Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 19 (27.1.1928)
- Date
- 1928-01-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 DIE NEUE WELT Seite 11 SCHOLEM ALEJCHEM: MENACHEM MENDEL. (Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 1921 by R. Löwit, Wien und Leipzig, GtAts Buch: LONDON (2)> Körne in Odsa). 5. B r 1 e f. (3. Fortsetzung.) Mcnachem Mendel aus Odessa an seine Frau Scheine- Scheindel in Kasriliwke. Der teuren, edlen, tugendhaften und klugen Ehefrau Scheine-Scheindei meinen Gruß! Zum ersten sei Dir kundgetan, daß ich — Dank Seinem lieben Namen! — gesund bin und mein Leben das des Friedens, der Herr, gelobt sei er, möge helfen, daß eines vom anderen nur Gutes höre in guter Botschaft zu Trost und Heil — Amen. Zum zweiten wisse: Es herrscht jetzt furchtbare „Baisse", ich habe mich mit „London" angefüllt, wie ein hohles Faß und habe mir 17 Baissekäufe und acht Schlüsse gesichert. Heute muß ich an „Differenzen" etliche hundert Rubel übernehmen und damit will ich, so Gott will, weiter ,;Baisse" kaufen. Wenn Du sehen würdest, teure Gattin, wie hier die Geschäfte aufs Wort gemacht werden, da vtfrdest Du begreifen, was Odessa heißt, ein Kopfnicken bedeutet hier dasselbe, wie ein ganzer Kontrakt. Ich gehe so in die „Greoka", trete in ein Cafe* ein, setze mich zu einem Tischchen und bestelle ein Glas Tee oder Kaffee oder sonst etwas, sofort kommt ein Makler und noch einer und noch ein dritter, da braucht man keinen Kontrakt, keine Schuldscheine, ja es ist nicht einmal nötig, eine Feder einzutauchen! Jeder Makler hat ©in kleines Büchel mit einem Bleistift bei sich, zieht es heraus und trägt ein, daß ich bei ihm zwei Stück „Baisse" habe, und ich nehme meine Brieftasche heraus und zahle ihm die paar Rubel — ein. Vergnügen! Und ein paar Stunden später, wenn die ^Notierung" aus Berlin ankommt, lauft derselbe Makler felier und gibt Dir einen Fünfuiidzwanzigcr drauf, noch später, wenn auch der „Börsenbeginn" bekannt wird, .drückt er Dir einen Fünfziger in die.Hand, und bei „Börsenschluß", wenn. Gott will, wächst Dir ein ganzer Hunderter zu, einmal können auch zwei Hunderter erscheinen m.nd manchmal auch drei. Warum nicht? Dafür ist das doch eine Börse! Eine Börse ist ein §pid, ein Glücksrad!. ■'• 7:'■;: * :-;Wa$; Du 'übrigens davon schreibst,, daß Du nicht " an .die - Wechsel des- .Vetters ■rMcnasalic .glaubst, so, kann. Ich Dir die Nachricht geben, daß ich sie bereits „versilbert" habe! Zum. Beweis: woher hätte ich sonst Geld geliaibt für soviel „Baisse" und für so viel „Schlüsse"? „Schlüsse" .sind nicht dasselbe, was Du „Schlüsser" nennst. Ein Schloß dient zum Zusperren der Geldkatze und ein Schluß ist ein Blatt-: Papier, auf das jemand aufschreibt und mit seiner Unterschrift bekräftigt, daß er sich verpflichtet, am „Ultimo", das heißt am Ende des Monats, Dir so und so viel Pfund zu dem und dem Kurs zu geben oder von Dir zu nehmen. Die Wahl aber hast Du und tust, was Du willst: willst Du geben, gibst Du, willst Du nehmen, nimmst Du. Verstehst Du jetzt schon, was ein „Schluß" ist? Wenn Gott zu den richtigen „Schwankungen" von „London" verhilft und zum Beispiel in - den Zeitungen etwas vom Krieg geredet wird, fällt der russische Rubel bis tief in die Erde und das „London" tut auf einmal einen Sprung, daß man kaum sehen kann, wo es steht. Gerade in dieser Woche hat maii von der englischen Königin herumgeredet, daß sie nicht ganz gesund sein soll, da ist sofort der russische Rubel gefallen und die „Schlüsse" haben sich haushoch gehoben! Jetzt schreiben die. Zeitungen, daß es ihr besser geht, da hat sich der russische Rubel gehoben und Du kannst „Schlüsse" kaufen, wieviel Du willst. Du brauchst keine Sorge haben, teure Gattin: so Gott will, wird alles, wie man bei uns in Odessa sagt, „in bester Ordnung" ablaufen. Da ich jedoch keine Zeit habe, fasse ich mich kurz. So Gott will, werde ich Dir im nächsten Brief alles ausführlich berichten. Jetzt gebe Gott Gesundheit und" Glück und grüß', die Kinder, sie sollen leben, alle gar freundlich von Deinem Gemahl ■ Menachem Mendel. Richtig: das Wichtigste! Bei uns in Odessa is* die Hitze so groß, -daß man verbrennen kann, und bei Nacht, zerfließt man wie Wachs. Deshalb wird die Stadt leer, wenn, es Abend wird. Die Leute verschwinden in den Parks. Oder sie kutschieren in der Droschke gar ins „Laugeron". Dort kriegst Du, was Dein Herz begehrt, kannst im Meer baden und Musik hören," ganz umsonst, es kostet Dich keinen Groschen! Der Obige. 6. Brief, " , Scheine-Schelndel aus Kasriliwke an ihren Gatten Menachem Mendel in Odessa. Dem hochgeehrten, edlen und mächtigen Herrn, dem weisen Kenner der Thora, dem hochgelehrten Reb Menachem Mendel ehrfürchtigen Gruß! Erstens vermelde ich Dir, daß wir alle, Gott sei Dank, beim besten Wohlsein sind, gebe Gott uns* das gleiche vgn Dir zu hören fürderhin und nichts Schlimmeres. Zweitens teile ich Dir mit, daß ich schon wieder mit den Zähnen zu tun habp, alle Deine „Droschkenkutscher" mögen dieses Vergnügen haben! leb habe hier Qualen von meinen Zähnen und Plage ,mit meinen Kindern, und er — führt ein Leben wie der Herrgott in Odessa, reitet mit „Droschkenkutscher!" aus, badet in der weiten Welt, und Musikanten spielen ihm dazu auf. Was fehlt dem Mann? Wie sagt die Mutter, sie soll leben: „Bei mir täte er auf einem Besen reiten, nicht in einer Droschkenkutsche!" Meiner Treu, Du bist doch ein Händler und handelst mit der feinen Ware dort, die man „London" nennt, da kümmere Dich um Dein Geschäft, nicht um die englische Königin! Laß Dir lieber Deine Frau durch den Kopf gehen, Du hast doch eine Frau bis hundertzwanzig Jahre, und drei Kinder, sie sollen leben! Wie sagt doch die Mutter, sie soll leben: „Denk* an dich, dann vergiß Du die anderen!" Und was Du mir von Deinen Glücksgeschäften schreibst, darauf sage ich Dir: Wahrhaftig, mir dreht sich der Kopf! Ich glaube nicht daran, und Ueber ihren Köpfen hingen große Gej fäße mit kaltem Wasser, aus denen alle paar Sekunden durch einen durchlöcherten Pfropfeii einige Tropfen Wasser fiindurchfieleu. Die Tropfen fielen den nackten Opfern auf den Kopf, der glatt rasiert war. Die Wasserbehälter waren so angebracht, daß die Tropfen auf den hinteren Teil des Kopfes, in dem da» Kleinhirn sich befindet, fielen. Von dort rann ihnen das Wasser über den Rücken hinunter. So fielen die Tropfen alle paar Sekunden. Und jedesmal, wenn sie den glattrasierten Kopf erreichten, schrie das nackte Opfer auf und zuckte zusammen. Das ging so tage- und nächtelang ununterbrochen fort. Einer der Gefolterten war schon wahnsinnig geworden; jedesmal, wenn die Wassertropfen auf seinen Kopf fielen, lachte er mit einem geradezu unmenschlichen Lachen auf, riß dabei den Mund und die großen Augen so weit auf, daß die Inquisitionsmönche selbst vor ihm erschraken. Daszweite Opfer aber hielt die Folter noch aus. Seine Knie knickten unter den Stricken zusammen und. er biß sich die Lippen wund. Seine Äugen, waren.bereits vor Schlaftrunkenheit geschlossen. Aber jedesmal, wenn die Tropfen auf seinen Kopf fielen, riß; er sie wieder auf und murmelte etwas wie ein Gebet . . . In der zweiten. Ecke der Folterkammer Jagen, wie Lumpen zusammengeworfen, einige menschliche Wesen, die sich kaum hoch bewegen konnten — sie lagen nur da und schöpften Atem. Zu ihnen aber kroch, oder vielmehr wälzte sich, ein anderes menschliches Wesen heran, das'soeben erst unter dem Rade gefoltert, worden war. Es hinterließ auf dem steinernen Fußboden, über den es hinkroch, Spuren von Blut, das an seinem verkrüppelten Körper entlangfloß. Alle, die jetzt in dem Winkel lagen, hatten vorher in der Preßmaschine gelegen. . Zwei wurden immer noch mit dem teuflischen Werkzeug gepeinigt. Diese Marter bestand in folgendem. Die menschlichen Körper wurden: in lange zackige Eisenstangen eingeschlossen, die so eingerichtet waren, daß die Spitzen der Eisenstangen die Beine und Arme der Opfer zusammenpreßten. Die Eisenstäbe drückten die Knochen der Hände und der Füße zusammen und brachen sie an den Gelenken. Jedes der Opfer war danach sein Leben lang außerstande, seine Glieder zu benutzen. Die'Qualen, die die Preßmaschine dem Körper zufügte, zu ertragen, überstieg menschliche Kraft. Aber die Juden ertrugen sie. Sie stöhnten nur leise, und dieses Stöhnen klang eher wie eine Anklage gegen die menschliche Schlechtigkeit, als wie ein Schmerzensruf. Sonst schwiegen, sie und nur ihre Augen traten stark und starr hervor. . Von. Zeit zu Zeit näherte sich ein schwarzgekleideter Mönch den in der Preßmaschine Gepeinigten und hielt ihnen ein Kreuz vor das Gesicht. Waren die Beingelenke des Gemarterten ordentlich zusammengedrückt, so näherte der Mönch das Kreuz dem schmerzverzerrten Gesicht, damit der Unglückliche es küssen sollte, als Zeichen, daß er sich nunmehr in den Schutz des christlichen Glaubens begab. Allein sobald der gemarterte Jude den Duft des Weihrauches und das Kreuz so dicht vor seinen Augen wahrnahm, war es, als belebte er sich, sein Blick begann zu funkeln, und er wandte sein Gesicht von dem Kreuze ab. . Wie ein Wurm sich über den steinernen Fußboden windet, rutschte der soeben vom Rade befreite Märtyrer zu den andern Juden, die im Winkel herumlagen. Sie versuchten, ihm die Hände entgegenzustrecken und ihn an sich heranzuziehen, allein ihre Hände versagten schon den Dienst, da ihre Gelenke von den Preßmaschinen zusammengedrückt worden Abonniert die ~rrnmmT^ „Neue Welt66 wenn Du mich erschlägst, daß die Hunderter so mir nichts, dir nichts in die Taschen hineinfliegen. Ist dort Zauberei im Spiel und Blendwerk, oder was ist das? Sieh' nur zu, daß Du bei all' den großen Geschäften die Mitgift nicht anrührst; denn fehlt davon nur ein Groschen — mehr fehlt Dir nicht bei der Mutter, sie soll leben!... Und an gar nichts denkt der Mann; ich glaube, Du weißt ganz genau, daß ich einen Seidenmantel brauche wie einen Bissen Brot und Stoff für ein Kleid und so zwei, drei Stück Leinen. Die kleinste Kleinigkeit muß man dem Mann erst auftragen, selber kommt der Arme nicht darauf: sein Hirn ist leider vertrocknet. Wie sagt doch die Mutter, sie soll leben: „Das Pferd, das nicht von selber zieht, dem gib einen gehörigen Tritt!" Das wünscht Dir von ganzem Herzen Deine wahrhaft treue Frau Scheine-Scheindei. j waren. Aber sie fühlten keine Schmerzen mehr. Es schien ihnen, als wären sie von ihren Händen und Füßen, überhaupt von ihrem Körper befreit, als brauchten sie Hände und Füße nicht mehr, da sie ja keinen Körper mehr hatten. Sie sahen nur einander mit geweiteten Augen an, sie näherten sich einander mit ihren Augen, banden sich durch sie aneinander Und blickten auch zu ihrem gemarterten Bruder hin, der gleich einem Wurm zu ihnen rutschte und auf seinem Wege den Fußboden mit dem Blute seiner offenen Wunden besudelte. Dieser Bruder aber sah seinerseits zu ihnen herüber, und sie alle verbanden sich zu einem Ganzen. „Ergieß deinen Zorn auf die Völker, die dich nicht kennen. Und auf die Staaten, die deinen Namen nicht anrufen ..." So beteten sie zu Gott in dem Winkel, ihren sich verblutenden Bruder anblickend, der. sich .ihnen näherte und sie doch nicht erreichen konnte. . „Gott ist ein Gott der Rache. Gott der Räche, erscheine!" rief der gemarterte Jude aus und: blieb ohnmächtig aufMem Fußboden liegen, da er seine Brüder doch nicht erreichen konnte. Und plötzlich war es, als hätten die verschmachtenden Juden wieder Kraft gewönnen, als hätten sie Flügel bekommen, mit denen sie über den k Köpfen ihrer Peiniger, der teuflischen Mönche, schwebten, und aus allen Winkeln des Gewölbes, wo die Juden .gepeinigt wurden, von den Feuerbecken, über denen sie hingen, von den eisernen Kisten, in die ihre Glieder eingeschlossen waren, von den Rädern, von den glühenden Käfigen, von den Preßmaschinen -— von überallher erhob sich, plötzlich Gesang: „Nicht uns, Gott, nicht «ms, sondern deinem Namen Gib Bhre um deiner Gnade und Wahrheit!' * Wozu sollen die Heiden fragen: Wo ist tiun ihr Gott? Aber unser Gott ist im Himmel; 1 4 ■ •.. Er kann schaffen, was er will, Jene Götzen aber sind aus Silber und Gold, Von Menschenhand gemacht: Sie haben Mäuler und reden nicht, Sie haben Augen und sehen nacht, Sie haben Ohren und hören nicht, " Sie haiben Nasen und riechen nicht, Sie haben Hände und greifen nicht, Füße haben sie und gehen juicht, Und reden nicht durch ihren Hals. Die solche inachen, sind gleich also, Und alle, die auf sie hoffen. Aber, Israel hoffe -antf den Herrn, Der ist ihre. Hilfe und Schild." Es klang wie ein Spottlied, als machten die Gefolterten sich lustig über-diesen Gott der anderen und über seine Macht und über ihr ganzes Leben — als hätten sie Mitleid mit ihren Peinigern, die Bildwerken aus Holz und Stein dienten, und lachten über sie. Die maskierten Mönchschergen blieben mit den Spießen' in der Hand stehen. ' Mit ihren teuflischen Werkzeugen sahen-sie wie Teufel in einem höllischen i Keller aus, und sie erschraken vor den Juden und ihrem Psalmengesang. Sie hörten eine Weile lang auf, ihre Opfer zu martern, und lauschten ängstlich, wie die Gemarterten unter den Folterqualen ihren Lobgesang auf Gott anstimmten . . , ' XV. Der Triumph des Glaubens. Als Papst Paul IV. zusammen mit dem Großinquisitor in die Folterkeller der Inquisition trat, klang ihm aus der Kammer der Juden der Gesang entgegen, der sicli wie ein Lied von dem Gejammer und dem Geschrei der christlichen Märtyrer abhqb. (Fortsetzung folgt.) DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (i3) Von Schal om Asch '^^Xt