Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 44 (20.7.1928)
- Date
- 1928-07-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2711613-2711630-2711659--0591-2713744- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
f '' Nr. W me mm welt ist, dte beste Moralpredigt sein wird. Die Welt ist groß und es gibt gewiß noch solche arme Witwen und solche Kinder, Gymnasiasten und Gymnasiastinnen, welche ihre Mutter ins Grab bringen ... Verstehst Du nun, meine teure Gattin, wofür man mir Geld zahlt? Da ich jedoch sehr beschäftigt bin und keine Zeit habe, fasse ich mich kurz. So Gott will,' werde ich Dir im nchsten Brief alles genauä berichten. Jetzt gebe Gott nur Gesundheit und Glück. Grüß' dkl Kinder, sie sollen leben und Schwiegervater und Schwiegermutter, jeden extra sehr herzlich von Deinem Gemahl ' Menachcm Mendel. mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmammmmammmmurnrnKBrn Richtig: das Wichtigste! Du fragst, wer die Redaktion ist; also hast Du wahrscheinlich nicht verstanden,1 was das ist. Eine Redaktion ist nicht ein Mensch, sondern einige Menschen, welche sich zusammengetan haben und alle zusammen eine Zeitung herausgeben. Die Zeitung schickt man in alle Städte und nimmt davon Geld ein. Doch da eine Zeitung Stoff haben muß, so bittet uns die Redaktion zu schreiben und zahlt uns dafür Geld. Wir1 tun ihr den Gefallen, das heißt: wir schreiben. Und sie druckt es. Verstehst Du jetzt, was das für ein Geschäft ist? Der Obige.! (Fortsetzung folgt.) DIE MUTTE ROMAN VON SCHALOM ASCH. Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien- (13. Fortsetzung.) Wohl war Dwojre der Meinung, daß das, was zwischen ihnen beiden gestern vorgefallen war, die wahre, die heilige Liebe sei, von der sie in den Romanen gelesen hatte, daß der Kuß, den sie einander gegeben hatten, sie für ewig, bis zum letzten Atemzug verbunden hatte' doch welchen Wert hatte ihre sündige Liebe gegenüber der „heiligen Sache", zu der sie Henoch herangezogen hatte? An den nächsten Abenden ging Dwojre nicht zur Mühle. Sie schämte sich, Henoch noch einmal zu begegnen. Und sie war sicher, daß Henoch sie nicht mehr erwartete, daß alles aus sei. Und als sie ihn am Sabbat im Garten mit den anderen Burschen sah, da schlug ihr Herz vor Scham und sie hatte Angst, nach ihm hinzusehen, um seinem Blick nicht zu begegnen. Wie groß aber war ihre Ueberraschung, als Henoch ganz nahe auf sie zukam und leise zu ihr sagte: „Dwojrele, ich möchte mit Ihnen sprechen." Dwojrele wurde rot und tat, als höre sie ihn nicht. Die anderen Burschen und Mädchen standen ringsum und alle gingen miteinander. Alle Mädchen und Burschen wußten, daß zwischen Henoch und Dwojrele „etwas sei", und aus Sympathie richteten sie es so ein, daß Henoch mit Dwojrele allein ging. „Warum sind Sie nicht zur Mühle gekommen? Ich habe jeden Abend auf Sie gewartet . . ." begann Henoch. „Ich bitte Sie vielmals um Verzeihung!" — Dwojrele benützte eine Romanphrase, die sie gelesen hatte, und sah daibei angestrengt ihre Schuhspitzen an. „Warum?" fragte Henoch. „Wegen . . . damals. Sie wissen schon, warum." „Ich muß Sie vielmals um Verzeihung bitten!" Henoch gebrauchte dieselbe Phrase. „Heute ist im Wald eine Versammlung. Wollen Sie mit mir hinauskommen? Es wird heute eine wichtige .Tagesordnung' verhandelt. Ich werde Sie auch den Genossen vorstellen", sagte Henoch unvermittelt. Dwojrele hob die Augen zu ihm auf; unendliche Dankbarkeit lag in ihrem Blick. „Ich weiß nicht, ob ich kommen werde . . sagte sie stammelnd. „Warum? Bereuen Sie Ihr Versprechen?" fragte Henoch. „Tch habe die »heilige Sache' entweiht!" „Ich war es, der die .heilige .Sache' entweiht hat", sagte Henoch mit dumpfer Stimme. Wieder schwiegen sie lange Zeit. „Werden Sie kommen?" fragte Henoch endlich. „Soll ich kommen?" antwortete Dwojre mit einer Frage. „Ja, kommen Sie! Ich werde Sie an der Straße erwarten, an der breiten Straße." Die anderen Burschen und Mädchen kamen zurück und das Gespräch stockte. virr. Die letzte Begegnung. Henoch war schon einigemal an Anschels Haus vorbeigegangen und hatte verstohlene Blicke durch die mit weißen Gardinen behangenen Fenster geworfen. An dem Schatten, der sich auf den Gardinen widerspiegelte, erkannte er Dwojre; sie saß beim Fenster und las. Er erkannte den Schatten ihres rundlichen, von reichem Haar umrahmten Kopfes, der auf das Buch gesenkt war, mit den Strähnen, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten und über die Wangen hingen. Als er das näohste Mal vorbeiging, sah er durch den Spalt, den die Gardinen freiließen, ihren Nacken, nicht bloß als Schatten, sondern in Wirklichkeit, gesenkt, von einem dicken Zopf bedeckt. Beim nächsten Mal sah er ein Stück ihres Gesichtes, das Kinn, welches an ihre Hand gelehnt war, und dann wieder ÜJren Schatten; ihre grazile Gestalt schien sich im Wasser zu spiegeln. Der Schatten ward ihm mehr lieb als die wirkliche Gestalt; er schien mehr von jiirerh Wesen und ihrem Charakter auszudrücken als sie selbst ... So oft Henoch an dem kleinen Hause vorüberging und ins Fenster sah, klopfte sein Herz vor Glück und Freude. Es war ihm, als sei er um etwas bereichert worden. So oft er einen Teil ihres Kopfes, ihres Gesichtes oder ihrer Hand oder gar den Schatten sah, entdeckte er an ihr einen neuen Reiz und war glücklich. Dwojre wußte nicht, daß Henoch auf der Gasse vor dem Hause auf und ab ging. Und doch war es, als säße sie nur, um ihn noch mehr zu reizen, beim Fenster; der Schein einer zeitig angezündeten Lampe fiel jetzt auf ihr Gesicht und ließ an ihrem Schatten den ganzen Schatz an Liebreiz, der auf ihrem Haupte ruhte, den ganzen Adel, der in den länglich geschnittenen Wangen lag, die ganze Trauer, die sich in den gesenkten Brauen barg, und das ganze Mitleid, das ihr weicher, junger Hals erweckte, noch mehr hervortreten . . . All das drückte ■ der Schatten an den weißen Gardinen aus, besonders deutlich, wenn sie den Kopf über das Buch beugte und ihre Augen in die Blätter bohrte. Ihr Liebreiz strömte wie Gesang in Henochs Adern und stillte mit Freude den Durst seines sehnsüchtigen Herzens. Es war ein Frühherbstabend, gegen Ende der Slichoth-Tage*). Die Abende begannen zeitig und brachten Sehnsucht und Trauer mit. Der ganze Ernst der ernsten Tage liegt an den Abenden melancholisch in der Luft, drückt und beschwert... An jedem Herzen nagt Sehnsucht und sucht ein Ziel. Reue kommt auf, Reue über vergangene Tage und Furcht vor den künftigen: Als diese Abende kamen, als die Trauer sich auf die Seele senkte, da lief Henoch in die Beth- Hamidrasch-Gasse und ging vor Anschels Haus spazieren, um durch einen Spalt, durch eine Scheibe wenigstens den Schatten ihres Kopfes auf den weißen Vorhängen zu sehen. Schon seit einer Stunde ging Henoch diesmal in der Gasse auf und ab. Langsam kam die Nacht näher, man merkte es gar nicht. Dunkle Schleier breiteten sich über den Himmel aus und verhüllten allmählich die leuchtenden Wölkchen der untergehenden Sonne. Noch zappeln wie Goldfische im Wasser die feuerumsäumten Wölkchen und werfen ihr schimmerndes Licht durch die dunklen durchsichtigen Schleier; doch immer dichter ziehen sich die Schleier über sie, hüllen sie immer fester ein, verlöschen ihr Licht, und von jedem Schleier, der über den Himmel zieht, fällt ein unsichtbarer Schatten zur Erde. Dünne, durchsichtige Schatten sinken vom Himmel, hüllen alle Häuser, alle Bäume, alle Felder ein. Das Grün der Wiesen wird schwarz. Die Bäume werden fremd und unbekannt, als wären sie eben jetzt plötzlich aus dem Boden gewachsen... Kleine, dünne Rauchwölkchen erheben sich von den Kaminen über die Häuser, da und dort scheint das Licht einer angezündeten Lampe auf. Die Gasse wird leer. Das Kindersingen, das eben noch tönte, ist verstummt. Mütter rufen die Kinder nach Hause. Ein Jude, der sich verspätet hat, läuft zum Abendgebet ins Beth-Hamidrasch. Die letzten Kühe, welche spät von der Weide getrieben wurden, kehren heim. Ein kleines Bauernmädchen führt eine eigensinnige Ziege, die sich auf das Schloß verirrt hat, durch die Gasse nach Hause; die Ziege will nicht heimgehen; das Mädchen zerrt sie am Strick und weint bitterlich. In den Fenstern wird es hell. Jemand ist vor ein Haus getreten und schließt den Laden. Die Nacht ist da. Henoch geht noch immer vor dem Fenster auf und ab. Er wünschte, daß Dwojre herauskäme, daß sie ihn bemerke, dennoch wagte er nichts zu tun, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Was soll er ihr sagen? Wozu soll er sie rufen? Wie gern ginge er jetzt mit ihr unter den hohen Pappeln zur Wassermühle; dort auf dem Holzklotz sitzen, in das grüne, algenbedeckte dunkle Wasser hineinschauen, gar nichts sagen, nur sitzen und schweigen; und die Nacht möge über sie niedersinken, wie es mehr als einmal geschah in diesem Sommer . . . *) Die Bußtage vor den Feiertaigeii. Er weiß, es ist vielleicht das letztenmal, daß er sie sehen wird. Und er will ihr etwas sagen vor dem Abschied. Eben will er zum Fenster gehen — an die Scheibe klopfen — doch er tut es nicht. Es ist nicht Furcht, doch irgendwer in ihm läßt es nicht zu. scheint es ihm nicht zu gönnen . . . Wie Henoch so sehnsüchtig unentschlossen dasteht, taucht jemand in Anschels Tür auf. Die Mutter? Ein Bruder? Henoch geht rasch die Gasse hinab. Wie er näher kommt, erkennt er etwas, was ihm vertraut ist — die einzige Freude, die um ihre kleine Kindergestalt schwebt. Er fühlt, ohne sie zu sehen, die krausen Locken, die über ihr Gesicht fallen. Soll er zu ihr oder nicht? Er blickt sie an, sie blickt ihn an, und ehe er noch Zeit hat wegzugehen, ist sie schon bei ihm und lächelt ihn an. „Henoch?" — fragt sie und sieht sich dabei um. „Ja, ja" — stammelt er. „Ich habe Sie gar nicht erkannt!" — .sagt sie furchtsam und schaut sich wieder um. Er steht da und weiß nicht, was er antworten soll. „Ich habe Angst, es könnte jemand hinauskommen" — sagt sie und schaut sich wieder um. „So werde ich gehen" — er wendet sich zum Gehen. „Gehen Sie zum Schlagbaum hinaus, ich komme bald nach" — sagt sie so leise, als raunte sie ihm ein Geheimnis ins Ohr und verschwindet im Hause. Er ist berauscht von dem Geheimnis', das sie ihm zugeflüstert hat, zugleich reut ihn etwas, er ist auf sich selbst böse und weiß nicht, warum.., Langsam geht er zur Mühle, wie ein traumwandler. Beim Schlagbaum wartet er auf sie. Sie kommt. Von weitem schon erkennt er ihre Gestalt. Ihr Gang ist schwebend. Er geht ihr nicht entgegen. Wartet, bis sie da ist. Sie ist in ein Tuch gehüllt. Das ist eine ganz neue Dwojre. Zum erstenmal sieht er sie in ein Tuch gehüllt. Sie ist ganz nah bei ihm. „Henoch, Sie wollten mich sehen?" ,ja" — sagt er — „ja und nein ... Ich wollte Sie sehen und wollte Sie nicht sehen." „Was heißt das?" — fragt sie. „Was ich sage." Plötzlich faßt er nach den Fransen ihres Tuches. „Sie tragen ein Tuch? Ich habe Sie noch nie in einem Tuch gesehen." „Es ist Mutters Tuch," — sagt sie — „ich habe mich beeilt." Sie schweigen. „Was haben Sie gelesen? Ich habe Sie durchs Fenster lesen gesehen." „Ich habe das Buch gelesen, das Sie mir gegeben haben." „Welches?" „Sie wissen ja," — sagt sie schüchtern — „das russische." , . „Gefällt es Ihnen?" '' „Ich verstehe nicht sehr gut russisch." Sie schwiegen. „Wissen Sie schon, Dwojre, ich fahre weg" sagt er plötzlich. „Wohin?" — fragt sie. „Nach Warschau" — antwortet er kurz. Wieder schweigen beide. „Ich habe hier gar nichts zu tun." „Und die ,heilige Sache'?" — fragt sie leise. „Dort werde ich mehr leisten können" — erwidert Henoch. „Ja" — sie nickt mit dem Kopf. „Ich kann hier bei niemandem etwas lernen Man ist von der Welt ganz1 abgeschnitten; keine Bücher, kein Lehrer. In Warschau werde ick etwas lernen können, einen Lehrer bekommen, Menschen ken« nen lernen.". „Ja" — sie nickt mit dem Kopf. „Ich möchte so sehr etwas können. Man kann gar nichts leisten, wenn man ein unwissender Mensch ist. Ich möchte Sprachen lernen, Wissenschaften. Nicht um eine Prüfung abzulegen, sondern für mich. Ich möchte etwas wissen." „Sie wissen doch schon so viel!" — sagt Dwojre bewundernd. — „Müssen Sie denn noch lernen?" „Was weiß ich? Für die Burschen von hier kann ich sehr viel. Ich habe ein paar Bücher gelesen, die ich selber nicht recht verstehe. Ich bin ein unwissender Bursche, ich kann gar nichts. Niemals habe ich etwas gelernt. Das ist alles leer. Was kann man mit Leere leisten? Man hat keinen Glauben, nicht an sich und an gar nichts, wenn man leer ist." „Ich wollte, ich könnte nur die Hälfte von dem, was Sie können" — sagt Dwojre verschämt. „Ich kann ja gar nichts, Dwojre, glauben Sie mir, ich kann gar nichts und verstehe gar nichts. Ich halte alle zum 'besten. Hier, fair die hiesigen Burschen t bin ich ein Gelehrter. Aber was weiß ich? Was habe ich gelernt? Wer waren, meine Lehrer? Oftmals kommt es mir vor, ich sei ein bloßer Aufschneider, der vor unwissenden Jungen, obwohl er selbst nichts weiß, Kenntnisse posiert und draufloslügt. Was kann ich für die »heilige Sache' tun, wenn ich ein unwissender Bursche bin?" „Und was gedenken Sie zu tun?" (Fortee-teHag folgt.)