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Die neue Welt · 1928-07-13 · Heft 43 (13.7.1928) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 43 (13.7.1928)
Date
1928-07-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 43 _' Zeit habe, fasse ich mich kur2. So Gott will, werde ich Dir im nächsten Brief alles genau berichten. Jetzt gebe Gott nur Gesundheit und Glück. Grüß' die Kinder und Schwiegervater und Schwiegermutter, jeden extra sehr herzlich von Deinem Gemahl; Menachem Mendel. _DIE NEUE WELT - Richtig: das Wichtigste! Sei so gut und schreibe mir, ob Du etwas Geld von der Redaktion erhalten hast; denn ich habe sie gebeten, daß sie Dir vorläufig, auf meine Rechnung, einige Rubel »schicken soll. Schließlich auf einen Rubel mehr oder weniger kommt es schon nicht an; wir werden hier schon verrechnen. t Der Obige. I (Fortsetzung folgt.) . f » g / Seite lf heiligen Worte mit ihren Lippen zn entweihen; ergeben schaute sie Henoch an, um Belehrung flehend. „Man muß bereit sein, die Pflicht.zu jeder Zeit zu erfüllen." „Zu jeder Zeit?" — wiederholte Dwojre fragend. „Auch das Leben einzusetzen!" — schloß Hencoh. „Auch das Leben einzusetzen!" — mechanisch sprach Dwojre furchtsam stammelnd die Worte nach. „Verstellen Sie, was ich meine?" „ja" — ^antwortete Dwojre. „Und sind Sie bereit, für diese Pflicht Ihr Leben einzusetzen?" Dwojre antwortete vor Schreck nicht, sondern nickte nur bejahend mit dem Kopf. „Und wenn man Ihr Leben für die .heilige Sache brauchen wird, werden Sie es hingeben?" — fragte Henoch geradeaus. Dwojrele meinte, ihr Leben werde sofort für die „heilige Sache" gebraucht, und war bereit, es auf der Stelle hinzugeben. „Ja, ich will mein Leben für die .heilige Sache' hingeben" — antwortete sie mit fromm zitternder Stimme, als stünde sie im Tempel vor Gott. „So sind wir denn Bruder und Schwester". — Henoch reichte ihr die Hand. Beide legten ihre Hände mit dem ganzen Ernst, dem ganzen Glauben und der ganzen Reinheit ihrer jungen Seelen ineinander. „Ich werde Sie Samstag im Wald den Genossen vorstellen" — sagte Henoch. „Gut" — antwortete Dwojrele mit unendlicher Dankbarkeit. „Nur eines merken Sie sich wohl: Sobald.Sie in die »Partei' eingetreten sind, müssen Sie imstande sein, das Geheimnis zu bewahren, sogar zu sterben und das Geheimnis nicht zu verraten." „Sogar zu sterben" — antwortete Dwojrele. Dann schwiegen sie eine Weile. Eine große unbestimmte Freude hatte beide erfaßt und sie schwiegen vor Freude. Denn sie hatten nichts zu reden. Nur Henoch fuchtelte mit seinem Stock in der Luft herum. „Es ist gut, es ist gut!" — sprach er halb zu sich. „Was ist gut?" fragte Dwojrele. „Das Leben, die Welt;' es lohnt zu leben und es ist wert zu sterben; nicht?" „Ja" — antwortete Dwojrele. Dann begann sie plötzlich: „Warum sagen Sie mir noch ,Sie\ wenn wir Bruder und Schwester sind?" „Ja, Sie haben recht. Wir sollen uns nicht mehr ,Sie* sagen, wir müssen uns jetzt duzen." Doch mit dem Duzen kam Henoch nicht zu Rate. Dwojre konnte es viel besser. Sie war auch die erste, die ihm „du" sagte. „Henoch, ich bin glücklich, daß ich dir begegnet bin; bist du auch glücklich?" — Vor dem W Örtchen „dir" war sie so erschrocken, daß sie den Satz nicht beenden konnte und über das zweite „du" hastig hinwegstolperte. Henoch antwortete lange nichts, sondern sah zur Seite; dann stammelte er: „0 ja, ich bin glücklich ..." Beide wurden rot und blaß, ihre Herzen, klopften so laut, daß eines des anderen Herz klopfen hörte. So saßen sie lange Zeit schweigend. Und plötzlich geschah es — Dwojrele-umarmte Henoch und küßte ihn. Hätte sich die Erde geöffnet, so hätten sich beide am liebsten in ihren Spalten verkrochen. Dann quollen plötzlich aus Dwojreles Augen dicke Tränen. Sie versuchte sie mit den Händen und mit dem Taschentuch zurückzuhalten, doch vergebens; sie lehnte ihr Gesicht an Henochs Schulter und weinte bitterlich. Henoch streichete ihr Haar, ohne hinzusehen. „Warum weinen Sie, Dwojrele? Warum weinen Sie?" „Ich weiß nicht" — antwortete Dwojrele schluchzend. Henoch fragte nichts mehr. Als Dwojrele wieder ruhig geworden war, war es schon stockdunkel. Schweigend gingen beide in die Stadt. Doch ehe sie , voneinander Abschied nahmen, begann Henoch plötzlich: „Für die »heilige Sache' muß man alles opfern, alles, sogar die Liebe; verstehen Sie, Dwojrele?" „Ja, ich verstehe" — antwortete Dwojrele schuldbewußt. Und die ganze Nacht dachte sie daran, was für ein unwürdiges Geschöpf sie war, daß sie sich nicht hatte zurückhalten können und die „heilige Sache" mit ihrer sündigen Liebe entweiht hatte, * Die Reue brannte sie wie Rutenstreiche, weil sie die „heilige Sache" mit ihrer Liebe entweiht hatte. Henoch hatte sie in ein heiliges Geheimnis gezogen; Henoch hatte sie erhoben und in elire andere, in eine höhere, eine schönere Welt getragen; und sie hatte alles mit ihrer dummen „Liebe" entweiht. (Fortsetzung folgt) DIE M » O MAN VON S Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien- Die Mutter war neugierig: „Was bedeutet das? Warum diese Vorbereitungen, ganz anders als sonst?" (Zum Glück war der Vater nicht im Hause, er war ins Beth-Hamidrasch zum Abendgebet gegangen.) Dwojrele zog das Sabbat-Stoffkleid an und ging „in die Allee", wie sie sagte. Beim Sclagbaum, der zur Mühle führt, wartete Henoch auf sie. Er trug den frischgewaschenen Zelluloidkragen und daran war irgend ein Band in phantasievollem Knoten zu einem Schlips gebunden. „Irgendwie" war er zu einem Stock gekommen, der früher zu einem Schirm gehört hatte; den drehte er elegant hin und her. Als er Dwojre kommen sah, knöpfte er den verdrückten Kaftan zum letztenmal zu, schob die Schläfeulocken hinter die Ohren, faßte den Stock stutzerhaft und lief ihr hastig entgegen. Als er sie erreicht hatte, blieb er mit einem Ruck stehen und lächelte: „Dwojrele" — begann er und brach ab. Sie antwortete nicht. Bis zum Wäldchen gingen sie schweigend nebeneinander her. Als sie zur kleinen Mühle kamen, wo sie sich auf den alten Holzklotz setzten, nahm Dwojrele als erste das Wort. „Warum haben Sie mich gerufen?" — fragte sie mädchenhaft schmollend. „Um nichts" — antwortete er lächelnd. „Warum haben Sie mich gerufen?" — fragte tie noch einmal. „So." „So ruft man?" — entgegnete sie. „Ich wollte .Ihnen etwas vorlesen" — sagte Yfenoch endlich. „Was wollten Sie mir vorlesen?" „Ein Gedicht." „Ein Gedicht?" — wiederholte Dwojre fragend. < w7,Jav■■'■■•ein schönes Gedicht voneinem neuen Dichter." „Lesen Sie es mir vor." Henoch zog das Gedicht aus der Tasche, das er in einem neuen jiddischen Sammelfouch gefunden hatte..In dem Lied war"vom Frühling die Rede und vom Mai, überdies war auch auf die „Freiheit" angespielt. 'Das Gedicht begeisterte Henoch und er wurde freier. „Verstehen Sie, was ,er' mit dem Frühling meint?" , „Nein, ich verstehe es nicht." „Damit meint er nicht einfach den Frühling, sondern die Freiheit — wenn, die Menschen die Ketten der Knechtschaft abwerfen werden — wenn sie sich befreien werden — wenn der .Winter' vorüber sein wird und der Frühling kommt, wenn die Gewässer sich von ihrem ,Eise' befreien — verstehen Sie, was er damit meint?" „Nein." — Dwojrele schüttelte-den Kopf. „Damit meint er die Zeit, da die Menschen die Ketten abwerfen werden, die ihre Tyrannen ihnen angelegt haben, da sie sich vom Joch der Knechtschaft befreien werden — dann wird der Frühling kommen, die ewige Freiheit wird über der Welt leuchten — verstehen Sie es jetzt?" „Ja." — Dwojrele nickte mit dem Kopfe. Henoch hörte plötzlich auf zu lesen und versank in Nachdenken. „Woran denken Sie?" — fragte Dwojre. „An nichts" — antwortete Henoch. „Wissen Sie, warum ich Sie hieher gerufen habe?" — fragte er plötzlich. „Nein" — Dwojrele schüttelte den Kopf; sie erschrak vor dem Gespräch, das nun kommen sollte. Doch Henoch sprach nicht weiter. „Warum sagen Sie mir nicht..." »Nein, jetzt noch nicht, ich kann es Ihnen jetzt noch nicht sagen, es ist etwas sehr Ernstes, es geht um Leben und Tod." Henochs Worte erregten in Dwojre Schreck und Ernst. Doch es freute sie zugleich, daß Henoch mit ihr über etwas so Ernstes sprach, das „um Leben und Tod >ging"; aber sie wagte nicht zu fragen, worüber er mit ihr sprechen wollte. Dann schwiegen beide lange Zeit. Langsam und leise brach die Nacht an. Nebelvorhänge breiteten sich vom Wäldchen her auf, die Sonne ging unter, in ein fremdes Land hinüber, und der letzte Streifen Rot ertrank in einem blauen Strom, der sich über <ten halben Himmel ergoß. Reinheit und Trauer kam «btr4fe.W«K... UTTER CHALOM ASCH. (12. Fortsetzung.) Lange saßen beide und sahen zu, wie der blaue Strom am Himmel jedes helle Wölkchen verschlang und es immer dunkler wurde. Keines sprach, keines sah das andere an. Als sie sich endlich erhoben, um in die Stadt zurückzugehen, ertappten sie sicli dabei, daß sie einander an den Händen hielten ... VII. Für die heilige Sache. Für Dwojre begann ein neues Leben, ein Leben voll Erwartung; ewas glühte in dem jungen Blut auf, was sie nicht kannte, Träume, die sie nicht kannte, hüllten ihre Seele in blaue Vorhänge. Sie saß bei der Maschine und nähte Hemden für Bräute, für Wöchnerinnen und mit jedem Stich nähte sie einen Traum ein und ein Begehren... Am Abend zog sie sich an, um „in die Allee" zu gehen, wie sie der Mutter sagte. Dann ging sie zum Schlagbaum; dort wartete Henoch schon auf sie, den Stock in der Hand, jedesmal mit einem neuen Buch; mit verschämtem Lächeln lief er ihr entgegen, blieb mit einem Ruck stehen und dann gingen sie wortlos zusammen zum Holzklotz bei der alten Mühle, die unter den Pappeln verborgen stand. Jedesmal, wenn sie zu ihm kam, war es ein neues Singen. Jedesmal, wenn sie schweigend zusammen mit klopfenden Herzen zur Mühle gingen, war es ein neues Liebesregen, ein neues bräutliches Gefühl. Schweigend gingen sie dahin. Wenn sie zum Holzklotz kamen,» zog Henoch verschämt das Buch aus der Bnusttasche und fragte:' „Wollen Sie hören, Dwojre?" „Ja", — antwortete sie. Henoch las vor, erklärte und kommentierte. Er lebte in Büchern und wenn er ins Lesen kam, lebte er auf, seine Verlegenheit schwand und durch die Bücher sprach er zu ihr, was er. ihr sagen wollte... Manchmal verstand sie ihn, manchmal nicht. Doch ist es nötig, zu verstehen? Für sie waren Henochs Bücher dasselbe, was für ihre Mutter die heilige Thora war. Und mit Stolz und Hochachtung sah sie zu Henoch auf. Sie war ihm dankbar für jedes Wort, das er ihr schenkte, dankbar dafür, daß er mit ihr ging, daß er für sie las. Sie begriff nicht, warum er es tat. Und was ihr Vater für ihre Mutter war, wenn sie ihn den Wochenabschnitt studieren hörte, das war Henoch für Dwojre durch seine Bücher... Eines Abends bei der Mühle war Henoch in sonderbarer Stimmung; und nachdem er ihr vorgelesen hatte, begann er plötzlich: „Dwojre, ich möchte mit Ihnen etwas sprechen. Ueber eine sehr wichtige und ernste Sache. Ich wollte es schon lange, doch ich wußte nicht, ob ich es soll —. ich weiß nicht, ob Sie es wollen — soll ich sprechen?" — fragte er. „Sprechen Sie" — erwiderte sie mit Herzklopfen. „Glauben Sie ja nicht, das Leben sei leicht. Das Leben ist eine ernste, sehr ernste Sache. Und jeder muß seine Pflicht haben, muß seine Pflicht erfüllen können. Verstehen Sie mich?" „Ja" — Dwojre nickte mit dem Kopf, obwohl sie keine Ahnung hatte. „Wollen Sie auch die Pflicht auf sich nehmen? Niemand soll Sie dazu zwingen, aus eigenem Willen sollen Sie es selbst tun." „Was für eine Pflicht?" — fragte Dwojre. „Die Pflicht für die .heilige Sache'." „Was ist das, die .heilige Sache'?" „Die heilige Sache, das ist die Revolution." „Die Revolution?" — fragte Dwojrele erschrocken. „Ja," — antwortete Henoch bestimmt und alle seine Verlegenheit war verflogen — „das ist die Befreiung, die große Befreiung für alle Menschen, die »heilige Sache'.'4 Dwojrele verstummte vor dem Ernst dieser Worte. Sie sah Henoch mit ihren großen Augen an und der ganze Ernst ihrer Kinderseele lag in ihrem Blick. Schreck und Ernst schloß ihr den Mund. „Wollen Sie, wie wir alle, die Pflicht für die .heilige Sache' auf sich nehmen, die Pflicht für die Befreiung der ganzen Menschheit?" „Was muß man tun, wenn man die Pflicht für die heilige Sache auf sich nimmt?'' — Dwojre stammelte die letzte Hälfte des Satzes, ate fürchte sie die

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