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Die neue Welt · 1928-04-20 · Heft 31 (20.4.1928) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 31 (20.4.1928)
Date
1928-04-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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Nr. 31 nm NEÜE WILT r Seite 11 SCHOLEM ALEJCHEM: MENACHEM MENDEL. (Aus dem Jüdischen Ubertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 1921 by R. Löwit. Wien und LelpziK. (15. Fortsetzung!.) 4. Brief. Scheme-Scheindel aus Kasriliwke ah ihren Gatten Menachem Mendel in Jehupez. Dem hochgeehrten, edlen und mächtigen Herrn» dem weisen Kenner der Thora, dem hochgelehrten Reb Menachetn Mendel ehrfürchtigen Gruß! Erstens vermelde ich Dir, daß wir alle, öott sei Dank, beim besten Wohlsein sind, *gebe Gott, uns, das! Gleiche von Dir zu hören fürderhin und nichts Schlimmeres. Zweitens teile ich Dir mit, daß mir gestern und* heute in der Nacht Dinge geträumt haben, wie sie an> allen meinen Feinden sich erfüllen mögen! Und was Du schreibst, ist einfach großartig: — Wenn es nicht regnet, wird es keine Rüben geben, und wenn es keine Rüben gibt, wird es keinen Zucker geben, und wenn es keinen Zucker gibt, wird der Mann Geld verdienen; das ist genau die Geschichte vom Fell des Bären! Undi wie wird es sein, Mendel, wenn ich Dir nun melde, daß bei uns sich tagtäglich eine Wahre Sündflut vom Himmel gießt, daß die Rüben turmhoch wachsen und daß es bei uns gar keine Käfer , gibt, außer Wanzen umd Schaben: ist Dir jetzt leichter ums Herz! Gott mögie mir so helfen, wie ich im voraus gewußt habe, daß» Du von dem Fünfziger nur noch den Nachgeschmack hast und keinen Groschen. Ich habe im voraus gewußt, daß Du eher die paar Rtlbel auf Borg in alle Winde verstreuen wirst, statt daß 6u Dich erinnerst, daß Du eine Frau hast (bis hundertzwanzig Jahre!). Borgen? Mein Leid und mein Unglück tat* ich ihnen borgen! Du wirst sehen: wenn Du einmal zu ihnen um ein Darlehen kommen wirst, da wird keiner zu Hause sein. Wie sagt die Mutter: „Ein Nemirower ist kein Gebirower und die Freund: schaft reicht bis zur Tasche..." Doch wer ist an allem Schuld? Ich selbst! Nur ich! Einem Mann so in allem nachzugeben! Er weiß schon nicht mehr, was er tun soll vor Uebermut! In dem Jehupez spaziert er herum wie ein Graf, nichts fehlt ihm außer Regen und Käfer, und; Ich sitze da wie ein Hund und auf Schritt und Tritt verfolgt mich Unglück über Unglück. Da läuft ein Kind, MojBche-Herschele (brennen soll er!), fällt hin und zerschlägt sich die Lippe; da hab' ich einen einzigen Ring, mit Rauten, — die Magd stiehlt ihn mir. So geht es von. allen Seiten; wie sagt die Mutter: „Wenn das Glück anfängt, werden alle Töpfe voll!. ." Säg?, Mendel: Hatt' ich; nicht Recht, daß nicht alle Montag Purim . ist und diel Fünfziger nicht auf der Straße herumliegen? Und die vornehme Heirat, die Du mir für meine Nechome-Brajndeli vorschlägst, — der mag dort sitzen bleiben in seinem', ganzen Jammer, Dein alter Junggeselle mit grauem Bart; das wird Jehupez nicht erleben, daß unsere Familie einen von dort heiratet! Man redet Nechome schon eirte neue Heirat; und weißt Du, wen? Ihren ersten ^Bräutigam; er hat sich von seiner ersten Frau scheiden lassen und jetzt freit er wieder meine Schwester. Sie gefällt ihm offenbar sehr gut, dem Scharlatan! Wie sagt die Mutter: „Besser einen Dieb von daheim, eh' einen Rabbi aus der Fremde..." Wenn diese Ehe zustandekommt, so wird schnell Hochzeit gemacht und da will ich sehen, ob Du nicht zu Nechome-Brajndels Hochzeit kommen wirst! So wünscht Dir viel Gutes und andauernd Glück ■ " v Deine wahrhaft treue Frau -Scheine-Schein deL Unser Koppel hat wieder einmal umgeschmissen; an die dreihundert Rubel ist er schuldig geblieben und hat jetzt wieder Kredit in der Stadt. Und .Berl, den Sohn" des Vetters Menasche, hat. wieder einmal ein Unglück: getroffen: er ist abgebrannt mit einem Schaden von1 vielleicht dritthalbhundert Rubel; ich glaube aber, daß das der letzte Brand bei uns in der Stadt war. Denn es geht das Gerücht, daß die Versicherungsgesellschaft „Jaker" aufhört, jüdische Häuser und jüdische Läden in Kasiriliwke zu versichern. Und Mirl-Bejle hat sich überlegt, daß sie eigentlich keine Perücke braucht und geht jetzt in ihrem eigenen Haar; sie tut es den Schwiegertöchterni unseres reichen Motel nach, — der Teufel soll sie holen! — welche mit jungen Leuten Karten spielen. Doch es ist nicht meine Sache, über andere zu reden; vwie sagt die. Mutter: „Denk' an Dich, so vergißt Du Jenen..." Und' schreibe mir um Himmelswillem was heißt das „Balleteüsen und Schandeusen", was ist das und wozu, braucht man das? 5. Brief. Menachem Mendel aus Jehupez an seine Frau Scheine^ Scheindel it\ Kasriliwke. . - ... 1 1 Der teuren, edlen,' tugendhaften und klugen Ehefrau Scheine-Scheindel meinen Gruß! Zum ersten sei Dir kundgetan, daß Ich — Dank Seinem lieben Namen! — gesund bin und mein Leben das des Friedens; der Herr, gelobt sei er, möge helfen, daß eines vom anderen nur Gutes höre in guter Botschaft zu Trost und Heil — Amen. Zum zweiten wisse: Du hast es getroffen; das Zuckergeschäft ist wirklich kein Geschäft für mich: erstens ist gegen die großen Zuckermakler nicht aufzukommen; sowie Du' Dich nur rührst, schon ist der vgrößte von allen Zuckermaklern' da und schnappt Dir das Geschäft .'fort, obwohl er doch schon ein reicher Mann ist; wal kniinst Du tun? Ihn vor Gericht zitieren? ■ Du fragst! natürlich sofort: Wie kann das sein? Wo ist da die Gerechtigkeit? Du mußt wissen, daß es solche Fragen in Jehupez nicht gibt; Gerechtigkeit ist hier keine gültige Münze;;,Rücksicht" und.. „Mitleid" kennt man da nicht; das ist einmal verloren gegangen und weg für immer. Zweitens aber frage ich' Dich: ist 'das eine rechte Beschäftigung, das Zuckergeschäft, wo manf Tag und Nacht auf den Himmel schauen muß und einen Tag Gott bitten, daß es regne, den anderen, daß es nicht regne? Kurz und gut, ich habe erkannt, daß das kein Gef schäft für mich ist; man muß dazu ein großer Frechling sein, mit dem größten Abschaum Freundschaft schließen, in den Käufer hineinreden, daß er nicht ein ujnd nicht aus weiß, solange in ihn hineinreden, bis ihm übel wird zuzuhören „und kalter Schweiß ihm auf die Stime tritt... Gott aber ist mein Zeuge, daß ich das alles nicht vermag; ich verdiene gern meinen Rubel ehrsam und gelassen. Mit Gottes Hilfe habe ich jetzt ein Geschäft in Händen, davon weiß ich, daß es ein Geschäft ist; ich gehe nämlich um Geld herum, ich mache Anleihen, Skonti, das heißt,' ich leihe und verleihe Geld gegen Wechsel und das mjt gutbürgerlichen Zinsen, wie es heißt: „Weniger verdienen um besser zu schlafen/' Das ist ein Geschäft, bei dem man Dich überall mit Achtung ansieht; denn, rwenn einer klingende Münze] braucht, wird er weich wie Butter, verschwindet beir. nahe in der Erde vor Ehrfurcht und verspricht dem Makler goldene "Berg'ei . . . .Gerade hat Gott mir einen zugeschickt, aus Berditschew; ich habe ihn in dem Gasthof kennen gelernt, wo ich wohne, — ein ganz außergewöhnlicher junger Mann von goldenem Charakter. Er verspricht mir, wenn ich ihm liier einen Kredit von zehn-, fünfzehntausend Rubeln beschaffe, mich so zu entlohnen, daß ich mir ersparen kann, noch weiter Makler zu sein... Bisher freilich habe ich ihm noch kein Gc .! beschafft, doch ich hoffe ztt Oott, so Gott will, mi4» Gottes Hilfe gewiß Geld zu bekommen... Alle Makler, welche hier mit Geld zu tun haben, machen ihr Glückt,, fahren mit eigenen Wagen und, Pferden. Ein eigenes Gespann, mußt Du. wissen, gehört zu dem Geschäft; hier in Jehujpez hat man vor einem schönen Wagen und Pferd weit mehr Achtujng als vor einem Menschen... Doch da ich sehr beschäftigt bin, und keine Zeit habe, fasse ich mich kurz. So Gott will, werde ich Dir im nächsten Brief alles genau berichten. Jetzt gebe Gott nur Gesundheit und Glück. Grüß' die Kinder und Schwiegervater und Schwiegermutter, jeden besonders sehr herzlich von Deinem Gemahl Menachem Mendel. Richtig: das Wichtigste! Was Du von Koppels Umschmiß schreibst, heißt gar nichts gegen die hiesigen Umschmisse! Ein Kaufmann, der noch nicht dreimal Pleite gemacht hat, heißt hier kein Kaufmann. Früher war« es hier Mode, daß einer, der umgeschmissen hat, verschwinden muß; jetzt hat diese Mode schon aufgehört. Hier nennt man das gar nicht „umschmeißen"; sie sagen> „er zahlt nicht"; das heißt, er will nicht zahlen Und wenn Du mich Fips nennst! — Und Was Du fragsft nach der Bedeutung von „Balleteusen und Schandeusen?4, — das sind die „Kebsweiber" der Bibel. Doch Du kannst mir's glauben, auf Ehre: das sind Dinge, um die ich mich nicht kümmere... t , . x Der Obige. (Fortsetzuiiig folgt.) ROMAN VON SCHALOM ASCH. (1. (Fortsetzung.) Er-sitzt'-auf seinem Thron, das goldne Zepter in der Hand,* vor ihm erscheint die Königin Esther, diie Krone auf dem Haupt und sinkt vor . ihm in die Knie; sie findet Gnade in seinen Augen, er streckt sein goldenes Zepter :gegen sie und, sagt* Hebevoll die Worte in der Kehle, kosend : „Warum bist du-gekommen, Königin Esther, und warum hast du Furchtj die Hälfte meines Königreiches habe ich doch dir gegeben . . ." *>■■■ . Die Mutter stand'in der Küche beim Herd; und als sie hörte, wie der Vater das Esther-Buch las und^ jedes Wort wie einen" Edelstein faßte, da wurde ihr Herz übervoll voii^t^p:'St6\t":lMi:'^Te Brust, Stolz; aoiif ihren M4nn/den?"gele'hrten Vorbeter, und ihr kam der Gedanke: wofür' geibiihrt mir solches Glück? Und es schien ihr der Loliif für alle Leiden,, die das:Leben ihr 'beschert hatte. -r' Wenn dem Vater das Lernen gut vonstatten ging und Wort xind Ton so herauskamen, wie .er .es wollte, da war er der glücklichste Mensch auf der Welt. Er besaß Phantasie, doch nie war diese Phantasie so schrankenlos, daß ihm das Unmöglichste möglich 'Schien, als wenii er das Esther-Buch las. Der zauberhafte Reiz, der'auf Anaschverosch' .Hofe lag, schien den Vater, angesteckt zu haben. Die Mutter spürte bald, wenn der Vater in so gtuter Stimmung war. In solchen Augenblicken liebte es die Mutter, vor dem Vater ein wenig zu zärteln. Sure Rifke klagte nie, vor niemand, niemand tröstete sie. Doch wenn sie spürte, ihr Ansohel sei gut gelaunt, da liebte sie es, ein wenig zu Härteln, nicht weil ihr gerade im Augenblick etwas weh tat, Gott bewahre, sondern ohne Anlaß, einfach weil es ihr „gut ging"...' So war es auch diesmal. Der Vater schloß sein Buch mit einer breiten Geste, seufzte ein wenig afuf, auch weil es ihm gut ging und ging auf Sure Rifke zu, die, den „Säugling" auf dem Arm, beim Herd stand; er gab dem Säugling einen leichten Klaps ■auf's Gesäß und begann freundlich -brummig: „Was kochst du eigentlich heute zum Nachtmahl, Sure'Rifke?" ..... „Was soll ich dir kochen? Was halb' ich dir, daß Gott erbarm, zu kochen?" „Natürlich, ein Abendessen, wie es beim König Ahaschveros'ch in Schuschan gegeben hat, kochst du nicht, liebe Frau", erwiderte Ansohel in freundlich lachendem Tone. „Ach, wie kann man Menschenwerk mit dem vergleichen, was in der heiligen Thora steht?" sagt Sure Rifke und spürt schon, daß ihr Ansohel gut gelaunt ist . " - " „Anschel*, fährt sie fort, „ich habe doch schon ein, paar Kinder genährt, doch der da" — sie fährt mit der Schürze über die Stirn des Säuglings, der wie festgewachsen auf ihren Armen liegt — „er saugt mir mein Leben aus; bei lebendigem Leib frißt er mich auf, unberufen" —■ noch einmal fährt sie mit der Schürze über «die Stirn des Säuglings und wischt den Angstschweiß ab, der auf der erhitzten Stirn liegt. „Weißt du, liebe Frau> man müßte dir eigentlich eine Milchziege kaufen", sagt Anschel leichthin, als stünde die Ziege schon angepflockt vor dem Hause, „so viele Leute in der Stadt halten Ziegen; von dem, was so im Haushalt abfällt, kann mehr als eine Ziege leben." Sure Rifke sieht ihren Mann an, während er so gelassen spricht, und fragt dann: „Sag' mir nur, mein lieber Mann, wober wirst du das Geld für eine Ziege nehmen?" „Was geht das dich an? Wenn ich dir sage, daß ich eine Ziege kaufen will, so werde ich sie kaufen; du kennst doch Anschel," — er deutete auf sich — „und du weißt, wenn Anschel etwas, sagt, so ist es nicht bloß in die Luft gesagt; wenn Anschel etwas sagt, so ist es gesagt." Darauf schwieg die. Mutter und seufzte. Es war einer ihrer gewohnten Seufzer. Anschel ärgerte' das. V J;: „Ich verspreche ihr eine Ziege und sie seufzt. Das. will heißen,, daß du mir nicht glaubst,'daß mein Wort dir nichts bedeutet?'' Die Mutter wußte; das war zu viel. Denn so gut gelaunt auch der Vater war — und in diesen Augenblicken guter Laune konnte man zu ihm. sprechen , wie zu einem gewöhnlichen Menschen' — seine gute Laune hatte doch eine Grenze, und die Mutter fürchtete,. diese Grenze zu überschreiten. „Warum soll ich mit dir streiten? Bring' die Ziege, dann werden wir sehen, was weiter kommt." , Das war zu viel. , „Also, Anschels Worte bedeuten dir gar nichts, was?" t. „Wer sagt das? Im Gegenteil. Ich will keine Ziege, meinst du? Bring' sie nur. laß mich nur erleben sie schön hier zu sehen." „So, ich habe, gedacht, ich habe gedacht" — der Vater beruhigte sich und zog den wattierten Wintermantel an. Die Mutter half ihm den trockenen Kot vom Vortag abzureiben und staubte seinen Hut ab. Anschel brachte die Enden seines Bartes in Ordnung, nahm den Stock in. die Hand und ging ins Beth- Hamidrasch zum Mincha-Gebet. Die Mutter begriff, daß sie vom Vater kein Geld für das Nachtmahl zu erwarten hatte. Denn, wenn der Vater vom Markt mit leeren Händen heimkommt doch das ist nicht wahr, nie kommt Anschel mit leeren Händen heim: bringt er kein Geld, so bringt er „eine'Ziege", ein .„gutes Geschäft" oder eine Schilfskarte nach Amerika. So wußte die Mutter auch diesmal, als Anschel von i,der Ziege" zu sprechen begann, daß, er keinen Groschen in der Tasche hatte. Denn, wenn der Vater einen oder zwei Gulden Maklergeld verdient hat, spricht er nicht von der Ziege, sondern er summt eine langsame Melodie vor sich hin und wenn er ins Zimmer tritt, beginnt er: „Nun. liebe Frau, du brauchst doch sicher etwas fürs Nachtmahl, was?" Darin zieht er die zwei Gulden aus der Tasche und legt s{e auf den Tisch.' r|in. Ritter aus ajten Zeiten hätte von 'Änsghei Haltung "lernen "können, wenn er seinem König die gefangenen Feinde überantwortete; so legte Anschel ■ vor seiner Frau die zwei Gulden nieder und „überantwortete" sie ihren Händen. Dabei strich er elegant mit zwei Fingern übe4r seinen Schnurrbart, umfaßte mit der Hand seinen 'Bart und ^sagte obenhin: „Da hast du die Hechte,-Hebe Frau, schlachte sie; koche, sie oder brate sie und serviere sie zum Abendessen,* (Fortsetzung folgt;)

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