Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 33 (4.5.1928)
- Date
- 1928-05-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- Wr. 33 geworfen, .auf Güter. Güter -— das. ist ein ganz anderer (Artikel! Erstens muß man dabei keine Stiefel zerreißen, man schreibt einen Brief, legt einen „Plan" bei, der Käufer fährt hin, schaut sich die Sache an und es wird mit Gottes Hilfe ein Geschäft. Und zweitens macht man das Geschäft nicht mit Bettlern und Habenichtsen: man hat mit Gutsherren m tun, mit Edelleuten, Fürsten und Grafen. Du wirst natürlich fragen, wie ich zu Grafen komme . . . Das ist eine lan^c Geschichte! Du weißt ja, daß Ich mich hier nicht aufhalten darf . . . und so kommt es manchmal vor, daß die Polizei zair Nachtzeit im Gasthof eine Revision hält. Da gibt uns die Wirtin schon vorher davon Kenntnis, damit wir beizeiten verschwinden wie Salz im Wasser, der nach Bobrisk, jener dahin, der dorthin. Es kommt aber auch vor, daß die Wirtin nicht im voraus weiß, wann die Revisron sein wird; das ist schlimm! Diese Woche nun liegen wir alle Gäste ruhig und schlafen; da hören wir: es klopft 1 Die Wirtin springt herein, zitiert am «anzen Leib und ruft uns zu: „Juden, Leute, 'kriecht ins Stroh!" — Das war ein Huschen und Verstecken! Der in den Keller, der in den Hof und ich — an meinen alten lieben Ort — auf den Boden. Und hinter mir noch jemand, ein kleiner, dürrer Jude aus Kamenetz. Wie wir so in unserem Schmerz auf dem Dachboden liegen, höre ich den armen kleinen Juden schwer seufzen. „Warum seufzt Ihr?" — frage Ich leise. „Ach und Weh Ist mir," — sagt er — „ich habe meine Papiere unter dem Kopf Polster liegen lassen!" — „Was für Papiere?" — flüstere ich ihm zu. — ,,Oh," — antwortet er — „sehr wichtige. Papiere! Ihr Inhalt ist mehr als eine halbe Million!" Wie ich von einer halben Million höre, rücke ich leise meinem kleinen Juden näher und ifrage Ihn: „Wie kommen zu Euch so wertvolle Papiere flnd was sind das für Papiere?" „Das sind Güter", — sagt er mir — „ich' habe Güter im Gouvernement Wolhynien, große Güter, mit dem besten Inventar, mit Pferden, Ochsen und Schafen ohne Zahl, mit Wassermühlen und Almhütten, njit großen Höfen, prächtigen Gärten und allem, was man sich nur wünschen kann!" Wie ich das höre, rücke ich meinem Mann noch näher: „Wie kommt Ihr zu so viel Gütern mit solcher Pracht?" „Die Güter" — flüstert er mir zu — „sind nicht auf meinem Mist gewachsen, das sind herrschaftliche Güter, doch ich habe sie in der Hand, das heißt, ich bin der Verkäufer; deswegen bin ich eben hergekommen und habe alle Papiere mitgebracht, alle JBBBDnBBnBBBBHHBnHHBHpHIBBHnBHMBnB _MS NEUE WELT . Piäne ... Wie.glaubt Ihr, werde ich nicht, Gott behüte, zu Schaden kommen?" „Gott bewahre," — sage ich —- „wer braucht fremde Sachen?;Der'Herr möge uns nur beistehen, daß niemand zu uns auf den Boden hinaufkrieeht." sage ich und dann gehe ich ihn von-einer and-cren Seite an: „Nun, habt Ihr hier schon ein Geschäft gemacht mit Euren Gütern?" „Nein" — antwortet er — „ich habe Angst vor den hiesigen Maklern; sie sind, höre ich, große Lügner und haben kein wahres Wort au*f der Zunge. Vielleicht kennet Ihr einen Gütermakler, einen anständigen Makler, vor allem einen ehrlichen, keinen Lügner?" „Aber" — antworte ich — „mit dem größten Vergnügen! Ich selbst" — sage ich — „bin Gütermakler, das heißt, mit Gütern habe ich in meinem Leben noch nicht gehandelt, aber ich meine, wenn nur mit Gottes Hilfe ein Kunde kommt, so ist es keine Kunst, auch in Gütern zu machen." „Ich sehe," — antwortet er mir — „daß .ich es mit einem geschickten Menschen zu tun habe und einem ehrlichen Mann; gebt mir Eure Hand zum Pfände, daß das, was wir hier sprechen, unter uns bleibt, so will ich Euch alles angeben: wo meine Güter liegen und was ich habe." Kurz mxd gut, wir haben mit Gottes Hilfe ein Geschäft gemacht, das heißt, wir haben Halbpart beschlossen für alle Geschäfte: er bringt in diese Gemeinschaft alle seine Güter ein und ich alle meine Kunden. Doch da ich sehr beschäftigt bin und keine Zeit habe, fasse ich mich kurz; so Gott will, werde ich Dir im nächsten Brief alles genau berichten. Jetztgebe Gott nur Gesundheit und Glück. Grüß' die Kinder, sie sollen leben, und jeden besonders gar herzlich von Deinem Gemahl M e n a c h e m Mendel. Richtig: das Wichtigste! Die Panik im Gasthof war ein -blinder Lärm. Ein Nachbar hat irrtümlich an unser Fenster geklopft und wir haben uns ganz unnötig versteckt. Darauf sieht man aber, daß es gut ist, wie der Herr es lenkt. Denn hätte zum Beispiel der Nachbar nicht ans Fenster geklopft, wäre keine Panik ausgebrochen, ich wäre nicht auf den Boden gekrochen, hätte nicht den Juden aus Kamenetz kennen gelernt und wüßte nichts von Gütern und Grafen, jetzt fehlt nur noch ein bißchen Glück. Der Obige. (Fortsetzung folgt.) wmmmmmmmamMmmmmmmmmmmamBUBmmmmmmmimmn ~ - ■ ...... Seife ff T - ■ i.....-—- Bettfedern $ v $' $ direkt vom Land?, halb umsonst Wäschehaus FELD TCÄSär: 18 ■}> t DampfreinigHiiR in G«genwart der Kunde Dwojrele sah'die ..Mutter spat bei Nacht an der Lampe sitzen und Hemden flicken; sie fand keinen Schlaf in ihrer Bettstelle und erhob sich} die Schneiderin in ihr war erwacht und sie sagte: „Mutter, ich werde dir helfen." „Geh' schlafen, es ist schon spät. Ich werde es schon allein.fertig inachen." „Ich ibin Wirklich, nicht schläfrig" — flink fädelte Dwojrele ein und nahm der Mutter das Hemd aus. der Hand. „Da hast du Jojne Gedaljes Hemd, das des Vaters werde ich selber machen" — sagte die Mutter. Spät'bei Nacht. Bei Ansehe!* dem Vörbeter, schlafen alle; Die verschiedenen Stimmen der Nacht werden -hörbar; die Grille zirpt hinter dem Oföii, die Uhr mit den schweren Gewichten tickt. 'Bs ist spat, die Dunkelheit schärft 'Von draußen durch die Locher der Fensterladen ins Zimmer. Auf die weißen Hemden, die auf dein kleinen Tisch liegen, fällt der'Schern der Lampe, deren Schirm,, ans Zeitungspapier geschnitten, mehr dunkel macht als abblendet. An der in Halbdunkel gehüllten Wand bewegen sich zwei Schatten, ein großer und ein kleiner, und nähen. Als aber dann der Seder kam, da leuchteten Sure Rifkes Atugcn, als sie ihre Kinder nebeneinatider sitzen sali, und ein sorgsam gesteifter Hemdkragen nach dem anderen in -blendendem Weiß erstrahlte. Mojsohele hatte eine neue Mütze, Jojne -Gedaije liat den langen Rock eigens atifgeschürzt,' . damit man seine neuen Hosen sehen kann. Die neuen. Stiefel knarrten und jedem der Jungen machte es Vergnügen, möglichst viel hin, und her zu gehen, damit man d,as Knarren der Sohlen höre. Und Dwojrele. saß 'im Tisch, das Haar in zwei schwarze Zöpfe geflochten, im .neuen Kattunkdeid, auf dem ein rotes Band; noch aus der Mutter Mädchenzeit, in dieses Jahr:verirrt;'leuchtet Am Sederabend konnte sich die Mutter freilich des festlichen Anblicks ihrer-Kinder nicht lange freuen. Sie war-so-«lüde von-den Vorbereitungen für den Fessach ürf.d dem Herrichten der Kleider für die Kinder, daß sie am Sedertisch einschlief. Als sie aber am ersten Morgen,des Festes von der Frauenschul' während der Tlioravoriesung liinimterschaüte; und ihren An seh el vor der Thorarolle stehen ' sah, neben im Mojsohele auf .einer Seite und. Jojne Gedalje auf der anderen, in neuen Mützen, neuen, Stiefeln und neuen Hosen (die Jungen sorgten schon ^dafür, daß "alle die nb'uen Ho'S'öii "sehen konnten) -mm/erstenmal m ihrem Leben sali, Sure Rifke ihre Kinder; so festlich gekleidet und niemand konnte sich, ihrvergleichen. Wessen Stolz und Freude konnte auch größer sein? ' 1 ' Der Beginn dieses Pessach war festlich' ' uhd fröhlich, aber das Ende war traurig. Am ersten Hälbfeiertag traf Schlojme Chajim, der Aelteste, seine Reise Vorbereitungen, i ■ : •' „Vater, M-utter," — begann er noch am frühen Morgen des ersten Halbfeie'rtages — „ich fahre nach1 Amerika." ' Wohl , wußte die-ganze Familie, daß. Schlojme Chajim Geld für eine Schitfskarte sparteJ und alle, auch Vater, und Mutter, warteten geradezu auf das Ereignis. Mehr als; einmal hatte Anschel, wenn die Familie beim Essen saß, den, Sohn gefragt: „Nun, mein Sohn, wann erlöst dm 'uns seihon aus « dem.-Collis? Wann fährst du schon nach Amerika und holst uns a'Jle hinüber?" Anschel 'pflegte diese Frage auch kürzer zu formulieren : „Sag\mir doch, mein Sohn, wann , kommt endlich der Messias?" ' ., . Doch als das Erwartete Wirklichkeit'Wurde und Schlojme Chajim ernsthaft seine Reisevorbereitungen traf, wirkte das, als wäre ein Unglück über die Familie hereingebrochen; der Vater^sah die Mutter an, die Mutter den Vater; ungläubig 'begann der Vater: „Ach was, der Junge redet so..." : „Vater, sofort nach den Feiertagen fahre ich mit dem Emigrantenwagen nach Kohl an die Grenze" — unterbrach Schlojme Chajim den Vater mit Entschiedenheit, ■ „Er will-nach Amerika fahren! Du glaubst so, Amerika sei ein Kinderspiel. Amerika ist nicht Tischnowitz. Schau, scliau, was heute alles nach Amerika fährt!" — sagte der Vater mit gemachtem Spott. Als die Eltern aber sahen, daß der Sohn es? ernst meinte, als er 'gar Schmul, den „Agenten" mit Singer- Maschinen, mitbrachte und mit ihm,wegen des Verkaufes seiner Steppmaschine verhandelte, da wurde es der Mutter schwach ums Herz und der Vater begann ernst zusprächen: „Sag* mir,; mein Sohn, was willst du ta Amerika tun?" „Arbeiten" antwortete Schilojme Ghajhn. „Du glaubst,, daß Amerika solche Arbeiter wie du braucht? Amerika hat noch nicht; solche Arbeiter wie du gesehen, meinst du?" ^- wieder verfiel de? Vater in seinen gutmütigen Spott. (Fortsetzung folgt.) ROMAN VÖ N 'S Copyright by Dr. Präger-Pressedienst, Wien. .,. ,t In ,.. den. Händen. hält ,; sje'{.ejnen Leinwänd- . fleck, auf dem sie''"\^äu^Men?<''. lernt,: -überdies stemmt sich fest auf ihre Armenier „große Junge" Itsohe Majer. Bis der „Säugling" kam, welcher jetzt auf den Händen der Mutter sitzt, war Itsohe Majer, der „Säugling" gewesen. Nach der Ankunft des neuen Säuglings bekam Itsche Majer den. Namen „der große. Junge" und sein Pilatz wurden Dwöjres Arme. Seither behauptet er diesen Platz auf ' der Schwester Händen, hartnäckig. Vom Morgen bis zum späten Abend den „großen Jungen" auf den Armen, spielt Dwojre in ihren freien Stunden Steinchen auf der Gasse umd den „großen Jungen" auf den Armen lernt sie sticken und nähen. „Wo steckst du den ganzen Tag? Man, sieht dich ja überhaupt nicht vor Augen" — empfängt sie der Vater. „Was willst du von dem Kind? Sie ist doch schon ein erwachsenes Mädel, sie muß schon ans Verdienen denken, so sitzt sie 'bei Feigele und lernt nähen" — verteidigt die Mutter ihre Tocihter. „Dwojrele, geh', lauf hinüber ins Geschäft. Vielleicht' bekommst diu einen Hering auf Borg, dein Vater möchte etwas Gesalzenes." II. Amerika. Als Dwojrele bei der Schneiderin Feigele das zweite Halbjahr lernte, begann sie ihren Verdienst heimzubrinjgen; es waren ein oder zwei Gulden Wöchentlich. Die Mutter suchte einen Topf aus, einen ihrer „besten Freunde", auf den sie sich verlassen konnte, und warf das Geld, das Dwojrele brachte, iede Woche in den Topf; dabei schwor sie sich mit tausend Edden zu: Und wenn ich wüßte, daß, Gott behüte, das ganze Haus zugrunde geht — von des Kindes schwer 'erarbeiteten Groschen werde ich nichts anrühren. Es muß für Pessach bleiben, dann kaufe ich Dwojrele ein Paar neue Schuhe und lasse ihr ein, neues Kleid machen. Sie hat doch nie ein ordentliches Kleid am Leib gehabt, — fügte die Mutter in Gedanken hinzu — seit sie lebt. Das Kind hat doch nie etwas Neues getragen, alles ist umgearbeitet, alles geflickt. Und wirklich — der, Topf schien mit einem Bannkreis umgeben zu sein. Die Mutter kämpfte wie; ein Löwe"am des.Kindes „Blut und Schweiß". Sie ließ sich nicht durch Hunger und nicht durch Kälte; belegen, Dwojreles Geld anzugreifen; sogar ihres Anschel Lust nach einem Stückchen Hering, 4ie bisher stets der, Mutter am stärksten ans Herz gegriffen hatte, konnte sie nicht daiju bringen, sich dem Topf CHALOM ASCH, (3. Fortsetzung.) . zu nähern, in dem Dwojreles Gulden lagen. Dwojreles erster Verdienst: war ihr teilte. Doch ein Armerhat' es schwer, Gelübde zu lialten, und mochte die,Mutter noch so stark sein, die; Not war stärker als sie und; in außerordentlichen Fällen schlich sie sich wie ein Dieb zum Topf und „beraubte" ihr Kind. Das 'geschah jedoch nur ein,'einziges Mal, nämlich als der Melanied Jojne Gedalje aus dem Glieder - heimschickte,- weil schon drei Monate lang kein Schulgeld gezahlt worden war. Der Junge ging müßig umher und der Mutter Herz krampfte sich zusammen, als sie sah, daß* ihr Jojne Gedalje nichts lernte. Um des Schulgeldeswillen ist alles erlaubt... ■Als aber dann die Pessachwoche kam, holte die Mutter den Topf aus seinem Versteck in einem finsteren Winkel und entnahm ihm die Silbergulden. Ursprünglicth war sie entschlossen, sich um alle anderen. Bedürfnisse des Hauses nicht izu kümmern umd das? ganze Geld nur für Dwojrele auszugeben. Es ist doch des Kindes schwerer, Verdienst. Aber Mutter bleibt Mutter; als die Pessaehzeit kam, erinnerte sie sich der anderen Kinder: Jojne Gedaljes Hosen sind schon so oft geflickt, daß sie ihre ursprüngliche Farbe bereits verloren haben,- und aus allen Flicken und Nähten guckt das Hemd heraus; und er muß doch mit dem Vater in den Tempel gehen; und wie wird Anschel aussehen, wenn er beim Almemor steht und die Tbora vorliest, und neben ihm steht Mojschele mit einer Mütze ohne.,Schild? Und am Abend' wurde" gerechnet, überlegt und wieder gerechnet, doch die Rechnung ging nie auf. Die »Schuhe mußte schließlich der große Junge, der Obertelliherriohter, besorgen, ob er nun wollte oder nicht. Er schrie wohl, daß man ihm die Haut vom Leib ziehe und daß er nicht nach Amerikawerde fahren können, doch er mußte vier Paar Stieleichen nähen; die für Jojne Gedalje und für Dwojrele waren aus dem allerfeinsten Leder. Dwojrele bekam sie, well der große Bruder sie..gern hatte, und Jojne Gedalje, weil er des Vaters Lieblingssohn, war und gut lernte. Die Schuhe also erkämpfte die Mutter von ihrem Aeltesten. Für das Geld, das Dwojrele verdient hatte, kaufte sie Kattun auf ein Kleidchen und Zeug auf zwei Paar Hosen für die kleinen Jungen, ein Stück Zeug ließ, sie sich zugeben, um Flecke auf die Röcke zu legen. Als die kleinen Jungen die neuen Hosen bekamen und ihre Röcke ausgeflickt waren, da-merkte die Mutter erst, daß sie keine ganzen Hemden zu den neuen Kleidern besaßen; auch erwies sich die Anschaffung neuer Mützen als so notwendig, daß die Mutter halbe Nächte beim Schein der kleinen Lampe saß' und die Hemden für Pessach reparierte.