Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 23 (24.2.1928)
- Date
- 1928-02-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 23 DIE NEUE WEU Seite 11 SCHOLEM ALEJCHEM: MENACHEM MENDEL. (Ans dem judischen fibertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 1921 by R. Löwit. Wien nnd Leipzig. (7. Fortsetzung.) 12. Brief. Schelne-Scheindel aus Kasrlllwke an Ihren Gatten Menachem Mendel in Odessa. Dem hochgeehrten, edlen und mächtigen Herrn, dem weisen Kenner der Thora, dem hochgelehrten Reb Menachem Mendel, ehrfürchtigen Gruß! Erstens vermelde ich Dir, daß wir alle, Gott sei Dank, beim besten Wohlsein sind; gebe Gott uns, das gleiche von Dir zu hören fürderWn und nichts Schlimmeres. Zweitens teile ich Dir mit: Siehst Du letzt, Du närrischer Dummkopf, was Du angerichtet hast? Welcher böse Wind hat Dich eigentlich nach Odessa getragen? Was hast. Du dort erreicht? Auf gebratene Tauben hat er Lust gehabt! „London"! Gefrorenes! Rosinen wein mit Lakritzen! Wenn Du schon gesehen hast, daß man Dich mit dem „London" beschwindelt, warum hast Du Esel nicht getrachtet, es rechtzeitig mit ein paar Prozent Verlust loszuwerden, wie es ein ordentlicher Kaufmann tut? Gibt es denn kein Schiedsgericht? Keinen Rabbi? Um Gotteswillen, was soll das „Ultima-Schnrultima" bedeuten? Du hast Ware gekauft; wo ist die Ware?! Ein Unglück! Das Herz hat mir aber längst gesagt, daß aus dem Odessa — brennen möge es! — nichts Gutes kommen kann! Hundertmal schreib' "-ich dem Mann: Mendel, fahr' weg, pfeif auf sie alle samt ihrem „London" (die Cholera soll es kriegen!); um Himmelswillen, flieh', sag' ich ihm, flieh', Mendel; wie sagt doch die Mutter, sie soll leben: „Armes Dach, was knisterst du?" — Nein, der Mann hört nicht auf mich; denn ich bin doch Sclheine-Scheindel, zu Ach und Weh, und nicht Blime-ZIate. Oh, meine Mutter, sie soll leben, ist gescheit; sie beweist mir immer klipp und klar, daß man einem Mann nicht nachgeben darf; einen Mann muß man in der Hand halten, so daß er fühlt, daß er eine Frau hat! Doch was soll ich tun? Es ist eben meine Art, daß ich nicht so grob sein kann wie Blime-Zlate; ich kann , nicht schimpfen und den Mann so herstellen, so herrichten wie sie, ich kann das nicht! Hättest Du Blime-Zläte zur Frau (nicht erleben soll sie das!), Du wüßtest Jetzt gut, was für einen Gott wir haben! Und was Du da vom Sterben sagst, Du Obergescheiter, so sage ich Dir: Du bist ein Narr! Ein Mensch gibt sich nicht selbst das Leben and gibt sich nicht selbst den Tod. Und wenn man eine MJfcgift anbringt, muß man sich deshalb schon etwas antun? Du- Narr, wo steht eigentlich geschrieben, daß Menachem Mendel Geld haben muß? > Ist der Menachem Mendel mit Geld nicht derselbe wie ohne Geld? Du'Trottel willst Dich Gott entgegenstellen? Du siehst doch, daß Er nicht will; was lärmst Du? Du bist mir das rechte Opfer! Denk' Dir meinetwegen, Räuber hätten Dich im Wald überfallen oder Du — bist krank geworden und hast, Gott bewahre, die Mitgift zu allen Teufeln gedoktert! Die Hauptsache aber: sei kein Weib, Mendel! Vertrau' auf Gott, den Ewigen, der ein „Nährer und Erhalter" ist. Komm' nach Hause, und Du wirst, so Gott will, als Gast Deine Kinder seilen . . , Ich schicke Dir für die Reise ein paar Rubel, , doch ich bitte Dich, Mendel: geh' auf keine „Lizentanaen" und fange keine Geschäfte mit alten Fetzen an; das fehlt Dir gerade noch! Um Himmelswillen, sofort wie Du meinen Brief und .das Geld, erhältst, mäch' Dicfh auf und verabschiede Dich' . von Odessa; und so wie Du aus der Stadt draußen bist, so möge sie an allen vier Enden auf einmal zu brennen anfangen und soll flammen und auflodern und verbrannt werden, daß nicht einmal ein Stäübchen Asche davon übrig bleibt, wie Dir von tiefstem Herzen wünscht Deine wahrhaft treue Frau Scheine-ScheindeL Ende des ersten Bucbes, Zweites £&uch: JP AB 1 B B M (S)it Börse in Je/wpez.) 1. Brief. Menachem Mendel aus Jehupez*) an seine Frau Schelne-Scheindel In Kasriliwke. Der teuren, edlen, tugendhaften und klugen Ehefrau Scbeine-Scbeindel meinen Gruß! Zum erste« sei Dir kundgetan, daß ich — Dank Seinem lieben Namen! — gesund bin und mein Leben das des Friedens; der Herr, gelobt sei er. möge helfen, daß eines vom anderen mir Gutes höre in guter Botschaft zu Trost und Heil — Amen. Zum zweiten wisse: Ich bin nicht mehr in Odessa, sondern in Jehupez (auch eine sehr schöne Stadt, so wahr ich lebe!), und ich mache keine Wind- und Luftgeschäfte mehr mit „London"; jetzt habe ich — Dank Seinem lieben Namen! — ein viel standesgemäßeres .Geschäft in Händen, eines mit kuranter Ware, nämlich ein Papiergeschäft. Ich bandle mit „Papieren". So Ist es. Du wirst natürlich fragen, wie ich nach Jehupez komme? Da muß ich Dir, meine teure Gattin, eine lange Geschieht« erzählen und Dich bitten, daß Du mir nicht böse bist, weil ich Dir so lange Zeit nicht geschrieben habe. Ich hatte ein» *) jehupez ist die jüdische Bezeichnung für Kiew. fach nichts zu schreiben, und außerdem war ich überzeugt, schon und schon nach Hause zu fahren; und Gott ist mein Zeuge, wie stark es mich nach Hause gezogen hat Doch es ist mir offenbar im Himmel vorausbestimmt worden, daß loh nach Jehupez verschlagen werden und mit „Papieren" Handel treiben soll. Ich schwöre Dir, teure Gattin, bei meinem Leben, daß ich schon im Wagen gesessen hin, um nach Kasriliwke zu fahren; da muß ich gerade einem von den Odessaer Spiegulanten begegnen. Er fährt nach Jehupez. Ich frage, was er dort zu tun hat. Er handelt, sagt er, mit „Papieren". Was bedeutet das: „Papiere"? Er macht mir klar, daß „Papiere" nicht dasselbe sind wie „London", das von Berlin und Bismarck und von der englischen Königin abhängt. Papiere — das ist ein Geschäft, welches sich in Petersburg und Warschau abwickelt, Außerdem hat es noch einen Vorzug: Das ist eine Ware, die man sehen kann und mit Händen greifen, nicht so wie „London", das nur ein Luftgebilde ist, beinahe ein Traum. Dann hat er mir die Stadt Jehupez über den grünen Klee gelobt und ihre Spiegulanten: Das sind, sagt er, ganz ungewöhnliche Menschen, vornehm und edel. Er nimmt, sagt er, keine zehn ausgefressenen Odessaer für einen JehupeZer Spiegulanten! Kurz, der Mensch hat mir so zugesetzt, daß ich mir gedacht habe: Ich fahre ohnedies an .Fastow vorbei, da will Ich schon aus Neugierde einen Abstecher nach Jehupez machen und mir die Börse dort und die Spiegulanten ansehen. Und was will Gott? Gerade wie ich ankomme, herrscht eine furchtbare „Baisse" in Papieren und man kriegt „Promessen" halb umsonst zu kaufen. Viel Geld braucht man da nicht anzulegen; also ich entschließe mich, auch ein wenig mitzuspielen. Gott ist barmherzig, ohne Frage; vielleicht „steigen" die Papiere, da habe ich wenigstens einen Reisezuschuß. Und der Herr dort oben hat mich nicht verlassen: „Papiere" haben sich gehoben und ich habe meine Promesse mit Gewinn verkauft und einige neue Promessen gekauft. Ich bin wieder auf die Butterseite gefallen und habe schöne paar hundert Rubel herausgeschlagen Und noch dazu in barem. Da habe ich mir überlegt: Wozu soll ich einem anderen Geld für die „Promessen" in den Rachen werfen? Ich werde mich selbst mit Bargeld in „Papieren" engagieren! So bin ich durch ein Börsenkontor nach Petersburg und habe mir ein „Portefeuille" zusammengestellt von allem, was gut und teuer ist: „Putiiow", „Transport'', „Wolga" und „Maitzewer" und andere Aktien, welche steigen. Und — gepriesen sei sein Name! — es geht vorwärts mit mir! Da ich jedocli keine Zeit habe, fasse ich. mich kurz. So Gott will, werd« ich Dir im nächsten Brief alles ausführlich berichten. Jetzt gebe Gott Gesundheit und Glück. Grüß' die Kinder, jedes extra, und Schwiegervater und Schwiegermutter, alle gar freundlich von Deinem Gemahl Menachem Mcnde 1.- Richtig: das Wi c h t i g s t e! Wenn Du mir schreibst, so schreibe mir unter meinem Namen nach Bpbrisk; denn in Jehupez darf man nicht wohnen. So treibe ich mich den ganzen Tag bei der Börse herum, und Wenn es Abend wird, mache ich mich auf nach Bobrisk; Dort sitzt die ganze Gesellschaft von ■ „Spiegulanten" in den Villen und die ganze Nacht wird gekartelt (Männer und Frauen zusammen, so ist es hier Sitte . .;). Und äm frühen Morgen rennen alle nach Jehupez und ich mit. Der .Obige. (Fortsetzung folgt.) DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (23) Iii allen Kirchen Roms Welt -man Dankgottesdienste ab. Von Rom aus wurde über die ganze katholische Welt die Nachricht ausgesandt, daß der Tag des heiligen Päiül fortan als großes Kirchenfest gefeiert werden sollte. Besondere Lobgesänge und Dankgebete, die zu diesem Zwecke von Rom aus abgeschickt wurden, sollten in den Kirchen gesungen 'werden,; dfoiföfliißn Bahnen sollten auf die Kirchhöfe hinausgetragen -"-untl":idle; föfchehbilder in Prozessionen •herumgetragen werben;;-Die .Chronisten\ aber trugen in die Ännalen der Kirche, zum Andenken der kommenden Geschlechter, die Erzählung von dem großen Wunder ein, das Papst Paul IV. vollbrachte/ indem er mit dem gefährlichen Satan kämpfte, der die Gestalt der heiligen Mutter angenommen hatte, und ihm erst nach einem heftigenHKampfe durch ein Wunder beizukommen vermochte, nämlich mit dem Bl-ute Jesu Christi, das auf dem Kreuz in der Hand des Papstes hervorgetreten war. v '.. -\..v; i6. Von S c h a 1 o m Asch Copyright by.R, Löj«H- Verlog, Wien—Leipzfg. Oer Akt des Glaubens. Auf allen Korsopl.ätzen., auf denen das romische Volk sich w vier^samm^ pflegte, in allen $irohen beim Gebet und auf allen' sonstigen Versarnmhmgsplätzen hatten Herolde mit ihren langen Silbertrompeten schon wochenlang vorher verkündet, daß; am kommenden großen Feiertag, dem Gründonnerstag, auf dem Platze „Campo di fiera", auf dem seit jeher jüdische Bücher und lebende Juden verbrannt würden, ein großes Autodafe, ein Akt des Glaubens, abgehalten werden . sollte. Die gefährliche Hexe von Kastilien, die sich durch Zauberei das Gesicht der heiligen, Mutter angeeignet hatte, wie sie auf dem Bilde der „Mutter der Liebe" dargestellt ist, das im Kloster zum „Heiligen Herzen" hängt, diese Hexe sollte nun öffentlich verbrannt werden, damit das Feuer bezeuge, ob sie in Wirklichkeit die Inkarnation der Gottesmutter oder aber, wie die Inquisition behauptete, nur eine Hexe sei. Aon Gründonnerstag ging die Sonne über dem Tiber auf wie eine rote Feuerkugel, wie ein brennender Peohklumpen und begann sogleich mit einer so erstickenden Hitze zu leuchten,, daß es schien, als ^wollte sie die ganze Luft über Rom in Glut verzehren, damit die Stadt erstickte. Und gleichzeitig 'mit dem Aufgehen der brennenden Sonne, unter deren Strahlen das Himmelsgewölbe f über Rom immer heißer wurde, erscholf dumpfes, beängstigendes Glockengeläjute von allen Kirchen Roms, und man hatte den Eindruck, als weckten die Kirchengiocken die flammende Sonne im. Himmel, als steigerten, sie . noch ihre Glut, als reizten sie ihre Flammenzungen, hoch mehr zu brennen und die Luft von Rom zu verzehren... Das Glockengeläuts das erst wie ein Klagegesang, wie ein stilles Gebet, wie ein in; der Ferne verhallendes Weinen eingesetzt hatte, würde immer lauter und immer beängstigender, als läutete es irgendein großes Unglück ein, das sich Rom näherte. Von Tagesbeginn an füllten sich alle Straßen •und, Plätze f<pin? mit Meuchen. Pferden find anderen Zügtiereiv Von nahe und von fern, von überallher, wohin das Gerücht von der Hexe gedrungen war, die das Antlitz der heiligen Mütter trug, strömten die Menschen an diesem großen Festtag des■'■ Scheiterhaufens nach Rom herbei, um zu sehen, wie 'die He&e unberührt aus dem Feuer emporsteigen würde; *4VMn kam auf allen Wegen und allen möglichen' Fahrzeugen. Die einen ritten auf Pferden, die anderen auf Eseln und Kamelen, die dritten auf Maultieren, und andere kamen wieder zu Fuß selbst aus den; entferntesten Provinzen von Ferrara und .Florenz,. Die Matrosen von Anco na kamen auf geschmückten Segelschiffen den Tiber herauf. Rom hatte nicht .geniig Platz, <um all den. Besuchern ein Obdach zu gewähren, und so stan.den diese: mit ihren Tieren in den Straßen, schlugen farbige Zelte auf. den Platten,:auf," belegen die Marmortreppen der Kirchen, den;! Platzvon St. Peter, vor der Peterskirche; .Vor' 'd^^rmH|restraden, die Michelangelp errichtet, jha£fe,., Ia^'r;t|n Zehntausende von, Männern mit ihren Frauen viiid Kindern, mit ihren Eseln und Kamelen, und intofrer neue Zelte wurden aufgebaut. Rom war so eng/ so schmutzig und überfüllt, daß die" Aristokraten; %M flie Kurtisanen für diesen Tag die Stadt verlassen' hatten, weil sie die stickige Luft, den Schweiß und den Gestank des Pöbels, in dem Rom versänkrhicht ertragen konnten... •' '"'.'*'t ''' '''•■■"> Auf dem Platze;,Cämpo di fiera"',' auf dem das große Autodafe stattfinden sollte, waren bereits seit einigen Tagen und Rächten unter, dem eindringenden Pöbel Schlägereien im Gange, da jedermann bestrebt war, den besten Platz zu "besetzen. Am Morgen des Gründonnerstags aber war der ganze Platz von Männern, Frauen, Kindern, Tieren, Pferden und Zelten so dicht gefüllt, daß die Mönche nur mit Mühe;und Not vermochten, neben der Pyramide, auf der die Hexe verbrannt werden sollte,: zwei Logen mit rotsamtehen Baldachinen zu errichten, von denen die eine für den Pabst und dessen Gefolge, die zweite für den Großinquisitor mit dem hohen Tribunal bestimmt war. Denn alle die, die sich auf dem Platze vor der Pyramide befanden, glaubten schon ein Anrecht auf den von ihnen belegten Platz erworben zu haben, indem sie einige Nächte hindurch dort geschlafen hatten in Erwartung des Tages, an dem die Verbrennung vor sich gehen sollte, und sie weigerten sich, ihren Plat?, wem es auch sei, abzutreten. So waren die Mönche .gezwungen, mit Gewalt vorzugehen. Mit langen, bleigefüllten Stöcken, Spitzruteu und Peitschen trieben sie die Widerspenstigen aus der Menge, um Platz für den Papst und das hohe Tribunal zu schaffen. Auf dem Campo di'fiera entstand ein ganz jahrmarktmäßiges Treiben. Die Menge, die hier schon einige Tage und Nächte verbrachte, wollte doch leben, und so waren dorthin verschiedene Händler mit Garküchen und Wein, sowie Wunderdoktoren eingedrungen und hatten ihre Buden aufgeschlagen. Ueber den Häuptern der Men§chenmasse erhob sich ein dichter, schwärzlicher Dampf, der von den geheizten Kesseln herrührte, die die Besitzer der Garküchen auf Wägelchen mitführten, und in denen sie warme Speisen zubereiteten, . .(Fortsetzung folgt.).