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Die neue Welt · 1928-05-25 · Heft 36 (25.5.1928) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 36 (25.5.1928)
Date
1928-05-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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(y Mf. 38 (j^^^^flBiramwBcr -^«u i i "JBtdSttffitr "■ iljfcrJ ', ^■W^^^^^W^^'^1^^'»' Mi Seife ff geld bei mir habe — seither also habe ich mich auf der Straße herumgetrieben wie alle anderen Juden; und wie Du mich da siehst, habe ich die Bekanntschaft eines Maklers in Raffinerien gemacht; es hat sich gezeigt, daß er ein ehrlicher Mann ist und viele Leute kennt. Er hat, sagt er, bei den Größten Zutritt, sogar bei Bro-dzki. Und er fragt mich so: „Woher ist der Herr?" — „Aus Kasri^ liwke," antworte ich — „das heißt vielmehr, ich selbst bin aus Jampolyn" — sage ich — „und Bürger bin ich in Masepowke; geheiratet habe ich aber nach Kasriliwke und Handel treibe ich in Jehupez." „Was ist dieses Kasrfliwke" fragt er weiter — „ein Dorf oder eine Stadt?" „Das ist doch kein Zweifel" — sage ich — „natürlich eine Stadt und keine kleine!" „Dürfen dort Juden .wohnen?" „Natürlich, und die schwere Menge!" „Nun und gibt es" — fragt er weiter — „bei Euch einen Fluß?" „Einen prächtigen Fluß, er heißt Stmkajlo." „Und ist die Stadt" — fragt er weiter — „weit von der Bahn?" „Im ganzen" — sage ich — „so etliche siebzig Werst. Warum eigentlich" — sage ich — „fragt Ihr das alles?" „Gebt mir" — sagt er darauf — „die Hand zum Pfände, daß dieses Gespräch unter uns bleiben wird; ich kann Euch nur sagen, Reb Mcnachem Mendel, daß wir mit Gottes Hilfe bald viel Geld verdienen werden; einen Hut voll Geld! Mir ist" — sagt er — „ein Gedanke eingefallen, wie er einem nur einmal in hundert Jahren einfällt; hört zu' Bekanntlich gibt es heute eine Unmenge Käufer für Zuckcrraffinerien, aber keine Raffinerien; alles, was zu haben war, haben die Radomysler zusammengekauft und das wollen sie nicht hergeben; deshalb haben sich die Leute darauf verlegt, frische, lebendige Zuckerraffinerieu zu bauen» da aber in die Dörfer kern Jude hinein darf, so sucht man für die Raffinerien Plätze in kleinen Städten, wo Juden wohnen dürfen; begreift Ihr jetzt, wozu Euer Kasriliwke entstanden ist in den Tagen der Schöpfung? Nur damit dort eine Zuckerraffinerie bestehe! Und wie Ihr mich da seht, so habe ich gerade einen Mann, welcher eine Zuckerraffineric bauen will für oine halbe Million Rubel. Er hat aber keinen Ort dafür: denn alles ist schon besetzt! Wißt Ihr wicht*6 — sagt er weiter — „mit wem man bei Euch wegen eines Platzes verhandeln kann und ob genug. Rüben dort vorhanden sind, um eine Zuckerraffinerie zu bauen?" „Aber" — sage ich — „mit dem größten Vergnügen! — Ich habe dort" — sage ich — „eine Frau (bis hnndertzwanzig Jahre) und Schwiegervater und Schwiegermutter mit der ganzen Verwandtschaft. Ich werde sofort einen Brief hinschreiben und Ihr könnt sicher sein" -— sage ich — „daß ich sofort Antwort bekomme über alles, was ich wissen will, bis ins Kleinste!" Darum also, meine teure Oattin, schreibe ich Dir darüber und bitte Dich, Du mögest sofort Asricl, den Starosta, aufsuchen und den roten Moschko, welcher bei der Herrschaft ein- und ausgeht; er möge dort herauskriegen, ob ein Platz, zu haben ist und wieviel Rüben man bekommen kann und wie teuer. Und antworte mir sofort in einem Brief' ganz genau; denn Du begreifst doch: da läßt sich ein schönes Geld machen, so zehn-, fünfzehntausend! Doch da ich sehr beschäftigt bin und keine Zeit habe, fasse ich mich kurz. So Gott will, werde ich Dir im nächsten Brief alles genau berichten. Jetzt gebe Gott nur Gesundheit und Glück; grüß' jeden einzeln sehr herzlich von Deinem Gemahl M e u a che m M e n d e 1. Richtig: das Wichtigste! Ich habe meinen neuen Kompagnon ausgefragt, wer der Kunde ist, und habe erfahren, daß der Kunde auch einer aus Radomysl ist. Ein guter Kunde wie alle Radomysler. Sie fliegen auf Raffinerien. Es können auch Windmühlen sein, wenn nur ein Kamin da ist und die Geschichte pfeift! So hoffe ich zu Gott, daß das Geschäft ein sicheres Geschäft sein wird; und mit Gottes Hilfe werden wir sicher Geld verdienen, obwohl wir bei der Sache h-tbache paar Leute beteiligt sind, ich fürchte, e; ist bald ein ganzer Minjau. Doch gebe Got itar, dap> das Gesc' 'itt xtistandekonunt: Du weißt ja: mir lommt es auf ein paar Rubel mehr oder weniger n'cht au. Der Obige, (Kortsctzunv: fukt.) wmwsmmxmttiwwmmcasmsfes «wum tümmx^M»maem ROMAN VON Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien. S C HALO M AS C Ii. (0 Fortsetzung.) Endlich war Ansehe! doch auch Vorbeter und das war der Mutter größte Freude. Ueberdies aber .widersprach der Vater stets, was die Mutter Ihm •auch sagte, er fand stets einen Einwand; hatte er schon gar keinen Einwand, so verschob-er die Dinge, in denen die Mutter ihn um Rat anging, bis zur Erfüllung seiner genialen Pläne: „Laß mich nur meinen Plan ausführen,, dann wirst du alles für den $abbat, haben, wirst Holz für den Winter haben, nichts wird dir fehlen." Da aber die Mutter Rats bedurfte, so zog sie Dwojrele in all ihren schweren Augenblicken heran und das schon von frühester Jugend. Die Mutter •wußte, daß sie damit Unrecht tat, und mehr als einmal, wenn sie bei Nacht vor Kummer nicht schlafen konnte, war Dwojrele eine ihrer Hauptsorgen: „Was will ich von dem ICinde? Warum zielte ich sie'in mein Unglück mit?" Doch Dwojrele war der einzige „Mensch" im Hause, mit dem die Mutter sprechen konnte. Jetzt, da Dwojrele der „Brotgeber" wurde, wurde sie schon ans diesem Grunde, die Ratgeberin der Mutter. Mit allem, was das Haus anging, kam die Mutter zu Dwojrele. „Was fängt man mit Jojne Gedaije an, mein Kind? Der Melamed hat ihn doch wieder aus dem Gheder nach Hause geschickt." Dwojrele legt das Stück Zeug und den Faden aus der Hand, verschränkt die Arme wie die Mutter und denkt eine Weile nach: „Vielleicht nimmst du zwei Gulden ati« dem Topf und schickst sie vorläufig dem Melamed?" „Aber was wird dann aus Vaters Kleidern für die Feiertage werden? Ich spare doch, v um dem Vater wenigstens einen Zeuganzug zu machen. Ich werde doch rot vor Scham, wenn ich ihn am Sabbat und an Feiertagen in seinem zerrissenen Wochentagskaftan vor das Aknemor treten sehe." „Ich werde ja bald mit den Hemden für Leje fertig, da wirst du Geld haben und wirst die zwei Gulden wieder zurücklegen." Bald aber erstand der Moitter eine neue Einnahmsquelle und das ganz unvermutet. Mojschele „Ochs", welcher noch vor kurzer Zit in den Cheder ging, begann zu verdienen und etwas ins Haus zu bringen. Das war so unvermutet, daß es die Mutter gar nicht glauben konnte. Mojschele war zwei Jahre jünger als Dwojrele (die Kinder, welche die Mutter zwischen Dwojrele und Mojsche hatte, waren noch als Säuglinge gestorben; wahrscheinlich hatte ihnen die Wohnstätte, die ihnen der liebe Gott bei Anschel angewiesen hatte, nicht gefallen und sie waren zu ihrem himmlischen Vater zurückgekehrt). Den Spitznamen „Ochs" hatte Mojschele vom Vater erhalten, weil er,um keinen Preis lernen wollte. Da halfen keine Schläge und keine Scheltworte, Mojschele hotte «inen „Ochseokopf* wd begriff nichts von dem, was der MJamcJ nsrte. Abjscliele „Ochs" nun war bereits Handelsmann, als-er noch den Cheder besuchte. Stets kaufte oder verkaufte er etwas seinen Kameraden. Alles legte er .geschäftsmäßig an. Er kaufteein Federnresser um zwanzig Kopeken und „verloste" es in hundert Nummern, eine Kopeke per Stück, Darnach verloste er eine Geldbörse oder ein paar Handschuhe. Als er älter wurde, kaufte er Tabak und Hülsen; stopfte Zigaretten und verkaufte sie. Am Purimfcst organisierte er stets eine Schauspielertruppe, mit der er am Abend iii den -Häusern Vorstellungen gab. Vor dem Pessaeh trug er das Chomez-Kehricht aus den Häusern für zwei Kopeken per Stück und ließ es verbrennen. Zur Schewuoth- Zeit ging er zum Fluß, schnitt Weidenpfeifen und brachte sie zum Verkauf in die Stadt. Zur Sukköth- Zeit trieb er. Handel mit Laubwerk und mit Weidenzweigen. Er betrieb gewissermaßen Saisongeschäfte. Im Sommer bewachte er, die Kleider der reichen, Bürgersöhne, wenn sie im Fluß badeten, im Winter verkaufte er Papierlaternen eigener Erzeugung. Bis zu seinem dreizehnten Lebensjahre hatte Mojschele Angst vor dem Vater und ging, wie es sich gehörte, in den Cheder, um zu lernen. Sobald er Barrriizwah geworden war, hielt er sich für einen Erwachsenen und erklärte dem Vater seine Unabhängigkeit in höchst revolutionärer Weise, indem-er nicht mehr in den Cheder und ins peth-Hamidrasch ging. ' Seither hielt sich Mojschele auf dem Markt auf, vor der Konditorei, wo die Gutsbesitzer sich aufhielten, wenn sie in die Stadt kamen, wie er es, die anderen Händler tun sah, Kam ein Bauer angefahren,., so war Mojschele der erste auf dem Wagen, stöberte zwischen dem Stroh herum und stellte' fest, was der Bauer zum Verkauf in die Stadt gebracht hatte. Waren es Eier,, so war er mit einem Sprung beim Eierhändler; war e*s Getreide, so war er mit einem zweiten Sprung beim Getreidehändler, * informierte sie und erhielt dafür einen kleinen Anteil. Als-er'auf diese Weise ein paar Gulden beisammen hatte, begann, er selbst .auf dem Markte Geschäfte zu maclien; einmal kaufte er Eier, einmal Butter, einmal ein Huhn. Und eines schönen Sommertages, brachte Mzischele vom Jahrmarkt eine Mandel Eier'heim. „■Mutter** — 'sagte er — „da hast du eine Mandel Eier." Sure Rifke traute ihren Augen nicht. Sie wurde bleich und wäre beinahe in Ohnmacht gefallen; denn sie meinte, ihr Sohn habe die Eier a<m Ende von. einem Bauernwagen gestohlen. „Mojschele, um Gottes Willen, was hast du'getan? Hinaus aus meinem Hau«! Der Junge wird mich noch ins Unglück stürzen.4' „Warum schreist du, Mutter? Ich habe für Leiser, den Eierhändler, zwei Schock Eier gekauft, dabei haibe ich eine Mandel verdient. Geh' lifo und frage ihn.** Erste Spezial* _ Vl«^^ A unrkrtMefür 98SS61 Mild I ISCII6 Salongarnlturan und einx«lmöb«lfftflck« ADIEK, VII. Apollog. 18 «2 Sure Rifke nahm ihren Schal und ging auf den Markt, um Leiser, den Eierhändler aufzusuchen. Als sie erfuhr, daß Mojschele die Wahrheit gesagt hatte, war sie ganz glücklich und nahm die Eier. Und Mojschele begann von jedem Wochenmarkt etwas Mieimzubringen, einmal eine Mandel Eier, einmal Butter, ein andermal ein Huhn für Freitag. Das war eine große Hilfe für die Mutter. Doch bald verlegte sich Mojschele auf größere Geschäfte und begann richtigen „Handel" zu treiben. Er schlug einen Stand aus Brettern zusammen und auf jedem Wochenmarkt verkaufte er etwas anderes: bald Bänderreste,. bald zurückgesetzte Stoffe, kurz. Mojschele trieb mit allem möglichen' Handel,' mit Schnittwaren oder mit Getreide. Und es datierte nicht lange, so lieferte Mojschele für das Haus mehr als die halben Einkünfte und in der Stadt zählte er zu den „Kauflcuten". Als Vater Ansehe!, welcher sich für einen hervorragenden. Kaufmann hielt, dem es bloß am „Glück" fehlte, nunmehr sah, wie sein Sohn verdiente und ihn übertraf, konnte er das. nicht begreifen. „Seht euch doch nur die Kaufleute an! Seht doch nur, wer heutzutage Handel treibt!" — sagt der Vater, wenn die Familie beim Abendessen am Tisch sitzt -— „Das ist die heutige Welt" — dabei deutet er auf den rothaarigen Burschen, mit dem von Sommersprossen übersäten Gesicht, der neben der Mutter, sozusagen unter ihrem Schutz, sitzt. „Was ist da der Unterschied? Gut, er ist kein Kaufmann" — sagt die Mutter — „es ist doch besser, wenn man kein Kaufmann ist und verdient, als wenn man ein Kaufmann ist und nichts verdient." Der Vater legt den Löffel nieder und schiebt die Schüssel fort: j i«. „Was hast1 du gesagt?" Der Mutter tut es sofort leid, ihren Anschel beschämt zu haben; das schneidet ihr ins Herz und sie will es wieder-'gut. machen; doch sie weiß nicht, wie sie es tun soll, und schweigt. „Du hältst ihn also für einen besseren Kaufmann als mich, weil er verdient und ich nicht verdiene, das hast du doch sagen wollen, nicht?" — kommentiert der Vater die Worte der Mutter. „Aber um Gottes Willen, wer vergleicht denn dich mit ihm? Du bist ein gelehrter Mann, und was ist er? Ein unwissender Junge." Und mit einem; Seufzer schöpftdie Mutter noch einen Löffel Suppe -für ihren Mojschele. „Natürlich wäre es mir viel lieber, du würdest ins Beth-Hamidrasch gehen, als daß du mich glücklich machst." Versöhnt zieht der Vater den Teller wieder "an sich. ' ' „Aber dafür du, mein Kind," — sagt die Mutter zu Jojne Gedalje, der einen, guten Kopf hat und fleißig lernt, und legt dabei ein Stückchen Fleisch aus der Suppe auf seinen Teller — „du, mein Kind, gerate Heber deinem Vater nach als deinem Bruder. IV. . Ein Brief aus Amerika.? Darin aJber . kam das' große Glück. Aus Amerika kam ein Brief von dem Aeitesten mit einer erfreulichen „Beilage".- Vorher schon war ein Brief geko-mmei}. Sofort nach seiner Ankunft in Amerika hatte der Aelteste folgendes geschrieben; „Lieber Vater und liebe Mutter, ich bin über das schreckliche Meer gekommen und glücklich in Amerika angelangt. Alles1, was du, lieber Vater,, mir vvon dem Ozean erzählt hast, ist gar nichts gegen das richtige Meer. Ich bin vierzehn Tage lang mit allen anderen Leuten in einem Keller beinahe erstickt, habe das Gesicht in eine Decke gewickelt und haibe nicht gewußt, ob ich lebe oder ob ich tot bin. Und da du mir gesagt hast, wenn ich über.die Grenze komme und einen Deutschen "treffe, so soll ich ihm „guten Morgen, mein Herr" sagen, so schreibe ich dir, daß ich gar keinen Deutschen vor Augen gesehen habe. Wie ich über die Grenze gekommen bin — Chajim, der Fuhrmann, hat uns 'bei Nacht hinühergeführt — so hat man mich und alle anderen Leute genommen und in einem Waggon versperrt; wie Arrestanten hat man uns zum Schiff geschickt, deshalb konnte ich "in keiner Station aussteigen und mir einen, Deutschen ansehen." Der Vater wunderte sich, daß die Deutschen so etwas tun konnten. Die Deutschen sind doch feine Leute... Daher schober alle Schuld auf den Sohn: „Natürlich, wenn sie so einen Unglücksvogel sehen,.. Ich möchte sehen, wenn ich fahre, ob sie mich in einem Waggon einsperren." Nach dem ersten Brief schwieg der Aelteste monatelang. Er ließ nichts mehr von sich hören. Sure Rifke meinte, ihr Sohn sei, Gott behüte, verloren gegangen. Sie -verbrachte schlaflose Näohte. Z* all ihreni Kummer hatte sie noch eine Sorge. (Fortteteuag fotoü

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