Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 45 (27.7.1928)
- Date
- 1928-07-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 DIE NEUE Wf LT Seite Jekatermoslaw behalten. Etwas Oeld hatte er noch. Damit ist er nach Krementschug gegangen und hat dort mit einem andern zusammen eine Zigarettenhülsenfabrik gegründet. Und gerade mußte er einen Kompagnon kriegen, welcher leidenschaftlich gern Schach spielte; er selbst war auch ein großer Schachfreund; er konnte, sagte er, Tag und Nacht beim Schach sitzen, ohne zu essen, ohne zu trinken, ohne zu schlafen. So haben sie beide so lange Schach gespielt, bis ihnen die leeren Schachteln ohne Hülsen geblieben sind. Wo die Hülsen hingeraten sind — das weiß kein Mensch. Indessen hatte er gehört, daß ein Apotheker in einer kleinen Stadt nicht weit von Krementschug seinen ganzen Laden mit allen Waren halb umsonst verkauft. Das war doch gewiß ein gutes Geschäft. Er ist hin, hat den ganzen Kram mit Sach und Pack erstanden und hat die Ware verpackt. Ein schönes Stück Geld war daran zu verdienen. Zum Unglück befindet sich unter den Waren ein Fäßchen Pulver und das hatte nichts anderes zu tun, als auf der Eisenbahnfahrt in die Luft zu schießen Es hat den Waggon zerschossen» dem Kondukteur einen Fuß abgeschossen und unser Mann ist kaum mit dem Leben davongekommen. Was sagst Du zu dem „Glückspilz"? Er sagt selbst von sich, daß die Fische krepieren, wenn er nur einen Blick in den Fluß tut. Wie Du ihn da siehst, ist er bz'i all dem Unglück noch ein Spottvogel. Das ganze Menschlein ist klein und lebhaft, hat leuchtende Augen, der Hut sitzt im Nacken, die Hände stecken in den Taschen und das Gehirn arbeitet — Kombinationen, unendliche Kombinationen! Er sagt, er müsse „mit einem Schlag" Millionär werden, geht es nicht — so packt er seine Siebensachen und fährt nach Amerika. Dort wird er, sagt er, sicher sein Glück machen. Mir reedt er zu, mit ihm nach Amerika zu fahren. Er sagt: solche Leute wie wir sind nirgends verloren. Doch ich wäre total verrückt, wenn ich einen so vornehmen Beruf wie die Schriftstellern aufgeben wollte, um eine Fahrt nach dem Glück anzutreten! Doch da ich sehr beschäftigt bin und keine Zeit habe, fasse ich mich kurz. So Gott will, werde ich Dir im nächsten Brief alles genau berichten. Jetzt gebe Gott nur Gesundheit und Glück. Grüß' die Kinder lind Schwiegervater und Schwiegermutter, jedes extra sehr herzlich von Deinem Gemahl Menachem Mendel. Richtig: das Wichtigste! Ich begreife nicht, warum ich von der Redaktion nicht die leiseste Antwort habe auf meine erste Arbeit, die ich ihr gesendet habe. Keine Antwort, kein Geld. Ich habe ihr schon drei Briefe geschrieben. Hoffentlich habe ich — so Gott will — heute oder morgen Antwort von ihr. Der Ohig<\ 8. Brief. Scheine-Scheimlel aus Kasrillwke an ihren Gatten Menachem Mendel in Jehupez. Dem hochgeehrten, edlen und mächtigen Herrn, dem weisen Kenner der Thora., dem hochgelehrten Reb Menachem Mendel ehrfürchtigen Gruß! Erstens vermelde ich Dir, daß wir alle, Gott sei Dank, beim besten Wohlsein sind; gebe Gott uns, das Gleiche von Dir zu hören fürderhin und nie Schlimmeres. Zweitens teile ich Dir mit, mein teurer Gemahl, daß Du, sowie Du diesen Brief erhältst, um Gotteswillen sofort nach Hause fahren mußt, denn mein armer Vater ist schwer krank. Es war schon ein „Konsolium" der Doktoren; sie haben gefunden, daß er, ach und weh, Wasser im Bauch hat. Die Schmerzen, die er duldet, sind nicht mitanzusehen. Du kannst begreifen, daß die Mutter, sie soll leben, kaum zu erkennen ist. Sie richtet sich einfach zugrunde für ihn. Sie sagt: „Wenn man im Haus einen Nachbar hat durch dreißig volle Jahre, muß man auch Mitleid haben ..." Du aber sitzest dort in dem schönen Jehupez und beschreibst Pechvögel, das Sühnopfer mögen sie sein für meines Vaters Mütze, so wie Dir viel Gutes wünscht und dauerndes Glück für heut' und allezeit Deine wahrhaft treue Frau Scheinc-Scheindcl. Ich bitte Dich, um Gottcswillen: fahr' gleich weg und telegraphiere! (Fortsetzung folgt.) ROMAN VON SCHALOM ASCH, Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien- (14. Fortsetzung.) „Ich werde nach Warschau fahren. Bald nach den Feiertagen reise ich. Alles ist schon vorbereitet. Ein paar Rubel für die erste Zeit werde ich auch haben. Ich werde sehen, Arbeit zu bekommen. Gelingt es nicht, so werde ich hungern. Was ist denn auch der Unterschied? Ich will interessante Leute kennen lernen, mich einem Kreis intelligenter Arbeiter anschließen. Vielleicht werde ich in einen Kurs kommen können, wo Vorlesungen gehalten werden, dann will ich studieren. Bücher werde ich aus der Bibliothek nehmen. Und dann, bis ich etwas weiß, dann werde ich wissen, was ich zu tun habe. Dann werde ich vielleicht etwas leisten können. Aber hier, was bin ich hier?" „Sie haben recht" — Dwojre nickt mit dem Kopf. — „Sie. haben recht. Sie können alles erreichen" — bewundernd blickt Dwojre zu Henoch empor und ihre Augen leuchten. „Ich weiß wirklich nicht, ob ich imstande sein werde, etwas zu erreichen" — sagt Henoch — „ich weiß wirklich nicht, ob ich etwas erreichen werde" — fügt er leise hinzu. „Sie werden viel erreichen." „Woher sind Sie so fest davon überzeugt?" — Henoch lächelt. »Ja, ja, lachen Sie nicht! — Sie werden einmal ein großer Mann sein, Sie werden alles erreichen." „Woher wissen Sie das?" — Henoch lacht. „Ja, ich weiß es. Denn man glaubt Ihnen, was Sie sagen. Sie können so sprechen, daß man Ihnen zuhört. Wenn Sie manchmal im Wald sprechen, da ist mir, als spräche ein großer Rabbi. Und man will alles tun, was Sie befehlen, wie wenn es ein großer Rabbi befehlen würde." Henoch wurde verlegen ob ihrer Worte, doch zugleich erfüllten diese ihre Worte seine Glieder und sein Blut mit einem neuen Strom von Energie und Selibstglauben. Ihr wollte er dies nicht zugeben. Er schämte sich vor sich selbst. „Ich möchte gerne mit meinem Dasein nützen. Kann ich das nicht, wozu lohnt es sich zu leben?" — sprach er. „Sie haben recht" — antwortete Dwojre. „Und Sie fahren auch weg?" Henoch änderte das Thema. — „Ich habe gehört, daß Sie nach Amerika fahren." „Ja, der Bruder hat uns Schiffskarten geschickt, daß wir alle hinüberkommen. Wir wissen noch nicht, wann wir fahren werden, doch es ist ja einerlei, wo ich bin." „Warum sprechen Sie so?" „Was kann ich mit meinem Leben leisten?" „Jeder kann etwas mit seinem Leben leisten. Sie. werden in Amerika sein und dort werden Sie für die .heilige Sache' arbeiten; ich werde es hier tnn und die Arbeit wird uns vereinigen, das große Ideal" — fügte er halblaut hinzu. Sie schaut ihn mit großen Augen an. „Ein, Ideal vereinigt, wo., ifhmer man auch sein mag." „Werden wir vereinigt sein?" — wieder hebt Dwojre ihre großen Augen zu ihm empor. „Ja, das Ideal wird uns vereinigen, wo immer wir auch sein mögen." „Dann ist es gut" — sagt sie halb zu sich. Zwei große Tränen rollten aus Dwojreles großen Augen und unter Tränen sah sie ihn dankbar an. Jetzt: erwuchs die heilige Sache in ihrer Phantasie zu etwas Göttlichem, dem man dienen muß, das Wunder tun kann. Ihr schwaches weibliches Herz hielt nicht stand. Sie wollte Henochs Hand fassen und sie küssen. Doch sie schämte sich und fürchtete, etwas damit zu zerstören. Doch die Tränen flössen aus ihren Augen. Henoch schwieg lange. Plötzlich streichelte seine Hand ihre Schulter und er fragte sie: „Warum weinen Sie, Dwojrele?" „Ich weiß es nicht" — Dwojre fuhr mit dem Tuch über die Augen. „Sie dürfen nicht weinen. Revolutionären steht es nicht an, zu weinen. Revolutionäre müssen mutig in den Kampf gehen." „Ich weine nicht mehr"--- sagte Dwojrele furchtsam, wischte sich die Tränen aus den Augen und lächelte ihn durch neue Tränen an. „Revolutionäre müssen stark sein." „Ja"— Dwojre nickte mit dem Kopf. Dann setzten sich beide auf den Klotz bei der Mühle nieder. Es war schon sehr dunkel. Sie sahen einander kaum, doch sie fühlten sich. So saßen sie, schwiegen und hielten einander an den Händen. „Ich möchte auch so gern mit meinem Leben nützlich sein, wie Sie" — sagte Dwojre, als sie seine Hand in ihrer fühlte. Henoch antwortete nicht. Es war ihm, als hätte er Flügel bekommen. Eine unbestimmbare Freude erfüllte seine Seele. Alle Zweifel waren fort, alle. Finsternisse erhellten sich und er sah seinen Weg vor sich liegen, klar und hell erleuchtet bis ans Ende. * Bevor er ging, legte Henoch hastig ein kleines, in Papier eingepacktes Buch in Dwojres Hand. Wortlos ging er dann. Zu Hause öffnete Dwojre das kleine Paket; es enthielt ein Buch von Perez. Und auf dem Vorsatzblatt stand: „Die heilige Sache wird uns vereinen." Dwojre sah Henoch nie wieder. IX. Neues aus Amerika. Von Schlojine. Chajim, dem Aeltesten, ist Nach, rieht gekommen. Er hatte geschrieben, daß er für Dwojrele und Mojschele „Ochs" Schiffskarten schickem werde. Dann schwieg er volle dreiviertel Jahre. Wie man aber schon gar kein Schreiben mehr von ihm erwartete und Amerika schon längst vergessen hatte, da kommt plötzlich ein großes Paket mit Schiffskarten für die ganze Familie und dabei ein ganzer Hunderter für die Reisekosten bis zum Hafen. Die Schiffskarten, so schreibt er, hat er gegen Ratenzahlungen bekommen, und fügt hinzu, wenn die Familie komme, werde eine Wohnung mit Möbeln, Hausrat und allem Nötigen bereit sein: „Die Mutter kann ihre Töpfe zu Hause lassen. In Amerika bekomml man auch Töpfe". Weiters schreibt er, sie mögen daheim keine langen Geschichten machen, sondern nach amerikanischer Manier losfahren. „Viel werdel ihr doch nicht zu packen haben," — scherzt er im Brief weiter — „nehmt euer Bündel zusammen und kommet so an, daß ihr zur neuen Saison schon da seid, wenn die Arbeit beginnt, damit ihr nicht in die tote Zeit hineinkommt." Anschel verstand wohl nicht genau, was der Sohn meinte, dennoch erklärte er seiner Frau: „Damit meint er zu Beginn des Semesters, wenn man wieder in den Glieder zu gehen anfängt." Und er fügte hinzu: „Ich glaube, Sure Rifke, der Junge muß verrückt geworden sein." „Warum soll er verrückt geworden sein?" „Was soll das heißen? Ich soll Sack und Pack nehmen und hui pfui nach Amerika hinüber? Ist denn das dasselbe, wie über den Rinnstein springen? Als ob es gar nichts wäre, nach Amerika zu übersiedeln." „Du hast doch immer wollen, du hast einen Brief nach dem anderen geschrieben, daß hier die Welt zugrunde geht, und gefragt: Wann wird schon der Messias kommen." „Und wenn man's sagt, tut man's gleich? Wir haben doch noch Zeit nach Ainerika zu fahren! Ich möchte doch etwas von dem Glück sehen, das .er in Amerika macht." „Was soll das heißen? Der Junge hat dortdas letzte Hemd weggegeben, um uns hinüberzunehmen, das Kind hat alles verkauft,' hat sich bis über 'den Kopf verschuldet und weiß Gott was getan, um uns zu sich zu nehmen; da plötzlich..." „So, andere Gelüste hast du nicht, nur 'Amerika; ich frage dich — was fehlt dir hier? Ühd wer sagt mir, daß es mir in Amerika besser gehen wird? Warum eilst du so? Was? Woher auf einmal diese Eile bei dir?..." " „Bei mir? Du hast doch immerwährend geschrien: Amerika — hast unaufhörlich davon gesprochen, hast einen Brief nach dem andern geschrieben, hast die ganze Welt in Bewegung gesetzt. Und jetj&t, wo es dazu gekommen ist, daß das Kind alles vorbereitet hat, um -uns hinüberzunehmen, da schreist du, 'ich habe nach Amerika wollen, ich habe daran ge* dacht." „Wer denn, ich?" Und es begann ein häuslicher Krieg, als wäre das schlimrnste Unglück geschehen. Anschel, der mit aller Gewalt nach Amerika gewollt hatte, tat* als es nun da^'U kam, als ginge die Welt unter. Doch Sure Rifke wandte, wie sie es stets tat, das Unheil ab und beruhigte ihren Mann. „Wer befiehlt dir denn zu fahren? Setz' dich hin und schick' ihm die Schiffskarten zurück." „Gut gesagt! Setz' dich hin und schick' ihm die Sohiffskarten zurück! Sehr gescheit! Hätte er uns die paar Rubel geschickt, die die Schiffskarten kosten, so hätten wir Amerika hier und müßten uns nicht über wilde Meere schleppen, durch Stürme und Gefahren.'* „Nun, wir haben ja Zeit." „Gewiß haben wir Zeit!" — Anschel wurde ruhiger — „Vor allem will ich. versuchen, was wir hier mit dem Hunderter anfangen können, den er uns geschickt hat. Vielleicht werden wir Amerika gar nicht nötig haben" — Anschel trommelte sieghaft mit den Fingern auf dem Tisch. In seinem Kopf schössen allerhand Pläne auf, was er mit dem Hunderter anfangen könnte. Eine Windmühle drehte sich in seinem Kopf, er dachte an einen Laden, an ein Kömpagniegeschäft mit dem Sodawasserfabrikanten. Was kann man nicht alles mit einem Hunderter beginnen! Im Beth-Hamidrasch sprach er sich zu Reb Brande, dem Gabben, zu Reb Aron, dem Krämer, und zu einigen anderen Bürgern, die ihm zu dem großen Glücksfall gratulierten, folgendermaßen aus: „Ich habe immer gedacht, der Junge mache Scherz. Gut —eine Schiffskarte für meine Tochter, vielleicht auch für meinen Sohn, dann werden wir sehen... Aber er setzt sich hin und schickt mir ein ganzes Paket Schiffskarten für die ganze Familie, so groß sie ist — das kostet doch ein Vermögen." „Und was gedenket Ihr zu tun?" — fragen die Zuhörer. ^Fortsetzung MgU