Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 38 (8.6.1928)
- Date
- 1928-06-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 DIE NEUE WELT Seite tt i und einen steifen Kragen, der andere hat einen ganz absonderlichen Namen, den ich mich schäme, niederauschreiben . . , Diese zwei Makter nun haben mich einmal abgefaßt, gerade als ich von Brodzki wegging, und der „Zylinder" hat mich angesprochen mit folgenden Worten: „Hört, Reb Menachein Mendel, wir haben Euch etwas zu sagen. Es handelt sich um folgendes: Wdr haben gehört, daß Ihr dort bei Brodzki aus- und eingeht; nun denn, Ihr wißt ja, so wahr Gott im Himmel ist, wir haben nie etwas gegen Euch gehabt." „Gut", sage den, „was wollt Ihr?" „Was sollen wir wollen? War wollen, was jeder Makler will, w.ir wollen verdienen, wir sind auch Makler, wir haben auch Geschäfte, und noch dazu was für Geschäiftel Also, wenn Ihr ein wenig Glück habt und wenn wir ein enig Glück haben, vielleicht läßt sich da etwas tun, daß wir zusammenarbeiten; es geht auf „gemeinsame Rechnung"; wenn man auch weniger verdient; aber man verdient. Ihr wißt ja: „Aus allerlei kocht man für den Abend Brei" . . . „Nun denn", sage ich, „wozu erlange Reden? Sagt mir lieber, was Ihr zu verkaufen habt? Nur heraus mit der Sprache!" „Wir haben", sagt der Zylinder, „Gott sei Dank, eine Menge Geschäfte; wir haben Kohle im Gouvernement Poltawa, wir haben Eisen im Kaniewer Bezirk, wir haben eine abgebrannte Mühle in Perejaslaw, wir haben neue Maschinen, die ein Jude aus Pinsk erfunden hat, wir haben einen Gutsherrn, welcher einen Wald gegen eine Weide vertaueshen will, ferner haben wir einen Juden, welcher in Jehupez ein großes Haus kaufen will ohne Geld, wir haben Güter! Wälder! Habt Ihr einen Käufer, so 'können wir Euch Güter verschaffen; habt Ihr Güter, so wollen wir- Euch Kunden zuführen." „Nein", sage ich, „mit Gütern und Wäldern handle ich nicht mehr; das hat ein Ende; ich habe mich", sa,ge ich, „an Gütern schon ordentlich verbrannt und habe mir zugeschworen, Wälder und Güter nicht mehr in die Hand zu nehmen!" „Aber, aber", fällt der Zylinder ein, „sind denn alle Geschäfte gleich? Gerade jetzt haben wir ein Gut im Kaukasus, ein Gut mit Erdöl, das heißt, mit einem Boden, aus dem Erdöl spritzt, es spritzt und spritzt und hört gar nicht auf; man erzählt, daß der Boden dort eine Million Pud Erdöl täglich ausspritzt" . . . „Wenn es so ist", sage ich, „dann seid Ihr die richtigen Leute für mich; das ist ein Geschäft", sage ich, „nur her damit!" Und wir sind alle drei sofort in das jüdische Kaffeehaus (ich gehe jetzt nicht mehr zu Semedenin, weil man die Leute von dort hinausjagt, sondern ins „Jüdische Kaffeehaus", dort ist es viel gemütlicher, die Juden sind untereinander, man kann sitzen und reden und tun, was man will), und dort haben wir das Geschäft besprochen und Geschäftsgemeinschaft geschlossen; wie es dann dazu gekommen ist, den Vertrag schriftlich aufzusetzen, da haben sie mir das Geheimnis verraten, daß bei der Sache noch einige Teilhaber mittun: einer mit dicken Lippen, ein anderer, ein gelber Jude, der mit Uhren handelt, ein riesiger Aufschneider (Gott bewahre und beschütze einen vor so etwas), danneiner mit etner roten Nase mit Peckeln darauf, auch ein fürchtlicher Aufschneider; und endlich noch einer, oin Witwer. Wie ich von so viel Beteiligten höre, hat mir die Sache" nicht mehr recht gefallen; der Zylinder hat aber so lange in mich hineingeredet und mir Geschichten erzählt, bis ich mich fügen mußte und eingewilligt habe, daß die Sache zu Papier gebracht wird. Zwischen Kompagnons muß es natürlich immer Streitigkeiten geben; also hat jeder darauf bestanden, daß ihm ein größerer Anteil am Gewinn gebührt. Nun, Gott möge mir dazu helfen, daß ich mit der anderen Seite so einig bin, wie mit den Maklern, dann stünde alles mit Gottes Hilfe sehr gut. Denn bei so einem Geschäft muß man doch mindestens eine Million Rubel verdienen! Und ich habe mich fest entschlossen: Wenn das Geschäft, so Gott will, zustande kommt, so miete ich mir sofort ein kleines Kontor auf der Nikolajewska und werde mit Gottes Hilfe ein großer Makler. Da ich jedoch sehr beschäftigt bin und keine Zeit habe, fasse ich mich kurz. So Gott will, werde ich Dir im nächsten Brief alles genau berichten. Jetzt gebe Gott nur Gesundheit und Glück. Grüß' mir die Kinder (sie sollen leben) und jeden einzelnen sehr herzlich von Deinem Gemahl Menachem Mendel. Richtig: das Wichtigste! Ich hatte mir vorgenommen, Dir etwas sehr Wichtiges zu schreiben. Doch ich habe vergessen, was. So lasse ich's denn, so Gott will, auf das nächste Mal. Der Obige. (Fortsetzung folgt.) R O MAN VON S Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien- Das ganze Zimmer füllt sich mit den heiligen Worten der heiligen'Lehre,- "die 'der Vater-studiert. Die Kälte flieht von dem armseligen Bett mit den armen Kindern. Im Bett zu liegen, erscheint im Halbdunkel, beim schattenhaften Schein der Lampe, wie das Liegen unter einem riesigen Berg von Menschenköpfen... Jeder zerbrochene Sessel wird lebendig. Jede Hose, die am Stuhl hängt, jedes Kleidchen, joder Schuh, jeder Topf, jeder Schemel ist ein lebendes Geschöpf, verwandelt sich in ein wildes Pferd, in eine Kuh, ein wildes Tier oder einen Vogel. Alles lebt, alles hat eine Seele. Wandernde Seelen sind es, die gekommen sind, des Vaters Thora zu hören und dadurch erlöst zu werden und nhoben zu höherer Stufe... „Und ich liege hier bei der Mutter... ich, ein großer Knabe von zehn Jähren, der schon die Gemarah studiert, den jeder als guten Kopf rühmt, ich liege bei der M:utter wie ein Mädchen." Hastig setzt sich der zehnjährige Knabe in der Mutter Bett auf, und um selbstJuälerisch dem bösen Trieb beizukommen, der ihm zuredet, im Bett zu bleiben, streckt er de nackten Füße in die Kälte; dann springt er aus dem Bett, schlüpft eilig in die zerrissenen Hosen und das geflickte Hemd und wirft das Arbe-Kanfos über. Besorgt ruft die Mutter: „Henoch, du wirst dich doch verkübleen, was tust du, Henoch?" Ebenso wie sein Vater antwortet Henoch nicht; er murmelt nur etwas vor sich hin. Sogar der Vater unterbricht das Studium für. einen Augenblick und sagt halb für sich: „Es ist noch früh, geh' ins Bett zurück. Das Wasser ist gefroren." Henoch antwortet dem Vater auch nicht direkt: „Ich will nicht schlafen." Henoch geht zum Wassereimer. Das Wasser ist im Eimer gefroren und er kann sich nicht die Nägel waschen. Da erinnert er sich, was der Vater tut. Er nimmt das Hackmesser, hackt ein Stück Eis ab, nimmt es in die Hand und wirft es von einer Hand in die andere. Das Eis brennt wie eine feurige Kohle, verbrüht die Haut an den Nägeln wie siedendes Wasser. Henoch hält es fest und reibt damit die Hände ab. „Geda'lje, sieh doch, was der Junge tut!" — ruft die Mutter vom Bett her, - Gedalje weiß, was der Junge tut und schweigt; denn, was der Junge tut, ist gut. Ein paar Minuten später schwingen schon zwei Schatten, an der Wand, ein großer, breiter, mit langem Bart und langen, dichten Brauen schwingt rhythmisch, langsam, gelassen wie der Pendel einer Uhr; ein junger, lebhaft wie ein Quell, schwingt hastig hin und her, Uöd zmti Sfemmen tönen-; Eine «rast, CHALOM AS C (8. Fortsetzung.) traurig, wie ein fernes Echo, die andere ein unruhiges, ungeduldiges, junges Stimimchen .... * Bis in sein vierzehntes Lebensjahr war Henoch sehr religiös. Er hatte vom Vater die stille Frömmigkeit geerbt, die sein sanftes Gemüt wie ein Gebetmantel einhüllte. Ständig schien ein stilles Gebet aus ihm zu sprechen. Von seiner frühesten Kindheit an war sein Kopf voll religiöser Bilder, die er in der Bibel gelernt hatte. Die Bilder erregten seine Phantasie und er lebte das Leben, der Bibel noch. Abraham, Isak, Jakob, Josef und seine Brüder, Moses und alle anderen Helden der Bibel waren für ihn lebende Menschen. Er lebte mehr ihr Leben als das tägliche armselige Leben zu Hause. Seine kindliche Seele war voll Sehnsucht nach den heiligen Orten und nach dem heiligen Löben der Bibel. Er glaubte an den Messias, an die Weiterlösung mit der gan.zen durstigen Inbrunst seiner jungen Seele und wartete jeden Tag auf das andere Leben, das kommen mußte, wie man .auf eine reale Tatsache wartet,' nicht bloß auf die Erfüllung eines phantastischen Traums, ebenso wie er etwa während des langen schweren Winters die Ankunft des frohen sonnigen, reinen Pessachfestes erwartete... Im Beth-Hamidrasch pflegte er schon von Kindheit an abseits, geradezu versteckt zu beten, daß keiner ihn sehe. Wenn er im Gebet an Stellen kam, wo von Jerusalem vom Tempel oder vom Messias die Rede ist da weinte er oft und flehte mit der ganzen Naivität seines Kinderherzens zu Gott, er möge sich doch schon der Welt erbarmen und den. Messias senden. Die Gebetstellen, in denen vom Messias die Rede ist, waren dem Knaben die heiligsten, die vertrautesten und wichtigsten und bei ihnen verweilte er länger als bei anderen Gebeten. Das tiefe religiöse GefühJl hatte Henoch von seinem Vater übernommen; es übte einen unauslöschlichen Eindruck auf sein Gemüt und seine Wesensart. Henochs Vater war ein Schweiger. Seinen Lebensunterhalt zog er davon, daß er einigen jungen Burschen aus reichen Häusern dann und wann ein Kapitel der Gemarah beibrachte. Doch der hauptsächliche Ernährer der Familie war die Mutter, die einen Straßenstand mit Schnittwaren hatte. Die Mutter schleppte große Pakete Ware, Leinwand, Kattun, Kammgarn, von Haus zu Haus. An den Markttagen hatte sie ihren Stand auf dem Marktplatz für die Bauern. Der Vater half ihr stets schweigend den Stand auf dem Marktplatz aufstellen und ide Waren hinaustragen. Beim Verkauf konnte er ihr nicht helfen, denn dafür taugte er nicht. Der Vater «war ein Schweiger. Aus seinem Mund kam kein überflüssiges Wort. Man konnte ri*e Wjor te geradezu iahten, die e* sprach mochte i Erste Sgezial* T8##ifcA wetkstMefür 985561 Ufld | |5CI16 Salongarhituren und Elnzelmöbelstdckc ADLER, VII. ApOllog. 18 Ecke KalserstraBe Ii man auch die schrecklichsten Dinge erzählen, mochte sogar auch in seinem Heim etwas Außerordentliches ein Glücksfall oder ein Unglücksfall sich ereignen er wunderte sich nie, drückte keine Freude und keiner Schmerz aus, mit einem Wort, er schien auf äußere Vorgänge gar nicht zu reagieren. Doch er war ein gefühlvoller Vater. Wenn einem Kinde etwas fehlte, schlief er nächtelang nicht, sondern saß mit einem Buch beim Bette des Kindes und machte ihm schweigend die nötigen Handreichungen. Er ging nie frübei schlafen, ehe nicht alle Kinder in den Betten waren, er deckte sie mit den alten Kleidern und mit seinem Pelz zu. In den kalten Winternächten stand er auf, wenn es noch stockfinster war, und lernte leise, urr die Kinder nicht zu wecken. Niemals verließ er des Morgens das Haus, ohne im Herd Feuer zu. machen, noch ehe die Mutter und die Kinder erwacht waren, Verwunderlich . war an diesem Manne seine stille und tiefe Ergebenheit für seine Frau. Sie war die Brotgeberin und der irdische Teil, während ei nur mit den Angelegenheiten des Himmels zu tun hatte; dennoch ließ er nicht zu, daß seine Frau die Pakete oder die Bretter für den Stand schleppte. Das alles tat er. Feige schnitt es ins Herz, wenn sie sah, daß ihr Gedalje solche alltägliche Dinge tat. Doch sie konnte ihn davon nicht abbringen; Gedalje schleppte die Pakete wie ein gewöhnlicher Mensch und am Abend nach den Markttagen versäumte er sogar das Mincha-Gebet und lief auf den Markt, um die Waren und die Standbretter heimzubringen. Wentn Feige nach dem Markttag müde und abgearbeitet heimkam, fand sie den Tisch gedeckt, Feuer im Herd und einen Topf warmen Wassers auf der Platte zugestellt. Sie schämte sich geradezu, daß ihr Gedalje sich mit solchen Dingen beschäftigte und machte ihm liebevolle Vorwürfe: „Hat man so etwas schon gehört, ein Mann beschäftigt sich, mit derlei Dingen?!" Als die Kinder noch klein waren, saß Gedaljö halbe'Nächte an der Wiege und schläferte sie ein, damit Feige ihre Nachtruhe habe. Und noch jetzt, wenn er seine Frau seufzen hört, daß sie Rippenistecben hat oder daß ihre Haut an den Händen und im Gesicht von der Sonne verbrannt ist, in der sie den ganzen lag sitzt, kann er nicht schlafen. Er spaltet ein wenig Holz, ganz leise, daß es keiner höre, und bereitet ein Glas Tee. Das stellt er wortlos seiner Frau ans Bett. ,- Wenn, Feige das Glas Tee seht, bedauert sie ihren M.ann, daß er um seinen Schlaf kommt, verbeißt die Schmerzen und stöhnt nicht mehr. Nie war im Hause ein lautes oder ein böses Wort zu hören. Zwischen Mann und Frau herrschte eine tiefe reine Liebe, die wie ein Lied ohn Worte ihr bescheidnes ärmliches Leben durchtönte . Kein Wort davon wurde zwischen Mann, und Frau gesprochen, doch eines fühlte das andere, als wären,, sie ein Leib und eine Seele. Dieses Gefühl fand nur manchmal bei Feige seinen Ausdruck in liebvollem Schelten. Wenn sie sah, wie ihr Gedalje sich mit Dingen beschäftigte, die eines Mannes unwürdig sind, dann tat es ihr weh, zugleich aber tat es.ihr wohl, daß ihr Gedalje sich um sie sorgte, und dieses Gefühl drückte sich , dann in einem liebevollen Schelten aus: „Sollte man glauben, womit so ein Mann sich abgibt? Das paßt doch für eine Frau, wie kommt ein Mann dazu?" Und bei Gedalje drückte sich dieses Gefühl in einem stillen Blick aus, den . er heimlich auf seine Frau warf-... Dieses stille, reine Liebesernpfinden, das zwi* sehen Mann und Frau herrschte, spiegelte sich im ganzen Hause wider. Mit unerhörter Zärtlichkeit hingen, die Kinder an den Eltern und aneinander. Das Leben der Eltern übte tiefen Eindruck'' auf den kleinen Henoch und hinterließ unverlöschliche Spuren in seinem Charakter und seinem Tun. * Gedalje war ein Cerer*) Chassid. Einmal im Jahre, für das SchewuotlHFest, fuhr er zum. Gerer Rebben. Als Henoch zwölf Jahre alt wurde, nahm ihn der Vater mit, damit er den Rabbi sehe, ehe tr Barmizwah wurde. Der Rabbi, der Hof, das Fest, all das machte auf den zwölfjährigen Knaben ungeheuren Eindruck. Nicht der Rabbi selbst, die Mahlzeiten bei ihm oder die Inbrunst der Chassidim rührten so tief an sein Gemüt, etwas anderes war es: die Einheit, das Zusammensein so vieler Juden an einer Stelle, der Zug von Gemeinsnn,.der sie verband. Henoch und sein Vater waren im Enkehrhaus zusammen, mit Hunderten von Chassidim abgestiegen. Alle schliefen zusammen, drei oder vier n einem Bett, auf den Tischen, auf den Bänken. Stets saßen alle zusammen. (Fortsetzung fol^t.) *) Katoacya Öota.. Site-etae* bmäbwtesh Wawkxi