Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 2 (1928)
- Issue
- Heft 17 (13.1.1928)
- Date
- 1928-01-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. T7 - m mm war Seite fS SCHOLEM ALEJ G HE M: MENACHEM MENDEL. (Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz.) Copyright 1921 by R. Löwlt, Wien und Leipzig. Gretes ißueh: LONDON (3)u &8rse in Öde ta). 1. Brief., Menachem Mendel aus Odessa an seine Frau Scheine- Scheindel in Kasriliwke. Der teueren, edilen, tugendhaften und klugen Ehefrau Scheine-Sclieindel meinen Gruß! Zum ersten sei Dir kundgetan, daß ich — Danfc Seinem lieben Namen! gesund bin und mein Leben das des Friedens; der Herr, gelobt sei er, möge helfen, daß eines vom anderen mir Gutes höre in guter Botschaft zu Trost und Heil — Amen. Zum zweiten wisse: Ich bin nicht imstande, Dir die Stadt Odessa zu beschreiben, so groß und schön ist sie; auch nicht die Menschen liier, ihren vornehmen, edlen Oharakter, schon gar nicht die goldenen Geschäfte, die man hier machen kann. Stell' Dir nur vor: sowie ich mit meinem Stecken auf die Grecka gehe — das ist in Odessa die Gasse, wo die Juden Geschäfte machen —, da habe ich schon zwanzigtausend Geschäfte: will ich Weizen, — zu haben; Kleie, — zu haben; Wolle, — zu haben; Mehl, Salz, Federn, Rosinen, Säcke, Heringe, — alles, was der Mund so ausspricht, ist zu haben in diesem Odessa. Ich habe auch von allem Anfang zu zwei, drei guten Geschäftchen gerochen; doch sie haben mir alle n.icht recht gepaßt und das Herz war nicht dabei. So habe ich mich so lange in der Grecka herumgetrieben, bis ich das Richtige gefunden habe; ich handle nämlich mit „London" und verdiene dabei gar nicht schlecht. Dabei ist einmal ein Fünfundzwanziger zu verdienen, einmal ein Fünfziger, und wenn es gut geht, auch ein Hunderter. Kurz, dieses , „London". ist eine Ware, bei der man sein Glück machen kann, in einem Tag. Da ist Dir vor kurzem; einer hergekommen, ein ganz gewöhnlicher Schameß, und hat .— es hat .nicht so lang gedauert wie ein ...,Sch':rna Jisroel" — seine Dreißigtausend verdient; jetzt pfeift er natürlich auf alles. Ich sage Dir, mein .teürfcs Weib, das Gold liegt hier nur so auf der Straße! Ich habe es, Gott sei Dank, nicht zu bereuen, daß ich hieher nach Odessa gefahren'bin. Du fragst natürlich, wie ich nach Odessa komme, wenn ich '['tiketi-Kischinew 'gefahren bin? Offenbar ist es inir yon Gott beschieden, ein paar fette Tausender zu verdienen! Nun sollst Du hören, wie Seine Hand die Menschen führt: Wie ich nach Kischinew. zum Vetter Menasche gekommen bin — die Mitgift zu beheben, da fragt er mich zu allererst, wozu ich die Mitgift brauche. Ich sage: wahrscheinlich brauche ich sie; wenn ich sie nicht-'brauchte, wäre ich nicht gekommen. Er sagt, daß er jetzt kein Bargeld hat. Er kann mir, sagt er,, eine Abweisung auf Brodzki in Jehupez geben. Gut, sage ich, meinetwegen Jehupez, nur das Geld! Er sagt: er weiß nicht ganz sicher, ob das Geld jetzt in Jehupez ist. Er kann mir, sagt er, eine Anweisung auf Bachrach in Warschau geben. Gut, sage ich, meinetwegen Warschau, nur das Geld! Sagt er: Wozu sollst «Du nach Warschau? Warschau ist weit. Wenn ich wiM, sagt er, kann er mir eine Anweisung auf Barschak in Odessa geben. Gut, sage ich, meinetwegen Odessa, nur das Geld! Sagt' er noch einmal: Wozu brauchst Du das Geld? Sage ich: wahrscheinlich brauche ich es; wenn ich es nicht brauchte, wäre ich nicht gekommen. Kurz und gut, er hat sich gedreht und gewendet, doch das hat ihm soviel geholfen wie einem Toten Blutegel; wenn ich sage: Geld, darni heißt das: Geld! Also nimmt er zwei Wechsel zu fünfhundert Rubel, alles in allem auf fünf Monate Sicht, auf dreihundert Rubel gibt er mir eine Anweisung .auf .Barschak in Odessa und das übrige 'gibt er. mir in barem; es wird mir, sagt er, für die Reise zugute kommen. Da ich jedoch jetzt keine Zeit haibe, fasse ich mich kurz, ßo Gott will, werde ich $ir im nächsten Briefe'ausführlich alles berichten. Bleib* gesund und grüß' Schwiegervater und Schwiegermutter und die Kinder, sie sollen leben, jedes extra seihr herzlich * , Von Deinem Gemahl Menachem Mendel. RiO'h'tig: das Wichtigste! Wie »ich mit der Anweisung zu Barsohaik gekommen bin, sagen sie mir dort, daß die Anweisung gar keine Anweisung ist, Die kann ich mir hinter den Spiegel stecken! Erst muß» <sa«en sie, der Waggon, Weizen vom Vetter Menasche ankommen, dann muß der Weizen erst verkauft werden und dann, sagen sie, bekomme ich das Geld. Einfach und kurz! Ich habe sofort nach Kischinew- „erpreß" geschrieben und habe dem Vetter geschrieben, wenn er nicht augenblicklich den Weizen schickt, dann werde ich ihm telegraphieren. Kur« und" gut — er schreibt her, ich hin ich war in großen Sorgen un,d erst gestern ist aus Kischinew ein barer Hunderter und ein Wechsel auf dreihundert Ritte! gekommen. . y?rsteh,ts . Du jetzt, warum ich ..Dir die ganze Zeit nicht geschrieben habe? Ich war überzeugt: die dreihundert Rubel sind beim Teufel. Da sieht man, daß der Mensch nicht gleich an das Schlimmste denken soll. Es gibt einen Gott, der lenkt. Ich habe das ganze bißchen Bargeld in „London" hineingesteckt un;d eine ganze Menge von „Hausse" und „Baisse" eingekauft und — Dank Gott, gelobt sei er — der Gewinn ist, wie. sie mir hier sagen, schon da." ' - •'• •'• Der Obige. 2. Brief. Scheine-Scheindel aus kasriliwke an ihren Gatten Menachem Mendel in Odessa. Dem hochgeehrten, edlen und mächtigen Herrn, dem weisen Kenner der Thora, dem hochgelehrten, Reb Menachem Mendel ehrfürchtigen Gruß! Erstens vermelde ich Dir, daß wir alle, Gott sei Dank, beim besteh Wohlsein sind; gebe Gott uns, das Gleiche von Dir zu hören fürderliin und nichts Schlimmeres. Zweitens teile ich Dir mit, daß sich bei mir wieder die alten Krämpfe melden; Deinen Vetter Menasche mögen sie befallen, der Dir mit den fünfzehnhundert Fetzen Mitgift tsolche Sachen aufgeführt hat. Glück soll er dafür haben Jahr mm Jahr! Wie sagt doch meine Mutterlieben soll sie: „Die Katze als Bote für Purimgeschenke!" Ich täte Wechsel bei ihm nehmen! Einen Schmarrn täte ich bei ihm nehmen! Und auf fünf Monate! Fieber soll er solange, haben! Höre — Gott gebe, daß ich eine Lüge sage: ich fürchte, Du wirst den' Rest des Geldes so sehen, wie Du Deine Ohren siehst, die Du bis dorthin nach Das graue Haar des Papstes borstete sich, die Falten des; Gesichtes" begännen zu zucken, sich zu senken und zusammenzuziehen, wie die Schuppein einer Schlange.' Üer •;Papst;w1ari<'ebenso Abergläubisch, wie sein Volk und'säii dä's Bild ganz deutlich vorsich. „Warum' solltet es-ifür ^;ste unmöglich, sein!", dachte er. „Stehlen sich die Juden denn nicht inj unsere Kirchen hinein;und 'nehmen von den Altären" das heilige Brot — den Leib'Jesu Christi, den Wein : — sein Blut, und bringen es in ihre Synagogen, v/o sie das Brot, das •'•heilige •Berz'-'Ghris'ti 'durchbohren! und es so lange stechen, bi§ sie daraus.; den letzten: Blutstropfen ziehen und'dieses in ihre Mazzoth hineinbacken; dann, am Osteraberid,, essen sie mit ihren Kindern das Herz unseres Heilands und berauschen; sich an dem Blute unseres armen, Jesus Christus." Ein großes Mitleid mit dem armen Gott, den man so mißhandelte, erfaßte den Papst. Er trat auf das Kruzifix zu und nahm es wieder in seine Hand. Er wollte vor ihm niederknien, brachte es aber nicht;, fertig ... Er wollte zu ihm. beten, konnte es aber nicht . . ., das einzige, was er Gott gegenüber fühlte, war grenzenloses Mitleid, Mitleid mit dem, der schon so viel gelitten hatte, den man schon gekreuzigt, dem man Nägel in die* Finger geschlagen, dessen Blut die Juden für ihr Osterfest aus seinem Herzen zogen... Er tröstete den Gott, er führ mit seiner schweren Hand liebkosend über dessen gemarterten Körper, beruhigte ihn, wie man ein gezüchtigtes Kind beruhigt und redete ihm freundlich, mit weinerlicher Stimme und mitleidig zu: „Wir werden schon Rache, für dich nehmen, für' alle deine Qualen, mit flammendem Schwert werden wir Rache nehmen!" Aber zu ihnen beten konnte er nicht...- , Er fühlte sich jetzt mächtiger als sein Gott — er konnte seinen Gott rächen. Es war ihm, als sei er, Paul IV., ein Gott, er, der Papst aller Gläubigen, er, der Stellvertreter Christi! In seiner Hand lag ja die Macht über die ganze Welt. Er allein konnte die Feinde Gottes strafen. Den aber, der dort vor ihm auf dem Tische stand, empfand er nur. wie. ein mißhandeltes Kind, das die Juden gefangenhielten und quälten. Und er, Paul IV., der Gott, wollte Rache dafür nehmen. Er hatte das Gefühl, vor sich selbst knien, zu sich selbst beten, sich selbst preisen zu müssen, denn er hatte keinen anderen Gott mehr. Der Papst zog die Glocke und. ließ den Kardinal Michel GhisUeri, den Großinquisitor des Heir ligen Vaters, rufen. Als der 'Kardinal in seinem roten Hut und scharlachroten Mantel eintrat, fragte der Papst: „Haben die Leute gestanden?" Der Inquisitor schwieg eine Minute, dann sagte er: . „Bis jetzt noch, nicht." . „Was hast du denn mit ihnen getun?" „Die Greise hielt ich dreimal unters Rad. Aber Odessa geschleppt hast. Dein Glück, daß die Mutter nichts von den Wechsein weiß, son.st gäbe es finstere Zeiten! Daß Du, lieber Mendel, wie Du schreifeat. Gott sei Dank, gut verdienst, kommt uns allen «hr gelegen. Nur zu allen Teufeln meine Feinde, wenn Du schon schreibst, schreib' wie ein Mensch schreibt! Warum schreibst Du nicht genau, was das für eine Wäre ist, mit der Du handelst? Wieviel kostet die Eile davon? Oder wird das nach Gewicht verkauft? Auf Ehre und Gewissen, ich weiß nicht, was das ist und womit man das ißt! Und dann — ich verstehe nicht — Du sagst, daß Du soeben eingekauft hast — und schon hast Du Gewinn daran? Was ist das für eine Wäre, aus der so mir nichts, dir nichts, Gewinn wächst? „Pilze", sagt die Mutter, „brauchen auch Regen!'* Und wenn Gewinn da ist, warum verkaufst Du nicht? Worauf wartest Du? Auf eine Hungersnot? Und warum schreibst Du mir nicht, wo Du wohnst und wie Du issest, als wäre ich eine Fremde? Bin ich denn nicht 'Deine Frau, bis hundertzJwanzig Jahre, sondern etwa so eine Geliebte — Gott bewahre!? Wie sagt die Mutter, sie soll leben: „Wenn eine Kuh auf die Weide geht, vergißt sie den Stall!" Wenn Du mir folgtest, würdest Du so schnell wie möglich Deine Geschäfte abwickeln und lieber mit dem bißchen Bargeld nach Hause kommen. Du wirst hier schönere Geschäfte finden als dort mit dem — von Schlechtem möge Ich so wissen, wie ich weiß, wie das heißt! Sei gesund, wie Dir von gan,zem Herzen wünscht Deine wahrhaf t treue Frau Scheine-Scheindel.' (Fortsetzung folgt.) die Aerzte sagen mir, man dürfe es nicht zum vierten Male tun, sie würden es nicht überstehen." „Hüte ihr Leben", sagte der Papst. „Die Kirche tötet nicht insgeheim in den Foltergewölben. Eföe Kirche tötet öffentlich. Und was hast du mit den jungen;. Leuten gemacht?"- fragte;,'er Reiter. .;!; „Zwei habe ich . unter den. Wasserfall gestellt. Der, eine! ist wahnsinnig, geworden.: Der zweite wird weiter gefoltert." „Hat niemand von ihnen gestanden?" „Bis jetzt niemand." „Und niemand hat sich bereit erklärt, '.zu unsenn Glauben überzutreten?" " * . „Sie sind "sehr hartnäckig." „Wir müssen aber jemand von ihnen. für UPS gewinnen — die Kirche muß ihren Sieg haben. Und was habt ihr mit i h r gemacht?" „Wie du befohlen hast, Herliger Vater. ■> Wir wagen nicht, sie anzurühren. Sie jagt den Leuten noch Furcht ein durch ihre Aehnlichkeit mit der heiligen Mutter, und die Mönche haben Angst, sich ihr zu nähern." „Beobachtet man sie?" „Sie sitzt, heben ihrem blinden Großvater, und die beiden haben die ganze Nacht Psalmen in ihrer verdammten Sprache gesungen." „Hat man versucht, den Alten von ihr zu trennen?" „Wir haben es versucht, aber als die Mönche mit Masken vor; den Gesichtern in ihre Zelle drangen und den blinden Greis abfuhren wollten, stellte sie sich vor ihn hin iincl blickte die Mönche mit ihren Augen an. Da erkannten die Mönche in ihr das Gesicht der heiligen "Mutter, fielen vor ihr auf d,ie Knie und bekreuzten sich'-"' ' „Hat keiner der Mönche den Mut gehabt, den Befehl der Kirche auszuführen?" „Das Volk hjilt sie für die heilige Mutter, und glaubt, daß;die Juden sie durch ihre Zaubrbücher beschworen haben, bei ihnen im Ghetto zu wohnen, um sie vor uns zu retten." . Der Papst schwieg eine Weile, dann blickte er den Großinquisitor an und sagte: „Und du selbst glaubst wohl auch, sie sei die heilige Mutter?44 Der Kardinal sphwieg, .Warum antwortest du nicht?" „Ihr Gesicht ist dem Gesichte unserer lieben Frau, der gebenedeiten Mutter des .Heilandes, sehr ähnlich." . . . „Und die Juden haben sie gefangen?" ,,Die Juden wissen sie mit ihren., neidischen Büchern zu beschwören, ebenso wie sie durch ein Geheimmittel den Kardinal Madruzzi beschworen haben, entgegen deinem Verbote für sie ihre Bücher zu drucken." „Druckt denn Kardinal Madruzzi jüdische Bücher?" (Fortsetzung folgt) DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN (i7> ' Von Schalom Asch SS«