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Die neue Welt · 1928-04-04 · Heft 29 (4.4.1928) · page 11

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 29 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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«r. m w*$m&i«- m nem wedp Wfctti SCHOLEM ALEJCHEM: MENACHEM MENDEL. [Am dein Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 1921 by R. Löwit. Wl«n und Leipziff. (13. Fortsetzung.) *2. Brief. Scheitte-Scheindef aus Kasrlliwke an ihren Gatten Menachem Mendel In Jehupez. Dem hochgeehrten, edlen und mächtigen Herrn, dem weisen Kenner der Thora, dem hochgelehrten Reb Menachem Mendel ehrfürchtigen Gruß! Erstens vermelde ich Dir, daß war alle, Gott sei Dank, beim besten Wohlsein sind; gebe Gott uns, das Gleiche von Dir zu hören fürderhin und nichts Schlimmeres. , Zweitens teile Ich Dir mit, mein teurer Gemahl, daß ich Dir eigentlich viel schreiben sollte. Doch es geht triebt; es fehlt mir schon an Stoff. Was wird denn schon herauskommen, wenn ich Dich mit diesem Brie* — Gott behüte — lebendig begrabe? Wird es mir denn helfen? Ich fein doch nicht ß 1 i ni e - Z1 a t e, welche eine Vorliebe dafür hat, „den Mann zu fressen"; ich werde Dich nicht fressen; och sage Dir kein böses Wort; meine Zunge soll sich nicht röhren, nur eines möchte ich Dich fragen und — der Teufel .hole aWe meine Feinde! Sag', Mendel: Habe ich Dir nicht vorausgesagt, daß dies das Ende sein wird? Habe ich 'Dir nicht die ganze Zeit geschrieben: „Flieh"' hat' ich gesagt -r- „flieh', Mendel, wie vor dem Feuer! Wozu brauchst Du Dich" — halb' ich gesagt — „mit Papierfetzen abzugeben?" Wie sagt die Mutter: „Sitz' zu Hause, da zerreißt Du keine Strefel." Der Mann aber hat nicht auf mich gehört. Er hat sich in dieses Jehupez verliebt! Er ist das Opferlamm der feinen Leute dort —- das Opfer mögen sie sein und gar bald, für Dich iiivd für mich und für uns alle und für ganz Israel, daß ich nicht bei ihnen um ein Darlehen betteln muß! Wie sagt die Mutter, sie soll leben: „Besser eine Bitte tun bei sich, als beim besten •Menschen . . ." Und Du, Mendel. Du weißt doch sicher, was in den heiligen Büchern geschrieben steht: „Mit Schreien .kommt der Mensch zur Welt, mit Schreien stirbt er." Was für Dummheiten redest Du zusammen? Alles kommt von Gott, Du siehst ja, wie der Herr der Welt mit Dir verfährt. Du sollst kein Gelüste tragen nach Goldvöglein in Jehupez! Bin Jude muß sich plagen, bis er schwarz wird, und seinem Weibe Brot geben! Da ist Nebemia, gewiß efn anständigier junger Mensch und ein Gelehrter (so will ich leben und gesund sein!). Und da schau' zu, wie er sich zerreißt; er fährt auf alte Jahrmärkte, geht sogar zu Fuß hin; wenn's nötig ist, kriecht er unter der Erde und schindet sich wie ein Esel! Mag seih, daß es ihm auch gefiele, mit dem Stock in der Hand sich in Jehupez herumzutreiben, keinen Finger zu rühren, wie Du, auch mit Fetzen zu .handeln, wie Du, auch Schlittenpartten nach -Bobrisk zu machen und auch den Jehupezer Damen bei dem vornehmen Spiel „Naschi-Waschi" zuzusehen, er hat aber ein ehelich Weib, sie heißt BHme- Z1 a t e. Und wenn Blime-Zlate ihren Nebemia nur anschaut, verschlägt es Ihm schon die Redte: er versteht jeden Wünk von ihr. Und Gott sollte es ihm einfallen lassen, daß er zum Beispiel von Jarmelinetz zurückkommt, ohne ihr einen Mantel mitgebracht zu haben oder einen Hut oder einen Sonnenschirm (und Leid und allerhand Plagen in, ihr Herz, lieber Gott!). Was glaubst Du, was wäre dann? Sie begnügt sieb — glaubst Du — auch wie ich damit, daß Du mir jedesmal schreibst: Morgen kaufst Du mir das, bald kaufst Du mir jenes — und bis es dazu kommt — ist alles beim Teufel! Du glaubst vielleicht, daß ich um Deine Geschenke stehe? Ich brauche sie zum Krenreiben, alle Deine Broschen und Brillanten! Nur erleben möchte ich schon, Dich einmal m sehen («u guter Stunde)! Ich glaube schon gar nicht mehr, daß Du lebst! Heute nachts ist mir im Traume die Großmutter Zejtel erschienen, sie rutoe in Frieden, genau so, wie bei ihren Lebzeiten, gar nicht verändert. So möchte ich auch schon .erleben, Dich zu sehen (in guter Stunde) und das je eher, desto besser. Das wünscht Dir zu Glück und Segen heute und fürderhin Deine wahrhaft treue Frau S c h e i n e - S c -h e i n d e 1. Ende des zweiten Buche«. i Bs war das Ende von Jehupez; auf der Börse eine Panik, überaH Unglück und Verzweiflung, wie nach einem, Krieg: es war noch ärger als damals in Odessa (nicht gedacht sei seiner!). Wir aHe waren geschlagen und niedcrgebügelt. Die Leute haben angefangen, in der Eile zu bankrottieren — und ich mit. Jeden Tag war von einer neuen Pleite zu hören. Pleite wurde geradezu Mode! Was muß ich Di§ noch mehr sagen: Große Bankiers, Geldlöwen, haben atigefangen, Pleite zu machen. Den Anfang hat der Bankier gemacht, durch welchen wir alle unsere Geschäfte in den Papieren in Petersburg und Warschau hatten besorgen lassen. Eines schönen Tages komme ich am hellen Morgen in sein Kontor; ich hatte nämlich bei ihm einiges stehen von ein paar „Maitzewer" und etlichen „Putilow", da hatte e r von m i r eine kleine Differenz zu kriegen. Ich frage herum, wo mein Mann steckt. Und da höre ich: Er Hat seine Lenden gegürtet — und ist schon längst in Amerika! Kurz und gut, es gab natürlich viel Lärm, sie haben sieff sofort an die eiserne Kasse gemacht und dort war-zu finden: eine Flasche Tinte und ein alter, abgegriffener Gulden, durchlöchert auch noch! Ein anderer hat in der Kasse ein großes Paket jüdische Kalender vom Jahre 5633 bis zum heutigen Tag zurückgelassen und ist weg — nach' Erez- Israel. Ein dritter, ein sehr großer Bankier, hat nicht bankrottiert, sondern er ist einfach mit einigen Millionen in einer Woche fertig geworden und geblieben ist ihm — sein Name. Nur die Brodzki, die sind wie durch ein Wunder ganz und unversehrt davongekommen. Da hab' ich's einfür allemal gesehen: Wenn es nicht beschieden ist, hilft alle Klugheit nichts! Ein Glück noch, daß ich mich beizeiten umgesehen und auf ein anderes Geschäft geworfen habe. Ein ehrsames, anständiges Geschäft. Ich bin nämlich jetzt ein Makler, ganz einfach ein Makler hier in Jehupez an der Börse. Makler gibt es in Jehupez unberufen so viele wie Sterne am Himmel; bin ich schlechter als sie? Ich halbe schließlich auch Hände und Füße, eine Nase und zwei Augen wie alle Juden; und so vornehme Leute wie ich gibt es hier übergenug und es tut ihnen gar nichts, den Stecken zur Hand zu Jiehmen und Makler zu sein. Und die großartigen Kenntnisse, welche man dazu braucht! Wenn man nur lügen kann und dazu ein Stück Frechling ist, kann man schon Makler sein. Im Gegenteil: Je größer der Lügner, je ärger der Frechling, desto besser der Makler. Du kannst es mir glauben: Es gibt hier in Jehupez Makler, bei denen hätte es in Kasriliwke gerade noch gelangt, um Belfer oder Fuhrleute zu werden; sie können kaum ordentlich schreiben; und — Du siehst doch; wie sagt Deine Mutter: „Wenn Gott will, schießt ein Besen." Man muß nur ein weißes Hemd und einen schönen Hut anziehen, herumkriechen, herumspüren, ein Wort auffangen, einen Satz — ein Sprung dazu und — „bitte um die Provision!" „Provision" heißt das Maklergeld, so wie bei Euch das Geld fürs Schächten. Oh, es ist ein süßer drittes Such: M 1 L L lO 2t JB V (SWafutr, ^Händler, tSptkulante») 1. Brief. Menachem Mendel aus Jehupez an seine Frau Scheine-Schelndel in Kasrlliwke. Der teuren, edlen, tugendhaften und klugen Ehefrau Scheine-Scheindel meinen Gruß! Zum erste n sei Dir kundgetau, daß ich — Dank Seinem lieben Namen! — gesund bin und mein Leben das des Friedens; der Herr, gelobt sei er, möge helfen, daß eines vom anderen nur Gutes höre in gater Botschaft zu Trost und Heil — Amen. Zum zweiten wisse: Ich bin nicht mehr „Spiegulant". Ich habe die „Splegulation" zum Teufel geworfen; kein Jude möge von ihr etwas wissen! Sie hat mich ausüiiinergelt wie das Fieber und mich alt und grau gemacht! Ist es denn zu erzählen, was wir hier mitgemacht haben?! werkstäitefür SQSSQ! undTf SCllG Salongarnifturen und EsnzelmöbölstUcke ADIEK, VII. Apollog, 18 ^..SSSe« « Groschen, so eine „Provision"! Verdient ohne Kopfzerbrechen und ohne Herzweh! Gerade gestern erst habe ich einen Fünfziger Provision eingesteckt und ich will mein Lobtag zusammen mit Dir so von einem Unglück wissen, wie ich weiß, wofür! Ich habe .zehntausend Pud Zucker verkauft, es hat nicht so lang gedauert, wie man eine Zigarette ausraucht: vielmehr: verkauft haben ihn andere, .ich bin inmitten hineingesprungen. Kurz und gut, ich habe mit Gottes Hilfe einen Fünfziger erwischt! Wenn Gott hilft und das geht so ein halbes Jahr lang, dann komme ich bald wieder auf <lie Füße zu stehen und werde, was ich gewesen. Denn Du mußt wissen: Bei uns in Jehupez spielt das Geld die größte Rolle: der Mensch selbst gilt keinen Pfifferling: von Vornehmheit will man. hier nichts hören; Du ltiagst sein, wer und was Du willst und welcher Abkunft immer — wenn Du nur Geld hast! Doch da ich sehr beschäftigt bin und keine Zeit habe, fasse ich mich kurz. So Gott will,,, werde ich Dir im nächsten Brief alles ausführlich berichten. Jetzt gebe Gott nur Gesundheit-und Glück. Grüß' die Kinder, sie sollen leben, und Schwiegervater und Schwiegermutter und jeden einzelnen sehr herzlich von " . Deinem Geinahl M c n a c h e tn M e n d c I. Richtig: d .a s Wichtigste! Schreibe mir — ich bitte Dich sehr darum —, was es bei Euch; Neues gibt, ob es regnet und was die Rüben niaeheil und Ob es viele Käfer gibt. Ich muß .das sehr genau wissen, je .eher, desto besser. - Der Obige. (•Fortsetzung folgt.) Austritte aus dem Judentum. Regine Dunay, geb. 14. April 1912, Wien, ledig, Filipdorf. — Emilie Klein; geb. 28. April 1905, Wien, ledig, XJJiI., Hietzingcr Hauptstraße 71. — Anna WittUn, geboren 25. November 1906, Lemberg, XI.I., Hackingerhof 5. — Robert Trebitsch, geb. 14. April 1928, Wien, IV., Frankenberggasse 11. — Margit Anna Berger, geb. 24. August 1902. Wien, ledig, M., Rueppgasse 10. — Stefanie Glas geb. Hauser, .geb. 1. April 1885, Wien, verheiratet, TJ., Beimestraße 41; deren Kinder Feiice Glas, geb. 1«. Mai 1911, und Peter Glas, geb. 3. März 1922. — Barbara Molnar, geb. 24. März 1908, Pees, ledig; '•VW., Kaiserstraße 57. —, :.Erust Schneider, geb. 29. Dezember 1907, Wiien, ledig,- VI;, Stumpergasse 62. Amtliche Verlautbarungen der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Mit der Abihaltung von Predigten im Tempel der Inneren Stadt an den nach der geltenden Hebung 'bestimmten Sabbaten und Festtagen sowie mit der Versehung rabbinischer Funktionen an diesen Tagen, und zwar von den Pessachfeiertagen an bis auf weiteres, längstens jedoch bis zur Wiederbesetzung der durch das Ableben des Herrn Oberrabbiners Dr. H. P. Chajes vakant gewordenen Stelle wird Herr Rabbiner Dr. Max Grunwald betraut. Gegenüber unrichtigen Meinungen, die im In- und Auslände verbreitet sind, wird hiemit vom Vorstande der Kultusgemeinde festgestellt, daß in der Frage der Besetzung der Obcrrabbiuerstclle noch kein wie immer gearteter Beschluß gefaßt wurde, daß insbesondere auch die Verfügung-en hinsichtlich der Funktionen im Rabbinatskollegium und im Stadttempel lediglich provisorische Mäßnahmen bis zur Wiederbesetzung des Oberrabbinatcs darstellen, durch welche der seinerzeitigen .Besetzung in keiner Weise präjtidizierl wird. Maskir-Andachten am Pessachieste. •Zur Vermeidung des großen Andranges in den Gemcindetempeln zur „Haskarah" veranstaltet der Vorstand der Israelitischen Kmltusgemeinde Wien am diesjährigen Pessachfest, Donnerstag, den 12. A p r i 1, u m 6 U/h r früh im S t ad 11 e ni p c I, I., 'S e i t e n s t e t t.e ng a s s e 4, und im.Leopoldstädter Tempel, H., Tempel gasse 5, sowie um 9 Uhr vormittags im Fes tsaa 1 e des H o t e 1 „Co n t i n e n t a 1", 11., Taborstraße 6, anläßlich der Maskir-Andachten feierliche Gottesdienste. KonürinandeiHinterricht. Der alljährlich in den Gemeinde- und Vereinssynagogen, stattfindenden Konfirmation der Mädchen geht ein Konfirmandenunterricht voraus. An diesem Unterricht können Mädchen teilnehmen, welche im Laufe des Kalenderjahres das 14. Lebensjahr erreichen. Anmeldungen für die Teilnehmer an dem Konftr* maridenunterricht werden im Schulamte der israelitischen Kultusgemeinde, Wien, 1., Seitenstetrengasse 4, entgegengenommen. Der Unterricht Ist unentgeltlich. Aufruf! 1. 2171 ex 1928. Wien, a<m 21. Mär« 1928. An die jüdischen Bitern! Anläßlich der hohen. Feiertage hat der: Vorstand der israelitischen 'Kultusgemeinde Wien sich au die jüdischen Eltern mit dem Ersuchen gewendet, ihre 'Kinder zum regelmäßigen und pünktlichen Besuche des Jugendgottesdienstes abzuhalten. Erfreulicherweise haben die Eltern diesem Aufrufe entsprochen, so daß im ersten Semester des laufenden Schuljahres nahezu 20.000. Schulkinder au den sabbatliclieu Jugendgottesdienisten teilgenommen -haben. Hiefür wird den Eltern ■hiomif der Dank des Vorstandes ausgesprochen. Wenn der Kultus vorstand" sich neuerdings veranlaßt sieht, an die jüdischen Eltern in dieser Angelegenheit heranzutreten, so geschieht es, aus dem Grunde, weil erfahrungsgemäß in der wänmeren jahresacit die Frequenz beim Jugendgottesdienste eine geringere ist. Wemi es auch vorkommen begreiflich erscheint, daß die Jugend jede freie Stunde gern in der freien Natur verbringt, so'darf doch nicht außer Acht gelassen werden, daß neben der körperlichen Ertüchtigung auch das geistige und moralische Moment in der Erziehung nicht vernachlässigt werden darf. ' Deshalb kann mit voller Berechtigung der Erwartung Ausdruck gegeben - werden, daß die jüdischen Eltern auch fernerhin Sorge tragen werden, daß ihre Kinder regelmäßig am Jugeiidgottesdienst teilnehmen. Dieser wird im laufenden Schuljahr bis einschließlich 16. Juni au jedem Samstage (mit Ausnahme der schulfreien Tage) um 3 Uhr nachmittags in folgenden Synagogen stattfinden: I., Seitenstetteiwgasse 4 X., Bumboldtgasse 27 Iii., Tempel-gasse 3 XIII., Pens&Migerstraße 13? HI., Unt. Viaduktgasse 1*3 XV., Turnergasse 22 V. , Siebenibr«nnen«asse 1 a XVI., iHubergasse 8 VI. , Schmalzhofgasse 3 XVML, Schopenhauerstra<ie 3 VW., Neudessergasse 1-2 XIX., DoH-mergasse 3 IX., M-üllnergasse 24 XX., Kluckygasse 11 XXI., Hc-Iznieistergiis^e 12 * Der Vorstand der israel. Kuitusgemeiude Wien,

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