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Die neue Welt · 1928-06-29 · Heft 41 (29.6.1928) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 41 (29.6.1928)
Date
1928-06-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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SCHOLEMALEJGH EM : MENACHEM MENDEL. (Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schinitz.) Copyright 1921 by R. Löwit. Wien und Leipzig. (25. Fortsetzung.) 2 4. Brief. Scheine-Scheindel aus Kasriliwke an ihren Gatten Menachein Mendel in Jehupez. Dem hochgeehrten, edlen und mächtigen Herrn, dem weisen Kenner der Thora, dem hochgelehrten Reb Menachein Mendel ehrfürchtigen Gruß! Erstens vcrmeklic doli Dir, daß wir aHe, Gott sei Dank, beim besten Wohlsein sind: gebe Gott uns, das Gleiche von Dir zu hören fürderhin und nichts Schlimmeres. Zweitens tcüc ich Dir mit: Wias habe ich Dir gesagt, Du aufgewachsener Narr? Küssen solltest Du meine Briefe; wie sagt die Mutter: „Küss' die Rute, die Dich schlägt . . ." Nun hast Du schon alle Deine Geschäfte dort zu Ende gebracht und so, daß ich sehr viel davon habe, und hast dort Kameradschaft geschlossen mit einer netten Gesellschaft von Lumpen, mit Rendaren, Lastträgern, Schreibern, Liedorsängern, Rattenfängern, — wer lacht nicht,, wenn er das ihört? Dazu muß man in Jehupez im Gasthof sitzen und das Geld zawn Fenster hinauswerfen! Mäch freut nur, daß Du zu Verstand gekommen bist: es ist Dir offenbar, wie Du sagst, nicht bestimmt, dort ©mporziukommen und Millionär zu werden. Hast Du noch welche Zweifel, Mendel? Ich schreie schon lange, Du mögest Dir diese verrückten Gedanken aus dem Kopf schlagen. Iah möchte so sicher sein vor allem Bösen und möchte, daß Du sicher bist vor Deiner eigenen Narrheit, wie Du sicher bist vor Millionen! Vergiß die Millionen, Mendel, vergiß, d<aß es irgendwo, auf der Wielt einen Brodzki gibt, dann wird Dir wohler sein im Kopf und Herzen! „Schau nicht auf das, was höher ist, als Du, sondern auf das, was niedriger ist als Du" — so steht es, glaube ich, in den heiligen Büchern geschrieben. Und beneide nicht die {einen Leute in Jehupez, welche aufschießen. Laß sie aufschießen, erschossen mögen sie werden und Hände und Füße brechen, wie Dir wünscht heute und immerdar Deine wahrhaft treue Frau Schein e - S ch e i nd e l. Sag* einmal, mein teurer Mendel: was ist Dir auf einmal eingefallen, Dich nach unserem Kasniliwkc zu erkundigen? Und wieso bin'ich Dir auf einmal so teuer geworden, daß Du um meine Gesundheit so besorgt bist? Da 'hast Dich auch sonst so sehr nach uns gesehnt?! . . . Wie sagt die Mutter: „Laß das Kalb nur laufen, wenn es hungrig ist, findet es selber in den Stall zurück . .. ." Ich warte auf eine Depesche von Dir, daß Du schon auf idier Reise bist. Es ist Zeit. Die höchste Zeit — Gott gebe, daß. das mein Je teter Brief ist. Ende des dritten Buches. 'Viertes Buch: MIN VOKNMB.MJ8R B JE B XTJB ZMenctchem ^Mendel — Schriftsteller 1. Brief. Menachein Mendel aus Jehupez an seine Frau Scheine-Scheindel in Kasriliwke. Der teuren, edlen, tU'gemdlvaiterf und klugen Ehefrau Scheine-Sdheindel meinen Gruß! Zum ersten sei Dir ku ndige t au, daß ich — Darrk Seinem lieben Namen! — gesund bin und mein Leben das des Friedens; der Herr, gelobt sei er, möge helfen, daß eines vom anderen nur Gutes höre in guter Botschaft zu Trost und Heil — Amen. Zum zweiten wisse: Ich habe aHe Geschäfte, zum Teufel gejagt — aus und am Ende! Es gibt keine Börse, keinen Seineden in, keine Maklerei mehr; — allesist purer Schwindel, Bauernfängerei, bringt Sqjhmach und Schande und Gott weiß was! Jch habe jetzt einen neuen Beruf, einen furoke In agd neuen Beruf, einen schönen und angesehenen Beruf —ich bin, zu Gutem, Schriftsteller. Ich schreibe! Du wirst natürlich fragen, wie ich zur Schriftstellerei komme? Das ist ein Wenk des Himmels. Du erinnerst Dich doch noch meines letzten Briefes: dort habe ich Dir erzählt, daß ich in dem Gasthof, wo ich wohne, mit einem Schriftsteller Bekanntschaft geschlossen habe, der in Zeitungen schreibt. Davon lebt er. Du fragst, wie er das. austeilt? Ganz einfach — er setzt sich hin, schreibt etwas, sendet es ab und es wird abgedruckt: wenn es gedruckt wird, kriegt er bezahlt für jede Zeile. Eine Kopeke für eine Zeile. Wieviel Zeilen, soviel Kopeken! Da hab' ich mir so gedacht: Um Hinimelswillen, bin ich denn weniger wert als er? Zu dein Geschäft muß man sehr gelehrt sein! Schließlich habe ich auch in einem Cheder gelernt und meine Handschrift ist' schöner als seine; wenn ich es nun probiere, einmal in einer jüdischen Zeitung zu schreiben, was kann das schaden? Den Kopf wird es sicher nicht kosten! Und meiner Seel', auf ja und nein — ich setzte mich hin und schreibe der Redaktion einen Brief: so und so steht die Sache und ich erzähle ihnen gleich meine ganze „Beigrafie": wie ich einmal auf der Börse einen Namen hatte, in Odessa und in Jehupez, wie ich dort meine Lehrjahre zugebracht habe, Händler und Makler mit „London", mit „Papieren" und mit Gütern und allem Guten bis in die Millionen gewesen, wie ich siebemindsiebzigmal schon Millionär und gleich wieder ein Schnorrer, schon ein großer Herr und gleich wieder ein Niemand geworden bin. Kurz und gut, ich habe keine Mühe gespart und ihnen alles genau geschrieben auf beinahe zehn Seiten. Und ich habe sie gebeten, mir zu antworten, wenn ihnen mein Schreiben gefällt: da will ich ihnen schreiben und schreiben, soviel es nur geht. Und nun stell' Dir vor: wirklich bekomme ich nach anderthalb Monaten Antwort von der Redaktion! Sie schreiben mir, daß ihnen mein Schreiben wirklich sehr gut gefällt, und schlaigen mir vor, ihnen alle meine Beschreibungen cinzelweis' zu schreiben; und wenn meine Beschreibigungen gut beschrieben sein werden, dann werden sie meine Beschreibigungen mit Vergnügen in ihrer Zeitung abdrucken und mir für jede Zeile zahlen, eine Kppekc für die Zeile, verstellst Du? Wieviel Zeilen, soviel Kopeken. Ich habe mir das sofort ausgerechnet: Wieviel kann ich zum Beir spiel da erschreiben? Zum wenigsten, so rechne ich, kann ich an einem langen Sommertag gut tausend Zeilen schreiben. Und das macht einen Zehner im Tag! Das heißt, es ergibt einen Verdienst von dreihundert Rubel im Monat. Gar nicht zu verachten,- meinst Du nicht auch? Ich habe nicht erst lauge überlegt, sondern habe mir eine Flasche Tinte gekauft und ein Ries Papier und mich zur Arbeit gesetzt. Da ich nun gerade im besten Schreiben bin, fasse ich mich kurz. So Gott will, werde ich Dir in Efstt Spetia.lm ^P^^^m^^^^I IPI^b^hI^^^^ wetkamtefür 365561 llHd | ISClIG Salongarnifturen und Einzelmöbelstücke ADLER, VII, Hpollog, 18 **J£&U.« den nächsten Briefen alles genau berichten, jetzt gebe Gott nur Gesundheit und Glück. Grüß' die Kinder, sie sollen leben, und Schwiegervater und Schwiegermutter, jeden extra sehr herzlich von ' Deinem Gemahl Menaclicm Mendel. Richtig: das Wichtigste! Wenn der Herr im Himmel mir hilft und ich meine Beschreibigung fertig habe (vor allem nämlich den Titel für die Beschreibigung, denn ich habe bisher noch keinen Titel), dann schicke ich sie sofort der Redaktion und ersuche, daß man Dir auf Deinen Namen nach Kasriliwke ein paar Rubel schickt f,(lr meine Rechnung. Ich möchte, daß Du, teure Gattin, auch Freude hast an meinem jetzigen Beruf. Alles ist da viel feiner als bei dem Maklergeschäft: den Verdienst nennen sie bei der Maklerei „Courtage?: bei der Schriftstellerei heißt er „Honorar" . . . Ein prächtiger Verdienst so ein Honorar, leicht und vornehm . . . Der Obige: (Fortsetzung folgt.) DIE MUTTER ROMAN VON SCHALOM ASCH. Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien- * (11 Fortsetzung.) Seit der Aelteste Geld aus Amerika zu senden und Mojschele „Ochs" seinen Verdienst vom Markt heimzubringen begann, achtete die Mutter auf Dwojres Kleidung. „Sie ist doch ein erwachsenes Mädchen" — sagte sie zu Anschel. Und Dwojrele hatte ein Paar Sabbat-Stiefeletten und — Wunder über Wunder — ein neues Sabbat-Stoffkleid, nach der „letzten Mode" genäht, mit einem großen Matrosenkragen rückwärts und einem gestärkten Plastron vorne. Zum erstenmal in ihrem Leben lernte Dwojre einen jungen Mann, kennen. Wohl war auch sie mit den Burschen von Kindheit an bekannt (wer kannte auch den anderen nicht in dem kleinen Städtchen?), doch zum erstenmal in ihrem Leben wurde sie einem jungen Manne „vorgestellt". Sie wußte nicht, was sie tun und was sie sagen sollte. Sie wurde bleich wie eine Wand, ihre Schläfen begannen zu zittern und an ihren: Hals traten, ein paar blaue Adern hervor, die sich auf der dunklen Haut abzeichneten. Ihr Herz klopfte, daß man es beinahe hören, konnte. Dann wurde sie rot und wieder bleich. Endlich erinnerte, sie sich, daß sie ^las neue, nach der „letzten Mode" genähte Sabbat-Kleid trug, verließ sich auf den Matrosenkragen und wurde ruhig... Noch mehr als sie war Henoch verlegen! Henoch Lipski, der bei den Burschen „obenauf" war, in dessen Gegenwart sie sich nicht trauten, den, Mund aufzutun, da Henoch alles besser wußte als jeder andere, dieser Henoch war hilflos in der Gesellschaft von Mädchen. Er konnte keinem Mädchen ins Gesicht sehen, stets suchte sein Blick den Boden, und er sprach, als wollte er den Mäusen ein Geheimnis ins Ohr raunen. So stand denn Henoch genau' so wie Dwojre da, rot, halbtot, die langen Hände wußten nicht, wo sie hingehörten, und er lächelte dümmlich. Zunächst gingen alle miteinander, Burschen und Mädchen, wie sich's traf, und Leibel, der Obertei'lherrichter, samt Chane, der Sfrumpfwirkerin, bestritten das Gespräch für alle. Allmählich .begann sich die Gesellschaft in Pärchen zu teilen; jeder hatte seihe „Sympathie" und die Pärchen gingen einzeln. Die einzigen,- die übrig waren, waren Henoch und Dwojre. Beide befanden sich zum erstenmal „in Gesellschaft" und hatten keine Ahnung, was sie beginnen sollten. Lange Zeit gingen sie durch die Allee, ohne ein Wort zu sprechen. Beiden klopfte das Herz, beide blickten seitwärts, beide wußten nicht, wie sie anfangen sollten. Dwojrele baute auf das neue Kleid, das sie trug, und auf ihre neuen Schuhe, Henoch auf den Zelluloidkragen, den er zum erstenmal für den Sabbat-Spaziergang im Garten augelegt hatte ... Als sie an einem reich behangenen Apfelbaum vorüberkamen, stießen sie unversehens an und ein roter, reifer Apfel rollte zu ihren Füßen nieder. Henoch hob den Apfel auf. Lange Zeit hielt er ihn in der Hand und ^schien überhaupt nicht zu wissen, was man mit einem Apfel beginnt. Plötzlich reichte er ihn, ohne ein Wort zu sprechen, Dwojre hin. Dwojre erschrak. Sie schämte sich, den Apfel zu nehmen und hatte Angst, abzulehnen, um nicht „provinzlerisch" zu erscheinen. Endlich nahm sie, ebenfalls wortlos, den Apfel an und wußte auch nicht, was sie mit ihm beginnen sollte. „Dwojre," — begann Henoch — „ich möchte Sie gern allein treffen" — dabei sah er angestrengt nach einer Seite hin. „Warum allein?" -r fragte Dwojrele; sie verstand nicht, was er meinte. „Ich möchte Sie gerne allein treffen, wenn keiner dabei ist" * Dwojrele schwieg. „Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen" .-- fügte Henoch nach langer Pause hinzu. „Warum denn nicht? Wir können uns treffen" — erwiderte Dwojrele mit Herzklopfen. Lange Zeit schwiegen beide, als hätten sie etwas Furchtbares begangen. Dwojrele war es, die wieder auf das „Rendezvous" zu sprechen kam. „Wo werden wir uns treffen?" — erinnerte sie ihn. „Wollen Sie zur alten Mühle kommen? . Ich werde dort auf Sie warten." Dwojre antwortete nicht. Nach einer Weile kam eine ihrer Bekannten hinzu und fragte: „Wovon sprecht ihr? Ach, ein Geheimnis? Oh, ich bitte um Entschuldigung." „Nein, gar kein Geheimnis. Wir haben so geplaudert"— verteidigte sich Dwojre. Dann trafen sich alle Pärchen wieder und die Burschen und Mädchen gingen, in geschlossener Gruppe. Die Strumpfwirkerin sang ein Lied und Henoch und Dwojre "hatten keine Gelegenheit, ihre Verabredung zu Ende zu bringen. Doch als man zu der Allee kam, wo Abschied genommen wurde, gaben alle, wie es üblich war, einander die Hand. Als nun Henoch Dwojrele die Handreichte, da erst antwortete sie: „Ja" — das sagte sie Jiastig, mit einem sonderbaren Ton. Lange, lange nachher klang dieses „Ja" in- Henochs Ohren, wie eine wunderbare Melodie. Ihm war es, als läge in diesem ,Ja" so viel Schönheit, so viel Reiz, so viel von etwas, was er nicht ausdrücken konnte. „Ja hat sie ge{5agt" — wiederholte er sich immer wieder. — „Ja hat sie gesagt" — und er hüpfte durch die Gassen wie ein junger Bock. Er hätte die Welt aimarmen und abküssen können... Viel4 hätte er darum gegeben, wenn er das jemand hätte erzählen können ... In dieser . Nacht schlief 'keinesvon .beiden. Dwojre hatte irgendwo einen kleinen Spiegel versteckt, den holte sie hervor, wischte ihn immer wieder ab und sah sich heimlich an.' Ehe sie schlafen ging, flocht sie ihr Kraushaar fester ein und zog das rote Sabbat-Band fest zu, damit das Haar nicht wieder aufgehe. Henoch wusch vor dem Schlafengehen seinen Zelluloidkragen. Am nächsten Tage mußte Dwojrele bei ihrer Arbeit dreimal falsche Nähte auftrennen, die sie: in Chane Reiseis Ausstattungshernd gemacht hatte. Die Mutter sprach/ den ganzen Tag davon, daß Dwojrele, Gott behüte, von irgend jemanden den bösen Blick bekommen haben müsse; sie sehe aus,, als ob sie Fieber hätte. Tatsächlich glühten Dwojreles Wangen; Der Vater sagte, er habe schon lange ge;- \vu0't, daß das Mädchen nicht recht beisammen sel;: „Ich habe schon lange gesehen, daß mit dem Mädel etwas geschehen ist, doch ich habe geschwiegen." „Anschel, du machst mir Angst. Was hast du gewußt, was?" — fragt Sure Rifke. „Sie geht doch herum, als wäre sie von bösen Geistern besessen." „Schweig', um Gottes willen, schweig'!" Als der Abend kam, stellte sich Dwojrele vor den Hausspiegel; der bestand darin, daß unter die Glasscheibe des Schrankes eine alte schwarze Schoß der Mutter gespannt war (die Erfindung stammte von Mojschele „Ochs"). Darin spiegelte sich Dwojrele lange Zeit, flocht ihr Haar in einen Zopf und zo« das rote Sabbat-iBand durch. (Fortsetetwig fotgrO

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