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Die neue Welt · 1928-06-22 · Heft 40 (22.6.1928) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 40 (22.6.1928)
Date
1928-06-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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Nr. 40 DIE NEUE WELT Seite If SCHOLEM ALEJCHEM: MENACHEM MENDEL. (Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 1921 by R. Löwit. Wien und Leibis. (4. Fortsc zung.) 22. Brief. * Scheine-Scheindel aus KasrUiwke an ihren Gatten / Menachem Mendel in Jehupez. Dem hochgeehrten, edlen und mächtigen Herrn, dem weisen Kenner der Thora, dem hochgelehrten Reb Menachem Mendel ehrfürchtigen Oruß! Erstens vermeide ich Dir, daß wir alle, Gott sei Dank, beim besten Wohlsein sind, gebe Gott uns, das gleiche von Dir zu hören und nie Schlimmeres. Zweitens teile ich Dir mit, daß Du nicht weit vom Wahnsinn bist; es fehlt Dir nur noch eines — mit einem Stock durch die Straßen laufen: was für großartige Verrücktheiten: er spritzt Oas, fliegt nach Paris, wirf« mit Millionen herum! Er vergleicht sich mit den Jehu-< pezer Millionären. Sie haben kein Geld und e r hat ~ erst recht keines; wie sagt die Mutter: „Also bin ich auch ein Vieh und darf auch im Stall krepieren." Denk' an meine Worte, Mendel. Man wird Dich nach Hause bringen, entweder in Ketten oder im Leichentuch, nach allem, was; Du wert bist. Denn Du sollst doch endlich daran denken, daß Du eine Frau hast (bishundertundzwanzig Jahre), welche mehr versteht als Du; und für Deine Geschenke. Mendel, die Du für mich kaufen willst, für die danke ich Dir sehr herzlich. Möge Gott den Jehupezer Kaufleuten nur so viele Kunden bescheren wie Du und Deine Kompagnons, diese Erzlügner, welche Millionen und Milliarden verdienen und für einen Groschen krepieren. Gebe es Gott nur fürderhin und nichts Schiimmefes; so wünscht Dir viel Gutes und dauerndes Glück Deine wahrhaft treue Frau Scheine-Scheindel. , Ich will ebenso von einem Unglück in meinem Leben wissen, wie ich von der Dreyfusgeschichte, die Du mir erzählt hast, auch nur ein Wort verstehe! Wie kommt ein Jude dazu, ein Kapitän zu sein, und was ist das für eine „Bordero", die einer auf den anderen schiebt? Wozu hat der Zola durchgehen müssen, und warum hat man ihn erschießen wollen und warum gerade von hinten und nicht von vorn? . . . Wie sagt die Mutter: „Ziegen mögen so von fremden Gärten wissen, wie er weiß, was mit/ihm' geschieht« . . 23. Brief. 'Menachem Mendel aus Jehupez an seine Frau Scheine* Scheinel in KasrUiwke. | Der teuren, edlen, tugendhaften und klugen Ehefrau Scheine-Scheindel meinen Gruß! Zum ersten sei Dir kundgetan, daß ich — Dank Seinem lieben Namen! — gesund bin und mein Leben das des Friedens; der Herr, gelobt sei er, möge helfen, daß eines vom anderen nur Gutes höre in guter Botschaft zu Trost tmd Heil — Amen. Zum zweiten wisse: Den Kaukasus hätte die Erde verschlingen sollen, ehe ich noch von ihm etwasl wußte! Ich darf mich gar nicht auf der Börse blicken lassen; was ist geschehen? Die Sache ist sehr einfach* Gestern komme ich auf die Börse, da kommt mir Tod res entgegen und sagt: „Hört, mein lieber Herr, wo ist eigentlich Euer Kaukasus?" „Kaukasus" antworte ich — „ist im Kaukasus; was gibt es denn?" „Ich habe"i — sagt er mir — „auf der Landkarte gesucht, wo Euetf Geschäft eigentlich liegt und da ergibt sich, daß die* Stadt, die ihr genannt habt, überhaupt nicht existiert!"; „Was heißt das" — sage ich — „nicht existiert?" .„Das heißt" —sagt er —„daß es eine solche Stadt auf der ganzen Welt nicht gibt. Das ist ein Name aus dem Märchenland .. Wie kann ein anständiger Jude" — sagt er — „jemandem ein Geschäft antragen, das glatt erfunden ist? Und dazu, wem? Rothschild! Wißt Ihr" — sagt er — „wer Rothschild ist?!" „Warum" — sage ich — „sollte ich nicht wissen, wer Rothschild ist? Ich weiß es sehr gut" — sage ich —j wer Rothschild ist, aber was kann ich dafür?" — sage ich — „Man hat es mir so gesagt und ich habe es Euch weitergesagt." Ich bin sofort gerannt, um den Zylinder aufzusuchen und habe ihn im „Jüdischen Kaffeehaus" gefunden, wo alle Juden sitzen; natürlich habe ich ihn mir sofort vorgenommen: „Sagt einmal, Zylinder, mein Herzchen, wo liegt eigentlich unser Geschäft?" „Sonderbare Frage" — antwortete er — „das ist doch Euer Geschäft, Ihr habt doch den Käufer!" „Nein" — sage ich — „ich meine die Sache selbst: wo liegt das» an welchem Ort, wie kommt man hin, durch welche Stadt fährt man?" „Das freilich" — fängt er an — „weiß ich nicht ganz genau, das weiß mein Kompagnon." Also sind wir zusammen den Kompagnon suchen gegangen; der Kompagnon aber sagt, daß ihm das der mit der roten Nase gesagt habe. Die rote Nase wieder sagt, daß er nichts geträumt und erfunden habe. Er hat von dem Makler mit den dicken Lippen gehört» daß der Zylinder ein Geschäft im Kaukasus hat; doch wie, wo, was — das weiß er ebensowenig, wie er von Schlechtem etwas wissen will! Kurz und gut, wir wollen der Sache auf den Grund kommen, woher das Geschäft stammt und wer es aufgebracht hat; doch einer hat es auf den anderen geschoben, der auf den und jener auf jenen, so lange, und so breit, bis es dabei geblieben ist, daß an allem ich schuld bin; ich habe schon so ein Glück, meiner Seel', daß ich immer und überall das Opferlamm bin! . . . Weißt Du dehn, teure Gattin, was ich ausgestanden, habe?, .Wenn man Heia OUick hat, soll am sich liebef gleich lety fidig begraben lassen! Was ich anpacke, ist anfangs, wie es aussieht, gut und schön; es' scheint, als ob ich jetzt und jetzt das Olück zu fassen kriegte und jetzt habe ich es in der Tasche — und zum Schluß dreht sich das Rad und alles wird zu nichts. Es ist mir anscheinend nicht bestimmt, bei der Maklerei' emporzukommen, einen fetten Bissen zu fassen und auf und davon zu gehen! Es ist nicht bestimmt, daß Menachem Mendel vorwärtskommen soll wie andere Makler in Jehupez. Alle machen ihr Glück, nur ich allein stehe da» muß zusehen, wie die Leute Geschäfte machen und Geld verdienen und stehe dabei, als wiir' ich fremd. Ich sehe vor mir Millionen und Millionen und kann sie nicht fassen ... Ich bleibe immer irgendwie draußen . . . Habe ich vielleicht doch nicht den richtigen Weg «-crsucnt? Kein Mensch weiß, wo sein Glück zu finden ist , . . Mau muß es lange suchen, und wer sucht, der findet . . . Doch da ich sehr niedergeschlagen bin, fasse ich mich kurz. So Gott will, werde ich im nächsten Brief alles genau berichten. Grüß' Schwiegervater und Schwiegermutter und schreibe mir, wie es mit Deiner Gesundheit steht, und küsse die Kinder, sie sollen leben und gesund sein, und schreibe mir, was es bei Euch in Kasrilhvke Neues gibt. Dein Gemahl Menachem Mendel. Richtig: d a s W i c h t i g s t e! Wenn man das Unglück der anderen betrachtet, wird es einem etwas' leichter ums Herz. Da nimm zum Beispiel den Gast» welcher mit mir im selben Zimmer wohnt. Er war einmal Erste Spezial- £ mm**W ff m tvetksiäUcför 3655£?l Ulld | | SC II CS Salongarnituren und ElnzeSmöbelstUcke ADLER, VII, flpoHog, 18 K«.««Sfc»« 12 Rendar, sagt er, ein reicher Mann, Herr über Häuser und Läden, auch eigene, heute ladet er „Frachten". Er hofft, damit viel Geld einzunehmen, viel Geld. Da er aber jetzt keinen Groschenim Beutel hat, hält er sich bei mir auf. Bis er, so Gott will, sein Geld aufladen wird, wird er mich, wie er sagt, nicht vergessen . . . Noch einer wohnt mit mir zusammen, der ist noch ärmer als der erste: er ist Schriftsteller. Er schreibt in Zeitungen und verfaßt ein Buch! Inzwischen, bis sein Buch fertig wird, hält er sich bei uns auf und aus Mitleid gibt ihm die Wirtin manchmal ein Glas Tee. Noch einer wohnt bei uns im Gasthof, das ist ein besonders kostbares Stück; gegen ihn ist der Schreiber ein Hund! Wer und was der ist, weiß ich selber nicht recht: Ein wenig Agent, ein wenig Schadehen, ein wenig Schreiber, er singt auch Lieder und fängt Ratten, — ein sehr lustiger Jude; er hat kein Hemd auf dem Leibe und für ein Stück Brot springt er ins Feuer! Kurz und gut, man sieht soviel Unglück auf der Welt» daß man das eigene vergißt! . . . Vergiß nicht, um Himniclswillen, mir über Dein Befinden zu schreiben und von den Kindern, (sie sollen leben) und vom Schwiegervater und der Schwiegermutter und von jedem extra. Der Obige. (Fortsetzung folgt.) R O MAN VON Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien. UTTE SCHALOM ASCH. (10. Fortsetzung.) Hilflos ging Henoch umher; denn niemand war da, der ihn bei der Hand nahm und ihm einen Weg wies-. Hie und da stieß er auf eine Schrift, die ein schwaches Licht auf einen neuen Weg warf, doch bald schwand das Licht und der Weg war dunkel wie zuvor. Ins Beth-Hamidrasch ging er aus Gewohnheit — er lernte, betete, weil er nichts anderes zu tun hatte. Doch sein Herz war leer und das Leben schien ihm zwecklos. „Wie kann, man ohne einen Messias leben?" s> Der Vater merkte wohl etwas, doch seiner Gewohnheit gemäß schwieg er. Dennoch war es deutlich, daß er etwas merkte, denn eines Abends sagte er anscheinend ohne Absicht: „Wie kann man. ohne Ziel leben?" Doch woher das Ziel, nehmen? Und wo ist der Weg zum Ziel? Henoch suchte ihn vom ersten Tag an, seit er das erste Ziel vorloren hatte. Er lag die ganzen Sommertage im Wäldchen beim Friedhof und las. Im Winter saß er in der Frauenschnl' oder beim Elementarlehrer und lernte russische Grammatik, später verbrachte er seine Zeit bei einem Studenten aus Litauen, der Lektionen gab. Er las die Schriften von Smolenski und Mapu, dann und wann wagte er sich auch an ein russisches-Buch: „Trage ich die Schuld, daß ich das .Ziel' nicht finde? Aber es muß doch irgendwo sein, sonst hätte doch die Welt keinen Zweck." Eines Tages kam ein junger Mann aus Zochlyn in die Stadt; er blieb bloß ein paar Tage dort und kam auch ins Beth-Hamidrasch. Dort ließ er sich mit den Burschen in ein Gespräch ein. Dann nahm er Henoch zu einem Spaziergang ins Wäldchen mit, dabei erzählte er ihm, wie es in den großen Städten aussah. Er sprach von der wahren Gerechtigkeit und Menschenliebe und sagte, alles: komme auf die eigene Kraft an, man müsse nur wollen. Statt weiter zu reden, ließ er Henoch einige Schriften zurück; sie waren in gewöhnlichem Jiddisch geschrieben. Diese Schriften verursachten eine Revolution in Henochs Denken. Was darin stand, das hatte er geahnt und hatte es doch nicht geahnt, und es war doch so offenbar ... Zwei dieser Schriften waren von Perez: „Das Straimel" und „Boncie, der Schweiger". Das „Straimel" brannte wie ein glühendes Eisen den letzten Rest von Glauben an das „Straimel" aus und ließ im Herzen eine offene Wunde zurück ... Und „Boncie, der Schweiger" pflanzte in diese offene Wunde etwas Neues ein, davon sie zu heilen begann... Mit der gleichen Ekstase und heiligen Frömmigkeit, mit der er an den Messias geglaubt hatte, begann Henoch an einen neuen Messias zu glauben — an Boncies Messias. Fünfzehn Jahre war Henoch alt, mit fünfzehn Jahren hatte er schon eine Welt zertrümmert und baute eine neue,, Henoch wurde Handwerker; er trat zu dem Buchdrucker Getzl in die Lehre. Dort verdiente er fünfundzwanzig Rubel im Quartal. Zu Hause sah man es für ein Unglück an, daß Henoch das Studium aufgegeben hatte. Der Vater schwieg seiner Gewohnheit gemäß. Doch ärger als sein Schweigen war, daß er den Sohn nicht bemerkte. Er wohnte mit ihm in einem Zimmer» aß mit ihm an einem. Tisch, doch er sah ihn nicht mehr. Der Vater verstand es so einzurichten, daß er, wenn er es wollte, einen Menschen vollständig übersehen konnte. Er fragte ihn nicht nach seiner Arbeit und wandte sich mit keinem Wort an ihn, als wäre Henoch gar nicht vorhanden. Und die Mutter hatte ihren nächtlichen Seufzern noch einen hinzugefügt, den um den Sohn, der Handwerker geworden war... Damals lernte Henoch Dwojre kenneu. VI. Das erste Rendezvous. Die offizielle „Bekanntschaft" zwischen Henoch und Dwojre erfolgte eines schönen Sabbat-Nachmittags bei Jtte im Obstgarten; es war wirklich ein schöner Sabbat-Nachmittag zur Sommerszeit. Die Sonne" leuchtete hell, die Aepfel und die Birnen reiften auf den Bäumen. Stachel- und Johannisbeeren waren schon reif, die Zwetschken noch grün und die Kirschen schon vorüber. Die Burschen des Städtchens gingen, ihre Bücher unterm Arm, in einer Allee des Gartens spazieren und die Mädchen des Städtchens in den frisch gebügelten Satinkleidern, die Bücher unterm Arm, in der anderen Allee. Bei der lebenden Laube, welche neben dem großen Birn« bäum stand, schnitten sich die beiden Alleen und da traf es sich stets, daß dort die Burschen und die Mädchen von beiden Alleen, zu gleicher Zeit zusammenkamen. Belm ersten Zusammentreffen wurd<i kein Wort gewechselt, nur Blicke flogen hin -und her. Beim zweiten Zusammentreffen begann4 einer von den Burschen zu lachen, darauf kreischten die Mädchen quietschend auf und Hefen rasch vorüber. Beim dritten Zusammentreffen, warf ein wagemutiger Bursche ein Scherzwort zu den Mädchen hinüber: „Rote Kirschen fallen von .-den Bäaimen" und ein wagemutiges Mädchen erwiderte: „Grüne Aepfel sind sauer". Beim vierten Zusammentreffen hielt Leibusch, der Oberteilherrichter, der schon ein halbes Jahr in Lodz gewesen war und daher wußte, wie man mit Mädchen umgeht, die Burschen an und begann die, welche einander noch nicht kannten, „vorzustellen". Henoch Lipski wurde von dem erwähnten Leibusch vorgestellt, Dwojre Zlotnik von Chanele, der Strumpf Wirkerin, welche die Burschen schon kannte. Dwojre war damals sechzehn Jahre alt, doch der Umstand, daß sie selbständige Näherin war, gab ihr eine „soziale Stellung". Die älteren Mädchen nahmen sie in ihre Gesellschaft. Mit ihren ganzen sechzehn Jahren und mit der schweren Last, die auf ihren jungen Schultern von Kindheit an ruhte, sah Dwojrele genau so alt aus wie damals, als wir sie zum erstenmal trafen. Sie war nur größer geworden, doch sie sah aus wie ein altkluges Kind. Vergebens hatte die Mutter versucht, ihr wildes Kraushaar in zwei Zöpfen, zu bändigen. Doch da halfen auch die zwei roten Seidenbänder nicht, mit denen die Mutter die Haare einflocht. Die Haare, welche noch gestern nachmittag in einem Faß heißen Wassers gewaschen worden waren, entsprangen den Fesseln der Zöpfe und fielen wie junges Gras, wie seidig-edle Pflanzen über Dwojres Gesicht, über ihre Stirn und ihre Augen. Dwojre mußte sie mit einer Bewegung des Kopfes von den Augen vertreiben. Sie war klein für ihr Alter ■und sah aus wie ein Kind, das sich als Erwachsener .verkleidet hat »M . .(CotteeteHUg foigfc),

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