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Die neue Welt · 1928-02-03 · Heft 20 (3.2.1928) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
2 (1928)
Issue
Heft 20 (3.2.1928)
Date
1928-02-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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Pfe NEUE WELT _ Seite H DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN <20> Von Schalom Asch Hf. ao SCHOLEM ALEJCHEM: MENACHEM MENDEL. (Aus dem Jüdischen Übertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 1921 by R. Löwit, Wien und Leipzig. Erstes Bach: LONDON (2>ii> Börse m öde>sa\. (4. Fortsetzung») 7. Brief. Meoachem Mendel aus Odessa an seine Frau Scheine-Scheindel in Kasriliwke. Der teuren, edlen, tugendhaften und klugen Ehefrau Scheine-Scheindel meinen Groß! Zum ersten sei Dir kuadgetan, daß ich — Dank Seinem lieben Namen! — gesund bin und mein Leben das des Friedens; der Herr, gelobt sei er, .möge helfen, daß eines vom anderen nur Gutes höre in guter Botschaft zu Trost und Heil — Amen. Zum zweiten wisse: Ich fromme gut vorwärts; denn ich habe mich fest auf „Baisse" geworfen und gehe schon auf „ganz London", das heißt, ich gebe oder ich nehme auf einmal zehntausend Pfund* zwanzigtausend Pfund; natürlich gegen „Depot". Ich bin in den Börsenkontors schon eine 'bekannte Persönlichkeit und es ist für mich standesgemäß, bei Fanconi im Cafe zu sitzen, wie alle großen „Spiegulanten", an weißen Tischchen aus Marmor; dort lasse ich mir eine Portion Gefrornes geben. Denn bei uns in Odessa ist es so Sitte: sowie Du Dich niedersetzt, kommt ein Mensch in einem Frack und b e f i e h 11, daß Du ihm befiehl« t, Dir ein Gefrornes zu bringen. Widersprechen kannst Du doch nicht und mußt ihm befehlen, es zu bringen, Und wenn Du die Portion Gefrornes aufgegessen hast, so befiehlt er Dir, daß Du ihm befiehlst, noch ein Gefrornes zu bringen. Willst Du nicht, so darfst Du dort nicht weiter sitzen. Dann mußt Du auf der Straße heramspazieren. Das paßt doch nicht recht für einen Spiegulanten. Und außerdem steht dort ein Polizist und lauert auf die Leute, welche herumspazieren ... Juden aber haben es nötig, auf der Straße hemmsuspaziercn; so überlisten sie ihn auf alle mögliche Art, laufen fort und verstecken sich, wo es nur geht. Erwischt er aber schon einen, dann faßt er ihn wie einen Brillanten mit zwei Fingerspitzen, als wollte er sagen: „Ein herrisches Stück — ein Jude! Und was Du schreibst, daß Du nicht glaubst an die großen „Schwankungen" und „Differenzen", so sage ich Dir: das beweist nur, daß Du von der Politik nichts, verstehst. So - zum Beispiel sitzt da einer bei uns im Cafe hei Fanconi. Man nennt ihn „Gambetta". Tag und Nacht redet er von Politik, nur von Politik! Er beweist mit tausend Gründen, daß Krieg in der Luft liegt. Er hört, sagt er, jede Nacht Kanonenschüsse, nicht hier, sondern dort, bei den Franzosen. Die Franzosen, sagt er, können Bismarck nicht vergessen, so lange sie leben. Es muß, sagt er, es'muß bald Krieg geben, es geht nicht anders! Wenn man den Gambetta so reden hört, dann muß man verkaufen, was man besitzt, sogar den Rock auf dem Leib, und für das Geld „Schlüsse" kaufen und „Baisse", nur „Baisse"! Und was Du schreibst von dem Mantel, den Sch Dir kaufen soll, so antworte ich Dir: ich habe 5ür Dich ein besseres Geschenk ausgewählt, teure Gattin, nämlich ich habe eine goldene Uhr mit einem „Mendeljohn" am einer goldenen Kette und eine Brosche und ein ,3ronzelet" gesehen in einem Schaufenster nicht weit von. Fanconi, — ich sage Dir: prima primissama! Da ich jedoch keine Zeit habe, fasse ich mich kurz. So Gott will, werde ich Dir im nächsten Brief alles ausführlich berichten. Jetzt gebe Gott Gesundheit und Glück von Deinem GemaM Me nach ein Mendel. Richtig: Das Wichtigs te .' Der Reichtum ist hier unberufen so groß und die Juden haben den Kopf so voll von Geschäften, daß man an Sabbat und Feiertage gar nicht, denkt. Natürlich bei nnir — da ist der Sabbat Sabbat. Und wenn es Steine regnete, — ich muß am Sabbat in die Schul' gehen. Die Schul' in Odessa ist eine Sehenswürdigkeit. Erstens heißt sie „Synagoge", weil sie aussieht, wie eine Tellermütze; und Ostwand gibt es keine. Alle sitzen mit dem Gesicht nach einer Seite hin. Und der Chasen (er heißt Pini), das ist ein Chasen! Er läuft glattrasiert herum, aber vorbeten kann er ein wenig besser als unser aiter Krüppel Mojsche Dowid! Beim „Borclü nafschi", da ist er in seinem Element. Und für sein „Mismor sch'ir lejom' haschaboß" müßte er Eintrittsgeld elnheben! Alle Chorsänger stehen um ihn herum, in kleinen Talesfrn — ein Vergnügen! Wäre zweimal in der Woche Sabbat, ich würde zweimal hingehen, um Pini vorbeten zu hören. Ich begreife die hiesigen Juden nicht, warum sie eigentlich nicht beten gehen. Und die, welche doch gehen, die beten auch nicht. Sie sitzen da wie Haubenstöcke in ihren Zylindern über den fetten, ausgefressenen Gesichtern, in kleinen Talesim, und — man hört kein Wort! Wenn wirklich ein Jude ein bißchen lauter aus dem Herzen heraus beten will, da kommt der Schameß, mit Knöpfen am ganzen Leib, auf Ihn zn und heißt ihn ruhig sein. — Sonderbare Juden hat das Odessa! Der Obige. $&rtsetoutllg folgte Das Loblied jagte den Priestern, und den Inquisitionsteufeln Schrecken ein, sie wußten nicht, was sie tun, und wie sie das Singen der Juden vor dem Papst verbergen sollten. Der Papst aber blieb mit seinen schweren Schritten an der Schwelle der mit einer eisernen Tür verschlossenen Folterkammer stehen und hörte dem Gesang zu, der über die schwere eiserne Treppe des Kellers zu ihm herüberdrang. Mit dem Ausdrucke der Schwermut und wortlos sah er die Kardinäle und die Priester, die ihn begleiteten, an, dann lauschte er, ebenso wortlos, weiter dem Gesang. „Das sind die verdammten Juden, die ihre Teufelssprüche in ihrer verdammten Sprache aufsagen. Es ist ein Zauberspruch, der die Wirkung hat, daß sie keine Schmerzen nach der Tortur fühlen", versuchte der Großinquisitor den Gesang der Juden zu erklären. Der Papst warf ihm einen schwermütigen Blick zu, der gleichsam nur mühsam aus den tief eingesunkenen Augen hervorkam. Innerliche Angst hatte ihn vor diesem Triumph des Glaubens überfallen, der sieh ihm da offenbarte. Eine Minute lang verzweifelte er an seinen Kräften; dann kamen von seinen Lippen, die sich tief zwischen den dicken Falten seines Gesichtes abzeichneten, die Worte: „Nein, das sind Psalmen, die sie dort singen." Alle um den Papst herum schwiegen. Er aber winkte nach der eisernen Tür. Man schloß sie auf. Der Papst, blieb an der Schwelle stehen und blickte in die Folterkammer hinein. Zunächst sah er nur das Knäuel der sich verblutenden Körper, die dn einer Blutlache in einer Ecke an der steinernen Wand lagen. Dann unterschied er die einzelnen blutigen Körper, die auf dem steinernen Fußboden herumlagen oder zu den anderen rutschten, ohne sie erreichen zu können. Er sah die menschlichen Körper, die aus den eisernen Kisten, ans den von unten geheizten Käfigen, aus den Brechünd Preßmaschinen hervorragten — und die Menschen sangen alle. Keiner würdigte^ihn auch nur eines Blickes. ' Aber die Inq^iSiitionsschergen, die Mönche mit den schwarzen Kopfbedeckungen, die in ihre blutige Arbeit vertieft waren, erschraken, als sie den höchsten Priester an der Schwelle der Folterkammer er¬ Mickten, und sanken vor ihm in die Knie, gleich Teufeln, die ihren Obersten sehen. Die Märtyrer ließen sich aber in ihrem Lobgesang auf Gott auch nicht einen Augenblick stören. Sie würdigten keines Blickes den, in dessen Händen das Schicksal ihres Lebens lag und von dessen Wort das Ende ihrer Qualen abhing. Es war ihnen gleichgültig, ob man sie peinigte oder nicht Sie waren ja nicht mehr in dem blutbesudelten Keller der Inquisition — dort lagen ja nur ihre blutenden Körper, ihre Seelen aber hoben sich zu Gott empor und harrten ungeduldig schmachtend des Augenblicks, da ihnen' die Gnade zuteil werden sollte, Gottes Antlitz zu erblicken. Und sie beteten zu Gott: „Wie der Hirsch schreit nach irischem Wasser, So schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, Nach dem lebendigen Gott. Wann werde ioh dahin kommen, Daß ich Gottes Angesicht schaue?" Da begann der Stellvertreter Jesu Christi auf Erden, der Abgott aller Christen, Seine Heiligkeit Papst Paul IV., an sich und an dem Kruzifix aus Sil- . ber, das er in der Hand hielt, zu zweifeln. Er blickte die triumphierenden Juden an und fragte sich: „Welche Kraft hält sie aufrecht? Wer ist ihr Beschützer? Was sehen sie in ihren letzten Augenblicken? Wer gibt ihnen die Kraft, alle Qualen und Schmerzen zu verachten und in den Foltermaschinen Psalmen zu Gott zu singen? Nein, es ist nicht die Macht des Teufels, die ihnen diese Sicherheit, diese Ruhe, dieses Siegesbewußtsein verleiht ... Es* ist die Macht Gottes ..." Und es schien ihm, als habe der Gott, den er vertrat, und der jetzt an seinem roten Samtmantel abgebildet als ein ans Kreuz geschlagener Märtyrer hing, sein Gott, . den die Väter dieser Juden da gekreuzigt hatten — es schien ihm plötzlich, als habe dieser Gott keine Macht über sie. Ebenso wie damals, als sie über seinen Körper siegten und er nicht imstande war, ihnen zu widerstehen, so waren sie auch jetzt seiner moralischen und göttlichen Kraft überlegen und er war hilflos ihnen gegenüber . . . Da loderte im Papst ohnmächtiger Zorn auf.;.Aber ich habe ja die Macht, sie zu martern, genau so wie sie ihn gemartert haben", dachte er. „Ich bin sefei Vertretet auf Erden,, mich selber, itaben sie also gepeimgt, insich peinigen sie in jeder Generation, mich verachten sie, aber ich besitze die Macht, ihnen alles mit meinen eisernen Händen, mit dem flammenden Arm der Kirche zu vergelten, ioh, der Papst aller Gläubigen, das Haupt der Kirche." Und er hob das Kruzifix «und drückte .es liebevoll und mitleidig an sein Herz, wie man ein mißhandeltes hilfloses Kind, dessen Beschützer man. ist, ans Herz drückt; dann küßte er das Kreuz. Er erhob es zu den Schergen der Inquisition, zu den Mönchen in schwarzen Gewändern, und rief ihnen mit lauter Stimme ou: „Diener der Kirche, vollbringet die Tat des Glaubens zum Ruhme der Kirche!" Und er segnete sie mit dem Kreuz. * In einer besonderen Kannner, die mit: großen, eisernen Stäben vergittert war und als Gewahrsam für wichtige Religionsverbrecher diente, war der alte, blinde Rabbi Jakob mit seiner Enkelin Jeplitha eingeschlossen. Der Alte hatte sich sein Leben lang nach einem Märtyrertod gesehnt, der den Kabbalisten, und Anhängern Salomon Molches als besondere Gnade galt, die Gott seinen Auserwählten erweist. Besonders seit dem Tode Salomon Molchos, an dessen Wiederauferstehuhg seine Anhänger (zu denen auch der blinde Rabbi Jakob gehörte) glaubten, sowie seit der Offenbarung des heiligen Rabbi Josef Karo in der heiligen Stadt Zefath, die ihren Einfluß auf die Kabbalisten der ganzen Welt ausübte, sah der Alte dem großen Tage entgegen, da Gott ihn auserwählen und für die Heftigkeit seines Namens sterben, lassen würde... Seitdem man ihn aber in die Folterkammer, eingeschlossen hatte, hielt er sich in fortwährender Bereitschaft für seine große Stunde. Er reinigte seinen Körper, er nahm fast keine Speise zu sich, sondern ernährte sich nur von'Wasser, um doch nicht zum Selbstmörder 211 werden, was den Juden als die größte Sünde galt, durch die man des Lebens nach dem Tode verlustig: ging. Die ganze Zeit über sang er mit seiner Enkelin Psalmen oder sann über höhere Dange nach und träumte-sich in gelieime:"^el^n: iiineku s .Sein. einziger -Kummer in dieser großen Freude war nur seine Befürchtung, daß die Feinde seine Enkelin zu sich nehmen und sie — was' Gott: verhüten möge' — anbeten würden. Er befürchtete, man könnte sie am Leben lassen. Un,d er sprach oft mit ihr darüber. , - . „Deine Väter im Himmel, die dahingeschieden sind zum Ruhme des göttlichen Namens» .würden — , Gott behüte es — 'keine Ruhe mehr haben und sich vor den anderen Heiligen schämen müssen." .,. Das Mädchen bückte aber den Großvater mit ihren großen tränenden Augen an und küßte wortlos seine Hand — und der Alte verstand sie.; „Die Väter 8m Paradiese werden sich «über dich freuen, mein Kind." •. - " : Und Großvater und' .Enkelin. stimmten den Psalm an: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal Fürchte ich kein Unglück, 1 Denn du ibist bei mir." Als man jetzt dem Alten verkündete, daß der Heilige Vater, der Papst, selbst gekommen seä,_ ihn zu verhören, als man, ihn aufforderte, aus der Zelle, herauszukommen, unterbrach der Alte seinen Gesang dennoch nicht; er lehnte sich nur an seine EnikeKu, und es sah aus, als wären beide im Begriff, freudig zu tanzen; Dann aber faßte er Jephtha bei der Hand, verließ die Zelle und ging, von seiner Enkelin, geführt, zu dem Stuhle des Papstes, wobei er die ganze Zeit laut und ,von Jephtha ibegleitet den Vers sang: „Der Herr ist meäti Licht und meün Heil; ' Vor wem. sollte ich mich fürchten? Gott ist meines Lebens Kraft; Vor wem sollte mir grauen?" In dem Tribimaizimmer der Inquisition saß auf einem scharlachroten Thron der Stellvertreter Jesu Christa, Papst Paul I.V., mit seinem hohen zackigen Hut, im rotsamtnen Mantel. Um ihn herum brannten blutrote Kerzen, die gleich Stäben ingroßen goldenen Leuchtern steckten. Um den Papst herum war sein Gefolge von Kardinälen und hohen Würdenträgern sowie hervorragenden Vertretern der Itiqtti-- sition versammelt. Zu Füßen des Thrones stand der hochgewachsene, kräftige Kardinal Michel Glrislieri, der Großinquisitor, im scharlachroten Samtmantel und dem roten Kardinalshut. Zu beiden Seiten des Zimmers standen in zwei Reihen Priester und Inqutsitionsmönche in schwarzen Gewändern, mit schwarzen Hüten, die die Gestalt von Kapuzen aus schwarzer Wolle hatten, während ihre Gesichter mit Masken aus schwarzer Wolle verhüllt waren. In ihren Händen hielten sie rote, brennende Kerzen, (Fortsetzung folgt.).

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