Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 37 (1.6.1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 37 DIE NEUE WELT Seite II Stunden auf der Treppe und wartest: vielleicht ist Gott barmherzig und Du siehst Brodz'ki; und wenn Du schon erlebst, ihn vorhergehen ^u sehen, so schießt er vorüber wie ein Pfeil und eh' Du Dich recht unischaust, sitzt er schon wieder in der Kalesche und — guten Tag! Da kann man doch nicht unhöflich sein"und muß am nächsten Tag wieder kommen. Am nächsten Tag ist dieselbe Geschichte; ist es auch zu verwundern, wo so ein Brod'zki doch so viel Geschäfte hat? Es geht eben nicht so schnell, bei Brodzki vorzukommen! Doch ich hoffe zu Gott: es wird mir einmal gelingen, Hm zu erwischen — und dann ist die Sache gemacht! Da ich jedoch sehr beschäftigt hin und keine Zeit habe, fasse ich mich kurz. So Gott will, werde ich Dir im nächsten Brief alles genau berichten. Jetzt gebe Gott nur Gesundheit und Glück: grüß' die Kinder und jeden eirozeln sehr herzlich von Deinem Gemahil Menachem Mendel. Erste Spezial- 4ßi M YB^^Lb^^ werkstäüefür «|QSS6l Und I ISCB|6 Salongarnituren und Einzelmöbelstucke ADLER,VII. Apollos. 18 Ecke Kalsdratraße 12 Richti'g: das Wichtigste! Was Du weigen Erez-Israel fragst, damit meinst Du gewiß den „Zinismus". Das ist eine sehr schöne Idee, obwohl man in Jchupcz an der Börse nichts davon hält. Ich war ein paarmal 'bei den hiesigen „Zinisten" in ihren „Versammlungen" und wollte erfahren, was an der Sache ist. Man hat aber, dort nur russisch gesprochen — und viel gesprochen! Ich meine: was hätte es ihnen geschadet, wenn sie mit Juden jüdisch gesprochen hätten? ... Ich haibe ein paarmal mit meinen Bekannten an der Börse dariifber zu sprechen versucht; da 'haben sie mich ausgelacht: „Zinismus! Weiß ich? Doktor Herzl! Auch ein Geschäft!" . . . Der Obige. (Fortsetzung folgt.) DIE MUTTER ROMAN VON SCHALOM Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien- ASCH. (7. Fortsetzung.) „Anschel", — seufzte sie bei Nacht in ihrem Bett — „was ist aus dem Jungen geworden? Mein Herz sagt mir nichts Gutes. Da nimmt man ein Kind uyd schickt es über weite Meere. Anschel, ich fürchte, der Junge ist in der Fremde verloren gegangen." ,iEr verlumpt wahrscheinlich den letzten Groschen, den er verdient. Er war immer ein Lump und wird ein Lump 'bleiben" — prophezeite der Vater. Monat nach Monat verging. Vor Pessach (der Pessach war immer ein Glücksfeiertag in Anscliels Familie, alle Wunder in Anscliels Familie ereigneten sich zur Pessachzeit) kam ein Brief aus Amerika; darin lag eine Photographie des Jungen und eine Anweisung auf 25 Rubel. Sure Rifke betrachtete die Photographie un,d traute ihren Augen nicht: „Das ist mein Sohn?" — fragte sie sich. Auf der Photographie trug er leibhaftig einen kurzen Anzug und an seiner Weste hing eine goldene Kette. „Wenn er eine goldene Kette hat, muß er doch auch eine goldene Uhr haben" — konkludierte Anschel. — „Wer trägt eine Kette ohne eine ühr?" Auf der Photographie stand Schlojme Chajim vor einer großen Blumenvase und neben ihm stand ein Tischchen mit feinem Teegeschirr. „Er hat keinen Hut auf" — sagte die M'utter. In dem Briefe aber stand: „Liebe Mutter, meine nicht, daß ich Dich vergessen habe. So wie eine Miutter ihr Kind nicht vergessen kann, so kann ein Kind nicht die Mutter vergessen, die es geboren hat" — bei dieser Stelle des Briefes begann Sure Rifke zu weinen wie 'bei den Klageliedern am Tischabeaw*). Anschel versuchte es auf alle 'mögliche Art, auch mit Schreien, sie zu beruhigen: „Laß mich doch um Gottes willen lesen, nachher kannst diu weinen." „Ich habe Buch nicht geschrieben, weil ich nichts zu schreiben hatte. Ich habe in Amerika viel durchgemacht. Wenn alle Meere Tinte wären, alle Wälder Federn und alle Himmel Papier, so könnte ich Euch doch nicht alles schreiben, was ich in Amerika durchgemacht habe ..." „Natürlich, man nimmt ein Kind -und jagt es in die weite Welt hinaus" — wieder brach Sure Rifke in unstillbares Weinen aus. „Hör* doch schon endloh auf und laß mich lesen" — schrie Anschel verzweifelt. „Doch. Gott sei Dank, alles ist überstanden und ich kann jetzt voll Freude schreiben. Ich habe Euch 'bisher nicht geschrieben, weil ich nicht mit trockenen Worten kommen wollte" (hier folgte eine ganze Zeile Gedankenstriche, bei der Anschel stehen blieb.) „Verstehst du den Sinn? Er wollte 'nicht mit trockenen Worten kommen; schön gesagt; Sure, Amerika macht aus dem Jungen einen Menschen." „Und jetzt, lieber Vater, will ich Dir alles schreiben, was ich durchgemacht habe. Zunächst, wie ich nach Amerika gekommen bin und nach dem Onkel Pinchas gefragt habe, an den Du mir den Brief mitgegeben hast; keiner weiß, wer der Onkel Pinchas ist. Ich bin ziu Landsleuten gegangen aind habe viele Tage und Wochen damit versäumt, einen Onkel Pinchas m suchen; aber keiner weiß, wer das ist. Hättest Du mir lieber den Brief an den Onkel Pinchas nicht mitgegeben, so hättest Du mir wochenlanges Suchen und Kopfzerbrechen erspart, ich hätte keine Zeit versäumt und wäre sofort arbeiten gegangen." „Das kommt davon, wenn man einen Narren auf den Jahrmarkt schickt" — wirft der Vater ein. Aus dem Satz des Briefes „wenn die Meere Tinte wären un;d die Wälder Federn" hätte man meinen können, Gott weiß, was Schlojme Ohajim durchgemacht hatte. Aus dem weiteren Inhalt des Briefes stellte sich jedoch heraus, daß er eine Woche bei einem Landsmann und eine zweite Woche bei einem anderen Landsmann geschlafen hatte. Ein dritter Landsmann führte ihn. in eine Werkstätte, wo Lederwaren verfertigt wurden. Jetzt wohnt er bei einem vierten Landsmann, dem zahlt er einen Dollar *) 9, Aib, der Gedenktag der TieinpetaeTstönitig. wöchentlch für „das bißchen Bett", das er bloß bei Nacht braucht. ,.Verstehst du, Sure, zwei Rubel wöchentlich bloß fürs Nachtlager. Du mußt nämlich wissen, ein Rubel bei ihnen ist soviel wie zwei bei uns" — erklärt Anschel seiner Frau. „Wahrscheinlich kann er sich nicht anders helfen, der Arme" — verteidigt die Mutter ihren Sohn. Doch der Sohn tröstete die Eltern damit, daß er Gott sei Dank ganz gut verdiene. Wieviel er verdiente, schrieb er nicht, dagegen versprach er der Mutter: „Hab' keine Angst, Mutter, ich werde Dich nie vergessen. Ich denke an Euch bei Tag und Nacht." „Gott soll ihm dafür Leben und Gesundheit geben!" — Verstohlen fuhr sich die Mutter mit der Schürze über die Augen. „Ich denke an Verdienst für Euch," — heißt es weiter im Brief — „zu allererst, denke ich an Dwojrele. Warum soll sie daheim sitzeft? Hier verdienen Mädchen ganz schön und machen ihr Glück; ein Mädchen wie Dwojre kann hier ihr Glück machen. Hier braucht ein Mädchen keine Mitgift. Hier ist eine verkehrte Welt — der,. Bräutigam muß die Mitgift bringen, nich t die Braut.- Und sehr Gleicht kann es hier zu einer glücklichen Heirat kommen, denn man sucht hier Mädchen von daheim, die hiesigen sind nämlich sehr unverschämt." Ansohel hielt im Lesen inne >uiul schöpfte Atem: „Nim, das hab' ich doch immer gesagt, warum sitzen wir hier, was? Es gibt ein Amerika auf der Welt und wir sitzen hier." „Lies doch weiter" — ruft jetzt Sure Rifke zur Sache. „Auch die Jungen können es hier zu etwas bringen. Hier verdienen Kinder und bringen etwas nach Hause. Der Vater kann hier auch verdienen, denn man sucht hier Vorbeter mit Laternen. Hier kann niemand die Thora vorlesen. Also, liebe Mutter," — schließt der Brief — ,,hab' keine Sorge, Gott wird helfen und' wir werden uns noch alle in Freuden ■sehen, Du wirst nicht so schwer und bitter' arbeiten und Dir um uns den Kopf zerbrechen müssen. Hier arbeiten die Kinder für die Mütter. Du wirst hier im „parloor" auf einem Lehnstuhl sitzen und die Kinder werden für Dich arbeiten, nicht Du für die Kinder." Obwohl Süre Rifke nicht wußte, was „parloor" ist, so war sie doch überzeugt, das müsse etwas Gutes sein und begann aufs neue zu weinen. Ein großer Strom von Tränen ergoß sich aus ihren Augen. Doch das waren Freudentränen. Zum erstenmal in ihrem Leben tröstet sie jemand und verspricht ihr ein besseres Leben und ein leichteres Gemüt. Ihr Kind aus Amerika tröstet sie — ist das für sie nicht der Lohn für die Jahre ihrer. Not und ihres Elends? ... Sure Rifke hat nie gewußt, daß sie schwer arbeitet. Sure Rifke hat nie gewußt, daß die Sorgen sie zermürben. Für wen tut sie das? Für ihre Kinder! Wenn sie schwer arbeitet, ist es doch für ihre eigenen Kinder... Und jetzt sagt ihr das ihr Kind und tröstet sie. „Mein Kind, möge Gott dich so trösten, wie du mich getröstet hast mit deinen guten Worten" — diesen Satz mußte Anschel in den Antwortbrief an den Sohn im Namen der Mattter Iiineinschreiben, obwohl er sich durchaus nicht dazu verstehen wollte und ihr vorhielt, in Amerika werde man sie auslachen, weil sie „wie ein Weib" redet. Doch Sure Rifke gab nicht nach und Anschel mußte den Satz schreiben. „Wie soll ich anders reden als wie ein Weib? Ich bin doch ein Weib!" — sagte sie. Man kann sich die Umwälzung vorstellen, die der Brief in Anschels Familie hervorrief. Schon das Geld, das der Aelteste geschickt hatte, erregte einen Sturm in der Stadt. Ueberau sprach man davon, welches Glück Anschel getroffen hatte. Anschel selbst hielt sich auoh für «wen »lu^Kchea Menschen, Er. 1 sprach nur noch von „seinem Amerika". Im Beth- Hamidrasch schilderte er, wie Amerika aussieht, mit allen Einzelheiten, als wäre er selbst dort gewesen und hätte alles gesehen. „Bei uns in Amerika" — war seine gewöhnliche Redensart — „macht man das ganz anders." Er hielt sich gewissermaßen nur vorläufig, als Gast, in seinem Städtchen auf. Und wenn man ihn über irgend eine Gemeindeamgelegenheit be* fragte oder ihm erzählte, daß die Chassidim einen eigenen Schächter angestellt hätten, da antwortete eri „Was geht das mich an? Ich bin schon kein Hiesiger mehr. Ich bin doch schon auf dem Wege.. An diesem Pessach kleidete Sure Rifke nicht nur ihre Kinder von Kopf bis Fuß neu ein, bestellte nicht nur einen neuen Anzug für ihren Anschel, sondern sie erlaubte sich, zum erstenmal seit ihrer Hochzeit, eine neue Scheitelperücke und ein Paar Schuhe. Den Nachbarinnen in der Frauenschuh sagte sie: „Da mir mein Manu keine Schuhe kaufen kann, so hat mir Gott clafür einen Sohn gegeben. Wie er zu Hause war, hat er mir Schuhe gemacht, jetzt ist er in Amerika, da schickt er mir Schuhe aus Amerika." An diesen Feiertagen gab es für die Besucher der kleinen Schul' eine ganz neue Thoravorlesung. Niemals hatte Anschels Stimme beim Vorlesen der Thora so geklungen wie diesmal. Er trillerte wie ein Vogel, zog jede Koloratur und sang jedes Wort der Thora so, daß Sure R.ifkes Antlitz oben in der Frauenschur Farbe bekam. Zu/n erstenmal leuchteten ihre Augen, ihre Stirn glänzte unter der neuen Scheitelperücke, als sie ihres Anschel süße Stimme hörte. Tränen standen in ihren Augen: „Gott, wofür verdiene ich das?" — kam es ihr in den Sinn; sie hielt sich für die glücklichste Mutter der Welt und alle Frauen beneideten sie. V. Henoch. Als Dwojre eine selbständige Arbeiterin mit eigener Werkstätte wurde, begann sie mit jungen Leuten, ebenfalls Arbeitern, bekannt zu werden. Einer von ihnen gefiel ihr mehr als alle anderen, er hieß Henoch. Da Dwojre sich eng an ihn anschloß und er großen Einfluß auf sie 'besaß, was sich später in ihrem Charakter zeigte, so-wollen wir ihn ausführlich beschreiben, obwohl-das nicht zu unserer Geschichte gehört. Als unser Henoch noch ein Knabe war, schlief er bei der Mutter. Auch seine zwei jüngeren Brüder schliefen mit der Mutter im selben Bett Es war eine kalte Winternacht, im Hause gab es nicht viel, um sich zuzudecken, so krochen alle Kinder zur Mutter ins Bett; und alle alten ausgedienten Kleider und zerrissenen Bettücher lagen auf dem Bett. Doch alle die ausgedienten Kleider und. zerrissenen Bettücher wärmten nicht so wie des Vaters Pelz. Der Vater besaß einen Pelz, den er als Hochzeitsgeschenk von der Mutter erhalten hatte. Gedalje war ein Gelehrter und schon in seiner Jugend ob seines Scharfsinnes berühmt. Der Pelz war schon abgerieben und/ sein Kragen, der einmal glänzend geleuchtet und sich wie ein lebendes Tier um den Hals gelegt hatte, war schon tot, erloschen und farblos; doch wenn der Pelz aufs Bett gelegt wurde, entströmte ihm eine wunderbare Wärme und hüllte die ganze Sippe^ ein, welche zusammengerollt unter ihm lag. Wurde er/vom Bett weggenommen, .so war es, als wäre der einzige Beschützer fortgenommen' worden; die ganze Sippe hatte das Gefühl, als läge sie nackt und bloß mitten auf der Straße. Der Pelz schien des Vaters Wesen zu vertreten. Der Vater selbst saß in den dunklen Wintermorgen 'beim Tisch und las die Gemarah beim Schein der Lampe. Sein großer Schatten lag auf der Wand und füllte das halbe Zimmer aus. Seine Stimme war traurig, eintönig und hallte, als käme sie von weit, weit her. Im Zimmer war es kalt. Die Nacht, die im Winter sich bis tief in den Morgen hineinstreckt, wollte durch die Scheiben ins Zimmer kommen, doch sie konnte es nicht, denn die Scheiben waren mit harten Eisblumen überzogen. Und der Vater sitzt in seinem leichten, zerrissenen Sommerkaftan vor der Gemarah und bewegt sich wie ein Pendel. So wie er sich bewegt, so bewegt sich mit ihm der Schatten an der Wand. Die Mutter weiß, daß er im kalten Zimmer lernt und nicht irfs warme Beth-Hamidrasch gehen will, wo es geheizt ist, weil er den Pelz nicht vrjn ihrem Bett nehmen will. Einigemal hat sie schön versucht, den Vater wegzuschicken, hat den Pelz vom Bett geworfen und gesagt: „Warum sitzt du im kalten Zimmer? Im Beth- Hamidrasch ist es doch warm!" Der Vater antwortet nicht. Gedalje, der Chasskl, ist ein Schweiger und spricht kein unnötiges Wort. So antwortet er nicht, sondern lernt weiter, als säße er nicht hier im kalten Zimmer, in unseren schlechten Zeiten, sondern wärmte sich in der Sonne jener heißen Länder, in denen sein Geist jetzt weilt. Der kleine Henoch liegt mit der Mutter unter dem Pelz und blickt mit seinen schwarzen, blitzenden Kinderaugen auf den Vater. Er sieht den Schatten an der Wand viel besser als den Vater. Des Vaters Schatten strömt auf den Knaben Ernst und Verantiwofkmg aas, .(Ports etows lotete