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Die neue Welt · 1928-03-23 · Heft 27 (23.3.1928) · page 13

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Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 27 (23.3.1928)
Date
1928-03-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
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Nr. 27 DIE NEUE WELT Seite m nnd Ich haben nicht auf derselben Welt gelebt Was läge mir daran, wenn sie noch fumdertundzwanzig Jahre leben würde und nicht sieben Waisenkinder zurückließe, eines kleiner wie das andere? Beim Begräbnis war ich natürlich und habe natürlich so viel geweint, daß ich halbtot nach Hause gekommen bin: wie sagt die Mütter: „Wenn man an den Tod denkt, ist man des Lebens nicht sicher . . 9. Brief. Menachem Mendel aus Jehupez an seine Frau Scheine- Scheindel In Kasrlliwke. Der teuren, edlen, tugendhaften und kluigen Ehefrau Scheine-Schelndel meinen Gruß! Zum ersten sei Dir kundgetan, daß ich — Dank seinem lieben Namen! — gesund bin und mein Leben das des Frieden«; der Herr, gelobt sei er, möge helfen, daß eines vom anderen nur Gutes höre in guter Botschaft zum Trost und Heil — Amen. Zum zweiten wisse: Ich bin die ganze Woche in Bobrisk krank gelegen; es war — Gott behüte — nichts Gefährliches, nur ein unangenehmes Unwohlsein: ich bin nämlich auf den Rücken gefallen und konnte mioh nicht rühren vor Schmerzen; jetzt geht es mir schon ein wenig besser. Die ganze Woche habe ich geglaubt, Ich werde wahnsinnig: denke Dir — acht gesohlagene Tage nicht an der Börse sein, keine Kurse kennen! Ich habe gemeint, die Welt geht unter! Aber so Gott will, fahre ich morgen oder übermorgen schon wieder in die Stadt, indessen schreibe ich Dir einen Brief. Ich Will die Dinge ein wenig mit Dir du rohbesprechen und Dir genau« Rechnung legen, wie es mit mir steht, damit Du nicht meinst, daß ich flunkere, daß ich — Gott behüte — närrisch bin oder zum Narren gehalten werde. Mein „Portefeuille" besteht Jetzt alles in allem aus 150 Stück „Putilow", 100 Stück „Transport", 5 „Maitzewer", 5 „Uliput" Und 5 „Wagen" — abgesehen von den „Promessen". Also — „Fufcilow" und „Transport" habe ich schon für später verkauft (mit drei Hundertern als Angabe); in dem Augenblick, wo der Käufer sie mir abnimmt, — und abnehmen wird er sie doch bestimmt — bleiben mir als reiner Verdienst nach Abzug aller Spesen etwa vier- bis fünftausend Rubel. Außerdem habe ich einige Dutzend „Haiisseabschlüsse" auf „Putilow" und auf „Maltzewer", prima Schlüsse, und ich denke, an ihnen so siebzehn-, achtzehnhundert Rubel zu verdienen; da hast Du schon zusammen gut siebentausend Rubel! Von den 5 „Maitzewer", die ich bar gekauft habe, erwarte ich, . wenn es schlecht geht, viertausend Rubel; denn es wäre doch Schmach und Schande, wenn sie nicht bald wenigstens auf 200 Rubel per Stück stehen würden, obwohl , sie in den letzten Tagen ein klein wenig zurückgegangen sind; doch das tet nichts anderes als ein Manöver der „Bankinänner" in Petersburg, damit sie sich „decken" können, jetzt bleibt also noch der zweite Teil — ich meine die /ly^J-" ,im!^amLdei1 vWagen"; das gibt eine einfache Kechniinjr bis zum „Ultimo" haben wir noch soviel wie .achtzehn Tage und da die „Liliput" um' mindert Rubel täglich steigen, so hast du bloß achtzehn mit hundert und init fünf zu multiplizieren, und das gibt genau neuntausend Rubel. Und die „Wagen"? — fragst Du Jetzt. Die steigen jeden Tag um hmidertfünfzig Rubel. Da hast Du 18 mal 150 mal 5;' sind das nicht dreizehntausendfünfhundertRubel? Und wo bleibt „Wolga"? Und „Dniepr"? Und „Don"! Und das Aufgeld? Kurz und gut, ich nähe mir ja keinen großen Geldsack und ich rechne alle Spesen ab: die „Courtage" und „Ganwentage" da und dort und dies und das — und es bleiben nahezu fünf und vierzigtausend! Er, gepriesen sei sein Name, möge helfen, daß der „Ultimo" glatt abläuft, dann will ich? so Gott will, alle meine Papiere „realisieren" und die Sache „von der anderen Seite fassen". Das heißt: ich will „ä la baisse" gehen und darauf los verkaufen, was nur geht, und Geld verdienen von „links her"; dann will ich mich wieder auf „ä la hausse" werfen; und wieder einmal einen guten Zugtun. So können, wenn der Herr im Himmel hilft, aus den fünfaigtausend auch hunderttausend werden, aus den hunderttausend zweihunderttausend, aus denen fünfhunderttausend und so weiter bis zur Million. Wie wird man anders, Närrchen, ein Millionär, ein Brodzki? Und schließlich: Was ist Brodzki? Ein Mensch von Fleisch und Blut, der ißt und trinkt und schläft. Ich habe ihn selbst gesehen, so wahr ich alles Gute sehen will!... Kurzum, Du mache Dir keine Sorgen, meine teure Gattin, ich habe mich gut umgeschaut in der ..Spiegulation" und bin auf der Börse schon so gut bewandert, daß man mich, auf Ehre, schon ein paarmal um Rat gefragt hat: mit Gottes Hilfe — ich verstehe das Spiel! Und daß Du mir nicht glaubst und mir rätst, ich soll das« aufgeben — davon ist keine Rede. Soll ich es machen wie Hinkes? Es gibt nämlich hier bei uns einen Spieguianten, der' heißt Hinkes. Ein Riesenspiegulant und ein schrecklicher Kartenspielcr, bei Tag spielt er an der Börse und bei Nacht Karten. Dem ist — vorige Woche erst — folgendes passiert: Er hat bei Nacht von einem sohlechten Blatt geträumt — und das bedeutet „Baisse" —; da ist er sofort nach Petersburg und nach Warschau und hat in einem Tag sein ganzes „Portefeuille" realisiert: jetzt rauft der Arme sich natürlich die Haare! Geschieht Ihm recht! Warum glaubt er an Träume? Ich kann den morgigen Tag kaum mehr erwarten, damit ich wieder die Kurse nachsehen kann. Ich habe übrigens beschlossen, sofort, wenn ich nur in die Stadt komme, beim Juwelier einzutreten wegen deiner Brosche samt den Brillantohrringen; und wenn ich nur ein wenig Zeit habe, gehe ich hinunter auf die „Tuchlauben," und kaufe Dir eiu wenig •Wäsofae, Tischtücher und Handtücher urod den Kindern Leinen für Hemden und was man sonst im Haushalt braucht. Ich habe Dich nicht, wie Du sagst — Gott behüte — vergessen! Da ich jedoch keine Zeit habe, fasse ioh mich kurz. So Gott will, werde ich Dir im nächsten Brief alles genau berichten. Jetzt gebe Gott nur Gesundheit und Glück. Küsse die Kinder und grüß Schwiegervater und Schwiegermutter, jeden besonders sehr herzlich. Und Berl-Benjamin sage in meinem Namen: Er möge sich das Unglück nicht so zu Herzen nehmen, ein Weib ist Gottes Gabe: der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen . . . von Dement Gemahl Menachem Mendel. Richtig: das Wächtigste! Aus dem, was Du mir über Wassilkow schreibst, sehe ich, daß Du gar nicht verstanden hast, was ioh meine. Da ich mich eben m'er nicht aufhalten darf, will ich ein hiesiger „Kupec" werden, um die Aufenthaltserlaubnis zu haben. Das kann man nur <5o tun, daß man vorher wenigstens ein halbes Jahr in Wassilkow registriert ist. Und wie ich nur ein Hiesiger bin, miete ich, so Gott will, eine Wohnung auf den „Tuchlauben" und nehme Dich Und -die Kinder her — zu guter Stunde! Und daß Du solch eine Abneigung gegen Jehupe« hast, das kommt daher, daß Du die Stadt noch nioht kennst und die Leute hier; die Stadt — da gibt es nicht viel zu reden — ist ein Schmuckkästchen, und die Leute hier — Gold und Silber! Wo kann sich Odessa damit vergleichen? Die Leute Iiier sind alle wunderbar vornehm und fein, die Männer ebenso wie die Frauen . . . Einen kleinen Fehler haben sie: sie lieben ein Spielchen Karten. Wie der Abend kommt, ist dies bei der Arbeit und schreit: „Ich passe!" Die Oberen spielen ein Spiel, das nennen sie „Preierence"; die Kleineren spielen „Fuß", „Öko" oder gar „Naschi-wasohi" Der Obige. (Fortsetzung folgt.) DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (27) Darum hat das heilige Tribunal dioh zum Tod« durch die Flammen verurteilt, damit du deine Unschuld durch das Feuer erweisen kannst. Bist du in der Tat ein überirdisches Wesen, so zeige deine Kraft und jage die Flammen von dir fort, ebenso wie es Heilige vor dir getan haben." Der Kardinal war mit dem Verlesen des Urteils fertig. Das Volk verharrte in Schweigen und blickte ängstlich zu Jephtha hinauf, die wie schwebend auf dem Bücherstoß stand und nichts, was um sie herum vorging, sah. Es schien, als sei nur noch ihr Schein da, während sie selbst irgendwo weit, weit in der Ferne schwebte. Die Nonnen desKlosters zum „Heiligen Herzen" trugen jetzt das Heiligenbild noch näher an Jephtha heran, erhoben es über ihrem Haupt und zeigten.es der Menge. Kardinal Michel: .Ghislieri, der , Großinquisitor, flehte sie aber mit weinerlicher Stimme an. „O du Sünderin; gib unsere gebenedeite Frau, die heilige Mutter" (belydiesen Worten zeigte der Kardinal auf das Heiligenbild, das die Nonnen hielten) „unl ihr Gesicht zurüfk, das du mit deiner Zauberei gestohlen hast, und „über deinen unreinen Zügen trägst! O du -Sünderini;;quäle nicht die heilige Jungfrau, siehe, wie sie®Ieidet, wie ihre Augen tränen" (dabei zeigte er abermals auf das Heiligenbild) i,weil. du ihr heiliges Gesicht; gestohlen hast und es trägst» um die Menschen in dem Netz deiner Sünden zu fangen. Quäle nicht die gebenedeite Frau, nimm ihr heiliges Antlitz von deinem Gesicht ab und laß es gleich einem 'Englein, -gleich einem Wölklein zum Himmel, zu ihrem geliebten Sohn Jesus Christus emporfliegen. Laß. es nicht zusammen mit deinem unreinen Körper verbrennen. Erbarme dich und gib das Gesicht der heiligen Mutter zurück." Die Nonnen wischten sich die Tränen aus den Augen mit ihren schwarzen Aermeln und wischten auch der heiligen, Mutter auf dem Bilde die Tränen aus dem Gesicht mit ihren schwarzen Tüchern. Die Menge aber wurde bei diesem Anblick so gerührt, daß sie im Begriff war, sich auf die auf dem Bücherstoß stehende Hexe zu/stürzen. Ihr mit Gewalt das Gesicht der Gottesmutter zu entreißen und. es dem Heiligenbilde zurückzugeben. Manche aber blickten mit gespannter Neugier und mit klopfendem Herzen zu der Hexe hinauf und warteten darauf, daß sie, gerührt durch die Bitten des Großinquisitors, das Gesicht der heiligen Mutter ablegen würde, daß dieses in den Himmel entfliehen und das wahre Gesicht der Hexe mit Hörnern und mit einem Auge in der Stirn sieh zeigen würde. Allein die Hexe blieb nach wie vor auf dem Scheiterhaufen wie schwebend über den heiligen Büchern, die sie umgaben, stehen. Das Haupt stolz erhoben, stand Jephtlia, wie es der Brauch der Jticiischen Märtyrer war, mit geschlossenen Äugen da, um vor ihrem Kcheiligten Tode nicht den bösen Menschen ins Gesicht zu sehen, was das jüdische Recht verbot r~ ebenso wie alle die taten, die vor und nach ihi in den Glaubehstod gingen. "' Mit bebendein Herzen sah das Volk den nun kommenden Dingen entgegen. Iis sah. wie der Papst sich von seinem Throne erhob und die Stufen herunterstieg, gestützt auf die Arme der Kardinäle. Zwei schwarzgekleidete Mönche brachten ihm zwei schwarze brennende Fackeln. Der Papst nahm die Fackein in seine Hände. Gestützt auf die Kardinäle trat er an die Bücherpyramide heran. Und als er den Bücherstoß anzündet«, auf dem Jephtha stand, erscholl 4er Ruf des Volkes: „Der Stoß brennt!" Erschrocken, blaß, mit bebenden Nasenflügeln und klopfendem Herzen verwandelte sich das breite Meer der menschlichen Köpfe iu ein einziges lebendes Wesen, das ängstlich dem entgegensah, was sich jetzt ereignen würde. Von Schalom Asch Copyright by R. Löwtt- Vetlag, WIen-LetpziR Das Feuer glomm erst langsam und wollte nicht aufbdern, obwohl der Bücherstoß mit Pech und Teer beschmiert war. Als aber endlich die papiernen Bücher Feuer fingen, vermochten die Flammen dennoch nicht durch die auf Pergament geschriebenen Bücher und die eisernen Einbände der ältesten gedruckten Bücher durchzugreifen, glommen nur und konnten nicht hell auflodern. Als aber das Feuer sich endlich des Brennmaterials bemächtigthatte, sich darauf wie ein hungriges Tier auf sein Opfer mit einem Knall stürzte, und seine Zungen, zum Schrekken und zur Verzweiflung der umstehenden Menge, zu dem auf dem Bücherstoß stehenden Mädchen emporstreckte, kam plötzlich ein unverhoffter Windstoß und jagte die Flammen von dem Opfer wieder fort. Einen Augenblick lang schien es. als hätte eine geheime Kraft das Feuer an seinen, flammenden Locken gepackt, und hielt es nun wie einen rasenden Hund zurück, um den lebenden Körper! vor . den feurigen Pfoten zu retten. Das Volk erbebte bei diesem Anblick. Die Nonnen erblaßten.. die Kardinäle erschraken. Hier und da hörte man die Leute aus dem. Volke schon ausrufen: „Ein Wunder ,ist ...geschehen, ein Wunder!" Allein plötzlich gab es einen, Knall, als hätte das Feuer die geheime'Hand, die seine Flänmien' bisher fortgetrieben, endlich überwältigt, und als hätte sich der Feuerhund bellend befreit. Zuerst streckte er seine Zunge aus und beleckte gierig die nackten Füße des lebenden Mädchens und knisterte dabei" vor Freude. Dann aber, wa^f er sich mit ernenn Male ganz auf Jephtha., Knisternd verzehrte er ihr Samtkleid nochmals ein Lecken mit der Zunge, und das Kleid riß und fiel von ihrem Körper in Fetzen herunter und ihr reiner leuchtender Leib kam zum Vorschein. Das Feuer hielt einen Augenblick . inne, als wollte es den leuchtenden jungen Mädfchenkörper erst betrachten, den es im Begriff war zu verzehren. Und gleichzeitig mit dem Feuer jauchzte auch der .aufgeregte Pöbel beim Anblick des nackten Mädchenkörpers auf. Einen Augenblick lang sah man, wie das lebende Wesen, das im Feuer stand, mit seinen Händen das brennende Kleid erfaßte4 und mit ihm seinen nackten Körper zu bedecken suchte, und erst in diesem Augenblick ließen sich aus dem Feuer heraus die einzigen Worte hören, die Jephtha mit lauter Stimme ausrief: „Höre Israel! Unser Gott ist der einzige Gott!" Diesem Ausruf aber scholl ein Echo aus der Menge nach. Jemand unter den Zuschauern antwortete dem Mädchen mit dem gleichen ^.usruf: „Höre Israel! Unser Gott ist der einzige Gott!" Allein die Menage hatte dies alles nicht gehört. Sie war zu sehr in das Bild vertieft, das sie mit strahlenden Augen aufnahm. Das Feuer spielte erst mit seinem-Opfer, als fiele es ihm schwer, den jungen Mädchenkörper mit einem Male zu verzehren. So freute.es sich vorerst an jedem Teil dieses Körpers und beleckte ihn mit seinen Zungen. Dann aber griff es in das Haar des Mädchens. Der Wind hob das brennende Haar, und einen Augenblick lang schien es, als ergösse sich eine brennende Sonne über Jephthas Haupt. Ihr nackter Körper ward von rotem Licht umstrahlt. Sie war wie eine phantastische, vom Himmel herniedergekonimene Gestalt. Aber plötzlich spritzten Ströme ■ von Blut aus ihrem geplatzten. Körper und . aqs ihren gespaltenen Brüsten, gleich dem Saft einer jungen Frucht, ins Feuer. Dieser Anblick machte das Volk rasend. Das im Feuer aufflammende Blut setzte die Instinkte der Zuschauer in Brand, tränkte sie mit Begierde,, und sie .. begannen . mit, ausgestreckten Zungen nach dem Scheiterhaufen zu drängen. Und wenn das Feuer vor Lust und Genuß knisterte, jauchzten auch die Menschen vor Freude, und Entzücken, Sie beneideten die Flammen um ihr Fe$t , un<jj wollten mit dabei sein. : (Schluß;toigt),

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