine FamiMe geraten ist. Alle übrigen sind ihrer Familie nachgeraten'* — dafür aber ist „sie" seine Mutter, die ihn geboren und erzogen hat. Jojne Gedalje stand in der Morgendämmerung auch in den kältesten Wintertagen aul und lief ins Beth-Hamidrasch; dort saß er bis zu Mittag bei der Gemarah. Nie sah man ihn müßig gehen, er studierte stets, und tat er es nicht, so las er wenigstens in einem heiligen Buche. Jojne Gedalje war berühmt in der Stadt. Mütter hielten ihn ihren Kindern als Muster vor. Man segnete ihn und wunderte sich, woher Ansehet, der Thora-Vorleser, zu so einem Kind kam. Zu der Zeit, von der hier die Rede ist, war Jojne Gedalje etwa dreizehn oder vierzehn Jahre alt. Vom vielen Sitzen bei der Gemarah in dem dumpfen Beth-Hamkirasch war er schmal und bleich. Die M'Utter tat alles, damit ihr Lieblingssohn viel äße. Mochte auch im Hause kein Geld auf ein Mittagessen sein, für Jojne Gedalje war immer das Beste und Schmackhafteste bereit. Die Mutter kochte nur ihm zuliebe:^ „Das Kind sitzt den ganzen Tag im Beth-Hamidrasch, es muß doch von Kräften kommen". Und Sure Rifke setzte alles daran, damit für das Kind ein Stückchen Fleisch da sei nnd zwei- oder dreimal in der Woche eine kräftige Suppe. Wenn sie über die Gasse ging tind bei der Obstfrau schöne Aepfel sah, so kaufte sie für ihren letzten Groschen einen Apfel und, briet Ihn für den Knaben ab, damit er, „wenn er vom Beth- Hamidrasch kommt, sich an etwas erquicken kann". Wenn auch das ganze Haus an den Feiertagen kein neues Stück bekam, für Jojne Gedalje gab es stets etwas Neues, einen neuen Zeugkaftan oder ein Paar neue Schuhe; gab es schon gar nichts anderes, so nähte ihm die Mutter ein neues Hemd. Und keiner neidete es Joine Gedalje. jojne Gedalje kam es zu,'denn er war ein „Lerner". Wenn aber dafür die Mutter durch das Beth- Hamidrasch-Gäßchen ging und aus den offenen Fenstern des Beth-Hamidrasch die Thora-Worte drangen, da wurde Sure RifkesHerz srtt^an Stolz und Freude. .■' r-iii''.^.-y X* ). ' > Sie machen sich auf den Weg. Anschel, der Vorbeter, schrieb einen Brief; darin verwendete er sämtliche Zierphraseri. seiner Aufklärerzeit, deren er sich noch erinnern konnte, und alle -Wendungen, die er. als . Bräutigam in seinen Briefen in Sitte Rifke benutzt hatte? Der Brief begann;-„^einem Sohn,-dem Jüngling, , dem'Sproß meiner Lenden, der Lust meiner Seele." Wer hätte darauf kommen können, daß diese Anrede niemand anderem galt als dem „Schustergesellen" Schlojme Chajim? V: Diesem ehrenden und hochtrabenden Titel folgte eine Erzählung, dte Mitteilung davon machte, was aus dem Hunderter geworden war, .den der Sohn dem Vater für die Reisekosten entsendet hatte. „Weißt Du, mein Sohn" — hieß es in diesem Brief '— „daß ich um ein Haar ein reicher Mann geworden wäre? Ich hätte ein solches Vermögen erworben, daß ich nicht zu Dir nach Amerika hätte kommen müssen, sondern Amerika und Du wären zu mir gekommen, wäre nur mein Plan, geglückt." Es folgte eine lange Aufzählung der guten Dinge, die es gegeben hätte, wenn der Plan mit der „Sodawassererzeugung" gelungen Wäre. Daraushätten sich eine Menge neuer Projekte ergeben (Anschel schrieb sie alle, sowie;sie ihm nur in den Kopf kamen, getreulich nieder). Doch aus all dem war nichts geworden, weil der Plan der Sodawassererzeugung zu Essig wurde; und zu Essig würde er mir einer Kleinigkeit halber, um eines Nichts willen, sozusagen um ein Haar. Die Maschinell nämlich, die Anschel gekauft hatte, um mit ihnen Sodawasser zu erzeugen, waren keine Maschinen, sondern verrostetes'Eisen, und sie zu reparieren, unr aus ihnen Maschinen zu machen, dazu braucht man Korachs Vermögen. Der' Schluß der ganzen, Erörterung aber war, daß Anschel endlich den festen Entschluß gefaßt hatte, „die alte Heimat" zu verlassen und sein Glück in der „neuen Welt" zu suchen. Die Schiffskarten hatte er nicht angerührt, sie waren, so schrieb er, „so wie Du sie mir geschickt hast, sogar noch in den Umschlägen; das einzige, was fehlt, ist der Hunderter". Wohl werde er, Anschel, aus. dem Verkauf seines „Besitzes" genug Geld haben, um bis nach Amerika zu kommen; doch da man auf einer Reia; niemals alles genau ausrechnen kann und nie weiß, was geschehen kann, wenn man. „einen abgezählten Groschen" hat, so wünscht er, der Sohn möge Ihm ehestens einen neuen Hunderter schicken; dann wird sich die Familie bald nach den Feier tägdn auf den Weg machen. „»Das alte -Heim" — schließt der Brief — „habe ich ohnedies schon über. Ich Will nicht mehr hier bleiben und wenn man mich zum Gouverneur unserer Provinz maohte. Glaube nur ja nicht, mein Sohn, daß Dein Geld, Gott behüte, verlören sein wird. Ich habe jeden Groschen und jeden Rubel notiert, den Du mir geschickt hast. Und so wie ich mit Gottes Hilfe nach Amerika komme, werde ich Dir alles - tausendfach befahlen, das Geld samt Zins und. Zin- <*^tee*»io« lotet J