Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 39 (15.6.1928)
- Date
- 1928-06-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 SCHOLEM ALEJCHEM: MENACHEM MENDEL. (Ans dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 1921 by R. Löwit. Wien und LelpziK. (23. Fortsetzung.) s 20. Brief. ScheiMe-Scheiadei aus KasriHwke an ihren Gatten Menachem Mendel in Jehupez. iDem hochgeehrten edlen und imäohtigen Herrn, dem weisen Kenner der Thora, dem hochgelehrten Reb Menachem Mendel ehrfürchtigen Gruß. Erstens vermelde ich Dir, daß wir alle, Gott sei Dank, beim besten Wohlsein sind: gebe Gott uns, das Gleiche vo» Dir au hören und nie Schlimmeres. Zweitens teile ich Dir in aller Kürze trrit, daß ich schon keine Kr.a.ft mehr habe, in Dich hineinzureden; es ' ist das Gleiche, wie wen« ich Erbsen an die Wand werfe. Wie sagt die Mutter: „Spiel' dem Bräutigam die weinerlichsten Lieder, er hat das Seine im Sinn . . ." Du bist gewiß eine geachtete Persönlichkeit in Jehupez, denn Du stehst doch bei Brodaki's Tür und bei Dir fliegen die Millionen nur so. Doch bei all denn brauchst Du Dich nicht überheben, denn die Millionen sind vorläufig noch bei Brodaki, nicht bei Dir, und es kan-rf dazu kommen, daß der Boden, welcher Erdöl spribzt, auf einmal gewöhnliches Wasser spritzt, und dann gibt es was, am Ende Ohrfeigen — und wer wird sie kriegen? Du! Darum rate ich Dir, beizeiten dort Schluß zu machen und nach Hause zu kommen. Vergiß, was bisher gewesen ist. Vielleicht bin ich Dir 'mit einem Wort zu nahe .getreten; wie sagt die Mutter: „Besser eine Ohrfeige von einem Freund als einen Kuß von einem Feind". Und nun telegraphiere sofort und setz' Dich auf zur Heimreise, und das, so schnell es «cht, damit ich das alles einmal los bin. So wünscht Dir viel Gutes und dauerndes Glück Deine wahrhaft treue Frau r> S ch e<i n e - S c h e i nde 1. / Ich kann Dir eine Neuigikeit erzählen, die sich bei uns ereignet hat; die ganze Welt ist voll davon! Du kennst doch Motel-Mojsche, Mcirs Sohn. Der hat eine Tochter mit dem Namen Raze. Das ist ein Reiz vor Gottes Thron; eine ^gebildete", gelehrte Mamsell, „leiert nur so französisch"; „trommelt auf dem Klavier", .gibt sich mit keinem aib. Natürlich! Sie stammt doch von Bettelleuten; wie sagt die Mutter: „Vornehme Abkunft ist kein Spaß ..." Kurz und gut, man redet ihr „Partien" aus der ganizen Welt; doch sie dreht und wendet sich; was man ihr zeigt, gefällt ihr nicht; sie will einen Mann mit allen Vorzügen; er soll schön und gescheit und reich sein dazu — mit einem Wort, der Mond vom Himmel! Die Schadchonim haben sich alle Glieder verrenikt und haben ihr einen. Bräutigam aufgefischt, ein Schatz, sagt man, ein Paradiesapfel und daiau> aus einem feinen, kleinen Städtchen, aus Awdtsch! Man kommt zur Brautschau; wie es Brauch ist, läßt man Bräutigam und Braut in einem Zimmer allein, damit sie sich .kennen lernen. Da beginnt sie: „Was sagt man bei Euch über Dreytius?" Drauf der Bräutigam: „lieber welchen Dreyfois?" Da ruft sie: „Ihr wißt nicht, wer Dreyifus ist?" „Nein," sagt er, „mit was handelt er?" ... Sie ist sofort aus dem Zimmer gelaufen und itn Ohnmacht (gefallen; und der arme Bräutigam mußte mit Schimpf und Schande zurück nach Awdtsch; der Teufel hole ihn und sie und beide! Ich bitte Dich: erkläre atiir (Du kommst doöh unter die Leute): wer ist der Dreyifus, von dem die gan®e Wie*t awf ist? 21. Bri'ef. Menachem Mendel aus Jehupez an seine Frau Scheine- Sclielndel in KasriHwke. Der teu-ren, edlen, tugendhaften und klagen Ehefrau Soheine-Scheiindel meinen Gruß! Zum ersten sei Dir ikundgetan, daß ich — Dank ' Seinem lieben Namen! — gesund 'bin und mein Leben das des Friedens; der Herr, gelabt sei er, möge helfen, daß eines vom anderen nur Gutes höre in guter Botschaft zu Ta»ost und Heil — Amen. Zum zweiten wisse: Mit ßrodzki bin ich auseinandergegangen; wir haben uns (Gott behüte) nicht gestritten, aber ich habe aufgehört, ihinaugeben; denn wozu brauche ich Brodzki, wenn ich Verbindungen anknüpfe mit Rothschild in Paris?! Du wirst natürlich fragen, wie, ich, Menacheim Mendel, zu Rothschild nach Paris komme. Die Antwort darauf ist wieder der Kaukasus und wieder Erdöl! Alle Erdölquellen im Kaukasus gehören ihm und er selber sitzt in Paris. Wie kommt also die Katze übers Wasser? Da 'habe ich einen Gedanken: Bei uns an der Börse ist ein Keri gewesen, der heißt Todres; dieser Todres war einmal ein großer „Spiegulant", ein leidenschaftlicher Spdegulant. Als die Leute damals ihre paar Gulden angebracht haben, da wurden alle großen Spiegulaniten (darunter auch ich) Makler. Todres aber ist damals nach Paris und dreht dort die feinsten, größten Geschäfte, nach Millionen! Zu meinem Glück ist Todres gerade jetzt hier in Jehupez; ich natürlich nicht faul, bin sofort zu ihm und habe ihm wunderbar auseinandergesetzt, daß ich eilten Ort im Kaukasus aufgespürt habe, wo Erdöl aus dem Boden spritzt; und da man dafür eine. Menge GeW verlangt, so ist es klar, daß diese Sache nur für Paris paßt. Und Todres ruft sofort: „loh habe einen Käufer!" Ich frage: „Wer ist es?" Drauf er: „Rothschild!" „Ihr kennt" — frage ich — „Rothschild?" „Ob ich Rothschild kenne?" — antwortet er „Ich wollte, wir beide hätten das im Vermögen, was ich ihm DIE NEUE WELT Seite M schon in Geschäften umgesetzt habe; ein paar schöne Tausender habe ich an ihm schon verdient!" „Nehmt mir's nicht übel" — sage ich — „es wäre vielleicht gut, wenn Ihr über die Sache an Rothschild nach Paris schreiben würdet." „Schreiben" — sagt er — „ist keine Kunst! Ich stehe mit ihm so, wie zwei Leute eben miteinander stehen, doch das gehört nicht zur Sache. Ich brauche einen Plan, einen gezeichneten Plan; anders geht die Sache nicht!" Kurz, ich bin zu meinen Kompagnons und habe ihm von ihnen einen Plan gebracht, mit allem, was dazu gehört. Nun, meine teure Gattin, gefällt es Dir. wie Menachem Mendel mit Gottes Hilfe ein Geschäft einfädelt? Der Herr, gelobt sei er, möge nur helfen, daß eine günstige" Antwort von Rothschild kommt, dann kannst Du Dir denken, wie neben mir alle die Jehupezer großen Makler aussehen werden! Schlimm ist nur, daß es inzwischen an paar baren Groschen fehlt; Du solltest sehen, wie es bei uns zugeht, wie knapp die .Welt an Geld ist! Man hängt sich beinahe auf um einen Rubel! Jeden Tag gibt es eine große Pleite. Doch Du brauchst keine Sorge haben, meine teure Gattin: alles hat seine Zeit; nach dem großen Kummer werden wir, so Gott will, große Freude haben, wenn nur die gute Nachricht aus Paris kommt. Dann will ich sofort in ein Geschäft gehen und, so Gott will, an Dich und an mich und an die Kinder denken, sie sollen nur alle gesund sein. Doch da ich sehr beschäftigt bin und keine Zeit habe, fasse ich mich kurz. So Gott will, werde ich Dir im nächsten Brief alles genau berichten. Jetzt gebe Gott nur Gesundheit und Glück. Grüß' die Kinder und jeden einzelnen sehr herzlich von Deinem Gemahl M e n a*c h e rn M e n d e 1. Richtig: das Wichtigste! Was Du über Dreifus fragst — das ist eine sehr schöne Geschichte. Sic verhält sich folgendermaßen: In Paris gab es einen Kapitän Dreyfus, das heißt, das war ein Kapitän, der hat geheißen Dreyfus. Und Esterhazy war ein. Major (ein Major ist älter als ein Kapitän, oder vielleicht umgekehrt, der Kapitän ist der welkstäHeför S6SS6I Ul"*TISCh€» Salongarnituren und Einzelmöbelsftücke ADLER, Vit, flpollog. 18 k..«^» Aeltere). Der war nun (der Dreyfus nämlich) ein Jude und der Major Esterhazy ist ein Christ. So hat er die Bordetf) geschrieben; das heißt, der Major Esterhazy hat die Bordero geschrieben und die ganze Sache auf Dreyfus geschoben. Da ist Dreyfus gekommen und wollte sich verantworten: man hat ihn jedoch verurteilt, auf einer Insel mitten im Meere für ewig eingesperrt zu sitzen. Da ist Zola gekommen und hat ein Geschrei erhoben und hat augenscheinlich bewiesen, daß er klipp und klar davon überzeugt ist, daß nicht Dreyfus die Bordero geschrieben hat: was wollt ihr von ihm, das hat doch der Ma.jor getan, der Esterhazy! Da hat man ihn auch verurteilt, auch zu Gefängnis; er hat sich's aber überlegt (eben der Zola) und ist durchgegangen. Da ist noch einer gekommen, mit Namen Piquart, ein Oberst, und hat auch angefangen zu schreien und zu lärmen. Da ist vorgetreten der Mercier, das war gar ein General, und noch einer, ein gewisser Röchet, auch ein General, und noch eine Menge Generale, und alle haben falsches Zeugnis abgelegt wider Dreyfus. Da ist ein großer Lärm. unter den Franzosen entstanden, daß man ihn zurückbringe, nämlich den Dreyfus. Man hat ihn nach Reimes gebracht vor Gericht und dort ist ein' Advokat direkt aus Paris angekommen. Den wollte man erschießen, man hat ihn aber von hinten angeschossen. .Er aber, hat alle Generale zum Teufel gejagt und deshalb hat •man den Dreyfus abermals verurteilt: doch man hat ihn bald freigelassen, das heißt also: schuldig und doch nicht schuldig — und wenn ich Fips heißen sollte! ... Jetzt verstehst Dm doch die Dreyfus-Geschichte? Der Obige. (Fortsetzung folgt.) DIE MUTTER ROMAN VON SCHALOM ASCH. Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien- % Es gab keinen Unterschied zwischen Mein und Dein. Alles war gemeinsam. Die reichen und die armen Cthassidiim hielten eng zusammen. Alle duzten einander. Am Hof des Rabbi, beim Gebet oder bei den, Mahlzeiten drängten sich alle ohne Ausnahme, alle waren miteinander vermengt, alle sangen zusammen, der eine legte dejn. anderen die Hand auf die Schulter, der eine faßte den anderen an der Hand . und alle, strebten, bin zu dem Juden, der, das Gesicht mit der Hand bedeckt, obenan saß dndxseufz'te. Wenn man, ihm das Essen .in einer .riesig' gr'bßen Schüssel auftrug, so nahm er mit der, Hand .ein Stückchen Fisch oder Fleisch umd kostete davori. Das übrige schob er den Chassidim »hin; und man riß sich urn die Teller und jeder wollte von dem Gericht haben, das der Rabbi berührt hatte. Wenn der Rabbi die Tihora zu erklären begann, so wurden all die Tausende ®u e ine m Menschen, zu eine im-. Körper; sie beugten sich vor, um zu hören, was der Rabbi sprach. Und wenn einer am Tisch ein Lied anstimmte, so fielen afle ein und sangen zusammen; begann jemand zu tanzen, so faßten alle einander an, der "Arm© nahm den Reichen und einer drängte den anderen in den, Reigenkreis, einer faßte den anderen beim Kaftan, an den. Händen, an der Schulter und sie tanzten alle miteinander. So lebten all die Tausende fünf Tage, alle miteinander, eine Familie, ein Fest. Henoch schien es-, als seien die erwachsenen Väter, die versorgten, verhasteten, geschäftigen Juden Kinder geworden.'Die ganze Welt war frei geworden, „aus der Schule entlassen". „So wird es sein, wenn, der Messias kommt," — dachte der Knabe — „doch dann werden es alle Juden in der ganzen Welt sein, und nicht nur die Juden, sondern alle Menschen der ganzen Welt werden so sein, Averden zusammen leben, in einem Einkehraus absteigen, zusammen essen, sich zusammen freuen, zusammen singen und tanzen. Der Messias wird der Rabbi sein und alle Menschen der ganzen Welt seine .phassidira — alle Menschen der ganzen Welt! Die Gojirn allerdings nicht, die Gojirn werden sterben, untergehen — alle Menschen in der Welt werden Juden werden." Und mit seiner ganzen innerlichen Begeisterung, dem starken reljgösen Instinkt eines naiven Knaben unternahm es Henoch, den Messias näher zu bringen. Er fastete halbe Tage, betete viel und inbrünstig, vernachlässigte kein Wort des Gebetes und glaubte, jeder Tag, der vergehe, nähere die Erlösung: „Er kommt, er kommt, der Messias kommt..." Bis eines Tages diese seine ganze Welt zusammenstürzte und jede Hoffnung schwand und jeder Glaube. Das begann mit verschiedenen Fragen, die von. Kindheit an in des Knaben Kopf arbeiteten. Erst hatte er Angst, an sie zu denken, und versuchte, sie mit den herkömmlichen Erklärungen zu beantworten. Die erste Fräse jedes gläubigen Knaben: „Warum gibt es Gut und Böse?u wurde Ürai beant- (9. Fortsetzung.) wortet; jeder Wanderprediger, der in die Stadt,kam, predigte darüber," jedes Moralbüchlein suchte dies damit zu erklären, daß Gott dem Menschen die Wahl gelassen hat. Doch von dieser Frage kam Henoch zu einer schwereren, über die nachzudenken er bisher sich gefürchtet hatte: „Warum hat Gott Gojirn und Juden geschahen? Warum hat er verschiedene Religionen zugelassen? Wenn er allmächtig ist, warum richtet er es nicht so ein, daß alle an ihn glauben? Wenn er das aber nicht tut, welche Schuld haben die Gojirn daran, daß sie Gojirn sind? Warum ist es ihnen beschieden, unterzugehen?" . Dann kam die Grundfrage, an die er sich gar nicht heranwagte: „Wer überzeugt mich, daß die Juden recht haben mit der Behauptung, nur sie dienten dem einzigen Gott? Es gibt doch mehr Gojim als Juden; die ganze Welt besteht aus Gojim umd der Juden gibt es doch so wenig — wer kann mich davon überzeugen, daß die Juden die einzigen sind, die um den rechten Weg wissen?" Dann aber kam's: „Wozu beten? Wozu ibraucht Gott meine, guten.Taten? Was hat er davon, daß ich ihm lobsinge?" Der erste Versuch war, daß Henoch das Beten vernachlässigte — und nichts geschah, die Welt ging nicht unter, er selbst starb nicht ... Er hatte niemanden, mit dem er davon sprechen konnte. Mit dem Vater über derlei Dinge zu sprechen war er nicht gewohnt. Der Vater schwieg stets. Einigemal versuchte Henoch eine Frage an den Vater zu richten, der Vater antwortete kurz: „Man muß glauben ..." „Was tut man aber, wenn man nicht glaubt?" Der Vater schwieg." Wenn Henoch dem Melamed, bei dem er lernte, eine derartige Frage stellte, gab ihm der eine Öhrfeige und sagte: „Aus dir wird sicher nichts Gutes werden." i Ein junger Bursche, bei dem er im Beth- Hamidrasch Lektionen nahm, antwortete ihm -auf seine Fragen; ,,Man muß eben die Moralbücher lesen." Henoch las Moralbücher. Sie versuchten wirklich alle Fragen zu beantworten, aber die Fragen kamen wieder. Lange Zeit war Hen.och in einer Welt des Chaos. Jahre der Qual waren das. Seine Kinderwelt war zusammengestürzt und eine andere hatte er nicht. Er suchte im Gebet Vergessenheit. Doch das Gebet war keines. Das Lernen war kein Lernen. Vielleicht hätte er sich aus dem Meer des Zweifels, in das er geraten war, retten können, doch ein Junge aus dem Beth-Hamidrasoh, der ungefähr im gleichen Alter stand wie Henoch, steckte ihm heimlich prefane Schriften jn hebräischer Sprache m, und diese verstärkten noch seine Zweifel und nahmen ihm den Rest an Glauben, den er noch besaß. (Fortsefczmng folg*.).