Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 25 (9.3.1928)
- Date
- 1928-03-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2711613-2711630-2711640--0332-2713466- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Nr. 25____ SCHOLEM ALEJCHEM: MENACHEM MENDEL. (Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 1921 by R, Löwlt. Wien oad Leipzig (9. Fortsetzung.) 4. Brief. Scheine-Scheindel aus Kasrillwko an ihren Gatten Menachem Mendel in Jehupez. Dein hochgeehrten, edlen und mächtigen Herrn, de» weisen Kenner der Thora, dem hochgelehrten Reb Metiachem Mendel ehrfürchtigen Gruß! Erstens vermelde ich Dir, daß wir alle, Gott sed Dank, beim besten Wohlsein sind, gebe Gott uns. das Gleiche von Dir zu hören fürderhin und nichts Schlimmeres. Zweitens teile loh Dir mdt, mein teurer Gemahl, -daß We uns ein Unglück geschehen ist, bed dem zugleich noch edn Glück war. Unser Mojsche-Herschele hat eine Kopeke geschluckt! Ich komme vom Markt, am Freitag war das, Fische hab' ich gekauft, frisch, zapplig, springlebendig — und das Kind schreit, schreit, zerschreit sich! Ich schlage es, ich prügle es — es schreit unaufhörlich! „Was willst du eigentlich, du Unglücksvogel? Du Kreatur! Da, du mein Unglück, da hast du eine Kopeke! Bauchweh sollst du dazu kriegen!" Endlich, nach langer Müh', schweigt der Balg. Nach ein paar Minuten springe ich zu ihm hin: „Mojsche-Herschele! Wo ist die Kopeke?" „Nit da, Topetc" — er lacht mich an und steokt den Finger in den Mund. Geschluckt? Guter Gott! Zu allem Unglück auch das noch! Ich nehme das Kind auf den Arm, ich schaue ihm in den Mund, Ach und Weh! Keine Kopeke! Mojsche-Herschenju, mein süßes Geschöpf, sag: wohin hast diu die Kopeke gegeben? Ich schüttle ihn, ich schlage ihn, ich zwicke ihn, daß er braun und blau wird — er schreit fortwährend: „Nit da, bam Topete, ham!" Kurz — ich habe ihn zum Doktor gebracht. Der hat verordnet, dem Kind Kartoffeln zu geben ~ nur Kartoffeln, nur Kartoffeln. Und zwei Tage habe ich das arme Kind gequält, es gewaltsam angestopft, keine Milch, nicht einmal einen Schluck .Wasser habe ich ihm gegeben — nur Kartoffeln, nur Kartoffeln — da meint' ich: nun ist's aus mit dem Kind! Erst am dritten Tag, wie ich wieder einmal die Stube räume und die Betten auslege — Hegt da nicht unter dem Kissen die Kopeke? Die Doktoren sollen so gesund sein, wie sie von ihrem Geschäft was verstehen! Nun, was sagst Du, ist Dir das noch zu wenig? Wie sagt die Mutter, sie soll loben: „Unglück und noch was drauf!" Ich habe da zu tun mit seinen Kindern,, mit Doktoren,..mit Tod, und Teufel, und er, der Goldgräber — als wäre nichts geschehen, fährt er von Odessa nach., jehupez, von Jehupez nach Bobrisk. Und warum? Er hat eine neue Entdeckung gemacht: .rPapiere", „Transport'^ ,,,Poijtefiöhe"! Er redet sich ein, daß man so schnell wie ein Schma Isroel gesagt ist, Millionär werden kann! Wie sagt die Mutter,, sie soll leben: „Einbildung ist schlimmer als. eine Krankheit." Du lieber, guter Narr Du, was erzählst Du .mir von großartigen Dingen, mit denen Du Dein "Glück machen sollst: „Aktien, Sohmaiktien, Divandende, Andi- ■ wände" — das alles ist so viel wert wie ein ausgeblasenes ßi, mit den bloßen fünf Fingern zählt man kein Vermögen! „Wer Fieber einnimmt" — sagt die Mutter — „gilbt aus für äen Doktor." Schreib Dir hinter die Ohren, Mendel, was ich dir sage: Alle Deine Jehupezer Leute, von denen Du schreibst, daß sie au* einmal glücklich geworden sind* die werden, so Gott wili, gar bald dieselben armen Schlucker sedn wie früher, nur in neuer Auflage. Und an / Deine „Transport" samt den „Scbmdtzewer" glaube ich geradeso wie an das Odessaer „London", an Zauberei und Kobolde glaube ich viel mehr als an Deine Jehupezer „Porteflöhe". Ach, wenn ein Hund mein Herz zu fressen kriegte, würde er toll werden, ich sehe, wie anderer Leute Weiber auch etwas zu reden haben bei ihren Männern, sie mischen sich da und dort mit einem Wort ein oder schreien und keifen, daß der Mann das Grausen kriegt, nicht so wie ich, die Dich immer mit Samtpfoten anfaßt und kein böses Wort, Gott behüte, herausbringen kann. Nicht einmal den Kummer und Aerger, den ich von Dir halbe» kann ich mir von der Leber wegreden und muß zu äJlern noch gute Miene machen. Wie sagt die Mutter, sie soll leben: „Ein Kniff in die Wange, daß sie Farbe kriegt." Aber" um, Gottes willen, es geht ums Leben! Ich will so lange still bei mir zanken und alles in mich hineinfressen, bis ich — allen Feinden Zions gesagt — verlösche wie ein Licht öder — Gott bewahre — zernagt werde vom Kumrmer, zernagt und zerrissen mögen alle Deine Jehupezer Glücksjäger werden, wie Dir heute und jederzeit /: von ganzem Herzen wünscht Deine wahrhaft treue Frau ' Scheine-Scheindel. Noch etwas: Berl, der Sohn des Vetters Menasche, ist wieder einmal in der Tinte: Er ist diese Woche abgebrannt i^nd danach geblieben wie ihn seine Mutter zur Welt gebracht hat- Und jetzt hat er außerdem Scherereien: Oute Freunde haben ihn denunziert, daß er alles dreimal so hoch versichert hat wie es wert war, und daß er selbst, Wie es nach dem Bibehvort heißt, „der Schöpfer der Feuersflarrnme" ist. Doch Berl ist nicht so einer, von denen zwölf auf ein Dutzend gehen, er stellt Zeugen, .wetebe beschwören, daß er in der besagten Nacht gar nicht ( __DIE NEÜE WELT_ hier gewesen ist; inzwischen ist er eingesteckt worden und Zlate ist vor Schreck mit einem Stebenmonatkind niederg:kommen. Masel tow! 5. Brief. Menachem Mendel aus jehupez an seine Frau Scheine- Scheindel in Kasrüiwke. Der teuren, edlen, tugendhaften und klugen Ehefrau Scheine-Scheindel meinen Gruß! Zum ersten sei Dir kundgetan, daß ich — Dank Seinem lieben Namen! — gesund bin und mein Leben das des Friedens, der Herr, gelobt sei er, möge heWen, daß eines vom anderen nur Gutes höre in guter Botschaft zu Trost und Heil — Amen. Zum zweiten wisse: Ich gehe schon nach Warschau. Jetzt willst Du mich gewiß schon fragen, was ich mit Warschau zu tun habe, wo ich docli in Jehupez sitze und mit Petersburg in Geschäftsverbindung hin? Du brauchst gar keine Sorge haben-: Warschau ist auch eine Stadt! Warschau hat auch Papiefe und gar was für Papiere! Mit Warschau haben Spiegulauten ihr Glück gemacht! Warschau ist nicht Petersburg, Warschau wirft Dir nur so die Hunderter in den Schoß! Warschau hat gerade diese Woche einen Anlauf genommen und läßt „Liliput" von 1200 auf 2000 steigen! Ich frage Dich also: kann man da still sitzen, ohne so ein Papier zu kaufen? Oder zum Beispiel „Wagen", noch vor kurzem, so vor drei Wochen, sind sie auf H00 gestanden. Wie hoch — glaubst Du — stehen sie jetzt? 2000! Und das ohne Coupon! Ein Selbstmörder — sage ich — ist der. welcher keine „Wagen" kauft! Uebcrdies hat Warschau noch einen Vorzug: es erfordert kein Geld, es will gar nichts von einem „Depot" wissen! Brauchst Du vielleicht „Liliput" oder „Wagen"? Zahl' ein paar hundert Rubel Angabe nach dein heutigen Kurs und Du hast eine „Promesse" auf „Ultimo": in unserer Sprache heißt das „Rosch-chojdesch", dann hast Du die Wahl: die Pa<piere zu nehmen oder nicht. Doch wer läßt Dich bis Rosch-chojdesch warten? Dazu hat doch Gott die Makler in die Welt gesetzt, daß sie einen nicht ruhig durch die Gasse gehen lassen: „Haben Sie vielleicht ,Lilipuf?" „Haiben Sie vielleicht ,Wagen'?" Sie reden so lange in Dich hinein, bis es ihnen gelngt, - Dir etwas „drauf" zu geben und Dir Deine Papiere auszufoppen. Erst gestern-haben Den Mönchen, fügten die reuigen Sünder, die mit Büßerhemden bekleidet, \varen. , ■ Das waren Mammen und Christen, die. von der Inquisition, beschuldigt waren, »die. Vorschriften des jüdischen Rituals befolg* zu habenrund die Tortur nicht auszuhalten .vermocht und ihre Sünden schließlich'gestanden hatten. Die Kirche hatte sie der Strafe überliefert, sie jahrelang in feuchten Kerkern bei Brot und Wasser * gehalten und sie auch sonst in jeglicher Weise gepeinigt. Bei jeder Prozession^ aber, die die Inquisition veranstaltete, wurden sie hervorgeholt und im Zuge mitgeführt, um den großen Sieg der Kirche auf diese Weise zu veranschaulichen.' Diese Büßer marschierten einzeln, oder aber sie wurden von den Mönchen der Inquisition auf Karren, kleinen'Wagen und Trägstühlen gefahren.' Das geschah aber nur, werai ihre Glieder dermaßen von den Torturrädern beschädigt'waren, daß sie selbst nicht mehr gehen konnten. Das war der Zug der Kirche; Schatten von Menschen, deren Gesichter infolge der ausgestandenen Leiden ausgemergelt und verzerrt waren, und die in ihren langen Büßerhemden nicht wie Menschen, sondern wie Teufel aussähen. Diese Hemden trugen das Verzeichnis ihrer, Sünden, außerdem waren auf. ihnen Teufel, böse Geister und .Zauberer, mit denen die Schuldigen verkehrt; hatten, abgemalt. In ihren Händen hielten, die Büßer brennende Kerzen, als befänden sie sich auf ihrem Todesgang. Einige von ihnen waren von den alisgestandenen Leiden und der langen Einzelhaft in den dunklen Kerkern wahnsinnig geworden. Diese Unglücklichen wurden von den Mönchen an schweren eisernen Ketten geführt. Andere waren voii den Qualen schwachsinnig geworden; sie lächelten gutmütig mit ihren krankhaften stieren Augen der breiten Volksmenge zu, die sich in den Straßen, den Fenstern, und auf den Baikonen, an denen die Prozession vorbeiging, dicht zusammendrängte. Andere Büßer wiederum, die phantastisch bemalte Hemden trugen, Hefen aus der Prozession heraus und fielen der Menge zu Füßen, um wegen ihrer Sünden gezüchtigt und mit, Füßen, getreten zu werben. Das mußten sie jedesmaltun, wenn man, sie aus den Kerkern hervorholte und der Menge zeigte. Und das Volk schlug sie denn auch und trat sie mit Füßen, Die Frauen spuckten ihnen ins Gesicht. Die B'üßer erwiderten, aber darauf mit einem dankbaren, idiotisch gutmütigen Lächeln; Andere Büßer wiederum, mit'brennen«;den Kerzen in der Hand, gingen __Seite II sich zwei Odessaer Makler an mich angehängt, sie hatten sich's in den Kopf gesetzt, daß ich ihnen meine „Liliput"? und meine „Wagen" alle auf einmal abgeben soll. Na — sie sind an den Richtigen geraten, um Ware auszufoppen! „Liebe Freunde", sage ich ihnen, „ich habe nicht ein Stück, wahrhaftig, so rein will ich von aller Schuld sein!" Kurz und gut, ich habe mit ihnen so lange gekämpft, bis. sie mir doch meine fünf „Liliput" und fünf „Wagen" ausgeschwin-' delt haben. Wie war' es anders gegangen? Ich halbe sie aber auch gut hineingelegt. Ich habe mich sofort „gedeckt", einen kräftigen „Schmiß" gemacht und hoffe m Gott, daß ich, so Gott will, einen fetten Gewinn haben werde. Denn in der letzten Zeit geht es mir, unberufen, so: was ich heute kaufe, wird morgen teurerl AHe sagen, daß ich ein Glückspilz bin. Wenn Gott hilft und der „Ultimo" in Warschau glatt abläuft, dann wird mein ganzesi „Portefeuille" frei. Dann will ich mit einem anderen Börsenkontor in Verbindung treten, denn in dem Kontor, mit welchem ich jetzt arbeite, sind, unberufen, so viel Juden, daß es einem schier schwdndlfg wird. Diese Woche hat es sogar einen argen Skandal gegeben: es war schon nahe am Ohrfeigen, das heißt, einer von uns hat eine Ohrfeig« gekriegt . . . Da ich jedoch keine Zeit habe, fasse ich mich kurz. So Gott will, werde ich Dir im nächsten Brief alles ausführlich berichten. Jetzt gebe Gott nur Gesundheit und Glück. Grüß alle sehr herzlich, jeden extra von Deinem Gemahl Menachem Mendet;' Richtig: das Wichtigste 1 Was Du mir wegen Berl, Vetter Menasches Sohn, schreibst, erscheint mir sehr wahrscheinlich: denn bei den Geschäften, die Ihr dort in Kasriliwikc macht, kann ein'Kaufmann'auf keine andere Weise vorwärtskommen. Erstens geht es hier, uniberufen, Jedem einzelnen sehr gut, und zweitens: bricht schon -— Gott behüte — wirklich ein Brand aus, so wird er auf ganz andere Weise gelöscht, beinahe ehe es noch aufängt zu brennen, rennt schon die Feuerwehr mit den Messingtöpfen auf dem Kopf, die Leute springen ins Fenster und spritzen au£ den Schläuchen wie toll. Du hättest eine Freude, wenn Du,. Dir in Jehupez einen Brand ansähest! . ':' Der Obige. . (Fortsetzung folgt.) hochaufgerichtet, gleichgültig einher und waren gleich erstarrten Statuen anzusehen. Mit ihren phantastisch bemalten Hemden über den skeletthaften Gliedern, mit den nackten, blutunterlaufenen Füßen,! dem wild zerzausten Haar und den erloschenen Augen marschierten sie mit in^der Prozession, als wäre es:ihr Todesgang. Wieder andere Büßer wurden von schwarzgekleideten Dominikanern in offenen Tragstühlen getragen. Sie saßen auf diesen Stühlen mit todblassen Gesichtern lind hielten ebenfalls brennende Kerzen in ihren Händen. Diese lebenden Leichname jagten dem römischen Pöbel besonderen Schrecken ein. Die Menge kniete, bekreuzigte sich und betete zu Gott, er möge sie davor 'bewahren, auch einmal zu straucheln und der Sünde des Judentums zu verfallen. , Die Kirche war aber auf diesen Zug der Büßer stolz. Denn dies war ja der Triumph des christliclien Glaubens, und die Totenkerzen in den Händen der Büßer beleuchteten die Gerechtigkeit und die Wahrheit der katholischen Kirche. Hinter den Büßern folgte Jephtha. Ihr voran trugen die Nonnen des Klosters »zum „Heiligen Herzen" das Bild der Madonna; hinter dem Bilde aber ging majestätischen Schrittes in ihrem blausämtnen Kleid bärf-uß und mit aufgelöstem Haar die Hexe von, Kastilien selbst. Die umstehende Menge wußte nicht, wer in Wahrheit die Madonna war: die Frau auf dem Heiligenbild oder aber das Mädchen, das hinter diesem folgte. Beide glichen einander wie zwei Tropfen Wasser, wie zwei Sonnenstrahlen, nur mit dem Unterschied, daß das Bild über der Erde schwebte und der nackte Körper der Madonna sich fleckenlos wie die hinter den Wolken hervorbrechende Sonne von dem blausämtnen Mantel, der gleichsam von ihrem Körper herunterfiel, abhob — während die zweite Madonna sich ganz in ihr Samtgewand hüllte ivjid. nur ihre bloßen FAß© sehen ließ. Allein ihr Gang war ebenso schwebend wie die auf dem Bilde festgehaltene Bewegung 4er Madonna. Die Menge aber empfand vor der gekleideten Madonna noch, größere Ehrfurcht als vor der auf dem Bilde enthüllten Mädonna. Das Volk vermochte Jephthäs Blick nicht zu ertragen und, fürchtete sich, ihr ins Gesicht zu sehen, denn ihre Züge waren jetzt, da sie ■ zwischen den Heiligenbildern ging, noch göttlicher, noch himmlischer und flößten noch größere Eur* furcht ein. Fortsetzung; foJ&).. DIE ZAUBERIN :::M-MOH^ KASTILIEN (25) ' ^u-r'^ ,.v 8S5Tw&5Ä